Pro:
...verbesserter Sound im Vergleich zum Debüt, damals noch frisch und innovativ, abwechslungsreiche Kompositionen, einige echte Kracher...
Kontra:
...leider auch etwas Durchschnittskost, leider der Höhepunkt des musikalischen Schaffens...
Empfehlung:
Ja
Hallo liebe Leserinnen und Leser!
Leicht verspätet, aber nicht weniger Matte-schüttelnd, präsentiere ich meinen Bericht zu In Extremos "Verehrt und angespien" - immerhin blockierte ein alter Live-Bericht von mir noch die Kategorie und musste erst einmal verschoben werden. Die "sieben Vaganten", die laut eigener Aussage "ihr Glück in der Hölle fanden" eignen sich übrigens ganz hervorragend, um im kalten Winter nicht an erfrorenen Füßen zu leiden. Denn wenn die Potsdamer Truppe ihren Mittelalter-Rock aufspielt, dann darf getanzt werden. "Verehrt und angespien" wurden die Jungs und deswegen dürfen's heute ein paar Zeilen zum gleichnamigen Longplayer sein...
| ° In Extremo
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Die Geschichte von In Extremo beginnt Mitte der 90er Jahre, als sich aus den ehemaligen Ost-Bands "Freygang" und "Tausend Tonnen Obst" mehrere Mitglieder unter einem Banner vereinen. Anfangs tingeln "Das letzten Einhorn" und "Teufel" (Corvus Corax) noch mit einer gemeinsamen Mittelalterband über die Märkte, 1997 vereint man die bereits vorhandene Rockband mit der Mittelaltermusik und der offizielle Grundstein von In Extremo wurde gelegt. Zwei Akustikalben waren bis dato bereits erhältlich, dazu eine Rock-Single. Man fand in "Vielklang" ein Label und schaffte 1998 mit dem Debüt "Weckt die Toten!" einen Achtungserfolg in der Szene. Die Reviews waren euphorisch, die Konzerte aufgrund der phänomenalen Bühnenshow brachten der Truppe neue Fans.
Noch im selben Jahr erschien eine Akustik-Live-CD und schon 1999 legte man den Nachfolger "Verehrt und angespien" nach, der auf Platz 11 der deutschen Charts schoss. Der Durchbruch war geschafft, ein Video zum Sisters of Mercy-Cover "This Corrosion" wurde gedreht und auf MTViva gespielt, eine große Deutschlandtour stand an. Der Rest ist Geschichte: Thomas der Münzer steigt aus gesundheitlichen Gründen aus, einige Singles und eine Live-DVD wird veröffentlicht, die Alben "Sünder ohne Zügel" und zuletzt "7" erklimmen die Ränge 10 und 3 in den Charts, die Band hat es geschafft. Aber nicht ohne einen Preis zu zahlen: Vorbei sind die Zeiten der gemütlichen Clubgigs und der Mittelaltermärkte - und auch die Zukunft von einigen Bandmitgliedern (Kai Lutter wurde Darmkrebs disgnostiziert, aktuell befindet er sich in Malaysia, Yellow Pfeiffer ist Vater geworden und pausiert) steht in den Sternen. Aber In Extremo werden sicher ihren Weg gehen...
| ° Verehrt und angespien
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01.) ~ Merseburger Zaubersprüche ~ 9/10 <-- Anspieltipp
02.) ~ Ich kenne alles ~ 8,5/10
03.) ~ Herr Mannelig ~ 10/10 <-- Anspieltipp
04.) ~ Pavane ~ 7,5/10
05.) ~ Spielmannsfluch ~ 9,5/10 <-- Anspieltipp
06.) ~ Weiberfell ~ 7,5/10
07.) ~ Miss Gordon of Gight ~ 7/10
08.) ~ Werd' ich am Galgen hochgezogen ~ 9,5/10 <-- Anspieltipp
09.) ~ This Corrosion ~ 7/10
10.) ~ Santa Maria ~ 7,5/10
11.) ~ Vänner och Frände ~ 8/10
12.) ~ In Extremo ~ 8,5/10
13.) ~ Herr Mannelig (Akustik Version) ~ 8,5/10
Eines merkt man dem Album deutlich an, In Extremo haben sich weiterentwickelt. Ging man auf "Weckt die Toten!" noch vorrangig straight und sehr geradlinig zu Werke, so offenbart man auf "Verehrt und angespien" erstmals so etwas wie musikalisches Geschick. Ein Harfen-Intro wie bei den "Merseburger Zaubersprüchen" wäre noch ein Jahr zuvor bei der Kapelle undenkbar gewesen, aber man zeigt eben seine Offenheit gegenüber neuen (bzw. in diesem Falle ja eigentlich uralten) Einflüssen und lässt Dr. Pymonte zart die Harfe zupfen. Überraschend sanft geht man hier generell mehrmals zu Werke, wie auch beispielsweise im Instrumental "Miss Gordon of Gight" oder gesanglich beim eindeutig zweideutigen "Weiberfell".
