Pro:
anders; surrealistisch; Stimmung; Charaktere; indirekte Charakterisierung; Schilderung der Isolation; Erzählweise; andere Spannung;
Kontra:
nichts;
Empfehlung:
Ja
Eine mehr oder minder normale Familie. Die Eltern leben mit ihren vier Kindern Julie, Jack, Sue und Tom in einem Haus, haben zwar nicht viel Geld, aber kommen immer über die Runden. Das Familienleben wird durch die Dominanz des Vaters bestimmt, er entscheidet über alles hinweg, kann aber durch die Kälte, die er ausstrahlt, kaum eine Beziehung zu seinen Kindern aufbauen.
Als er sich zusammen mit seinem Ältesten, Jack, darum bemüht, den Garten einzubetonieren, stirbt er plötzlich an einem Herzinfarkt.
Von nun an muss sich die Mutter mit den Kindern selbst behaupten. Doch solange es auch gutgeht, so schwinden ihre Kräfte langsam, bis sie sterbenskrank im Bett liegt und nicht mehr aufsteht. Kurz vor ihrem Tod vertraut sie Julie und Jack - jeweils einzeln - an, dass sie für die Familie und das Haus sorgen müssen und dass sie sich auf das Versprechen ihrer Kind verlasse. Kurz darauf ist die Mutter tot, die Kinder verstört und ratlos, was sie machen sollen.
Würden sie irgendjemanden davon erzählen, würden sie womöglich in ein Heim kommen, getrennt werden und nie mehr zueinanderfinden.
Aus Angst und wegen der Sehnsucht nach dem Stillstand wählen die Kinder eine pragmatische Lösung: der übriggebliebene Zement des Vaters wird dafür gebraucht, im Keller die Mutter in eine Vorrichtung einzuzementieren. So würde niemand jemals von ihrem Tod erfahren und die Kinder würden zusammenbleiben.
Doch als Julie älter wird, sich für Jungs interessiert und an den Spieler Derek kommt, kann das mörderische Geheimnis nicht lange geheim gehalten werden - oder was ist das plötzlich für ein süßlicher Geruch, der sich im Haus breitmacht? Ein Spiel gegen die Zeit, auf das sich die Kinder eingelassen haben - gepaart mit erschreckend distanzierten und gleichzeitig furchtbar nahen Charakteren.
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ "Meine Mammi ist nicht tot" ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
Alex Rühle sagte einmal über Ian McEwan, dass er "ein Spezialist für das Grauen plötzlicher Ausnahmesituationen" ist, "in die er am liebsten wohlgesittete Mittelstandspaare geraten lässt."
Diese Aussage wird dem Buch "Der Zementgarten" vollkommen gerecht. Lebt die Familie anfangs einfach und sehr bescheiden, so entwickelt sich der Roman doch mehr und mehr zu einer Begebenheit, die man sich wohl eher in Träumen ausmalen würde.
Die Tatsache, dass die Kinder ihre Mutter in einer Kiste im Keller einzementieren schreit nach dem Wort 'unmöglich', nach etwas völlig Surrealem. Oder würde manch einem Kind, das uns vor wenigen Wochen noch brav von seinen Erlebnissen in der Schule erzählt hat, seine Mutter auf diese Weise beerdigen? Das Gefühl der Angst kann weite Kreise ziehen, doch auch wirklich in diesem Ausmaß?
Fast wird man als Leser selbst schon traumatisiert, fallen lassen will man sich hier keinesfalls, eher in letzter Sekunde dem Abgrund entweichen, der sich da so klaffend auftut.
Doch faszinierend ist die allgemeine Stimmung, die im Buch herrscht.
Anfangs wird von sexuellen Arztspielchen unter den Kindern erzählt, bei denen Jack seine Schwestern berühren darf, während sie nackt auf dem Bett liegen.
Seltsame Vorstellung, dass Kinder so ihre freie Zeit verbringen.
Jack, der die Geschichte erzählt, ist der sich Gekehrte, ja schon fast der von der Familie Isolierte. Keiner kommt an ihn heran, vermutlich würde man ihn heute pupertierend nennen und deswegen nicht 'ansprechbar'. Er schildert sich selbst als eine Person, die mit Pickeln übersät ist, zeitweise auch ziemlich übel riecht, weil er es aufgegeben hat, sich zu waschen, weil seine Haut dadurch eh nicht besser würde und der es fertig bringt, sich stundenlang in seinem Zimmer einzuschließen, an die Decke zu starren, zu schlafen und zu onanieren. Sein Tagesablauf gestaltet sich in etwa immer gleich, eine wirkliche Abwechslung gibt es schon zu Zeiten, als seine Mutter noch am Leben war, nicht. Nach ihrem Tod wird dieser Zustand nur noch schlimmer.
Allein die Tatsache, dass sich ein Kind so sehr in diese Richtung entwickeln kann, schockiert doch schon sehr. Die von ihm teilweise selbst gewollte Isolation endet darin, dass er komplett von den anderen Kindern vom Zusammenleben ausgeschlossen wird, nur mühsam kann er sich später wieder integrieren - dann, als sie zusammenhalten und ein gemeinsames Geheimnis wahren müssen.
