Pro:
erinnert an San Francisco
Kontra:
ist halt eine Großstadt
Empfehlung:
Ja
Unsere Reise auf die Azoren brachte es mit sich, dass wir in Lissabon übernachten mussten. Wenn schon, denn schon, sagten wir uns, dann bleiben wir doch gleich 2 Nächte und nutzen den zusätzlichen Tag, um uns Lissabon anzusehen und zu schauen, ob es im Westen mittlerweile doch was Neues gibt.
Immerhin war ich im Jahre 1986 im Rahmen einer vom Reiseveranstalter angebotenen 2-tägigen Bustour von der Algarve aus schon einmal in Lissabon gewesen. Und um ehrlich zu sein, hatte es mich damals gar nicht so sehr beeindruckt. Und das hatte im wesentlichen 2 Gründe. Zum einen war es damals unerträglich heiß, so zwischen 35 und 40 °C, was die Unternehmungslust ziemlich dämpfte. Und zum anderen lag es daran, dass wir in einer Reisegruppe unterwegs waren. Dieses Mal hatte ich, wie so oft bei Städtereisen, den Marco Polo als Reiseführer dabei. Und unter seinen „Bloß nicht“-Tipps rät der ausdrücklich davon ab, nach Lissabon eine Gruppenreise zu machen. Denn dann würde man in die billigsten und schlechtesten Restaurants geführt werden und man bekäme „Pseudo“-Fado-Aufführungen geboten. Und genauso war es damals. Dafür hatten wir, wie sich herausstellen sollte, die schönsten Stellen Lissabons gar nicht gesehen. Mit anderen Worten, meine anfängliche Skepsis, einen Urlaubstag für Lissabon zu opfern, war dieses Mal nicht gerechtfertigt, wie sich bald zeigen würde. Aber der Reihe nach.
Als wir an einem Sonnabend mittags die TAP-Maschine in München nehmen, sind wir gut 2 Stunden später am Flughafen in Lissabon, wobei wir wegen des Zeitzonenwechsels noch eine Stunde gewonnen haben. Hier steigen wir in ein Taxi und ich teste gleich meine aus dem Reiseführer erworbenen Portugiesisch-Kenntnisse „Boa tarde. Para o hotel Miraparque, por favor.“ Dieses Hotel hatte ich bereits Wochen vorher über www.hrs.de reserviert. Auswahlkriterien waren halbwegs zentrale Lage und ein günstiger Preis (56,10 EUR pro Doppelzimmer inkl. Frühstück). Die Fahrt dauert 15-20 Minuten, und dafür zahlen wir 13 EUR. Mit unserer Reservierung ist alles in Ordnung. Nachdem wir unser Zimmer bezogen haben, ziehen wir nach einer kurzen Verschnaufpause in die Innenstadt. Dabei müssen wir im Wesentlichen nur die langgezogene Avenida da Liberdade hinunterlaufen. In der Altstadt erblicken wir durch eine Seitenstraße eines der vielen Wahrzeichen Lissabons, den Elevador de Santa Justa, der einst gebaut wurde, um die Unterstadt (Baixa) mit dem Chiado-Viertel zu verbinden. Denn in Lissabon geht es ständig bergauf und bergab. Kein Wunder, schließlich wurde die Stadt auf 7 Hügeln erbaut. Deshalb gibt es Aufzüge und kleine Straßenbahnen als Verkehrsmittel. Es erinnert gleich so vieles an meine Lieblingsstadt San Francisco. Heute ist der Elevador de Santa Justa eine reine Touristen-Attraktion. Unten zahlt man seinen Eintritt, der dem Preis eines Bustickets entspricht (damals 1 EUR pro Richtung, man lässt es sich also gut bezahlen). Dabei wird der Fahrstuhl keineswegs mit Fahrgästen vollgestopft, max. 20 Personen können mitfahren. 32m höher führt der Ausstieg lediglich auf eine kleine Plattform mit angeschlossenem Café, der Zugang zum höhergelegenen Stadtteil wurde stillgelegt. Dafür hat man von hier schon einen schönen Ausblick auf weite Teile Lissabons. Vom Chiado-Viertel blickt man hinüber auf das hochgelegene Castelo de São Jorge, zur rechten sieht man den breiten Strom Rio Tejo (sprich: Teschu), der als Tajo aus Spanien kommt und in Lissabon in den Atlantik mündet. Dieser Fluss bringt viel Gutes, denn Lissabon ist die Stadt des guten Wasser, so jedenfalls der Name, der seinen Ursprung in der Zeit der Besetzung durch die Römer hat (1200 v. Chr.): Aus Lix bona wurde Lisboa (Sprich: Lischboa). Heute leben hier gut 500.000 Menschen, in der unmittelbaren Umgebung jedoch nochmals so viele.
