Pro:
Klassiker der Filmgeschichte, rührend, zwei grandiose Darsteller
Kontra:
nicht so mein Ding, Überhöhung wirkt teilweise lächerlich
Empfehlung:
Ja
Auf Empfehlung eines Freundes auf einer anderen Plattform habe ich mir vor kurzem einen bedeutenden Klassiker der Filmgeschichte angesehen, einen Film, von dem ich bisher nur eine Rezension im Filmalmanach meiner Eltern kannte, in dem ich als Kind zu gern blätterte.
** Die Geschichte **
Gelsomina (Giulietta Masima) soll die Stelle ihrer verstorbenen Schwester Rosa bei dem grobschlächtigen fahrenden Künstler Zampano (Anthony Quinn) einnehmen. Ihre Mutter verkauft sie praktisch für wenige Groschen an den Mann, damit es einen unnützen Esser weniger in der armen Familie gibt.
Während die etwas naive und kindliche Gelsomina die Sache ziemlich aufregend findet, trichtert ihr Zampano mit der Rute seine Vorstellungen von Kunst ein. Von nun an trommelt das Mädchen bei seinemn Nummern und spielt in komischen Stücken mit, die eher peinlich als lustig sind, Aber das Publikum im ärmlichen Italien hat wohl auch sonst nicht viel zu lachen.
Seele und Gefühle der armen Gelsomina sind dem gefühllosen und brutalen Mann völlig egal. Er trampelt auf ihr herum, schleppt in ihrem Beisein andere Frauen ab, versäuft das erarbeitete Geld und zeigt ihr immer wieder, wie minderwertig sie in seinen Augen ist.
So ziehen sie von Ort zu Ort. Dabei entwickelt das Mädchen allmählich ein eigenes komisches Talent und ist mit ihrem kinlichen Gemüt vor allem für die Kinder ein Spaß.
Doch eines Tages probt Gelsomina den Aufstand, weil sie es satt hat, von Zampano immer mißachtet zu werden, und läuft fort. Doch Zampano sammelt sie wieder ein, mit Gewalt.
In Rom schließen sie sich einem Zirkus an, der dort gastiert. Hier legt sich der große Zampano mit dem Akrobaten Matto (Richard Basehart) an, der sich über ihn lustig macht. Gelsomina jedoch fasziniert der Mann, der sie vor allem mit seiner Musik verzaubert. Als der sie auch noch in seine Nummer einbaut, rastet Zampano aus, verprügelt Matto und wandert ins Gefängnis. Nun hätte Gelsomina die Möglichkeit, von ihm loszukommen, aber sie schafft es nicht.
Als Zampano wieder frei kommt, begegnen sie Matto wieder und es kommt zur Katastrophe.
** Darsteller **
Zwei Schauspieler tragen diesen Film, zwei Schauspieler, die die heutige Generation möglicherweise schon garnicht mehr kennt.
Für Giulietta Masima war dies die erste richtig große Rolle und ihr internationaler Durchbruch. Später spielte sie nicht nur in den Filmen ihres Mannes, Federico Fellini, sondern auch mit anderen großen Regisseuren. Für ihre Darstellung einer Prostituierten in "Le Notti di Cabiria" (Die Nächte der Cabiria) erhielt die Masina 1957 einen Oscar und den Schauspielerpreis in Cannes.
Anthony Quinn (Alexis Sorbas, Dem Himmel so nah) hatte bis zu diesem Film nur unbedeutende Nebenrollen auf dem amerikanischen Kontinent gespielt, bis ihm neben Marlon Brando in „Viva Zapata“ der Durchbruch gelang und ihm Rollen in Europa einbrachte. Der ersten großen Erfolg hatte er dann mit diesem Film als ungeschlachter, brutaler Straßengaukler Zampano.
** Filmkritik **
Mit alten Filmen ist es wie mit Kunst überhaupt: der Geschmack der Menschen ändert sich und man sieht die Klassiker heute mit anderen Augen. Insofern bin ich vilelicht jetzt ein wenig blasphemisch mit meiner Beurteilung.
Man kann in den Film viel hinein interpretieren, ihn politisch, sozial oder psychologisch sehen. Da hab ich wohl nicht die Sensibilität dafür, und ich muß ihn mal ein wenig auseinandernehmen.
Die Handlung ist mit den heutigen Ansprüchen gesehen natürlich flach und spärlich, die Dialoge knapp und auf das Nötigste beschränkt. Allerdings könnte der Film in seiner Art das erste Road Movie aller Zeiten gewesen sein, denn hier geht es wie in dem später benannten Genre um Menschen, die sich von Ort zu Ort bewegen, Station machen, Erlebnisse „on the road“ haben.
Wie ihr vielleicht der Inhaltsangabe entnommen habt, geht es hier um die krasse und realistische Darstellung des Lebens auf der Straße in den 50er Jahren, um eine Form von modernem Sklavenhandel (ich nenne 1954 einfach mal modern), um zwischenmenschliche Beziehungen und um den Wert des Menschen.
Eine Mutter verkauft ihre Tochter für ein paar Groschen (denn 1000 Lire waren damals sicher nicht viel mehr wert), damit sie in ihrer Armut entlastet ist. Der Käufer läßt das Mädchen schuften, während er die angenehmen Seiten seines Daseins genießt. Und wenn etwas nicht nach seinem Sinn ist, züchtigt er seine Sklavin. Ziemlich drastisch, oder? Was mir aber aufgefallen ist, weil heute auch noch so: egal, wie arm die Menschen sind, für Gaukler oder einen Zirkus fällt immer noch was ab, und wenn es eine Mahlzeit ist.
Erschreckend ist immer wieder die Erniedrigung der armen Gelsomina, weil sie etwas „anders“ ist, als normale Menschen. Dabei hat sie ebenso Gefühle und Bedürfnisse wie andere. Die ganze Zeit hungert sie nach einem guten Wort von Zampano, der sie jedoch immer nur als minderwertig beschimpft.
Das hat mich am Film schon ziemlich berührt.
Auch wenn ich den Film nicht unbedingt für soooo umwerfend halte, eines muß man ihm lassen: die darstellerische Qualität der Masina ist einfach brillant. Sie spricht wenig, aber die Mimik der Figur ist so aussagekräftig, daß sie auch durchaus eine Taubstumme hätte spielen können. Ihre schauspielerische Leistung und das Schicksal ihrer Figur machen damit auch die größte Wirkung aus.
** Meine Meinung **
Ein Klassiker, der gewöhnungsbedürftig ist für den heutigen Geschmack. Die Dialog sind knapp, der Inhalt kurz und arm an Abwechslung. Was aber besticht, ist die sehr situative und einfühlsame Musik und das exzellente und ausdrucksstarke Zusammenspiel der beiden Hauptdarsteller.
Empfehlenswert im Prinzip nur für Kunst- oder Fellini-Fanatiker.
** Daten **
Italien 1954
Regie: Federico Fellini
Kamera: Otello Martelli
Drehbuch: Federico Fellini, Tullio Pinelli, Ennio Flaiano
FSK 16 weiterlesen schließen
Bewerten / Kommentar schreiben