Mehr zu AutorInnen mit I Testberichte
Auf yopi.de gelistet seit 09/2003
Pro & Kontra
Vorteile
- schreibt schön spannend
- Sorgfältig geplotteter, spannungsreicher Reisser ...
- gute Milieustudie eingebettet in einen spannenden Krimi
- tolle Geschichte, hervorragend & unterhaltsam gelesen; vergleichsweise niedriger Preis
Nachteile / Kritik
- nein
- ... aber immer doch nur Action-Spektakel ohne behaupteten Tiefgang.
- Sprache ab und zu etwas zu "blumig"
- sehr umfangreich
Tests und Erfahrungsberichte
-
Nazi-Historien-Science-Thriller
10.11.2002, 19:42 Uhr von
Hindenbook
Das wär's 'dank' der neuen AGB für mich bei Yopi.de. Mit der Einstellung der 'Zahlungen' kann ich...3Pro:
Sorgfältig geplotteter, spannungsreicher Reisser ...
Kontra:
... aber immer doch nur Action-Spektakel ohne behaupteten Tiefgang.
Empfehlung:
Nein
Europa im Kriegswinter 1944. Der Siegeszug Nazideutschlands ist an allen Fronten ins Stocken geraten. Das Reich ist angeschlagen, aber nicht besiegt - eine gefährliche Situation für die Alliierten, die intensiv mit den Vorbereitungen zur Großen Invasion beschäftigt sind. Sie soll und wird den Krieg entscheiden, das wissen alle kämpfenden Parteien. Mit Verzweiflungsaktionen des Reiches muss gerechnet werden, die das Blatt erneut wenden sollen.
Der britische Geheimdienst ist einem streng geheimen Projekt auf die Spur gekommen. Deutschen Wissenschaftlern ist es gelungen, das tödlichste Giftgas der Welt zu entwickeln - Sarin, ein Nervengas, gegen das kein Schutz bekannt ist, und mit dem Kampfgas Soman kündigt sich eine noch apokalyptischere Waffe an.
Die Briten setzen auf das Gleichgewicht des Schreckens. Hitler ist bisher vor dem Einsatz von Giftgas zurückgeschreckt. Sein Paladin Heinrich Himmler, der infame "Reichsführer SS", hat in dieser Beziehung allerdings keine Skrupel. An abgeschiedenen, streng geheimen Stätten in Deutschland arbeiten "seine" Wissenschaftler fieberhaft an der Entwicklung neuartiger Giftgase. Mit Sarin und Soman möchte Himmler seinen "Führer" im Rahmen einer praktischen Vorführung "überraschen"; er ist fest davon überzeugt, Hitler auf diese Weise zum Kampfeinsatz des Gases überreden zu können.
Kriegsminister Winston Churchill glaubt dies ebenfalls. Die Ächtung chemischer Waffen nach dem I. Weltkrieg führte dazu, dass die Forschungen auf diesem Gebiet nur noch halbherzig betrieben wurden. Nun verfügen weder die Briten noch die Amerikaner oder ihre Verbündeten über ein ähnlich wirkungsvolles Gas. Doch genau das will man die Deutschen glauben machen. General Duff Smith von der "Special Operations Executive" hat einen ebenso genialen wie wahnwitzigen und menschenverachtenden Plan entworfen. Ein kleines Spezialkommando soll Kanister mit dem neuesten britischen Kampfgas ins Konzentrationslager Totenhausen nahe Rostock in Mecklenburg schaffen und dort zünden. Wachmannschaft wie Gefangene würden umkommen und dem Naziregime drastisch vor Augen führen, dass auch die Alliierten über ein einsatzbereites Kampfgas verfügen, mit dem sie sich jederzeit für Gasangriffe von deutscher Seite revanchieren könnten.
Duff Smith betraut zwei auf den ersten Blick völlig ungeeignete Männer mit diesem diabolischen Auftrag. Mark McConnell ist ein amerikanischer Arzt und Chemiker und bekennender Pazifist, der in Oxford neue Methoden zum Schutz gegen chemische Waffen entwickelt. Der Jude Jonas Stern hat als zionistischer Partisan in Palästina gegen die britische Oberherrschaft und für einen eigenen jüdischen Staat gekämpft. Nun will er seinen Teil dazu beitragen, dem millionenfachen Völkermord durch die Nazis ein Ende zu setzen - und sei der Preis die Vernichtung eines Konzentrationslagers, in dem hauptsächlich Juden einsitzen!
