Pro:
Die Blüten sind grandios, pflegeleicht
Kontra:
außerhalb der Blütezeit potthässlich
Empfehlung:
Ja
Berühmte Leute, zumal Königliche Hoheiten, schätzen Rummel um ihre Person partout nicht. Deshalb kommen die erlauchten Persönlichkeiten manchmal inkognito. Auch zu uns kam eine königliche Hoheit unter falschem Namen. Und es dauerte Jahre, bis wir ihre wahre Identität enthüllten.
Aber jetzt von vorn:
Mutti hatte den sagenhaften „grünen Daumen“. Bei ihr gediehen alle Zimmerpflanzen prächtig. Einmal hat sie sogar ein völlig trockenes Stöckchen im Blumentopf, das zum Anbinden einer Pflanze diente, zum Austreiben gebracht. Mutti zog auch Kakteen aus Samen, was eine wahre Geduldsprobe ist. Als sie starb, habe ich von ihr einige Pflanzen geerbt, unter anderem eine unattraktive Kaktee mit dünnen braun-grünen stacheligen Trieben. Ich übernahm sie nur aus Pietät, nicht weil sie mir besonders gefallen hätte.
Ich weiß nicht, ob auch diese Pflanze, die sie immer den „Schlangenkaktus“ nannte, ein Ergebnis ihrer Aufzuchtbemühungen war. Jedenfalls war das krumme Mickerding mit seinen schlangenförmigen Trieben anders als die anderen Kakteen. Im Frühjahr kamen zwar neue Spitzen, die Triebe wuchsen in die Länge. Doch sonst passierte gar nichts. Von Blüten keine Spur. So kümmerte der ominöse Schlangenkaktus ziemlich unbeachtet dahin. Im Spätherbst kam er zusammen mit den anderen Kakteen in einen kühlen Souterrain-Raum, im Frühjahr wurde er wieder aufs Fensterbrett im Wohnzimmer gestellt.
Als wir dann nach Berlin umzogen, nahm ich das mit seinen vielen langen Stachelarmen inzwischen schon ziemlich sperrige Ding und pflanzte es in einen Hydrokulturtopf um, weil ich inzwischen gute Erfahrungen mit dieser Art der Pflanzenhaltung gemacht hatte. Und da Kakteen im Sommer viel Helligkeit (wenn auch nicht unbedingt direkte Sonne) brauchen, hängte ich den Hydrotopf an eine helle, aber beschattete Stelle auf unserer Charlottenburger Dachterrasse. Natürlich vergaß ich auch das Düngen nicht.
Gegen Ende des Sommers, als die gegen Kälte empfindlichen Pflanzen eingeräumt werden mussten, fiel mir auf, dass die neuen Triebe des vermeintlichen Schlangenkaktus viel dicker waren als die alten. Die Hydrokultur und der Dünger hatten ihm gut getan. Und er sah dem Schlangenkaktus aus dem auch von Mutti geerbten alten Blumenbuch (Margit Schubert/Rob Herwig: Wohnen mit Blumen) jetzt noch weniger ähnlich als vorher. Der hat nämlich gleichmäßig herunter hängende Triebe, sieht halt sehr ordentlich aus, während meine merkwürdige Pflanze sehr struppig und ungleichmäßig wirkt.
Nach der Winterpause auf einem Kleiderschrank in der Nähe des Fensters in einem ungeheizten Raum (10 bis 12 Grad empfiehlt das Buch) kam meine inzwischen weit über 20 Jahre alte Pflanze wieder auf die Terrasse. Und eines Tages Anfang Juli zeigte sich an einem der neuen dickeren Triebe eine Knospe. Wir hatten einen schönen Sommer, und man konnte zusehen, wie die mit dunklem Flaum besetzte Knospe anschwoll. Bei uns blühen häufiger Kakteen, doch war ich besonders gespannt, was hier herauskommen würde.
Ende Juli stand die Knospe kurz vor dem Ausbruch. Wir waren im Theater, tranken anschließend bei Wilhelm Hoeck in der Wilmersdorfer Straße noch ein Bier und gingen dann ins Bett, ohne noch einmal die Terrasse zu betreten. Wir ahnten ja nicht, was da inzwischen passiert war....
Am Morgen jedenfalls sahen wir, dass unser vermeintlicher Schlangenkaktus eine riesige Blüte entfaltet hatte, die aber schon wieder in sich zusammengefallen war. Das schwante uns etwas. Ich guckte noch einmal genauer im Blumenbuch nach. Natürlich, es handelte sich um die berühmte „Königin der Nacht“, deren etwa 25 Zentimeter große leicht duftende Blüte sich nur eine Nacht hält. Ich hatte schon oft von ihr gehört, aber noch nie eine gesehen.
Als sich im Jahr darauf erneut Knospen zeigten und heranreiften, waren wir natürlich besser vorbereitet. An heißen Tagen besprühte sich die Pflanze häufig, denn das liebt die Königin. Außerdem vergaß ich das Düngen nicht. Sie dankte mir das, indem sie drei kräftige Knospen entwickelte. Als wir am Nachmittag feststellten, dass alle drei so weit angeschwollen waren, dass es diese Nacht so weit sein würde, stellten wir eine Flasche Sekt kalt und sagten unseren Nachbarn Bescheid. Wir wollten das Ereignis natürlich mit jemandem teilen. Schließlich gibt es sonst sogar Zeitungsartikel und Sonderöffnungsziten, wenn sich in einem Botanischen Garten eine Königin der Nacht zum Blühen entschieden hat.
Unsere ließ uns gar nicht lange warten. Schon kurz nach Sonnenuntergang erwies uns Ihre Majestät die Ehre. Sie öffnete ihre weiße Blüten, die von einem leicht rosa Strahlenkranz umgeben sind. Wir feierten das natürlich gebührend und hielten das Ereignis im Foto fest.
Zur Erinnerung schenkten wir unseren Nachbarn das Stück eines Triebes. Die lassen sich leicht in Blumenerde, die mit Sand gemischt wird, oder in Wasser bewurzeln. Vorher sollte man die Schnittstelle abtrocknen lassen. Dann aber heißt es, Geduld haben. Denn bis zur Blüte wird es viele Jahre dauern.
Inzwischen blüht unsere Königin in jedem Sommer. Letzes Jahr hatte sie sechs Knospen. Oft öffnen sich alle zugleich, auch wenn sie zunächst unterschiedlich dick sind. Dieses Mal war es glücklicherweise anders. Eine Blüte war etwas voreilig und zeigte sich vor den anderen. Die anderen drei warteten einige Zeit länger, und die Nachzügler erfreuten uns im Spätsommer. Manchmal blüht sie auch in unserem Urlaub. Dann findet der Gala-Auftritt ohne Publikum statt.
Übrigens, wie die Queen natürlich noch einen wesentlich imposanter klingenden Namen hat, so hat ihn natürlich auch unsere Royalty. Sie nennt sich Selenicereus grandiflora, kommt eigentlich aus Amerika, wo sie bis zu fünf Meter lange Triebe entwickelt. Aber keine Sorge, sie weiß sich an kleinere Wohnungen anzupassen. weiterlesen schließen
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