Pro:
Lebendige Figuren in einer spannenden Story ...
Kontra:
... die aber auch gar keine Überraschungen bietet.
Empfehlung:
Ja
I. Kurzkritik für Ungeduldige
Aus fremder Dimension, in der die Magie zum Alltag gehört, plant der bitterböse "Scharlachrote König" diese Welt zu übernehmen. Jack Sawyer, der als Kind schon einmal gegen dunkle Mächte antrat, muss wieder eine bizarre Reise antreten, um dem Herrscher und seinen unheimlichen Handlangern das Handwerk zu legen ... Überlanger & faktisch überflüssiger, aber aus alten Ideen und Motiven lesenswert recycelter Aufguss eines modernen Phantastik-Klassikers.
II. Inhalt
In French Landing, einem kleinen Landstädtchen im verschlafenen Coulee County irgendwo im Westen des US-Staates Wisconsin, ist die Welt grundsätzlich noch in Ordnung. Polizeichef Dale Gilbertson kennt zwar seine Pappenheimer, die den Alkohol lieben, aber die Arbeit scheuen und für die sich der amerikanische Traum ganz sicher nicht erfüllt hat. Momentan bedrücken ihn allerdings ganz andere Sorgen: Der "Fisherman" geht um in French Landing. Ein Kindermörder und Kannibale ist er, der bereits mehrere Opfer auf dem Gewissen hat und den untröstlichen Eltern höhnische Briefe schreibt, in denen er sich seiner Untaten brüstet.
Es gibt da Parallelen zu einem psychopathischen Serienmörder namens Albert Fish, der in den 1920er Jahren New York in Aufruhr versetzte. Den Nachahmungstäter hat freilich nicht der wackere, aber geistig etwas schlichte Gilbertson entdeckt, sondern ein befreundeter Polizist: Jack Sawyer war der Star der Mordkommission im fernen Los Angeles, bis ihn ein Fall ins Coulee County führte und er sich sofort in das Land verliebte. Finanziell mehr als abgesichert, kündigte er seinen Job und führt seither das zurückgezogene Leben eines vermögenden Privatiers.
Dies um so lieber, als es einige Geheimnisse in Jacks Leben gibt. Als Kind war er in ein fantastisches Abenteuer geraten: In dieser Welt gibt es Schleusen in die "Territorien", einer quasi in Zeit und Raum parallelen "Gegenerde". Unter mittelalterlich anmutenden Verhältnissen leben auch hier Menschen - und Zauberer, Ungeheuer und Geister der meist besonders unangenehmen Art. Einen dieser ganz üblen Zeitgenossen konnte Jack damals besiegen. Anschließend ist die Erinnerung an seine Erlebnisse verblasst. Stress verschafft ihm manchmal unangenehme Flashbacks.
Den wird er nun mehr als genug erfahren. Eine neue Dimension tut sich auf, die der Abbalah - der "Scharlachrote König" - terrorisiert. Zwar sitzt er gefangen im "Dunklen Turm", aber sein böser Geist streift frei und plant, die Herrschaft über die Territorien, unsere Welt und schließlich das gesamte Universum auszudehnen. Mord und Terror sind des Königs Waffen. Der "Fisherman" alias Lord Malshun ist einer seiner Schergen, doch nach und nach sickern durch das unheimliche "Schwarze Haus", das eine Pforte zum Schreckensreich des Königs darstellt, noch andere Schreckensgestalten in die Realität ein. Dies bleibt nicht unbemerkt; einige psychisch empfindliche Männer und Frauen erleben furchtbare Albträume, die von der nahenden Gefahr künden. Doch es bleibt Jack überlassen, diese potenziellen Streitgenossen um sich zu sammeln und in den Kampf gegen den Abbalah zu ziehen - und das muss er wohl oder übel tun, denn das letzte Opfer des "Fishermans" entpuppt sich nicht als Mordopfer, sondern als des Königs Geisel, die seinen Sieg vollenden wird, bleibt sie in seiner Gewalt ...
III. Handlung
"Talisman"-Fantasy meets "Black House"-Horror: So lässt sich wohl der wichtigste Unterschied zum ersten Band der Jack Sawyer-Saga (und eine Saga wird es offenbar werden) prägnant in Worte fassen. 1984 begab sich der junge Jack auf eine auch für uns Leser schrecklich-wunderbare Reise, die mindestens ebenso wichtig war wie ihr Ziel. "Der Talisman" gilt als moderner Klassiker der Phantastik, und diesen Status hat er sich verdient.