Das soll aber nicht heissen, dass In Extremo etwas ihren Rock-Wurzeln abgeschworen hätten, ganz im Gegenteil! Endlich hatte die Band ein ordentliches Budget zur Verfügung und konnte im Studio einen anständigen Sound auf die Beine stellen, so dass die Rock-Passagen nun auch eines tun: Rocken. Und zwar gewaltig. Die fetten Bratgitarren eines "Ich kenne alles" oder das aggressive Geschrote beim "Spielmannsfluch" klotzt diesmal alles in Grund und Boden, was nicht bei "3" vom Henker geköpft wurde. Gefangene werden genauso wenig gemacht wie Ruhepausen - zumindest während dieser kurzzeitigen Aggro-Attacken. Dann darf man nämlich seine Nackenwirbel ordentlich strapazieren und heiser bis wolkig die rauchigen Vocals des "letzten Einhorns" mitgröhlen.
Bestens geeignet ist dazu auch der Track "Werd' ich am Galgen hochgezogen" geeignet, den eingefleischte Fans von lange von Konzerten kannten, bevor er hier endlich auch seinen Weg auf einen Silberling fand. Ein absoluter Stimmungsmacher und heiss ersehnt bei jedem Gig, ähnlich wohl wie mittlerweile auch die selbstbetitelte Bandhymne. Natürlich spielen auch nach wie vor die mittelalterlichen Instrumente - allen voran Schalmeien und Dudelsäcke - eine große Rolle und in nahezu jedem Song werden ihnen führende Melodielinien zugedacht. Eine ihrer Glanzleistungen vollführen sie dabei bei dem auf Altschwedisch gesungenen "Herr Mannelig", einer Geschichte um eine alte Trollfrau, die gerne einen Prinzen heiraten würde. Das schwere, schleppende Grundgerüst ergibt hier im Zusammenspiel mit den klagenden Lyrics und den bitter weinenden Instrumenten ein gleichzeitig gefühlvolles und mitreissendes Spektakel, welches ich als absoluten Höhepunkt im musikalischen Schaffen der Band ansehe.
Weit weniger gelungen erscheint dagegen die Coverversion von den legendären Sisters of Mercy. Zwar ist "This Corrosion" an sich ein wahrhaft genialer Titel, hier krankt es aber vor allem an der Aussprache. Dem "Einhorn" Micha ist hierbei seine Herkunft mehr als deutlich anzuhören und das trübt den Hörspaß enorm, zumal auch die generellen Arrangements hier weder vom Hocker reissen noch sonst irgendwie außergewöhnlich sind. Standard-Kost eben - und genau das ist es, was man auf dieser Scheibe erstmals leider verstärkt zu hören bekommt. Denn unter allen Perlen haben sich immer wieder kleine Durchhänger eingeschlichen, die zwar an sich gar nicht mal so übel sind, die Klasse der wahren Highlights hier aber bei weitem nicht erreichen.
Es sind dabei vor allem belanglose Titel wie "Pavane" oder "Santa Maria", die dem Album nicht das Niveau ermöglichen, welches es vielleicht verdient hätte. Und das, wo die Produktion diesmal wirklich mehr als amtlich geworden ist und jede Untertassensammlung zum Wackeln bringt. Schade eigentlich, denn In Extremo verschenken somit eine ganz Menge Potential, die das Album noch musikalisch hochwertiger hätten machen können.
| ° Fazit
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Auch wenn sich die letzten Sätze etwas negativ angehört haben, so handelt es sich bei "Verehrt und angespien" sicherlich um alles andere als ein schlechtes Album, im Gegenteil. Einzelne Highlights muss man als Fan mittelalterlich angehauchter Rock-Klänge einfach kennen, nur hätte man sich insgesamt eben noch mehr Hits der Güteklasse "Herr Mannelig" oder "Spielmannsfluch" gewünscht, denn leider ziehen eben einige mittelmäßige Kompositionen die Endwertung um einen Stern nach unten. Fans müssen die Scheibe dennoch haben, allen anderen seien dringendst die Anspieltipps ans Herz/Ohr gelegt.
In diesem Sinne...
Stay Dark!
The-Galgenmaster
PS: Alle Freunde des schnellen Klicks sollen wissen, "wie schwer ihr Arsch gewogen"... ;)
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