Pro:
Fesselndes Geschichtsdrama und ergreifender Schicksalsbericht, blutige sowie realistische Beschreibung der Details, gute Figurenzeichnung, gefälliger Schreibstil
Kontra:
Das etwas vorhersehbare Ende im quasi Märchenstil
Empfehlung:
Ja
Ob sich die Autorin dieser Geschichte ganz bewusst für diesen auffallend-aufdringlichen Titel entschieden hat, oder ob sie von anderer Seite dazu beeinflusst wurde, das weiß ich natürlich nicht. Bei mir jedenfalls hat es Iny Lorentz geschafft, in ihrem dritten Roman mit dem prägnanten Titel „Die Wanderhure“ ein gewisses Interesse zu wecken. Aber auch der grobe Plot auf dem Buchrücken niedergeschrieben, schien doch eine außergewöhnliche Geschichte zu versprechen, die auch mich als eher skeptischer Leser was historische Erzählungen anbelangt, doch äußerst neugierig werden ließ.
Dennoch – ich gebe es zu – versprach ich mir Vorab nicht wirklich all zu viel von dieser Abhandlung aus finsterer Zeit, obwohl ich insgeheim doch hoffte (tun wir das nicht immer wieder von neuem), dass sich da eine Geschichte zwischen den Seiten versteckt hat, die mich zu packen versteht. Ach was, ich wäre ja schon zufrieden gewesen, wenn mich das Geschehen soweit angesprochen hätte, dass ich das Buch nicht vorzeitig beenden müsste, und den Tag womöglich insgeheim verfluchte, an dem die Verfasserin das Schreiben erlernt hatte.
Bei derlei schlechten Vorahnungen, die trotz der relativ guten Kritiken von anderer Seite bezüglich vorliegenden Buches irgendwie nicht verstummen wollten, kam dann doch Gott (oder viel besser der Schreiberin) sei Dank alles ganz anders.
Handlung
Marie Schärer ist eine braves, fast schon keusch zu nennendes Mädchen aus einem guten Bürgerhaus. Ihr Vater tut alles dafür, um sie mit einem aufstrebenden Adeligen zu vermählen. Dazu lädt der Vater von Marie den Bräutigam Graf Ruppert zu sich ins Haus, um seine Tochter noch einmal hervorzuheben, und die Hochzeitsvorbereitungen zu besprechen. Doch dem scheinbaren Freier liegt nicht so viel an einer Vermählung, sondern viel mehr am Besitz der gutbürgerlichen Familie. Zu diesem Zweck fädelt der Graf eine teuflische Intrige ein. Marie wird beschuldigt nicht mehr Jungfrau zu sein -, es mit vielen Bekannten aus der Nachbarschaft gar wild getrieben zu haben. Das von den Anschuldigungen völlig überrumpelte Mädchen wird ohne viel Federlesens in den Kerker geworfen.
Dort wird Marie von ein paar Burschen aufs übelste geschändet, die vom Grafen speziell zu diesem Zwecke angeheuert wurden. Die kurz darauf einberaumte Gerichtsverhandlung gibt in einem Schnellverfahren dem ränkeschmiedenden Grafen uneingeschränkt Recht. Marie wird der Hurerei bezichtigt, ausgepeitscht und mit Schimpf und Schande aus der Stadt gejagt. Dem Grafen wiederum wird als Entschädigung und Wiedergutmachung der gesamte Besitz von Maries Vater zugesprochen. Einzig ein Freund der Familie - Maries alter Schulkamerad - scheint sich nicht von dem Schmierentheater blenden zu lassen, und macht sich auf, um seiner heimlichen Liebe nachzureisen.
Marie, von der Auspeitschung gezeichnet, schleppt sich durch Wind und Wetter voran, bis sie schließlich völlig entkräftet zusammenbricht, um – wie sie glaubt – zu sterben. Doch Hiltrud eine Frau die sich als „Hübschlerin“ ihr Geld verdient, päppelt das halbtote Mädchen wieder auf, um sie darauf unter ihre Fittiche zu nehmen.
