Pro:
Ein sehr einfühlsames Buch, das dem älteren Geschwisterchen hilft, sich auf die veränderte Situation einzustellen, sehr schön illustriert
Kontra:
Bilderbücher, so auch dieses, sind teuer
Empfehlung:
Ja
...und dafür lieber ein Dreirad kaufen?
Das könnte einer der vielen Gedanken sein, die ein Kind beschäftigen, wenn ein Geschwisterchen in der Familie angekommen ist. Schließlich ist es ja trotz aller Freude auch eine enorme Umstellung für die ganze Familie, wenn ein Neugeborenes seinen Einzug in die Familie hält.
Besonders wichtig erscheint mir, dass das ältere Kind nicht durch die Ankunft eines Geschwisterchens überrascht wird, sofern es die Situation bereits erfassen kann. Selbst wenn es eine gezielte Vorbereitung durch die Eltern erhält, so hat es doch seine völlig eigenen Erwartungen an den neuen Erdenbürger und sieht sich auch recht häufig getäuscht, weil es sich nicht um den erhofften neuen Spielkameraden, sondern gerade am Anfang in aller erster Linie um ein schreiendes Bündel handelt, zu dem ständig alle hinlaufen und schauen, was es denn hat und warum es denn wohl schreit.
Das macht oft gleichzeitig traurig, ärgerlich, eifersüchtig, aber auch ganz schön wütend, weil man als älteres Geschwisterchen erst einmal begreifen muss, dass jenes kleine Wesen diese Aufmerksamkeit ganz dringend benötigt, genau wie man selbst, als man noch so klein war! Das hatte man sich doch eigentlich anders vorgestellt.
Als unser jüngstes Patenkind ein Geschwisterchen bekommen sollte, hatten seine Eltern überlegt, wie sie das dem "Großen" nun liebevoll nahe bringen könnten. Sie unterhielten sich recht viel mit ihm über das Geschwisterchen und über die kleinen Babys im Allgemeinen. Die meisten seiner Freunde hatten bereits ein Geschwisterchen. So hatte er auch schon eine gewisse Vorstellung davon, wie klein so ein "neues" Kind ist. Um diese Gespräche noch ein wenig abzurunden, überlegte meine Freundin, ein entsprechendes Bilderbuch zu besorgen.
Sie stöbert genauso gerne in Buchhandlungen wie ich, weil sie auch gerne liest. Bei dieser Gelegenheit entdeckte sie das vorliegende Buch von Astrid Lindgren:
"Ich will auch Geschwister haben"
Das brachte sie für Jonas mit und somit hatten mein Patenkind und ich in der Zeit vor der Geburt des Geschwisterchens dieses Buch ganz oft in der Hand und haben darin gelesen, die einzelnen Bilder betrachtet und uns mit Peter, dem großen Jungen in der Geschichte beschäftigt.
Peter ist jetzt so groß.
Damit wird das Buch eingeleitet. Gleichzeitig wird ein kleiner Streifzug in die Vergangenheit Peters unternommen. Denn wer nun groß ist, war gewiss auch einmal klein. So war es auch mit Peter. Er hatte eine liebe Mama, die immer nach ihm sah, mit ihm schmuste, wenn er brüllte und ihm zu trinken gab, wenn er Hunger hatte. Täglich wurde Peter gebadet. Auch sein Papa hatte Spaß, dabei zuzuschauen. Überhaupt war Peter das liebste Kind und bestimmt auch eines der niedlichsten Kinder auf der Welt. Jedenfalls für seine Mama und seinen Papa war das so.
Natürlich wurde Peter größer, lernte sprechen und laufen. Kurzum, er wurde ein Junge, der gerne mit anderen Kindern auf der Straße spielt und viel Spaß hat.
Einmal traf Peter einen seiner Freunde, der einen Kinderwagen schob. Es war Jan, der ein kleines Brüderchen bekommen hatte. Er wollte von Peter wissen, ob er denn keine Geschwister habe. Geschwister hatte Peter nicht, aber ein Lastauto, auf das man Bauklötze laden kann. Jetzt behauptete Jan auch noch, dass ein kleines Brüderchen besser sei, weil man da einen Kinderwagen schieben könne.
Zu Hause angekommen, lief Peter gleich zu seiner Mama. Er sagte ihr, dass er auch ein Geschwisterchen haben wolle. Das bekomme er auch, antwortete seine Mama ihm. Da war Peter aber erstaunt, dass er nicht wie sonst lange fragen musste, wenn er sich mal etwas wünschte. Gleich wollte er mit der Mama losgehen, um das Baby zu kaufen. Ein Baby könne man nicht kaufen, erklärte die Mama ihm. Und dann fragte sie Peter, ob er denn nicht gemerkt habe, dass ihr Bauch in letzter Zeit so dick geworden sei. Das käme nämlich daher, dass das Brüderchen oder Schwesterchen in ihrem Bauch wachse. Wenn es dann soweit sei, dass das Baby herauswolle, käme sie ins Krankenhaus, wo man ihr auch helfe, das Baby auf die Welt zu bringen.
