Pro:
solide Unterhaltung, recht spannend, gut recherchiert, wissenschaftlich anspruchsvoll
Kontra:
einige Klischees, bietet nichts Neues
Empfehlung:
Ja
Seit ich den grausamen Thriller „Belladonna“ von Tess Gerritsen gelesen habe, interessiert mich natürlich, was die Dame sonst noch so geschrieben hat. Bei einer unserer Reisen kam mir in der Hotelbibliothek dieser Roman in die Hände - ihr achtes Buch, bevor sie mit „Belladonna“ und „Die Chirurgin“ auch in Deutschland ganz bekannt wurde.
** Die Geschichte **
Emma Watson ist der aufgehende Stern am Astronautenhimmel der NASA. Die medizinische Forscherin mit großen Ambitionen soll mit ihrer Mannschaft zum nächsten Wachwechsel in die internationale Weltraumstation ISS gebracht werden. Bis dahin sind aber noch einige Trainingseinheiten zu absolvieren und die Ingenieure und Instruktoren machen es dem Team nicht leicht.
Privat hat die Astronautin eine schwere Phase durchzumachen: seit einer Nierenstein-Diagnose hat ihr Mann Jack McCallum (wieso haben die eigentlich verschiedene Namen?) Frustrationen, die ihre Ehe zerstört hat. Der Astronaut konnte es nicht verwinden, daß er nie wieder ins All fliegen wird, obwohl für einen erneuten Nierenstein kaum eine Wahrscheinlichkeit besteht. Nun arbeitet Jack in der Notaufnahme eines Krankenhauses.
Auf der Weltraumstation werden die vielfältigsten Aufgaben erledigt. Zusätzlich zu den von der NASA in Auftrag gegebenen Experimente haben auch private Firmen und Institutionen die Möglichkeit, sogenannte Nutzlast an Bord zu buchen; auf diese Weise finanziert die NASA einen Teil der Kosten.
Eines der Experimente der Firma SeaScience mit einer Archäen-Zellkultur muß plötzlich auf Anweisung der auftraggebenden Wissenschaftlerin abgebrochen werden, weil es vermutlich verunreinigt wurde. Bei der angeordneten sofortigen Beseitigung der grünen, gallertartigen Masse wird allerdings eine winzige Probe in dem an die Versuchskäfige angeschlossenen Handschuhkasten übersehen.
Als der Biologe Kenichi Hirai einen Tag später seinen Mäusen einen Besuch abstattet, Blut abnehmen will, ist eine Maus tot und einige andere sehen krank aus.
Auf der Erde hatte die Ehefrau von Wissenschaftler William Haning einen schweren Verkehrsunfall, so daß man nun die zum Austausch vorgesehene Mannschaft mit Emma vorzeitig zur Ablösung auf die ISS schickt.
Gleich nach ihrer Ankunft hat Emma ein größeres Problem zu lösen: Kenichi Hirai ist erkrankt, und zwar mit seltsamen Symptomen und sich widersprechenden und unlogischen Laborwerten. Zunächst sieht es aus wie eine Bauchspeicheldrüsenentzündung, aber es sind auch andere Organe betroffen und Sorgen machen Emma vor allem die Kopfschmerzen und skleralen Blutungen in den Augen. Keiner bringt es in Verbindung mit den Überresten der verwesten Maus, die aus dem Müllsack ausgetreten und Kenichi ins Gesicht gespritzt waren.
Man könnte den Japaner mit der Notkapsel evakuieren, aber dann wäre der Rest der Mannschaft ebenfalls gezwungen, die ISS zu verlassen, was den Abbruch aller Experimente bedeuten würde. Statt dessen schickt man einen Tag später das Shuttle los, um den Mann abzuholen.
Doch der Mann stirbt qualvoll vor ihren Augen, noch bevor die Raumfähre angekommen ist. Schlimmer noch, aus dem aufgeplatzten Leichensack haben sich die viel zu schnell verwesten Überreste über die Lüftung in der Raumstation verteilt hat und nun plagen sich noch andere Crew-Mitglieder mit den gleichen mysteriösen Symptomen. Das Shuttle, mit dem die Leute zurück zur Erde gebracht werden sollen, stürzt ab.
Als Jack von dem Zwischenfall auf der Station erfährt, bricht er seinen Urlaub ab und meldet sich im Kontrollzentrum der NASA, um bei der medizinischen Beratung dabei zu sein. Denn die da oben haben die Hilfe bitter nötig: die gesamte Crew erkrankt. Auch Emma ist da oben in Gefahr.
