Pro:
sehr spannend, vertraute Hauptfiguren, überraschende Wendungen der Geschichte
Kontra:
nichts
Empfehlung:
Ja
Elizabeth George zum Vierten. Vierten? Stimmt, der Zuschlag ist ja immer zum dritten, bei Auktionen. Ersteigert habe ich jetzt auch, diesmal den Elizabeth George Roman Auf Ehre und Gewissen. Wieder einmal ein spannender Krimi mit Inspector Lynley und Barbara Havers. Für alle, die die beiden noch nicht kennen, stelle ich sie jetzt vor:
DIE AUTORIN:
Elizabeth George ist eine Amerikanerin mit einer Vorliebe für britische Schauplätze und Krimis. Sie lebt in Kalifornien, lässt ihre Mörder aber in England ihr Unwesen treiben. Allerdings dürfen die in der Gegenwart ihr Unwesen treiben. Doch weniger als rohe Gewalt spielt bei ihr auch das psychische Moment eine wichtige Rolle. Auf diese Weise sind George einige Bestseller gelungen, unter anderem Gott schütze dieses Haus oder Denn sie betrügt man nicht.
DIE FIGUREN:
Die Grundkonstellation hört sich auf den ersten Blick an wie aus einem Klatschroman: Der Gutaussehende Adlige und das Mädchen aus einfachen Verhältnissen. Doch was sich nach einer Romanze im Stil von Rosamunde Pilcher anhört, ist bei Elizabeth George ganz anders gelagert.
INSPECTOR THOMAS LYNLEY:
Er hat zwar als stilvoller und gutaussehender Adelsmann einiges von einem typischen Helden. Doch der charmante und intelligente Inspector wird bei George dennoch nicht zum Herzensbrecher. Seine Herkunft spielt nur ein kleines Stück weit eine Rolle, in diesem Fall vielleicht einen winzigen Hauch mehr als sonst. Er ist vor allem ein Ermittler mit Durchblick. Mir wirkt er trotzdem ein klein wenig zu glatt. Um dieses Hochglanzimage ein wenig anzukratzen, hat Lynley nicht nur Glück bei den Frauen, sondern ist im Ungewissen, ob er die Frau, die er liebt, je für sich gewinnen wird.
SEARGEANT BARBARA HAVERS:
Während Thomas Lynley schon in gewisser Weise die Erwartungen an einen Helden erfüllt, tut Barbara Havers das zunächst einmal optisch nicht. Elizabeth George beschreibt den Seargeant als recht unattraktiv. Zum Ausgleich kann Havers allerdings ihre guten Kombinationsfähigkeiten in die Waagschale werfen. Und so zeigt sich einmal mehr, dass sie mit Lynley ein gutes Gespann abgibt, zumindest im Beruf.
Gerade weil Barbara Havers keine überzeichnete Schönheit ist, wirkt sie greifbar und sympathisch.
EIN TEIL DES GANZEN:
Derrick oder Der Alte. Ich muss zugeben, dass ich diese überaus erfolgreichen deutschen Krimi-Reihen nie besonders mochte. Doch so eine Geschichte, die sich immer weiter entwickelt, hat auch ihre entscheidenden Vorteile: Man muss sich nicht erst mit den Figuren vertraut machen. Und so ist es auch immer wieder interessant, die Geschichte von Lynley und Havers weiter zu verfolgen. Während vor allem sie anfangs von der Zusammenarbeit wenig begeistert war, weil sie Thomas Lynley aufgrund seiner Herkunft für einen eingebildeten Typen hielt, hat sich der Draht zwischen den beiden mit der Zeit verbessert. Denn der Inspector hat Havers als eine clevere Kollegin kennen gelernt, auf deren Mitarbeit und Schlußfolgerungen er bauen kann.
DIE HANDLUNG:
Lynley wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Während der Inspector in seinem Büro sitzt und hinter Lady Helen, der Frau, die er liebt, die aber in der Ferne ist, her sinnt, kommt ein ehemaliger Schulfreund. Mit John Corntrel war der jetzige Inspector auf einer Elitschule. Auf einer ähnlichen ist Corntrel jetzt als Lehrer tätig. Und dort wird einer seiner Schüler vermisst, Matthew Whateley.
Deborah, eine Frau, in die Lynley früher verliebt war, die aber seinen Freund St. James geheiratet hat, findet eine nackte Kinderleiche auf einem Friedhof. Es ist Matthew.
Der Inspector und Seargeant Havers müssen nun die Hintergründe der Tat aufklären. Sie stoßen auf einen Direktor, der mauert, um selbst nicht in Verruf zu geraten, einen scheinbar strahlenden Schülersprecher, verängstigte Mitschüler von Matthew und manches mehr.