Bald war es dann auch soweit. Peters Mama ging ins Krankenhaus und kam mit einem Baby zurück. Das war Peters kleine Schwester Lena. Sie war so klein und konnte auch bloß brüllen. Wenn Lena weinte, schmuste Mama mit ihr und sprach ganz lieb zu ihr und fand Lena genauso niedlich wie Peter. Auch Lena wurde jeden Abend von Mama gebadet und Papa schaute zu. Die beiden hatten Lena sehr lieb.
Peter hatte Lena jetzt gar nicht mehr lieb. Alles drehte sich nur um Lena und so kam er bald auf den Gedanken, dass Mama und Papa Lena vielleicht sogar ein bisschen lieber haben als ihn. Bei diesem Gedanken wurde er besonders böse auf Lena. Vielleicht sollte man sie doch verkaufen und stattdessen ein Dreirad besorgen? Bestimmt würde aber niemand Lena haben wollen. Das machte Peter so ärgerlich, dass er nach Lena schlug, als sie auf ihrer Krabbeldecke lag.
Sofort kam seine Mama angerannt und schimpfte mit ihm. Jetzt wurde Peter auch ärgerlich auf seine Mama. Natürlich merkte er schon, dass es nicht richtig ist, so ein kleines Baby zu hauen. Aber zugeben mochte er das jetzt nicht.
Peter konnte es einfach nicht ertragen, dass seine Mama sich soviel mit Lena beschäftigte. Immer machte er irgendeinen Unsinn, um Mama von Lena abzulenken. Einmal schnitt er sich einen Großteil seiner Haare ab. Auch eine Teekanne zerschlug er auf dem Fußboden. Und immer wenn Mama daraufhin aufgeschreckt zu ihm rannte, freute er sich. Es brachte aber keinen Erfolg, weil seine Mama sich natürlich auch über ihn ärgerte.
Peter wurde richtig unglücklich, weil er mittlerweile an sein Gefühl glaubte, dass seine Eltern Lena lieber haben als ihn. Zum Glück merkte seine Mama das aber noch rechtzeitig. Sie nahm sich wirklich Zeit und schmuste ganz lange und lieb mit Peter, genauso wie mit Lena. Sie sagte Peter, dass sie ihn ganz besonders lieb habe. Erst hatte sie ihn so lieb, weil er ganz klein war und nun, weil er so groß ist. Das freute Peter sehr und tat ihm richtig gut. Er fand Lena dumm. Aber auch hier sagte seine Mama ihm etwas ganz Wichtiges. Lena sei klein, aber nicht dumm. Aber mit kleinen Kindern habe man besonders viel Arbeit. Das fand Peter auch.
Mama fand, dass Peter bei der Versorgung von Lena ruhig helfen solle. Das wollte Peter dann auch gerne tun. Ob er denn auch soviel Mühe gemacht habe, wollte Peter noch wissen. Weil das mit Peter nicht anders war, durfte nun Lena klein sein und viel Arbeit machen. Er konnte seiner Mama ja bei der vielen Arbeit mit Lena helfen. Das tat er nach Kräften und seine Mama freute sich darüber.
Wenn sie einen Spaziergang mit Lena machten, schob Peter den Kinderwagen und verkündete allen stolz, dass das Baby im Kinderwagen sein Schwesterchen sei.
Mit der Zeit wurde Peter größer und Lena auch groß. Sie bekamen noch ein Brüderchen. Nils war jetzt klein und machte Mühe und konnte nur brüllen. Mama hatte auch Nils sehr lieb, tröstete und schmuste mit ihm, wenn er schrie. Natürlich war Nils genauso niedlich wie Peter und Lena. Auch Nils wurde täglich am Abend gebadet. Papa und seine beiden großen Kinder schauten zu und sie hatten Nils auch sehr lieb. Peter und Lena fanden es nicht schlimm, wenn Mama sich mit Nils mühte. Sie konnten nämlich nun schon gut miteinander spielen. Peter war sicher froh, dass er Lena doch nicht gegen ein Dreirad eingetauscht hatte, denn mit wem hätte er sonst eine Kissenschlacht machen können. Nils war doch noch viel zu klein...
Meine Erfahrungen mit diesem Buch waren schon sehr vielfältig. Einerseits konnte unser Patenkind Jonas sich mit dem Gedanken anfreunden, dass da noch so ein kleines Geschwisterchen ankommt. Aber als das Brüderchen geboren wurde, war Jonas’ dritter Geburtstag gerade einen Monat her. Er hat dieses Bilderbuch sehr gerne angeschaut und nimmt es auch heute noch manchmal in die Hand. Als das Geschwisterchen noch nicht da war, fand er das alles schön und freute sich auch. Aber es war schon manchmal komisch, wenn ihn einer nach dem anderen ansprach, ob denn das Geschwisterchen immer noch nicht da sei.