Anfangs ekelt es Marie bei der Vorstellung wildfremden Männern zu Willen zu sein. Doch nachdem sie sich überwunden hat, und es sonnst keine Möglichkeit zum Überleben zu geben scheint, fügt sie sich in ihr Schicksal. Nur der Gedanke an Rache lässt sie die erniedrigende Lebensweise ertragen. Die Rache an dem Mann und dessen Helfer, der ihr Leben und das ihrer Familie zerstört hatte...
Kritik
Iny Lorentz konstruiert ihre Überlebens- und Rachegeschichte zu Zeiten, in der das Leben für die weniger Privilegierten der Gesellschaft wahrlich kein Zuckerschlecken war, von der ersten Seite an anschaulich und interessant. Sie zieht den Leser in die sich immer unheilvoller werdenden Geschehnisse, als wäre es ein leichtes die Zeit einfach zurückzukurbeln, und mal eben in das Konstanz des Mittelalters einzutauchen. Die Geschichte gleicht in den ersten Abschnitten tatsächlich einer unausweichlichen Schussfahrt ins Verderben, und wenn man als Außenstehender denkt, es könnte nicht viel schlimmer kommen, dann zeigt Lorentz unmissverständlich auf, dass es durchaus noch viel schlimmer kommen kann. Die sich dahin ziehende Marter des Mädchens Marie, die Demontage ihrer Ehre - ihres guten Rufes, und schließlich die Vernichtung ihrer Familie, werden mit einer selten gesehenen Unbarmherzigkeit geschildert. Gleichwohl passen diese Grausamkeiten dann auch wieder ganz gut in den zeitlichen Rahmen, der diese erbarmungslose Epoche wirkungsvoll widerspiegelt.
Die Autorin zeigt hier sogar Detailaufnahmen von Gräuel aller Art, bei der die brutalen Vergewaltigungsszenen noch einmal besonders herausgehoben wurden. Diese Schändungen werden derartig plastisch und detailgetreu wiedergegeben, sodass diese Passagen sicherlich mit einigem Widerwillen (und dennoch einer gewissen morbiden Faszination) gelesen werden. Diese Abschnitte sind zwar ungemein grausam, aber nichtsdestotrotz tragen sie zu einem realistischen Gesamtbild dieser Zeitspanne bei, in der die Kirche und ihre Vasallen das große Sagen hatten, und mit ihren Gegnern nicht gerade zimperlich umgingen.
Lorentz bemächtigt sich immer wieder veralteter, aber gleichwohl verständlicher Wörter und Begriffe, die den empfundenen Wahrheitsgehalt dieses Historiendramas, das fast gänzlich aus der Sicht des zwangsweise zur Hure gewordenen Mädchens geschildert wird, nur noch stärker untermauern.
Dass die unterschiedlichen Charaktere dann auch außerordentlich real rüberkommen, liegt aber auch noch an anderen, weiteren historischen Bestandteilen, die die Autorin sicherlich sehr gewissenhaft recherchierte und an gegebener Stelle über ihre Geschichte träufelte. Die gefährliche Reise auf die die beiden Hauptprotagonistinnen (vorzugsweise auf Schusters Rappen) geschickt werden, führt sie an Orte und Landschaften im süddeutschen Raum, deren Verlauf wiederum sehr gut nachvollzogen werden kann. Der Wiedererkennungswert innerhalb der Erzählung ist infolgedessen vielleicht einen Tick größer, als würden sich die Geschehnisse an exotischeren Plätzen abspielen, auch wenn die Zeitliche Vorgabe natürlich auch hier alles ein wenig fremder, oder unwirklicher erscheinen lässt.
Lorentz schafft es jedenfalls sehr schön, dass man mit ihren sympathischen Figuren mitfiebert, sie gedanklich unterstützt und ihnen das Beste erhofft. Bei den negativen Charakteren und Schurken, die meist besonders boshaft gezeichnet wurden, ist natürlich das genaue Gegenteil der Fall und man wartet geradezu darauf, dass sie irgendwann ihre gerechte Strafe erhalten. Hier hat der Oberbösewicht noch mal eine ganz besondere Rolle inne, da dieser mehr durch Raffinesse, Raffgier und Verschlagenheit den Unmut der Leserschaft auf sich zu ziehen vermag.