Als lobenswert ist zu vermerken, dass Stephen King und Peter Straub knapp zwei Jahrzehnte später nicht einfach dieselbe Geschichte noch einmal erzählen. "Das Schwarze Haus" ist schwerlich das bessere Buch geworden, aber das hat andere Gründe. Leider konnte King der Versuchung nicht widerstehen, "Haus" als Modul jenes Opus' zu formen, zu dem er seit einigen Jahren sein umfangreiches Gesamtwerk verschweißen möchte. Dies begann, als die Saga vom "Schwarzen Turm" und dem Revolvermann Roland fortschritt - eine simple Story, die King entglitt, sich verselbstständigte und aufblähte, bis sie ihren Schöpfer zu überwältigen und alle Grenzen schriftstellerischer Disziplin zu sprengen begann. (Wer fragt, was damit gemeint ist, versuche sich an der Zumutung "Glas" = "Dark Tower IV".)
Immer neue Informationssplitter werden zusammengetragen, die sich mehr oder weniger kunstvoll zu einer vorgeblich monumentalen Weltgeschichte der besonderen Art fügen sollen. Subtrahiert man Kings bemerkenswertes erzählerisches Talent, bleibt die "Turm"-Saga freilich Allerwelts-Fantasy. Querverweise auf andere King-Werke entschädigen nicht für die Redseligkeit, die der Autor einfach nicht mehr in den Griff zu bekommen zu scheint. "Haus" hat es jedenfalls nicht verdient, zu einem Exkurs der "Turm"-Saga degradiert zu werden. (Dasselbe Schicksal teilte bereits "Hearts in Atlantis", wo wir mit Ted Brautigan einen weiteren "Brecher" wie Tyler Marshall kennenlernten.)
Sie hat auch "Das Schwarze Haus" in Mitleidenschaft gezogen. Dieser Roman müsste nicht über 800 Seiten stark sein; die Story gibt es einfach nicht her. Besonders in der ersten Hälfte zieht sie sich elend lang und ereignislos dahin. Manche belanglose Szene wird uns aus unterschiedlichen Blickwinkeln gleich mehrfach erzählt (und man mache mir bitte nicht weis, dies unterstreiche die Multi-Dimensionalität dieser Geschichte). Dieses Konzept geht m. M. nur einmal wirklich auf, als King und Straub die erste Attacke der "Thunder Five" auf das Schwarze Haus schildern. Hier wirkt die Zergliederung und Streckung der Handlung wie aus einem Peckinpah-Film entliehen, und sie ist ähnlich eindrucksvoll.
Auf den letzten 250, 300 Seiten zieht das Tempo endlich an, um bis zum (seltsam unspektakulären Hauptfinale) nicht mehr nachzulassen. Jetzt stellt sich endlich der gewohnte King-Effekt ein: Der Leser/die Leserin gibt das Buch nicht mehr aus der Hand. Natürlich ist wiederum viel Routine im Spiel; die Welt des "Scharlachroten Königs" könnte auch in Mordor liegen. Sei's drum, der alte Zauber stellt sich ein - spät zwar, aber immerhin!
IV. Personen
Unstrittig d e r Pluspunkt dieses Werkes. Stephen King mag eher ein fähiger Handwerker als ein genialer Schriftsteller sein, aber verstand und versteht es, ganz normale Zeitgenossen mit einer Intensität zu zeichnen, die sie in echte Persönlichkeiten verwandelt. Peter Straub bleibt ihm in diesem Punkt kaum etwas schuldig. Deshalb hofft und bangt man mit Jack Sawyer, trauert um Henry Leyden, bedauert den überforderten Dale Gilbertson, drückt Tyler Marshall die Daumen und wünscht sogar dem schleimigen Klatschreporter Wendell Green sein Überleben. Knallige Nebenfiguren wie die Bier brauende Motorrad-Gang der "Thunder Five" bleiben ganz sicher lange angenehm im Gedächtnis haften.
Dasselbe gilt für die Bösewichter, von denen King und Straub erneut eine ganze Galerie aufbieten. Klug halten sie diese die meiste Zeit im Halbdunkel, wo sie nur überfallartig hervorpreschen, um Unheil anzurichten. Vom "Scharlachroten König" (bereits bekannt aus "Insomnia") hören wir dieses Mal nur; er tritt persönlich nicht auf. Lord Malshun, sein "Schwarzer Reiter" (wenn dieser Vergleich gestattet ist), taucht nur im Finale auf. Er hinterlässt eigentlich keinen besonderen Eindruck, erfüllt aber seine Rolle mit dem nötigen Leben.
Großartig in seiner erbärmlichen Niedertracht ist dagegen der alte Charles Burnside gelungen. King und Straub hatten nie Berührungsängste mit den ganz dunklen Seiten der menschlichen Existenz. "Burny" ist ein Päderast und Kannibale, der sich am Elend seiner kindlichen Opfer weidet. Das ist ein gefährlich schwankender Boden, auf den sich ein Unterhaltungs-Schriftsteller da wagt, aber King und Straub obsiegen auch hier. Sie schaffen Szenen, bei denen den Leser kalte Schauer über den Rücken laufen. Bedienen sie sich dafür billiger Tricks, die immer funktionieren? Dieses Urteil sei der politisch korrekten Kritik vorbehalten. Zumindest Ihr Rezensent (und nicht nur er) findet deshalb "Burnys" spektakuläres Ende verdient und sehr zufriedenstellend.
