Pro:
Gut zusammengeklaubte Handlungselemente
Kontra:
Mehr Seifenoper als Science Fiction
Empfehlung:
Ja
Nach einer langen Dürreperiode befindet sich die bemannte Raumfahrt wieder im Aufwind. Im Erdorbit kreist die internationale Raumstation ISS mit ihrer sechsköpfigen Besatzung. Nach dem tödlichen Verkehrsunfall seiner Frau auf der Erde muss der Wissenschaftler William Haning die ISS vorzeitig verlassen. Für ihn springt Emma Watson ein, deren Besuch eigentlich erst in drei Monaten fällig gewesen wäre. Die junge Astronautin verlässt die Erde nicht ungern, macht sie doch gerade eine schwere Scheidung durch. Dr. Jack McCallum, Emmas Noch-Gatte, war bis vor einem Jahr selbst Astronaut und Flugarzt der NASA. Nach einer Krankheit wurde er für fluguntauglich erklärt. Inzwischen ist er verbittert aus dem Dienst geschieden und arbeitet nun als Unfallarzt in der Notaufnahme eines zivilen Krankenhauses.
Ein bizarrer Zwischenfall bringt ihn zurück ins Raumfahrtzentrum. An Bord der ISS werden im Auftrag diverser Forschungsinstitute medizinische und biologische Forschungen und Experimente durchgeführt. Kurz nachdem Dr. Haning vom Unfall seiner Frau erfuhr, waren ihm Anomalitäten in einer Kultur von Archäen, bakterienartigen, einzelligen Organismen aus der Tiefsee, aufgefallen. Durch einen unglücklichen Unfall werden Teile dieser Kultur freigesetzt. Die Archäen gelten als harmlos, und Haning ist abgelenkt. Zu diesem Zeitpunkt weiß noch niemand, dass die Einzeller durch einen unbekannten Zusatz verändert wurden und sich in eine aggressive Lebensform verwandelt haben, die aktiv in der Raumstation umher wandert, alle Insassen befällt und dabei die DNS aller Wirte in seinen körpereigenen Bauplan integriert.
Der Biologe Kenichi Hirai ist der Erste, der unter grauenvollen, an die spektakulären Folgen der Ebola-Erkrankung gemahnenden Umständen stirbt. Bis im All und auf der Erde jeweils der Groschen fällt, gibt es noch weitere Opfer. Panik bricht aus, und die Regierung lässt die NASA-Bodenstation von Truppen besetzen, die eine Rückkehr der infizierten Astronauten verhindern sollen - unter allen Umständen ...
Ist es nicht empörend für die Freunde der Science Fiction, dass jeder Autor, der bereits auf anderem Gebiet literarische Erfahrungen gesammelt hat und nun über einen Wechsel nachdenkt, sich berufen fühlt, "unser" Genre neu zu erfinden? Auch Tess Gerritsen macht hier keine Ausnahme. Voller Elan hat sie sich ihres Themas bemächtigt, hat umfangreich recherchiert, ist den Mitarbeitern der realen NASA tüchtig auf die Pelle gerückt und hat schließlich eine spannende Handlung ersonnen, um das erworbene Wissen an die Leserschaft zu bringen. Das Ergebnis ist ein grundsolider SF-Thriller, der allerdings keine - nicht die geringste! - Überraschung zu bieten hat ... Jede Kulisse, jede Szene, jede Figur ist aus tausend durchschnittlichen Romanen, Filmen und Fernsehserien bekannt. Es gibt keine Abweichung vom längst Vertrauten - aber eine Menge längst verhasster Klischees ... Tatsächlich fällt Ihrem Rezensenten nur eine Abweichung von der Norm auf: Gerritsen sorgt dafür, dass auf der Erde und im All die Frauenquote erfüllt wird. Das mag unfreundlicher klingen, als es gemeint ist, denn die Abwesenheit der sonst im Katastrophenfall für die Rettung der Welt zuständigen Nussknackerkinn-Klone fällt durchaus positiv auf.