Wieder in der Unterstadt, werden wir ein paar Straßen weiter Zeuge eines tragischen Unfalls. Während wir an einer Ampel warten, höre ich plötzlich nur einen entsetzlichen Knall und sehe, wie ein alter Mann, der wohl unvorsichtig hinter einem Wagen verdeckt die Straße überqueren wollte, von einem mit überhöhter Geschwindigkeit herannahenden Auto erfasst und durch die Luft geschleudert wird und schließlich mit dem Kopf auf dem Bürgersteig aufschlägt. Viele Menschen rennen aufgeregt zur Unfallstelle. Völlig konsterniert gehen wir weiter und sehen wie in der nächsten Straße offensichtlich ein Film gedreht wird. Da wir auch nach 10-15 Minuten noch keinen Rettungswagen hören, halten wir es für möglich, dass der Unfall auch zum Film gehört und ein Stunt ist. Auf dem Rückweg gehen wir noch mal an der Unfallstelle vorbei. Doch unsere Hoffnung, dass es sich um kein Unglück handelt, bestätigt sich nicht. Erst jetzt kommt nach ca. 20 Minuten der Rettungswagen. Zum Glück zeigt der Verletzte noch Lebenszeichen, während der Unfallfahrer natürlich völlig fertig mit der Welt ist.
Der Appetit ist uns erst mal vergangen, so gehen wir noch ein bisschen durch die Straßen, bevor wir uns doch entschließen, zu Abend zu essen. In der Rua dos Correeiros finden wir Restaurant neben Restaurant, die hier auch auf Touristen aus sind, denn die Speisekarten sind stets mehrsprachig und meist steht ein „animierender“ Kellner vor der Tür. Neben Bacalhau (Kabeljau) und Lulas (Tintenfisch) gibt es in Lissabon vor allem Sardinhas (Sardinen), zu denen man Rotwein trinkt und die man stilecht mit der Hand isst. Ich habe allerdings den Eindruck, dass die Sardinen hier regelrecht in Salz gewendet wurden. Für meinen Geschmack sind sie jedenfalls deutlich zu stark gewürzt. Nach dem Essen, für das wir insgesamt etwa 30 EUR bezahlen, machen wir uns langsam zu Fuß zurück zum Hotel.
Nachdem wir an unserem ersten Tag in Lissabon einige Regentropfen abbekommen hatten, erwartet uns tagsdarauf am letzten Februartag prächtiges sonniges Wetter. Es ist nicht übermäßig warm, so um die 12 °C, aber nach Regen sieht es heute nicht aus.
So beschließen wir nach dem Frühstück, das Castelo de São Jorge zu besuchen, das hoch über der Stadt gelegen ist und einen prächtigen Ausblick über die Stadt der 7 Hügel verspricht. Um nicht den ganzen Tag zu Fuß unterwegs zu sein, steigen wir in einen der zahlreichen Linienbusse, die in Hotelnähe abfahren und einen ins Zentrum bringen. An der Station Rosso steigen wir aus und begeben uns zu einer Haltestelle der Trambahnlinien („Electrico“). Denn erstens geht es ja zur Burg ziemlich steil hinauf und zum anderen gehört so eine Fahrt mit der Electrico durch die engen Gassen zu Lissabon wie eine Cable Car- Fahrt zu San Francisco. Eigentlich gehe ich davon aus, dass mein Busticket für diese Weiterfahrt noch Gültigkeit hat, doch der Trambahnfahrer ist anderer Meinung. Echte Sorgen haben jedoch 2 deutsche Touristen, von denen die Ehefrau plötzlich ihren Geldbeutel vermisst. Vor Taschendieben in öffentlichen Verkehrsmitteln wird hier (auch in den Verkehrsmitteln selbst per Hinweisschild) ausdrücklich gewarnt. In diesem Fall dürfte der Dame der Geldbeutel beim Warten an der Haltestelle abhanden gekommen sein. Teilweise sind die Busse in Lissabon wirklich gestopft voll. Da sollte man sich dann tatsächlich überlegen, ob man sich da noch hineinquetscht, zumal der nächste Bus meist nicht lange auf sich warten lässt. Wer jedenfalls einmal mit der Electrico durch die schmalen Straßen gekurvt ist, wird sich gleich in Lissabon verlieben. Das schöne Wetter tut natürlich ein übriges. Leider war mir dieses Erlebnis wie überhaupt der Besuch des Castelo de São Jorge 18 Jahre vorher versagt geblieben. Sonst hätte ich ganz andere Erinnerungen an Lissabon mitgebracht.