V. Autoren
Was lässt sich über einen Schriftsteller wie Stephen King (geb. 1947) noch sagen? Er ist ganz sicher einer der erfolgreichsten seiner Zunft, seit der Buchdruck erfunden wurde. Als prominente Person der Zeitgeschichte gibt es kaum noch weiße Stellen in seiner Vergangenheit. An dieser Stelle eine längst in fast allen Einzelheiten bekannte Biografie noch einmal nachzubeten, möchte ich mir daher ersparen, zumal sehr viel kundigere Kingologen das viel besser getan haben. Aber Peter Straub, den kennen die Horror- Freunde vermutlich nicht so gut, obwohl dieser Mann seinem Kollegen und Freund King zwar im Erfolg, aber keineswegs im Talent nachsteht. Deshalb hier eine kurze Info. (Wer mehr wissen möchte, sei auf Straubs Homepage verwiesen: http://www.net-site.com/straub).
Peter Straub wurde 1943 in Milwaukee, US-Staat Wisconsin, als ältester von drei Söhnen eines Handlungsvertreters und einer Krankenschwester geboren. Selbst bezeichnet er sich als frühreifes, ängstliches Kind, was sich durch einen schweren Autounfall, der den jungen Peter über Monate aufs Krankenbett warf, nicht milderte. Schon vorher hatte sich er sich im Kindergartenalter das Lesen beigebracht, was er mit beinahe manischem Ernst betrieb; daran hat sich nichts geändert. Als Geschichtenerzähler war Peter bei seinen Freunden beliebt und nicht das notorisch einsame Wunderkind, das sich in die Trivialliteratur flüchtet.
Straub studierte an den Universitäten von Wisconsin and Columbia Englische Literatur; schon damals eine eher brotlose Kunst, die ihn als Englischlehrer an seine alte Schule zurück brachte. In seiner Freizeit verfasste er Gedichte und versank in pädagogischer Routine, bis er 1969 - inzwischen übrigens verheiratet - ins irische Dublin floh. Dort sollte er eigentlich seine Doktorarbeit schreiben. Statt dessen entstand "Marriages", ein erster Roman. Er fand einen Verleger, und die Straubs zogen 1972 nach London um.
Dort wurde ein erstes Kind geboren - und "Ghost Story" (dt. "Geisterstunde" - Ihr Rezensent wird diesem Werk sicherlich bald einen Beitrags widmen!) , Straubs moderner Horror-Klassiker über eine unbarmherzige Rache aus dem Totenreich - kühl, stilistisch von bemerkenswerter Qualität und von gnadenloser Spannung. (Straubs erster Gruselroman ist übrigens "Wenn du wüsstest" von 1977.) 1979 kehrten die Straubs in die USA zurück und ließen sich in Westport, Connecticut, und später in New York nieder.
Straub ist der Autor von bisher 15 Romanen und damit als Autor deutlich weniger produktiv als Stephen King. Freilich schätzt die Kritik Straub wesentlich mehr als den Gruselkönig aus Maine. "The Talisman" (dt. "Der Talisman"), das erste Abenteuer von Jack Sawyer, wurde zum Welterfolg. Straub verließ den "reinen" Horror und erweiterte sein literarisches Spektrum. Spätestens mit "Koko" (1988, dt. "Koko") wechselte er zum eher psychologischen Thriller. Mit "Mystery" (1990, dt. "Mystery"), "The Throat" (dt. "Der Schlund") oder "The Hellfire Club" (1996, dt. "Reise durch die Nacht") leistete er auf diesem Gebiet Bemerkenswertes. Dem Horror schwor er dennoch nicht völlig ab. Die Sammlungen "Houses Without Doors" (1990, dt. "Haus ohne Türen") und "Magic Terror" (2000, dt. "Magic Terror") beinhalten Straubs eindrucksvolle Novellen und Kurzgeschichten. Eher missglückt ist der Versuch, H. P. Lovecrafts "Cthulhu"-Mythos mit Mr. X. (1999, dt. "Mister X", als Taschenbuch "Schattenbrüder") neu zu interpretieren.
Peter Straubs Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Er wurde für sein literarisches Werk bisher mit dem "Bram Stoker Award", dem "British Fantasy Award", dem "International Horror Guild Award" und zweimal mit dem "World Fantasy Award" ausgezeichnet. 1998 wählte man ihn zum "Grand Master at the World Horror Convention".
(Copyright 10.05.2003/Dr. Michael Drewniok) weiterlesen schließen
Bewerten / Kommentar schreiben