Julie wird als die Provozierende und Dominante unter den Vieren charakterisiert. Sie verwaltet das Geld, organisiert das Essen und gibt im Grunde immer den Ton an. Fast schon mütterlich kümmert sie sich später um den kleinen Tom, als er den Wunsch hat, sich als Mädchen zu verkleiden. Sie verweichlicht ihn, zieht ihn so sehr an sich, dass er ihr gehorcht, ja, dass er schon fast von ihr hörig ist und jegliche anderen Aussagen, die sich gegen Julie richten, mit Hass vernichten möchte.
Auch zu Sue hat sie ein gutes Verhältnis, spätestens als Julie Derek der Familie vorstellt, halten die zwei Schwestern zusammen, reden über allerlei Dinge und schotten sich damit immer mehr von Jack ab. Tom dagegen ist oftmals als kleines Anhängsel einfach mit dabei, seine Anwesenheit stört kaum.
Sue schreibt zur Verarbeitung Tagebücher, die sie als die Gefühlvolle präsentieren. Nur einmal wird der Leser in ihre Welt geführt, als sie Jack einen Auszug daraus vorliest, um ihm zu zeigen, wie abwesend er ist.
"Der Zementgarten" hat durch diese vielen kleinen Erzählungen, eine sehr ergreifende und genaue Charakteristik von allen Personen erstellt, sodass man als Leser in etwa einschätzen könnte, wie die Personen sich verhalten könnten. Kaum ein Buch hat diesen Punkt so gut abgedeckt und das ganz einfach durch eine indirekte Charakterisierung.
Ebenso interessant ist die Beobachtung, dass die vier Kinder mit der Zeit, in der sie ihr Geheimnis hüten, mehr und mehr zusammenwachsen. Jack wird schon fast akzeptiert und integriert, die alten Riten werden zum Teil wieder praktiziert, er wäscht sich wieder und es gibt weniger Streit.
Der Leser muss an dieser Stelle verarbeiten, dass die immer weiter voranschreitende Isolierung von der Außenwelt eine immer festere Bindung der Kinder untereinander bedeutet, was zum Beispiel auch die Urkraft von Sekten darstellt. Eine kleine eigene Welt aufbauen mit Illusionen, die man nur in dieser Gemeinschaft aufrechterhalten kann. Kein Störenfried, der diese Vorstellungen zerstören kann.
Wie sieht es aber mit der Erzählweise des Autors aus? Da im Moment der Eindruck entstanden sein muss, dass diese Geschichte sehr schockierend und gruselig ist, muss der Autor wohl einen ganz bestimmten Weg gegangen sein. Er erwähnt keine Gefühlsregung der einzelnen Personen, das Einzige, was der Leser deuten könnte, wären zum Beispiel zugeschlagene Türen, die für Wut sprechen könnten.
Durch diese fast schon sachliche und formale Schilderung des Geschehens macht sich ein Gefühl der Distanz, des Unergründlichen breit, das auch für die Kinder in Bezug auf die Außenwelt passt.
Spannung im herkömmlichen Sinne kann man bei diesem Buch nicht erwarten.
Die Spannung besteht im Unnormalen, im Unergründlichen und in dem, was man selbst kaum nachvollziehen kann. Eine Art Spannung, die fordert, dass man mehr erfährt. Als Leser weiß man ja fast nie, was diese Personen als nächstes tun, den all ihre Handlungen erscheinen so fremd und fern.
"Der Zementgarten" ist sicherlich ein interessantes, aber kurzweiliges Buch. Es spielt fern in einer anderen Welt, was aber "das Grauen plötzlicher Ausnahmesituationen" perfekt rüberbringt und den Leser schon fast in einen tranceartigen Zustand versetzt.
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ Autor ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
Ian Mc Ewan wurde 1948 als Sohn eines Berufssoldaten in der Garnisonsstadt Aldershot geboren und verbrachte seine Kindheit an wechselnden Stützpunkten in Singapur, Libyen und England. Nach seinem Literaturstudium unter anderem bei den Schriftstellern Malcolm Bradbury und Angus Wilson reiste er in einem VW-Bus durch Europa und bis nach Afghanistan. Bereits der Erfolg seines Erzählungsbandes "Erste Liebe, letzte Riten" (1975) erlaubte ihm die Existenz als freier Schriftsteller. Heute gehört er zu den erfolgreichsten Schriftstellern.
[übernommen aus dem Buch "Der Zementgarten"]
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ Eckdaten ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
Titel: Der Zementgarten
ISBN: 3-937793-26-7
Seitenanzahl: 128
Preis: 4,90€
weitere Informationen unter: http://www.ianmcewan.com/
weitere Bücher von Ian McEwan:
-Saturday
-Liebeswahn
-Der Trost von Fremden
-Abbitte
-Amsterdam
-Erste Liebe, letzte Riten
-Ein Kind zur Zeit
-Liebeswahn
-Schwarze Hunde
-Unschuldige
u.v.m.
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ Fazit ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
"Der Zementgarten" ist sicherlich ein tiefgründiges Buch mit vielen interessanten Aspekten, die erschreckend und abstoßend wirken können. Kein Buch für jedermann, da es nicht den Romanen gleich, die es zur Genüge gibt.
Für dieses Buch gibt es fünf von fünf Sternen.
Viel Spaß beim Lesen wünscht Daniela.
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