Pro:
für Kinder recht amüsant, Mathematik einmal praktisch angewandt...
Kontra:
didaktisch fraglich, weil überzogen, Ziel verfehlt?
Empfehlung:
Nein
„Enzensberger? Das ist doch ein Schriftsteller, einer von der kritischen Sorte!? Und der schreibt Kinderbücher über Mathematik? Nehmen wir das doch mal mit und schauen einmal rein...“ So oder so ähnlich schoss es mir durch den Kopf, als ich neulich dort unsere örtliche Bücherei schlenderte – ja, ich geb’s ja zu: durch die Kinderabteilung... Schließlich, so dachte ich, müsste ich als zukünftige Mathelehrerin sehr wohl über den Sinn oder Unsinn dieses Buches urteilen können.
„Der Zahlenteufel“ heißt es und ist, wie der Untertitel suggeriert „ein Kopfkissenbuch für alle, die Angst vor der Mathematik haben“. Hans Magnus Enzensberger hat es verzapft, pardon, verfasst, in den Danksagungen verweist er auf diverse Personen vom Fach, die ihn unterstützt oder korrigiert haben. Illustriert ist dieses Meisterwerk der Fachdidaktik (Vorsicht, freilaufende Ironie!) von Rotraut Susanne Berner, die den Hauptfiguren ein Gesicht verleiht.
Darf ich einmal kurz um Handzeichen bitten (Kommentare täten’s auch *g*), wer im Laufe seiner Schulzeit Mathe nicht zumindest einmal verflucht hat? Auch ich mache da keine Ausnahme.
Ebenso geht es der Hauptfigur des Romans, Robert. Er ist in der fünften Klasse und hasst den Matheunterricht. Sein Lehrer, Dr. Bockel, gibt der Klasse nämlich immer ganz idiotische Aufgaben: „Wenn zwei Bäcker in sechs Stunden 444 Brezeln backen, wie lange brauchen dann fünf Bäcker, um 88 Brezeln zu backen?“ Und während die Klasse über den Aufgaben brütet, holt Dr. Bockel aus seiner Tasche eine Brezel hervor und mampft diese auf. Doch das hat ja nicht wirklich etwas mit Mathematik zu tun, sagt der Zahlenteufel.
Der Zahlenteufel ist eine Figur, eine Person, die Robert zwölf Nächte lang in seinen Träumen erscheint, was ihm zunächst nur insofern recht ist, als dass er dadurch nicht von irgendwelchen Fischen träumt, die ihn verschlingen wollen oder auch nicht von dem supertollen lilametallic „Rennrad mit mindestens 28 Gängen“, das im Keller neben dem Weinregel steht und wenn er dann nachschaut, dort nur eine tote Maus findet. Ein ziemlicher alter Herr ist er, der Zahlenteufel, feuerrot natürlich, mit Spitz- und Schnurrbart und zwei Hörnchen auf dem Kopf, aber ohne Pferdefuß, stattdessen besitzt er einen Stock. Und gleich in der ersten Nacht erklärt der Zahlenteufel Robert, dass Dr. Bockels Brezelaufgaben mit der eigentlichen Mathematik gar nichts zu tun haben, die meisten Mathematiker noch nicht einmal rechnen könnten – dafür gibt es ja schließlich Taschenrechner. Doch Robert ist noch nicht völlig überzeugt: „Du willst mich bloß rumkriegen, sagte Robert. Ich trau dir nicht. Wenn du mich auch noch im Traum mit Hausaufgaben plagst, dann schreie ich. Das ist Kindesmisshandlung!“
Doch die Mathematik, die der Zahlenteufel Robert in den folgenden 12 Nächten (mit Unterbrechungen) vorstellt, ist eine ganz andere als die in den Hausaufgaben mit den Brezeln. Anhand von Beispielen und mit mathematische Spielereien wird Robert die komplizierte Welt der Mathematik nahegebracht.
So beispielsweise die Unendlichkeit der Zahlen anhand der Anzahl der Kaugummis, die bisher auf dieser Welt gekaut wurden – man kann immer wieder ein neues aus der Tasche zaubern.