"Outbreak" im Weltall oder eben "Das Ding", und zwar in der John Carpenter-Version - das sind die beiden vermutlich wichtigsten Vorbilder, wobei Wolfgang Petersens Kinofilm die Stimmung von "In der Schwebe" besser wiedergibt: konventionelle, stromlinienförmige Unterhaltung, gut besetzt und vorzüglich inszeniert, aber letztlich doch seltsam unbefriedigend. Wackere Durchschnittsamerikaner gegen eine (natürlich nur kleine und überhaupt nicht repräsentative) Clique machtgieriger und skrupelloser Politiker und Wirtschaftsbosse, unterstützt von furchtlosen weiteren Durchschnittsamerikanern, geistesblitzbefeuerten Experten und findigen Ausländern (in dieser Reihenfolge) auf der einen und kalten Vorsichtshalber-Feuer-frei-Kriegern auf der anderen Seite - dieses Szenario ist zumindest aus der Sicht des Europäers doch ein wenig zu simpel gestrickt - und noch eines: Wir Science Fiction-Buffs sind in dieser Hinsicht auch aus Amerika wesentlich Vielschichtigeres gewohnt! Soviel zur Ehrenrettung eines noch immer notorisch unterschätzen Genres ...
Wie das ja oft so ist im Phantastischen, reißt das Monster die festgefahrene Handlung immer wieder angenehm aus ihrem tief ausgefahrenen Gleis. Tess Gerritsen ist Medizinerin, und das macht sie sehr erfinderisch darin, sich ein zwar auch nicht wirklich neues, aber sehr überzeugendes Untier auszudenken - eine Art Millenniums-Blob, wenn man so will. Aufgrund seiner von reichen Schaueffekten begleiteten Ernährungsweise gibt es genug Anlass, mehr als einen Hauch von Horror in die Handlung einzubringen.
Das ist auch bitter nötig in einer Geschichte, die sich ansonsten gern in einem Wust von Technobabbel und Soap Opera-Elementen verliert. Gerritsen hat sich wie gesagt viel Mühe gegeben, das technische Umfeld möglichst realistisch zu gestalten, aber sie ist nicht nur Medizinerin, sondern hat ihre Schriftsteller-Karriere mit acht ausladenden Herz-Schmerz-Schwarten gestartet, bevor sie zum Thriller wechselte - das eine mag und das andere kann sie nicht verbergen. (Wer Näheres wissen möchte, versuche es unter http://www.tessgerritsen.com; dies ist allerdings eine dieser anbiederischen amerikanischen Fan-Websites, die mehr elektronischer Schrein als Informationsbrett sind.) Besonders im Finale heißt es für den Leser wirklich, die Zähne zusammenzubeißen, denn nun wird die Schema F-Tüte bis zum Boden geleert!
Das deutsche Titelbild spiegelt übrigens eindrucksvoll das Elend der aktuellen Titelbildgestaltung wider: Es gab einmal eine Zeit, da wurde ein Roman durch ein eigens gestaltetes Cover ergänzt. Heute greifen die Verlage auf Bildstöcke zurück - das sind Sammlungen von (meist nichtssagenden) Motiven, die jeder Trottel, der mit einem Bildbearbeitungsprogramm umzugehen weiß, in ein Titel-"Bild" verwandeln kann. Das Ergebnis sehen wir hier - ein Tess Gerritsen-Science Fiction-Roman mit einem Cover für einen Tess Gerritsen-Medizin-Thriller, wie er für diese Autorin bisher üblich war. Im Hause des Mediengiganten Bertelsmann scheint sich wirklich niemand mehr dafür zu interessieren, was da jeden Tag eigentlich gedruckt wird! So ist es natürlich schwierig, das eigentliche Zielpublikum zu erreichen, das diesem Roman im Laden wohl kaum einen näheren Blick gönnen wird.
(Copyright 22.03.2003/Dr. Michael Drewniok) weiterlesen schließen
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