Diese Gut-Böse Konstellation ist immer ein wenig am Rande zur märchenhaften Überhöhung eingebracht. Dennoch macht es einigen Spaß diesen Schlagabtausch in regelmäßigen Abständen mitzuerleben. Es ist eben das unabdingbare Motiv der Rache, das sich wie ein roter Faden durch die Story zieht, sie zusammenhält und letztendlich den Leser so richtig bei der Stange zu halten vermag, sodass der wohl kaum einmal für längere Zeit das Buch aus der Hand zu legen im Stande ist. Und wenn wir schon einmal bei märchenhaften Übertreibungen angelangt sind, möchte ich noch eine Sache ansprechen, die die Autorin vielleicht zu sehr nach einem erzwungenen, guten Ende schielen hat lassen, das unter Umständen dann doch ein bisschen zu viel des selben war.
Kann sein, ich verrate jetzt schon etwas zu viel: aber wer weiß mit welchem Satz meist alle Märchen enden, der kann sich schon eine recht genaue Vorstellung davon machen, wie auch diese Geschichte ihren Abschluss findet. Gewissermaßen eine Wiedergutmachung, wenn man bedenkt welche Torturen die Hauptdarstellerin im Laufe der Handlung durchzustehen hatte. Dem einen wird deshalb der Schluss gefallen, dem anderen möglicherweise schon etwas weniger. Am alles in allem überzeugenden Gesamtbild ändert das ein wenig zu seichte Ende freilich nicht mehr allzu viel.
Die Autorin
Iny Lorentz, eine gebürtige Kölnerin hat schon in verschiedenen Berufen gearbeitet. Zurzeit arbeitet sie sie als Programmiererin in einer Münchner Versicherungsanstalt. Sie schreibt schon seit den frühen 80er Jahren an Kurzgeschichten, die sie auch veröffentlichen konnte. Neben „Die Wanderhure“ gehen auch noch die historischen Erzählungen wie „Die Kastratin“ und „Die Goldhändlerin“ auf ihr Konto. Weitere historische Romane von der in München beheimateten Autorin sind in Vorbereitung.
Fazit
„Die Wanderhure“ ist ein ergreifendes Protokoll von Ränken, Intrigen und Machenschaften in Zeiten des finsteren Mittelalters. Es ist aber auch vor allem eine leidenschaftliche Geschichte von Verdammnis und Wiederkehr, die anhand der braven, aber ebenso mutigen Bürgerstochter Marie hautnah aufgezeigt wurde, die praktisch erst die Hölle durchlaufen muss, um letztendlich ihre Bestimmung zu finden. Unfassbare Szenen werden beschrieben, die schlichtweg brutal und Barbarisch sind, die aber jeweils sehr überzeugend Zeugnis von jener Ära ablegen, die alles andere als menschlich oder gar gerecht war.
Die Schreiberin schafft es den Betrachter für den Zeitraum der Lektüre in eine andere Welt mit lebendigen Figuren zu zerren, sodass sich dieser sicherlich emotional sehr stark auf die Story einlässt. In dieser wichtigen Disziplin erhält Iny Lorentz von mir fraglos die Bestnote. Zum Finale hin machte die Autorin den Fehler (für mich war es zumindest ein kleiner), dass sie ihrer Geschichte unbedingt ein Friede, Freude, Eierkuchen-Ende mit reichlich Tortenguss geben musste. Wer dergleichen mag, der darf sich freilich ohne Einschränkung von diesem Roman nur das Beste erwarten – nämlich Unterhaltung im historischen Gewand wie es sein sollte: einfach spannend, und wenn schon nicht bis zur letzten- dann aber sicherlich doch zumindest bis zu vorletzten Seite.
© winterspiegel für Ciao & Yopi
Iny Lorentz
Die Wanderhure
Roman
Knaur-Verlag
650 Seiten
Gebundene Ausgabe ca. 20 €
Taschenbuch ca. 9 € weiterlesen schließen
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