An der Station Miradouro Santa Luzia steigen wir aus und gehen den Rest zu Fuß weiter. Wir bleiben ein Weilchen hier oben, genießen die wahrlich herrliche Aussicht nach allen Seiten und schießen natürlich viele Fotos. Auch die Festungsmauern bleiben vor uns nicht verschont. An diesem ersten Märztag sind hier schon einige Touristen unterwegs. Dabei habe ich den Eindruck gewonnen, dass, was Städtereisen angehen, die Italiener mittlerweile Reiseweltmeister sind. Der Eintritt hier oben ist übrigens kostenlos. Eine Camera Obscura mit Lissabon Panorama kann man leider nur vom 15.3.-15.9. besichtigen (hier wäre allerdings ein Obulus zu entrichten), so dass uns dieses Spektakulum, wie ich es in ähnlicher Weise in 2002 in Edinburgh erleben konnte, verwehrt bleibt. Und später beim Abstieg hören wir aus einem Haus auch Fado-Klänge, jene Art portugiesischer Volksmusik, die selten lustig ist, sondern oft schwerfällige Klagegesänge darstellt. Aber der Augenblick lässt mich auch diese Musik genießen. Natürlich wollen wir es uns nicht nehmen lassen, die verwinkelten Gassen nochmals richtig auszukosten, deshalb gehen wir zu Fuß zurück. Dabei machen wir einen Abstecher in das Viertel Alfama, angeblich ein Armenviertel, aber keineswegs eines von den Slums vieler Großstädte, in denen man als Besucher Angst haben muss. Im Gegenteil, an einem kleinen Laden bleiben wir stehen, um etwas Obst zu kaufen. Wir bedienen uns selbst, nur ist weit und breit kein Verkäufer sichtbar, während der Laden offen steht. Man hat hier offenbar keine Angst vor Diebstahl, vielleicht gemäß des Mottos „Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche greifen“. Nach 10-15 Minuten beschließen wir weiterzuziehen und lassen die Tüte mit der Ware vor dem Laden liegen. Da kommt uns plötzlich die Ladenbesitzerin entgegen, sie sieht die Tüte vor ihrem Laden, sie hält sie hoch und sieht uns lachend und fragend an, ob die von uns sei. Irgendwie haben wir den Eindruck, dass hier glückliche Menschen leben. Wir nehmen die Tüte mit dem Obst wieder in Empfang und zahlen dafür 50 Cent. Dann schlendern wir durch die Gässchen weiter. Hier spielt sich das typisch südländische Leben ab, mit über die Straße gespannten Wäscheleinen. D.h. an diesem Sonntagvormittag hat sich das Leben wohl mehr zurückgezogen, der Stadtteil wirkt eher ausgestorben. Es empfiehlt sich hier, nicht zu dicht an den Häusern lang zu gehen, denn unter dem Dach entleert gerade eine Taube ihr Nest und lässt eine größere Ladung „Fallobst“ hernieder. Immerhin stehe ich noch einen Meter weg. Glück gehabt. Auch diesen Stadtteil, der sich auch aufmacht, ein Künstlerviertel zu werden, werden wir in guter Erinnerung behalten.
Mittlerweile haben wir Alfama verlassen und das Ufer des Tejo erreicht. Wir beschließen, ein weiteres Wahrzeichen Lissabons aufzusuchen, den Torre de Belém. Da der doch einige Kilometer weiter westwärts am Tejo-Ufer liegt, nehmen wir dazu einen Bus, den wir im Stadtteil Belém verlassen. Dabei fahren wir unter der Brücke des 25. April hindurch, die starke Ähnlichkeit mit der Golden Gate Bridge aufweist. Sie ist über 3 km lang, und am anderen Tejo-Ufer erinnert das Wahrzeichen der Brücke an die Jesus-Figur aus Rio. Lissabon hat also von jedem etwas. Die Brücke wurde zwar schon 1966 gebaut, der Name ist jedoch dem Tag gewidmet, an dem am 25. April 1974 durch eine fast unblutige Revolution eine jahrelange Diktatur beendet wurde. 1998 wurde dann weiter nordöstlich die noch viel längere Ponte Vasco da Gama errichtet.