DER REIZ DER GESCHICHTE:
Eine Stärke von Elizabeth George sind psychologische Hintergründe und Verstrickungen. Die spielt sie auch in Auf Ehre und Gewissen wieder aus. Denn auch wenn man sich als Leser vielleicht schon auf den ersten Blick eine Meinung bildet, wer als möglicher Täter in Frage kommt, so hat George ein breites Beziehungsgeflecht parat. Einige Erklärungsmöglichkeiten führen die Ermittler und die, die ihre Arbeit im Roman mit verfolgen, in die Irre. Andere scheinen zu nächst nicht weiter interessant, werden dann aber doch wichtig.
Gleichzeitig erhalten die Figuren durch diese Verstrickungen eine große Komplexität. Das, was mit ihnen passiert, ist zwar nicht alltäglich, aber zugleich auch nicht völlig unrealistisch, sondern denkbar. Es gibt die beschriebenen Konstellationen in Schulen, in denen bestimmte (falsch verstandene) Ehrbegriffe bestehen, in denen es Mutproben gibt, in denen möglicherweise Lehrer und Direktoren Dinge verschweigen, um den Ruf der Schule nicht zu beschädigen. Diese Glaubhaftigkeit ist auch in diesem Roman vorhanden und sorgt dafür, dass man weiter lesen und erfahren will, zu welchem Ergebnis diese Entwicklungen führen.
DIE NEBENHANDLUNG:
Der Handlungsstrang des privaten Thomas Lynley ist in Auf Ehre und Gewissen relativ kurz geraten. Am Anfang hat man zwar den Eindruck, dass er und seine (unerwiderte) Liebe zu Helen wieder einen Teil der Geschichte einnimmt. Letztendlich kommt dieser Part aber recht kurz. In Bezug auf Lynley ist da eher das Wiedersehen mit seinem früheren Schulfreund Corntrel eine Rückkehr in die Vergangenheit des jetzigen Inspectors. Doch auch das geschieht nur an Rand.
Wer das eine oder andere Buch von Elizabeth George kennt, weiß wahrscheinlich: In Bezug auf Barbara sind ihre Herkunft und da vor allem ihre Eltern entscheidend. Ein immer wieder kehrendes Motiv ist hier ihr Problem, eine gute Betreuung für ihre Mutter und den Vater zu finden. Gut an diesem Handlungsstrang ist, dass er Seargeant Havers eine gewisse Normalität und Erdung verleiht: Auch sie ist ein Mensch mit privaten Sorgen. Andererseits ist aus meiner Sicht das Wiedersehen mit ihrer Mutter, das immer recht ähnlich zu verlaufen scheint, auch ein Stück weit ermüdend.
SPANNUNG:
Von den vier Elizabeth-George-Romanen, die ich bisher gelesen habe (Gott schütze dieses Haus, Denn bitter ist der Tod, Denn sie betrügt man nicht und Auf Ehre und Gewissen), ist dieser (mit) der spannendste. Die Handlung ist in ihrer Komplexität glaubhaft und entwickelt einen Sog.
ZIELGRUPPE:
Hier schwanke ich zwischen Jedermann und Frauen. Denn Lynley ist schon ein Frauentyp, Havers dagegen wohl nicht unbedingt die Art von Frau, die bei Männern gut ankommt. Andererseits sind die Verwicklungen sicher auch für Männer interessant, die eine geschickt verwobene Handlung schätzen. Und der Hintergrund einer Eliteschule könnte diesen Band auch für Jugendliche reizvoll machen.
ANGABEN ZUM BUCH
Bei den anderen George-Büchern, die ich bisher gelesen habe, haben mich immer die komischen deutschen Titel gestört. Denn sie kann man sich nur recht schwer merken. Dazu kam dann noch, dass sie nicht unbedingt zum Inhalt des Buches passten. Das ist in diesem Fall etwas anders. Denn AUF EHRE UND GEWISSEN kann auf verschiedenste Figuren dieser Geschichte zutreffen. Dennoch lautet das Original anders:
Well Schooled in Murder ist erstmals 1990 bei Bantham Books in New York veröffentlicht worden. Im selben Jahr erschien die deutsche Erstausgabe bei Blanvalet in München, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Bertelsmann. Die Übersetzung stammt auch in diesem Fall von Mechthild Sandberg-Ciletti. ISBN:3-7645-5756-7.
PREIS:
Auch in diesem Fall war es für mich wieder ein Ebay-Kauf. Ich habe 1 Euro plus Porto gezahlt. Der Verkäufer war zwar nett und zuverlässig, das Buch allerdings schon etwas abgestoßen.
Wer ist neu haben will, zahlt derzeit bei Amazon.de für das Taschenbuch 9 Euro.
FAZIT:
Egal ob man bisher schon andere Elizabeth George Romane gelesen hat oder die Geschichten von Lynley und Havers noch nicht kennt: Dieser Roman ist spannungsgeladen und daher fesselnd. Elizabeth George ist es gelungen, eine Geschichte aufs Papier zu bringen, die zwar nicht alltäglich, aber dennoch glaubwürdig wirkt und immer wieder überrascht. Aus meiner Sicht hat man mit Auf Ehre und Gewissen eine lohnende Lektüre, daher gibt es von mir die Bestwertung und eine Empfehlung. weiterlesen schließen
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