Pro:
unglaublich spannend, nachvollziehbare Figuren, gäbe guten Filmstoff ab
Kontra:
düster und grausam, nichts für schwache Nerven
Empfehlung:
Ja
Als ich letztens mal behauptete, Frauen seien die grausamsten Autorinnen, wenn es um Thriller geht, wusste ich nicht, daß es sich kurz danach bei einem Roman wieder einmal bestätigen würde. Erneut eine Empfehlung von meiner Schwester, die scheinbar ein Faible für Nervenkitzel hat.
** Die Geschichte **
Der Bostoner Cop Thomas Moore wird auf dem Weg in den langersehnten Urlaub plötzlich zurückgerufen. Seine beiden Kollegen Jane Rizzoli und Barry Frost haben eine Leiche gefunden, die er sich besser ansehen sollte. Was Moore da auf dem Tisch des Coroners zu sehen bekommt, läßt selbst den abgebrühtesten Polizisten bleich werden: die junge Frau wurde grausam ermordet, mit einem Schnitt durch die Kehle. Aber das war mitleidig mit den Qualen, die sie vorher erdulden mußte. Der Täter hat Elena Ortiz nämlich bei lebendigem Leib die Gebärmutter herausgeschnitten. Und zwar chirurgisch präzise.
Leider ist das schon die zweite Frau, die auf diese Weise sterben mußte. Auch die junge Reisebüroangestellte Diana Sterling hatte man so grausam zugerichtet, doch der Täter wurde nie gefunden. Deshalb werden die beiden Fälle zusammengelegt.
Was wiederum Jane Rizzoli überhaupt nicht gefällt, denn die hat ein prinzipielles Problem mit den Männern im Kompetenzgerangel der Bostoner Polizei.
Rizzoli ist eine schwierige Polizistin, die ständig unter dem Druck steht, es ihren männlichen Kollegen beweisen zu müssen. Dabei hat sie aber auch mit sexuellen Anspielungen und Bösartigkeiten zu kämpfen. So bleibt ihr nur, härter zu arbeiten als alle anderen und möglichst unsichtbar zu bleiben. So macht sie sich bewußt unattraktiv und ist ständig griesgrämig.
Nur mit Thomas Moore kommt sie nach anfänglicher Revierhackerei zurecht, weil er ihr zuhört und ihre Meinung und Leistung achtet.
Am Tatort von Jane Ortiz wird ein Haar gefunden, das vom Täter stammen könnte und eine Besonderheit aufweist - es ist ein sogenanntes Bambushaar, eine spezielle genetische Erkrankung.
Und es gibt noch eine vielversprechende Entwicklung: In der Verbrechensdatenbank VICAP gibt es Übereinstimmungen mit Fällen in Georgia, nämlich einem Fall in Atlanta und sogar drei in Savannah. Doch irgendwas ist seltsam, denn der Täter wurde damals von dem letzten Opfer getötet, einer jungen Frau, die den Angriff überlebte.
Aber wie kann es dann jetzt gleiche Taten hier in Boston geben?
Der Schlüssel zur Antwort ist vielleicht Catherine Cordell, letztes Opfers des „Chirurgen“ und seine Mörderin. Und das Unglaublichste: Cordell arbeitet jetzt selbst als Chirurgin hier in Boston am Pilgrim Medical Center.
Also suchen Moore und Rizzoli die attraktive und erfolgreiche Ärztin auf. Doch die will - verständlicherweise - nicht über die damaligen Ereignisse sprechen, bei denen sie von Frank Capra, einem jungen Assistenzarzt, fruchtbar zugerichtet und nicht nur körperlich verletzt wurde. Sie sieht keinen Zusammenhang zwischen den Fällen von damals und heute, trotz der vielen äußerlichen Übereinstimmungen, die nie veröffentlicht wurden.
Erst Rizzoli bemerkt ein winziges Detail, das man bisher übersehen hat: Der Chirurg nimmt von seinem Opfer immer ein Souvenir mit, um es beim nächsten Opfer zu hinterlassen.
Nun fällt auch Catherine Cordell etwas auf: sie kannte die letzte Tote aus einem Chatroom im Internet, in dem sich Vergewaltigungsopfer treffen. Elena Ortiz wurde nämlich vor wenigen Monaten vergewaltigt, erstattete aber nach ihrer Behandlung im Krankenhaus keine Anzeige. Kam der Vergewaltiger dann später wieder, um sein Opfer endgültig zu besiegen?
Kurze Zeit später bekommt die Ärztin eine Email vom Täter mit dem Bild des nächsten Opfers, das sich bereits in seiner Gewalt befindet. Durch technische Kleinarbeit gelingt es den Detektives jedoch, die Adresse des Mädchens zu ermitteln und es in letzter Sekunde zu retten. Auch Nina Peyton wurde vor zwei Monaten vergewaltigt - also scheint es einen eindeutigen Zusammenhang zu geben. Doch wo sucht sich der Mörder seine Opfer?