Niemand spielt mit offenen Karten in diesem schmutzigen Spiel. McConnell, der vor Ort die Labors der Nazi-Chemiker untersuchen soll, ahnt nichts vom wahren Ziel der Mission. Aber auch Stern wird betrogen - vom undurchsichtigen Duff Smith, der längst Maßnahmen getroffen hat, seine nichtsahnenden Agenten spurlos verschwinden zu lassen, sollten sie scheitern ...
Dies ist nur in ganz groben Zügen die Geschichte, die Greg Iles in "Schwarzer Tod" erzählt. Bei einem Roman von annähernd 700 Seiten ist es schwer, den Inhalt knapp und doch angemessen zu umreißen. Ganze Handlungsstränge müssen hier unerwähnt bleiben. Vermerkt sei weiterhin, dass es außer McConnell und Stern noch eine ganze Reihe weiterer Hauptfiguren gibt.
Es ist aber aus einem anderen Grund besonders schwierig, ein Buch wie "Schwarzer Tod" zu besprechen. Ganz objektiv betrachtet haben wir es hier mit einem historischen Thriller zu tun, der beschreibt, wie eine kleine Gruppe wackerer Helden es mit einem übermächtigen Feind aufnimmt und wider alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit siegreich bleibt. Das Schema ist bekannt und bewährt, und es funktioniert auch hier zufriedenstellend.
Doch manchmal ist die Form wichtiger als der Inhalt: Iles läßt seine Geschichte über weite Strecken in einem Konzentrationslager der Nazis spielen, das gleichzeitig eine medizinische Experimentalstation ist, in der unbeschreibliche Menschenversuche durchgeführt werden. Damit begibt er sich auf gefährlich dünnes Eis. Das weiß er auch; "Schwarzer Tod" ist eben doch keine simple Abenteuergeschichte bzw. möchte keine sein. Iles greift gleich eine ganze Reihe unbequemer Themen auf: Wie definiert man "richtig" und "falsch", "gut" und "böse" in einer Ausnahmesituation, wie sie ein Weltkrieg darstellt? Läßt sich die Welt in "schwarz" und "weiß" einteilen, oder ist sie nicht eher "grau" in allen Schattierungen? Ist es moralisch vertretbar, einen (oder hundert oder tausend) Menschen zu töten, um zehntausend (oder hunderttausend oder eine Million) andere zu retten? Über diese und zahllose weitere, ebenso brennende Fragen haben sich seit dem Ende des II. Weltkriegs viele, wirklich sehr viele kluge Geister ihre Köpfe zerbrochen. Restlos zufriedenstellende Antworten konnten sie nicht finden; es gibt sie womöglich gar nicht. Greg Iles ist jedoch ein Geschichtenerzähler, kein Historiker, Philosoph oder Soziologe. Er versucht das eigentlich Unmögliche: die Balance zu halten zwischen Unterhaltung und Anspruch. Das gelingt ihm nicht immer und kann ihm auch gar nicht gelingen; dafür ist der Stoff einfach zu heikel. Über den "Alltag" in einem nazideutschen KZ und die Widernatürlichkeit von "Medizinern", die Menschen umbringen, statt sie zu heilen, hat Iles sich sichtlich informiert. Seine Darstellung verläßt trotz aller Drastik den Boden der Tatsachen nicht und bleibt in der Regel zurückhaltend. Die Fakten sprechen weiß Gott für sich selbst. Das Unbehagen während der Lektüre aber bleibt. Mängel stechen unter solchen Umständen natürlich um so deutlicher hervor. Iles kann sich nicht vollständig von alten Klischees lösen. Es gibt "gute schlechte Nazis" (das sind immer die, die auf dem Schlachtfeld, dem "Feld der Ehre" eben, soldatische Tugenden bewiesen haben), "schlechte Nazis" (grausam, aber dumm und dem Schnaps ergeben - dieses Wort muss für Briten und Amerikaner etwas Magisches an sich haben; "deutsch" und "Schnaps" - nicht "Sauerkraut" - sind für sie seit jeher praktisch Synonyme) und "böse Nazis" (schneidige, penibel auf ihr Äußeres bedachte, keiner menschlichen Regung, aber jeglicher Teufelei fähige SS-Offiziere jenseits der Grenze zur Karikatur). Selbstverständlich fehlt nicht die obligatorische Episode im britischen Ausbildungslager, die zu allerlei lustig-rauen Soldatenscherzen Anlaß gibt, und die Beischlaf-Szene am Vorabend des großen Finales, die hier indes so aufgesetzt wirkt, dass man sich fragt, ob Iles gezwungen wurde, sie nachträglich (und mit Blick auf eine mögliche Verfilmung) einzuflicken.