Bei der Autopsie der Pilotin Jill Hewitt, an der Jack nach Druck auf das Militär teilnimmt, stellt sich heraus, daß es sich bei dem Organismus, den sie finden, um eine Art Chimäre handelt, die sich in einem Wirt einnistet, ihn zerstört und dessen Erbmaterial in seine eigene einbaut, diese hier hat Gene von Amphibien, Maus und Mensch
** Buchkritik **
Ich war schon erstaunt, daß sich die Autorin des blutigen Psychoterrors auch im wissenschaftlichen Bereich auskennt und damit auch ein völlig anderes Genre abdeckt. Allerdings scheint das eine Eintagsfliege gewesen zu sein, denn danach widmet sie sich doch wieder dem, was sie besser kann.
Damit will ich nicht sagen, daß der Roman nichts wert ist.
Das hat mir gut gefallen.
Die Autorin weiß offensichtlich, wovon sie redet. Angeblich hat sie umfangreiche Recherche angestellt, teilweise direkt bei der NASA, um nur ja viel Wissen zu konsumieren. Das sie dann auch noch recht spannend und vor allem anschaulich rüberbringt. Schließlich ist der ganze Kram nicht ganz so einfach darzustellen, damit es auch der Leser begreift und nachvollziehen kann. Aber so unbeleckt sind wir ja nun auch wieder nicht. Nach „Apollo 13“, „Armageddon“ und vermutlich auch noch solchen Reißern wie „Solaris“ dürfte jeder von uns wissen, wie man ein Raumschiff startet und in die Umlaufbahn bringt.
Was mir allerdings wirklich gut gefallen hat, und das liegt schätzungsweise an meinem latenten Interesse für Biologie, ist die wissenschaftliche Komponente, die sie mit der Gentechnik und den bio-medizinischen Details in die Geschichte hineingebracht hat. Diese sind – zumindest hatte ich den Eindruck – so dargestellt, daß man sie auch als Laie durchaus verstehen kann. Nichts ist schlimmer, als wenn die Figuren von hochtrabenden Themen schwafeln und man sitzt da und muß entweder das Lexikon schwenken oder die Segel streichen.
Die Geschichte an sich ist durchaus vorstellbar, auch wenn sie sich natürlich ungeniert der üblichen Klischees Guter Amerikaner, Böser Wissenschaftler, noch böserer (sorry!) Militär bedient. Da kann auch eine Frau Gerritsen wohl nicht über ihren Schatten springen und mal was anderes erfinden. Aber vermutlich hätte man nur den Militär durch einen Russen ersetzt.
Der Aufbau ist klassisch, die Spannung steigt zum Ende zu extrem an, weil man eigentlich angesichts der biologischen Katastrophe kein Happy End erwarten kann. Auch die wahren Hintergründe bleiben lange verborgen, man vermutet als Leser nur, daß es irgendwas mit dem Fund in der Tiefsee zu tun hat, über den man im Vorspann lesen konnte.
Auch sprachlich ist hier nichts zu bemängeln, der Text liest sich flüssig und schlüssig, ohne daß man Schachtelsätze auseinanderpusseln müsste, um sie zu begreifen.
Das hat mir nicht gefallen.
Außer dem Punkt mit den brutal verwendeten Klischees gibt es eigentlich für mich nicht viel mehr zu meckern. Ein paar logische Brüche in der Handlung kommen mir in den Sinn, wenn ich an die Reihenfolge der dauernd hin- und her schwebenden Raumfähre und die Wechsel in der Mannschaft denke. Ob das so nachvollziehbar und realistisch war, wage ich zu bezweifeln. Aber ansonsten habe ich mich mit diesem Thriller recht gut unterhalten.
** Meine Meinung **
„In der Schwebe“ ist ein grundsolider SciFi-Thriller mit medizinisch-biochemischem Einschlag, der aber gerade dadurch einen anspruchsvollen Anstrich bekommt, denn ansonsten bietet er im Grunde nichts Überraschendes in der Handlung und im Sujet.
Trotzdem möchte ich ihn empfehlen als gute, unterhaltsame Lesekost.
** Die Autorin **
„Tess Gerritsen war erfolgreiche Internistin, bevor ihr mit dem Thriller Kalte Herzen der internationale Durchbruch und der Sprung auf die amerikanischen Bestsellerlisten gelang. Tess Gerritsen lebt in Maine.“ (Verlag blanvalet)
** Daten **
Verlag Blanvalet 2001
Originaltitel: Gravity
Übersetzung: Andreas Jäger
Taschenbuch 446 Seiten
Preis: 16,90 DM/heute 8,90 €
ISBN 3-442-35337-8 weiterlesen schließen
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