Pro:
Idee, Beschreibung einer extremen Ausnahmesituation
Kontra:
völlig unrealistische Darstellung der Spurensicherung
Empfehlung:
Ja
Nicci French In seiner Hand
Goldmannverlag 8,95 Euro 413 Seiten
** Vorwort **
Dass sich hinter Nicci French eigentlich ein Autorenpaar verbirgt, dürfte inzwischen hinreichlich bekannt sein. Allerdings schätze ich den Anteil der weiblich fraulichen Ausführungen erheblich höher ein als den der eher männlich bestimmten Denk- und Handlungsweisen.
Insofern ist die Kombination aus Nicci Gerrard und Sean French Nicci French zu bilden, also eine weibliche Autorin vorzugeben, sicherlich berechtigt. Die Zusammenarbeit des Paares funktioniert erstaunlich gut. Leider kommen in den kriminalistisch orientierten Psychothrillern die Technik heutiger Spurensicherung und Auswertung einfach nicht genügend zur Geltung oder anders ausgedrückt, in diesem Bereich wirkt die Geschichte auf mich alles andere als glaubwürdig.
Doch dazu mehr mit konkreten Beispielen in der Bewertung des Romans.
Meine Taschenbuchausgabe des Goldmann-Verlags aus dem Jahre 2005 hatte ich in zwei Tagen während eines Wochenendurlaubes in Salzburg (Zugfahrten) durch. An Spannung mangelt es den Thriller also gewiss nicht.
** Inhaltsanriss **
Eine entführte junge Frau erwacht im gefesselten Zustand in völliger Dunkelheit. Verzweifelt versucht sie sich Klarheit über ihre Lage zu verschaffen, doch nur elementare Empfindungen nimmt sie wahr: Schmerz, Enge, Dunkelheit, Feuchtigkeit, Gerüche.
Sie weiß nicht, wo und wer sie ist. Angst beherrscht ihr Denken und Fühlen. Gleichzeitig aber verspürt sie einen starken Lebenswillen und zwingt sich trotz Ekelempfindungen die wichtigsten Überlebenstechniken wie Ein- und Ausatmen trotz eines schmierigen Knebels zu vollziehen.
Ihre Gedankengänge, Hoffnungen, Ernüchterungen, Wut und wieder Ängste werden über mehrere Seiten beeindruckend beschrieben. Schließlich taucht der Entführer auf, mit dem eine Art Machtspiel beginnt. Er versucht sie zu demütigen, sie auf eine Art unterstes Menschsein zu reduzieren. Sie passt sich teilweise an und setzt alle Tricks ein, um ihn zu überlisten und sich zu befreien. Doch er scheint ihr immer einen Schritt voraus zu sein.
Sie erfährt, dass sie nicht sein erstes, einziges Opfer ist und weiß, dass am Ende eines verlorenen Machtspiels ihr Tod wartet.
Leseprobe Seite 40
<< „Jede ist anders. Kelly beispielsweise. Nehmen wir Kelly.“ Er rollte den Namen in seinem Mund herum, als wäre es ein Karamellbonbon. „Sie hat nur geheult, die ganze Zeit geflennt. Es war von mir gar nichts geplant, sie flennte bloß dauernd. Da war es eine gottverdammte Erleichterung, ihr einfach das Maul zu stopfen.“
„Nicht weinen, Abbie. Du darfst ihm nicht auf die Nerven gehen. Du darfst ihn nicht langweilen.“>>
Ohne jetzt zu viel zu verraten, denn der Hauptteil des Romans hat einen anderen Schwerpunkt, es gelingt ihr unter hohem Risiko und mit viel Glück die Flucht aus den Fängen ihres psychopathischen Peinigers.
Nach Versorgung im Krankenhaus, den unterschiedlichsten Untersuchungen kristallisiert sich heraus, dass man ihr die Entführung nicht glaubt. Nur der Neurologe im Ärzteteam ist von der Wahrheit der unter Gedächtnisschwund leidenden Patientin überzeugt.
Abbie Devereaux muss nicht nur den Weg zurück zu ihrer Identität und ihrem früheren Leben mehr oder weniger alleine finden, sondern um mit ihrem Trauma fertig zu werden, ihren Entführer ermitteln, stellen, um so ihr ursprüngliches Ich zurück zu gewinnen, ihre Würde zurück zu erlangen.