Manchmal übertreibt es der Autor auch einfach. Damit ist nicht die bei aller inneren Logik hanebüchene Handlung gemeint, die man einfach akzeptieren muss, denn sonst kann man sich die Lektüre schenken. Nein, es sind wiederum eher Details, die stören. Doktor Klaus Brandt darf nicht "nur" KZ-Kommandant und Menschenleben verachtender "Forscher" sein; nein, er ist auch noch Päderast und fängt sich kleine Kinder aus dem Lager; Sturmbannführer Schörner, der "gute schlechte Nazi", hat in England studiert und sich gewiß hauptsächlich deshalb einige menschliche Züge bewahren können; Anna Kaas, die deutsche Agentin der Briten in Totenhausen, hat eine Super-Nazisse wie aus dem Bilderbuch als Schwester.
Die Liste ließe sich leicht fortsetzen. Auf der anderen Seite muss man Iles zugestehen, dass er als Nichtdeutscher vergleichsweise unbelastet an seine Geschichte herangehen konnte. Tatsächlich gibt es eine lange Tradition angelsächsischer Spionage- und Militärthriller, für die der Krieg und seine Schauplätze wenig mehr als ein riesiger Abenteuerspielplatz für kernige Insel-Helden gegen finstere Operetten-Nazis darstellt. Immerhin: Iles hat die Zeichen einer sich gewandelten Zeit erkannt. "Sein" Krieg ist schmutzig - und zwar auf allen Seiten. Dabei erschöpft sich seine Kritik nicht in Phrasen wie "Krieg ist die Hölle und läßt selbst Engel zu Teufeln werden", sondern spricht auch übergreifende, sehr unbequeme Wahrheiten an. Winston Churchill ist bei Iles ein mutiger und entschlossener Staatsmann, aber gleichzeitig ein eitler, machtgieriger, pompöser und vor allem eiskalter Charakter, der Männer ohne zu zögern in den Tod schickt, wenn er es für notwendig hält. Beim Thema Gaskrieg macht Iles die ambivalente Haltung der Alliierten deutlich; nicht humanitäre, sondern primär technische Gründe verhinderten den Einsatz chemischer Waffen z. B. während der Invasion 1944. Schließlich läßt Iles auch keinen Zweifel daran, dass die führenden Köpfe des Kampfes gegen Nazideutschland von den Gräueln der Massenvernichtungslager durchaus wussten und doch nichts unternahmen: Niemand wolle die Juden, selbst wenn Hitler sie gehen ließe, spricht General Duff Smith es aus. Starker Tobak für einen "reinen" Unterhaltungsroman - und vor wenigen Jahren noch ein Tabuthema!
So bleibt es letztlich mehr als sonst dem Leser überlassen, ob er sich auf "Schwarzer Tod", diese seltsame Mischung aus Kriegsgeschichte, Medizinthriller, Melodrama und "Retro-Science Fiction", einlassen möchte. Möchte man sich nicht selbstständig ein Bild bilden, kann man sich natürlich auf das Urteil der politisch Korrekten stützen, denen Greg Iles aufwändiges Monumentaldrama ein Dorn im Auge sein dürfte. Wie gesagt: Es gibt gute Gründe gegen diesen Roman, aber er ist auf seine Weise auch ein interessanter Indikator. Iles beschreibt in "Schwarzer Tod" die uralte Methode, mit der vor allem Bergleute früher ihre Stollen auf das Vorhandensein giftiger Gase prüften: Sie trugen einen Käfig mit einem Kanarienvogel mit sich. Sobald dieser von seiner Stange fiel, wussten sie, was die Stunde geschlagen hatte. "Schwarzer Tod" ist so etwas wie ein Indikator für den Leser und seine (oder ihre) Haltung zu den weiter oben skizzierten Fragen zum und über den bis heute nachwirkenden Zweiten Weltkrieg.
Originaltitel: Black Cross (1995)
Übersetzt von Wolfgang Thon
Bastei Lübbe Verlag (Allgemeine Reihe Nr. 14421)
Deutsche Erstausgabe: Oktober 2000
687 Seiten
EUR 8,90
ISBN 3-404-14421-X
(Copyright 10.11.2002/Michael Drewniok) weiterlesen schließen -
-
Irving , Die vierte Hand - nicht sein bestes Buch
12.09.2002, 01:29 Uhr von
Libraia
Am meisten interessiere ich mich für Bücher, Filme und Politik. Klar, dass ich hierüber auch am m...Pro:
gute Milieustudie eingebettet in einen spannenden Krimi
Kontra:
Sprache ab und zu etwas zu "blumig"
Empfehlung:
Nein
John Irvings neuer Roman „Die vierte Hand“ ist dieses Frühjahr auf deutsch im Diogenes Verlag erschienen, er kostet 22,90 Euro, die ISBN lautet: 3257063032; das Buch ist mit 438 Seiten ein „mittlerer“ Irving.