Oder aber, wie man alle Zahlen „aus der 1 macht“. 1x1=1,11x11=121, 111x111=12321, 1111x1111=1234321 und so weiter. Bei 1 111 111 111 hört der Spaß allerdings auf... Warum? Nun, diese Fragen lässt Enzensberger unbeantwortet. Denn „mit den Beweisen ist das eine verteufelt schwierige Sache“ – das kann sicher jeder Mathematikstudent bestätigen ;-) Russells Beweis, dass 1+1=2 ist, ist abgedruckt, kommt jedoch nicht besonders gut weg (Robert schüttelt sich), die Scheu davor bleibt also.
Ebenso werden noch weitere mathematische „Grundbegriffe“ (für Oberstufe oder Studium) behandelt und im zwölften Traum (wobei die Welt der Träume immer mehr Einfluss auf Roberts Realität nimmt) wird „Robert, Schüler des Zahlenteufels Teplotaxl“ zum großen Abendessen in der Zahlenhölle/im Zahlenhimmel“ eingeladen. Dort trifft er auf einige berühmte Mathematiker, und erhält den „pythagoräischen Zahlenorden fünfter Klasse“ als Auszeichnung zum Abschluss seines ‚Traumkurses’. Und schließlich klappt es auch mit Mathe im Unterricht. Das Buch findet also sein Happy-End, indem Robert seinen Mathelehrer ganz schön mit seinem neuerworbenen Wissen verwirrt.
Aber was hat Robert eigentlich gelernt? Zunächst einmal nur die Anwendung von Mathematik, was an sich didaktisch ja nicht verkehrt ist, denn man will die Kleinen ja nicht überfordern (auch Robert ist kein Wunderkind).
Doch wie er es lernt, bereitet mir große Sorgen. ! (=Fakultät) heißt „wumm!“. Das ist nur ein Beispiel von vielen. Enzensberger nennt dies „Traumwörter“ und verbrät auch eine Seite im Nachwort mit einer Warnung, dass sich Eltern, Lehrer und Mathematiker ganz anders ausdrücken. Aber: „kein Mensch träumt in lauter Fremdwörtern“. Das hätte er meiner Meinung nach aber ändern können und sollen, und die oftmals komplizierten oder seltsam anmutenden Ausdrücke eben durch die Träumerei erklären können. Und so wird im Buch die Fibonacci-Folge zu den „Bonatschi-Zahlen“, statt zu potenzieren, „hopst“ man die Zahlen, statt Wurzeln zieht man „Rettiche“, Johan van de Lune heißt „Johnny vom Mond“ – „damit Mathematiklehrer oder andere Erwachsene auch etwas zu lachen haben.“
Ein seltsamer Humor, den Herr Enzensberger da vertritt, ich halte es (OK, ich stehe noch am Anfang des Studiums) jedoch für didaktisch sehr bedenklich und sage deshalb ‚Schuster, bleib bei deinen Leisten’ – als zeitkritischer Essayist und Lyriker ist Enzensberger mit Recht bekannter und auch besser. Schließlich wird er nicht grundlos 1963 (mit 34!) den Georg-Büchner-Preis bekommen haben. Bei diesem Buch hingegen konnten auch Kollegen vom Fach (und das sind nicht wenige gewesen, die Danksagung zählt 14 Namen, die in den 253 Seiten irgendwo ihre Spuren hinterlassen haben) nicht viel retten. Es ist sicherlich einfach zu lesen, doch gerade hier sehe ich eine Diskrepanz zwischen Stil und Inhalt. Nach meinem Kenntnisstand ist es inhaltlich ungefähr ab 12 zu empfehlen, der Schreibstil hingegen ist auch für weitaus Jüngere geeignet, wodurch sich Ältere nicht für ernst genommen fühlen könnten.
Ich gehe also von der 7 eine Note hoch für die Idee, eine für die Illustrationen und eine für Enzensbergers Bemühungen, den Lesern die Angst vor der Mathematik zu nehmen. Nur leider bewirkt er mit diesem Buch streckenweise das komplette Gegenteil...
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„Nein, Mathematik braucht kein Albtraum zu sein. Die Angst vor ihr ist ein Aberglauben. Der Zahlenteufel braucht nur sein Stöckchen zu heben, schon ist sie verschwunden.“ So steht es auf dem hinteren Einband des Buches.
Könnte dann der Zahlenteufel bitte auch einmal mir erscheinen???
Nein? Ach, ich versteh schon – Mathestudenten hilft dieses Buch nicht mehr weiter, denn die brauchen Beweise... weiterlesen schließen
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