Der Weg zur Erkenntnis ihres Ichs verläuft mit einigen Überraschungen und nicht immer mit Sympathie für ihre Vergangenheit. Ob sie es schafft und wie sie dann ihr Leben weiterführen kann oder nicht, nun das sollt ihr als Leser selbst herausfinden.
** Wertung **
Das erste Fünftel des Romans, die Beschreibung der Ausnahmesituation, halte ich für ganz hervorragend. Doch selbst die „actionlose“ Genesungs- und Untersuchungszeit im Krankenhaus, die holprige und mühselige Ichbesinnung gefallen mir in der Darstellung.
Womit ich persönlich mal wieder überhaupt nicht klar komme, ist die geschilderte Spurensicherung, die Spurenauswertung und die weitere Ermittlungsarbeit der Polizei, die ja von einem Serienmörder ausgehen muss.
Bei Verletzungen wie Blutergüssen, Hautabschürfungen usw. lässt sich sehr wohl feststellen, ob sie 6 Monate und älter oder erst in den letzten 2 Wochen entstanden sind. Einseitige Nahrungsaufnahme über 2 Wochen mit Entkräftungserscheinungen sind sehr wohl von selbst durchgeführten Diäten zu unterscheiden, insbesondere wenn zuvor nie Diäten oder Abmagerungsversuche seitens der Probandin durchgeführt worden sind.
Jemand, der im Stroh gelegen hat, der nicht oder nur unzureichend gereingt worden ist, nimmt jede Menge Spuren seiner Umgebung auf, insbesondere wenn es sich um eine Art Stall handelt, in dem er gelegen hat. Ich will mich nicht in seitenweiser Aufzählung sämtlicher übersehener oder falsch interpretierter Spuren verlieren, doch dieser Teil ist heutzutage bei einer Ermittlung zu Kapitalverbrechen völlig absurd.
Eine gründliche gerichtsmedizinische Untersuchung hätte umgehend die Stimmigkeit oder Unstimmigkeit mit den Ausführungen des Opfers ergeben.
Na ja, da ist es auch nicht mehr verwunderlich, dass unser Opfer ihr in Tatortnähe abgestellte Auto findet, nicht aber die Polizei. Und natürlich entdeckt dann auch unser Opfer im Auto einen besonders wichtigen Hinweis auf den Täter.
Wer 8! Vornamen von wirklich Vermissten einer Personengruppe (weiblich, bestimmte Altersgruppe, bestimmter Wohnbereich) in die Datenbank eingibt, erhält in Sekundenschnelle eine Liste möglicher Personen mit entsprechender Übereinstimmung. Die fehlenden Nachnamen spielen bei der Summe der Profilmerkmale kaum eine Rolle.
Kurzum, um nicht alle Punkte aufzuführen, dass unter den beschriebenen Gegebenheiten die Polizei nicht selbst den Täter ermittelt, ist äußerst fragwürdig. Alles, was die Heldin innerhalb von vielen Tagen herausfindet, müsste die Polizei innerhalb von 24 bis 48 Stunden rein durch Routinetätigkeiten ermitteln können.
Nun ja, andererseits mussten die Polizei unsagbar dumm, die Gerichtsärzte unsagbar ignorant dargestellt werden, denn ansonsten hätte die Heldin nicht in ihr Finale gelangen können. Bestenfalls hätte man sie noch als Zeugin benötigt, doch Nicci French brauchte ja einen dramatischen und spannenden Abschluss. Dieses Finale selbst wird konsequent und schön dramatisch brutal ausgeführt.
Fazit: Idee, psychische Darstellung, Personen, Charaktere, Spannungsbögen, Erotik, dies alles ist wie von den anderen Nicci French Romanen gewohnt, sehr gut, leider jedoch auf Kosten der Glaubwürdigkeit im mittleren Teil bei der Beschreibung polizeilicher Ermittlungsarbeit.
Vor 20 Jahren wäre einiges davon noch möglich gewesen, doch für die heutige Zeit hätte sie sich ein Fantasieland oder ein spezielles Entwicklungsland aussuchen müssen.
Von mir erhält der Roman daher insgesamt nur 3 Sterne und eine Empfehlung für die Leser, welche zugunsten einer Idee auf Realismus in Gegenwartsromanen keinen besonderen Wert legen. Schade, aber manche Konstruktionen sollte man halt in die Vergangenheit legen. weiterlesen schließen
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