Nachher ging es Jonas nicht so sehr anders als Peter in dem vorliegenden Buch. Es hatte sich vorher alles um ihn gedreht und nun kam dieser kleine Junge und eroberte im Sturm seine Eltern und alle die anderen Menschen, die sich vorher nur um ihn gekümmert hatten. Deshalb ist es gut, dass die Geschichte weitergeht und Peter nachher bei der Versorgung helfen kann. Ein Kind kann auch gut erkennen, dass sich die Geschichte mit jedem neugeborenen Kind wiederholt. Astrid Lindgren hat hier sehr gut herausgearbeitet, dass es nicht nur um die Pflege, sondern auch um die gefühlsmäßige Hinwendung zu einem Neugeborenen geht. Für die psychische Gesundheit eines Kindes und ist das genauso wichtig wie Essen, Trinken und die nötige Körperpflege. Ein Baby, das auf diese Hinwendung verzichten muss, kann schwere psychische Schäden davontragen, die im schlimmsten Fall mit dem Tod enden können. Darüber gibt es viele gesicherte Untersuchungen.
Einem Dreijährigen kann man das natürlich nicht so erklären. Aber man kann ihm schon klarmachen, dass er auch nur dann zu anderen Menschen lieb sein kann, weil seine Eltern ihn eben auch lieb haben. Dieses Gefühl kommt fast allen Erstgeborenen am Anfang, wenn die Rollen neu verteilt werden, etwas abhanden. Eltern, Verwandte und Freunde können da besonders hilfreich wirken, wenn sie dem älteren Geschwisterchen helfen, seine neue Rolle zu finden und sie dann auch anzunehmen.
Mittlerweile ist Jonas wirklich ein "großer" Bruder und passt auf, dass das mit seinem "kleinen" Bruder auch alles richtig gemacht wird. Natürlich kommen immer wieder kleine Eifersuchtsgefühle hoch, die aber in dieses Alter entwicklungsbedingt mit hineingehören. Das Buch wird also nicht alle negativen Gefühle verhindern, trägt aber den Gefühlen der erstgeborenen Kinder ein wenig mehr Rechnung. Deshalb ist es sicher ein Buch, welches nicht nur dem älteren Kind, sondern auch den Eltern hilft, über die veränderte Situation ins Gespräch zu kommen und auch weiterhin darin zu bleiben.
Ein ganz wesentlicher Aspekt bei einer Familienveränderung ist auch die Neuordnung des Besitzes und des Kinderzimmers. Viele Dinge, die ganz selbstverständlich zum Besitz des ersten Kind zählten, werden nun an das jüngere Geschwisterchen abgegeben. Selbst wenn man etwas neues oder anderes dafür bekommt, ist die Trennung von etwas Vertrautem, auch wenn es in der Familie bleibt, zu akzeptieren. Sich von etwas Vertrautem zu trennen und es hergeben zu können, bedeutet, dass man es auch besitzen durfte. Das muss man aber lernen und begreifen können. Auch Rücksichtnahme muss geübt werden. Man muss dem Baby eine gewisse Ruhe zugestehen, wenn es gestillt wird, wenn es schläft. Man muss auch vorsichtig mit dem Baby sein.
Wenn das "muss" dann noch durch ein "kann" ersetzt wird, fängt es an Spaß zu machen, schon so groß zu sein.
Dann kann man der Mama beim Wickeln des Babys helfen und kann mit der Mama die Zeiten genießen, in denen das Baby schläft. Man kann mit der Mama das Baby ausfahren. Und schließlich wird es irgendwann auch größer und dann könnte es ja mit dem gemeinsamen Spielen doch noch etwas werden.
An dieser Stelle möchte ich ein Sprichwort ein wenig mehr an die geschilderte Geschichte und die Situation anpassen:
"Geschwister werden ist nicht schwer, Geschwister sein dagegen sehr!"
Um eine gute geschwisterliche Beziehung anzubahnen, müssen sich Eltern der Gefühle bewusst werden, die im Erstgeborenen vorgehen. Das ist Astrid Lindgren mit dem vorliegenden Buch hervorragend gelungen.
Astrid Lindgren hat zum diesem Thema 1971 einen ganz besonders schönen Text verfasst und es spricht für die gute Übersetzungsarbeit von Thyra Dohrenburg, dass dieser Text in der deutschen Sprache sinngemäß sehr gut erhalten blieb. llon Wikland hat 1978 in bewährter Weise die Illustration übernommen.
Das Buch ist 1979 erschienen im
Friedrich Oetinger Verlag Hamburg
Die schwedische Originalausgabe erschien bei
Raben & Sjögren, Stockholm
unter dem Titel "Jag vill ocksa ha ett syskon"
Das Buch kostet mittlerweile 12 Euro
ISBN 3-7891-60334
antjeeule 8/2002 weiterlesen schließen
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