Pro:
Klare, schöne Sprache; kurzweilig; runde Erzählung
Kontra:
Elitedünkel
Empfehlung:
Ja
Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend von Hermann Hesse wurde in erster Auflage 1919 (tatsächlich unter dem Pseudonym "Emil Sinclair") veröffentlicht. In der 1917 verfassten Erzählung verarbeitete Hesse seine Freundschaft zu Gustav Gräser, dem esoterisch angehauchten Mitgründer der alternativen Kommune "Monte Verità" nahe Ascona.
Handlung und Aufbau
Wie der Titel schon sagt, wird in diesem Buch die Jugend von Emil Sinclair – zugleich Erzähler und Hauptfigur – nachgezeichnet. Im Vorwort wird behauptet, es handle sich "um die Geschichte eines Menschen – nicht eines erfundenen, eines möglichen, eines idealen oder sonstwie nicht vorhandenen, sondern eines wirklichen, einmaligen, lebendigen Menschen." Es folgen acht Kapitel der eigentlichen Erzählung. Emil Sinclair wächst in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, von seinen Eltern wohlbehütet, zusammen mit seinen beiden Schwestern auf. Allerdings nimmt er schon als Kind zwei Welten wahr: die geordnete, helle Welt der Familie und eine dunkle, verbotene Welt. Als zehnjähriger Schüler kommt Sinclair in Schwierigkeiten, da ihn Franz Kromer, ein älterer und bösartiger Schüler wegen einer an sich harmlosen Lüge erpresst. Unverhoffte Hilfe bringt Max Demian, auch ein älterer Schüler, der aber ungewöhnlich reif und selbständig wirkt. Demian vermittelt Sinclair eigenwillige Interpretationen von Moral und Christentum und beendet außerdem die Drangsalierung Sinclairs durch Kromer. Während seiner Pubertät hat Sinclair zusammen mit Demian Konfirmationsunterricht; nach der Konformation wird Sinclair aber in ein Internat in einer anderen Stadt geschickt. Hier wird Sinclair - etwa 16 Jahre alt- zum regelmäßigen Kneipengänger, der dabei auch über die Stränge schlägt; als er aber ein unbekanntes, schönes Mädchen sieht, das er Beatrice nennt, bessert er sich wieder. Mit Demian hat er in dieser Zeit keinen engeren Kontakt und trifft ihn nur einmal persönlich; geistig bleibt Demian aber präsent. Sinclair begegnet während seiner Internatszeit Pistorius, einem gescheiterten Theologiestudenten, mit dem er sich über Philosophie austauscht. Zu Beginn seines Studiums läuft Demian Sinclair wieder über den Weg; nun lernt er auch Demians Mutter und deren Gästekreis kennen.
Einschätzung
Programmatisch steht am Beginn des Romans: "Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so sehr schwer?" Vereinfachend gesagt, handelt es sich um eine "Coming of Age" – Geschichte, nur dass es sich nicht um eine schlichte Veränderung der Hauptfigur handelt; das eigentliche Ziel der Entwicklung ist schon von vornherein in der Hauptfigur angelegt. Etwas statisch wirkt dabei der "zeitlose" Charakter Demian, der im Grunde nur darauf wartet, bis Sinclair eine Art Gleichrangigkeit erreicht. Daneben ist der individualistische Impetus des Buches im Prinzip zu begrüßen (elegant beiläufig wird Nietzsche erwähnt); nur wirkt diese Botschaft etwas zu elitär. Die Inhaber des Kainsmails gelten als mit Erkenntnis gesegnet und damit im Vergleich zu ihren Zeitgenossen im Grunde "auserwählt". Ob diese heterogene und kulturpessimistische Schar der Auserwählten gesellschaftlich und politisch überhaupt zu etwas Konstruktivem im Stande ist, bleibt offen.
Hesse erzählt die Geschichte aber angenehm zügig, mit klarer, schön gestalteter Sprache und mit Blick für’s Wesentliche. Insgesamt handelt es sich also um einen überaus gut lesbaren, kurzweiligen mit etwas – nicht zuviel – Philosophie angereicherten Roman, dessen Lektüre zu empfehlen ist.
Angaben zum Buch
Hesse, Hermann: Demian. Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend, suhrkamp taschenbuch, Frankfurt a.M. 2003 [erste Auflage 1974], ISBN 3-518-45518-4. weiterlesen schließen
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