Bis zum Torre de Belém ist es jedoch noch eine ganze Ecke zu laufen. Dabei passieren wir vorher noch ein riesiges Seefahrerdenkmal („Padrão dos Descobrimentos“), das dem populären Portugiesen Heinrich dem Seefahrer und vielen seiner Anhänger gewidmet ist. Hier kann man mit einem Fahrstuhl bis zur Spitze fahren (Eintritt 2 EUR). Von oben hat man Weitsicht nach allen Seiten und Ansicht einer Weltkarte, die sich unten auf dem mosaikartig gepflasterten Platz befindet. Schließlich erreichen wir auch den Torre de Belém, der vor 500 Jahren gebaut wurde und ursprünglich ganz im Tejo stand, der aber teilweise verlandet ist, so dass man diesen Wachturm heute für 3 EUR besichtigen kann, ohne sich nasse Füße zu holen. Der 35 m hohe Turm, der aufgrund seiner Breite eher niedriger wirkt, ist reichlich verziert und bietet Anlass für so manches Foto.
Leider müssen wir den relativ weiten Weg bis zur Bushaltestelle wieder zurücklaufen, denn in unmittelbarer Nähe des Turmes befindet sich keine Haltestelle. Langsam tun uns jedoch die Füße weh, und besonders LosGatos’ Freundin muss sich etwas abplagen. Wieder im Zentrum angekommen, lassen wir uns erst mal zur Ruhepause in einem Café nieder, wo ich mir ein Gläschen Portwein bestelle. Diesen soll man unter Portugiesen in Lissabon übrigens nicht zu sehr loben, denn er kommt schließlich aus Porto, der großen Rivalin Lissabons (nicht nur im Fußball). Das ist so ähnlich wie in Spanien mit Madrid und Barcelona, um nicht das in Deutschland bekanntere Beispiel Köln / Düsseldorf anzuführen.
Zum Herumlaufen haben wir jetzt nicht mehr viel Lust. Um die Zeit bis zum Abendessen zu überbrücken, fahren wir nur noch mit der Electrico das kurze sehr steile Stück vom Rossio bis in die Oberstadt, um von dort noch einen schönen Ausblick vom Miradouro de S. Pedro zu genießen. Dann treibt uns wirklich der Hunger und wir halten Ausschau, ob nicht einzelne Lokale schon vor 19 Uhr geöffnet haben. Es gibt zwar einige wenige, wo wir auch in eines hineingehen. Allerdings haben wir nicht den Eindruck, dass wir so früh schon willkommen sind. Denn um diese Zeit speisen meist die Inhaber selbst. Wir werden zwar bedient, jedoch die Freundlichkeit haben sie in Lissabon nicht überall erfunden. Hier probiere ich dann auch mal Bacalhau, der jedoch recht trocken und mit vielen rohen Zwiebeln garniert daherkommt, was mir nicht übermäßig zusagt. Es stört mich aber andererseits auch nicht, wenn meine kulinarische Neugier mal nicht so ganz auf ihre Kosten kommt. Denn Leute, die immer nur das bestellen, was sie kennen, sind mir eher suspekt. Nein, dieses Mal waren keine Engländer da, die Chicken mit Pommes Frites aßen.
Zum Schluss haben wir noch ein kleines Erlebnis der unerfreulichen Art. Denn heute würden wir den Weg ins Hotel zu Fuß nicht mehr zurück schaffen. Deshalb steigen wir in das nächstbeste Taxi. Als ich den Namen des Hotels sage, wiederholt der Fahrer den etwas ungläubig. Ich will ihm noch die genaue Adresse sagen, aber LosGatos’ Freundin hat den Braten schneller gerochen. Die erwartete Einnahme von 4 EUR für die relativ kurze Strecke (ca. 1km) ist dem Herrn wohl zu wenig. Also steigen wir wortlos aus und ins nächste Taxi ein, wo wir mehr Glück haben. Ich habe zwar schon oft gehört, dass Taxifahrer auch in Deutschland gelegentlich die Beförderung für zu kurze Strecken ablehnen, erlebt habe ich das heute in Lissabon jedoch weltweit zum ersten Mal.
Boa noite!
Copyright LosGatos
Erstveröffentlichung 2.4.2004
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