Auf der Haut von Nina Peyton ist etwas geschrieben: ein Geburtstagsgruß für Catherine Cordell. Es scheint, als ob die drei Morde nur eine Aufwärmung waren und das eigentliche Ziel, das Finale, die Ärztin Cordell sein soll.
** Buchkritik **
Mo Hayder sagt über dieses Buch „Die Chirurgin raubte mir den Atem!“ Das immerhin ist doch schon eine Empfehlung, denn Frau Hayder weiß, wovon sie spricht. Schließlich hat sie mit „Der Vogelman“ ebenfalls einen furchterregenden Thriller geschrieben, der an die Nerven geht.
Kennzeichnend für einen guten Roman ist ein guter Handlungsaufbau. Der in diesem Thriller ist ziemlich raffiniert. Die straff geführte Handlung wird immer wieder unterbrochen mit Einblendungen, die dem Täter selbst Raum läßt für Gedanken über seine Opfer sowie Reflexionen über die Methoden der Opferung von Frauen in verschiedenen historischen und ethnischen Epochen der Menschheit. Ob uns das vielleicht sagen soll, daß das, was dieser Mann da tut, vollkommen normal ist, da die Menschheit schon immer Frauen abschlachtete?
Oder wollte uns die Autorin ihre Geschichtskenntnisse offenbaren?
Auch der Spannungsbogen hat es in sich. Schon die Besichtigung der ersten Toten ganz am Anfang bereitet dem Leser Unbehagen und stellt ihn darauf ein, was da noch kommen mag. Gottseidank beschränken sich die Bilder der gequälten Frauen lediglich auf Schilderungen der Obduktionen und der Erinnerungen der Hauptfigur. Es gibt ja Autoren, die eine perfides Vergnügen daran haben, Grausamkeiten detailliert und bildreich zu schildern, damit es einem auch ja richtig schlecht wird. Und das sind sogar oft Frauen, die in ihren Thrillern Verbrechen an Frauen verarbeiten.
Dann wird der Spannungspegel konstant aufrecht erhalten. Etwa in der Mitte des Romans scheint es aber schon zu Ende zu sein. Es gibt einen Punkt, da scheint sich der Fall gelöst zu haben. Da dachte ich noch: wieso hab ich eigentlich noch etwa 200 Seiten vor mir, was kann da noch kommen.
Und der Herr sprach: Siehe, es kam noch schlimmer. Ehrlich, da gibt es noch eine Menge spannende Momente und ein ziemlich nervenzehrendes Finale, bei dem noch einmal der Adrenalinspiegel explosiv ansteigt.
Auch die neben den eigentlichen Serienverbrechen im Roman angesprochenen anderen Problemkreise sind nicht uninteressant. Da ist zunächst das Thema der Schwierigkeiten von Frauen in männerdominierten Berufen, wie z. B. der Polizei, das nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland noch immer aktuell ist. Die Rede ist von Ausgrenzung, von Mobbing, von Ungleichbehandlung bis hin zu sexueller Belästigung. Zwar hat man als Leser durchaus Verständnis für die Situation der Jane Rizzoli, die der Mittelpunkt dieses Themas ist, doch ihr aggressives Verhalten geht einem auch gelegentlich auf die Nerven.
Allerdings, wenn ich es mir recht überlege, ist man da als Frau total auf verlorenem Posten und egal, was man anstellt, es ist immer verkehrt: Wehrt man sich, ist man die Zicke, die gerade ihre Tage hat, wehrt man sich nicht, wird man zur Zielscheibe.
Interessant auch die Darstellung der Hypnose bei Opferbefragung und natürlich – wie so oft – das Profiling, wobei das hier nicht die dominierende Rolle spielt.
** Meine Meinung **
„Die Chirurgin“ ist ein absolut packender, nervenzehrender Thriller. Von der Grausamkeit her ist er irgendwo zwischen „Belladonna“ und „Der Vogelmann“ angesiedelt und garantiert sowohl Nervenkitzel als auch gute Unterhaltung.
** Die Autorin **
„Tess Gerritsen, war erfolgreiche Internistin, bevor ihr mit „Kalte Herzen“ auf Anhieb der internationale Durchbruch als Spannungsautorin gelang. Seither hat sie fünf weitere fulminante Medizinthriller geschrieben, die allesamt zu Bestsellern wurden. Tess Gerritsen lebt mit ihrem Mann, dem Arzt Jacob Gerritsen, in Camden, Maine.“ (amazon.de)
** Daten **
Limes Verlag
Originaltitel: The Surgeon
Erschienen 2002
gebunden 414 Seiten
Preis: 21,90 €
ISBN 3-8090-2458-9 weiterlesen schließen
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