So, das wären mal die äußeren, die Rahmendaten.
Aber wie sieht es mit dem Inhalt, mit der „Füllung“ dieser 438 Seiten aus? – auch hier möchte ich sagen – und nehme somit mein Fazit gewissermaßen schon vorweg – dass es ein „mittlerer“ Irving ist.
He’s not at his best, aber das Lesen lohnt sich dennoch.
Über den Autor:
Viel muss man da nicht mehr sagen, er gehört ja zu den „Topautoren“ (wie man bei Ciao so schön, wenn auch in anderem Zusammenhang, sagt), aber dennoch – wenigstens kurz möchte ich ihn hier vorstellen.
John Irving wurde 1942 in Exeter, New Hampshire geboren., nach seinen Studien, die er in Iowa, in Harvard und in Wien betrieben hatte, wurde er erst mal Universitätsdozent, widmete sich aber später nur noch dem Schreiben von Büchern.
Darin ist er außerordentlich erfolgreich. Viele seiner Romane wurden verfilmt (Hotel New Hampshire und Garp und wie er die Welt sah beispielsweise) und seine Bücher erreichen nun schon über viele Jahre hinweg Rekordauflagen.
Ich habe zwar nicht alles von ihm gelesen, aber doch recht vieles und ich schätze ihn als einen Schriftsteller, der sich perfekt auf etwas versteht, was wenige richtig gut können: er schreibt gute Unterhaltungsromane!
Er versteht sein Handwerk, die Geschichten sind allesamt spannend, ein bisschen (oder sehr) verrückt, er charakterisiert Menschen so, dass sie vor unserem inneren Auge erstehen, es gelingt ihm, Spannungsbögen aufzubauen, retardierende Momente geschickt einzuflechten, um dann wieder zur eigentlichen Story zurück zu kommen. Sein Romanpersonal ist meist so, dass einen die dargestellten Menschen noch lange in der Erinnerung begleiten.
Wer jemals „Garp“ gelesen hat, der wird sich ganz bestimmt auch noch nach Jahren an Garps skurrile Mutter erinnern können.
Zu seinen größten Erfolgen zählen neben den beiden bereits erwähnten Büchern noch: “Owen Meany“ , „Gottes Werk und Teufels Beitrag“, „Zirkuskind“, „Laßt die Bären los“ und „Witwe für ein Jahr“
Zum Inhalt:
Patrick Wallingford, Journalist und Fernsehreporter aus New York, verliert während einer Live-übertragung aus einem indischen Zirkus seine linke Hand. Sie wird ihm, da er mit dem Mikrophon zu nahe an den Käfig kam, von einem Löwen abgebissen und aufgefressen. (na, werden da nicht gewisse Erinnerungen an „Zirkuskind“ wach?)
Da Millionen von Fernsehzuschauern in aller Welt quasi Augenzeugen dieses schrecklichen und äußerst blutigen Unfalls wurden, schnellt Wallingfords Bekanntheitsgrad in ungeahnte Höhen. Er ist von nun an „der Löwenmann“.
Seiner Karriere schadet das Ganze erst mal nichts, Sympathie- und Mitleidsbekundungen aus aller Welt kommen seinen Einschaltquoten zu gute.
Nachdem er mit allen möglichen Prothesen herumexperimentiert hatte, mit allen aber unzufrieden war, ist er fast so weit, sich einfach daran zu gewöhnen, nur mehr eine Hand zu besitzen. Da tritt jedoch Dr.Zajac, ein hervorragender Handchirurg aus Boston in sein Leben. Zajacs Ziel ist es, die erste erfolgreiche Handtransplantation durch zu führen, und zwar an dem „Löwenmann“. Allerdings fehlt noch eine passende Spenderhand.
Gleichzeitig überredet eine junge (glücklich verheiratete)Ehefrau in Wisconsin, ihren Mann, seine linke Hand testamentarisch Patrick Wallingford zu vermachen.
Dieser erfreut sich zwar bester Gesundheit und weiß nicht so recht, was dieser Einfall eigentlich soll, aber , da es ja auch nichts schadet, willigt er in ihren Vorschlag ein. Es kommt wie es kommen muss, der Ehemann, Otto Clausen, stirbt – seine linke Hand aber lebt weiter...
Doris Clausen hatte jedoch eine Klausel in das Testament einfügen lassen: dass sie jederzeit ein Besuchsrecht an der Hand ihres verstorbenen Mannes habe. Kurz nach der Operation besucht sie also Patrick im Krankenhaus, allerdings begnügt sie sich nicht mit einem Besuch der Hand, sondern es gelingt ihr in einer Art Überfallaktion sich eines weiteren Körperteils Patricks zu bemächtigen – kurz darauf ist sie – die das seit Jahren erfolglos versuchte – schwanger. (na, wer denkt da nicht an „Garp“?)
Während für Doris damit der eigentliche Zweck dieser Mission erfüllt ist, beginnt für Patrick eine völlig neue Erfahrung: er hat sich verliebt – und zwar hoffnungslos. Nun war Patrick alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Nicht nur war er bereits einmal verheiratet gewesen, nein er war ein dermaßen attraktiver Mann, eine Art „großer Junge“, der in unheimlich vielen Frauen, den dringenden Wunsch erweckte, mit ihm zu schlafen. Auch wenn die Initiative selten von ihm ausging, erlebte er dennoch zahllose sexuelle Abenteuer, er genoss sie, die Frauen genossen sie, aber mit Ausnahme seiner Frau (der das irgendwann zu dumm wurde) hatte er nie eine längere Beziehung gehabt.
Liebe, eine Liebe, die auch warten kann, das hatte es bislang nicht gegeben in seinem Leben. Doris hält zwar weiterhin Kontakt zu ihm, stellt ihm auch ihre zahlreiche Familie vor (alles –ebenso wie sie und ihr frühere Mann absolute Baseballfans), aber in Wirklichkeit hält sie den Kontakt nicht zu ihm, sondern zu seiner linken Hand. Er darf auch ihren immer runder werdenden Bauch streicheln, aber wehe, er tut das mal mit seiner rechten Hand anstatt der linken...
Ob Patrick und Doris letztendlich zueinander finden, wie es Patricks Hand weiterhin ergeht (die Gefahr der Abstoßung ist immer gegeben), welche Irrungen und Wirrungen er mit seiner Karriere noch durchstehen muss (er wird nämlich zunehmend als billiger Skandalreporter missbraucht) und wie bzw. ob er den Avancen seiner Kollegin Mary entgeht, die unbedingt ein Kind von ihm möchte, das werde ich alles offen lassen und – auch wenn es mir schwer fällt, nicht weiter erzählen.
Erwähnen möchte ich aber noch unbedingt einen meiner Meinung nach sehr gelungenen Nebenstrang dieses Romans. Dr. Zajac, ein kauziger, geschiedener Vater eines kleinen Sohnes, dessen Lieblingsfreizeitbetätigung in der Jagd auf Hundehaufen mit einem Crickettschläger ist, wird von Irving ebenfalls zu einer eigenständigen Romanfigur herausgearbeitet. Seine Lebensgeschichte, sein rührender und witziger Kampf um die Liebe seines Kindes, ebenso wie der hartnäckige Kampf seiner Putzfrau Irma um seine Liebe, das gefiel mir sehr gut
Aber auch hier reichen die Ansätze, ich möchte nicht weiter ins Detail gehen.
Zum Stil:
Tja, wie immer: übersprudelnd, voller absurder, witziger, ab und an mal auch etwas zu skurriler Einfälle. Irving schreibt in einer lebendigen, ja sogar vor Lebendigkeit überquellender Sprache. Eines seiner Markenzeichen ist es ja, ein Sammelsurium an komischen, traurigen, sonderbaren und aberwitzigen Geschichten zu einem Ganzen zusammenzufügen. Ein weiteres Markenzeichen ist seine Freude an dem Erzählen von sexuellen Erlebnissen. Doch auch hier ist ihm „normaler“ Sex (was immer das auch sein mag, aber das Verschlucken von Kaugummi während des Orgasmus und danach eintretender kurzfristiger Atemstillstand gehört nicht unbedingt dazu) nicht spannend genug. Immer setzt er noch was drauf, seien es ganz besondere feuchte Träume unter dem Einfluss von Schmerzmittel oder Sex unter Wasser oder ähnliches.
Tja, auch hier wie immer: seine „Markenzeichen“ gelingen ihm gut (das 3. Markenzeichen, seine Lieblingssportart „Ringen“ das fehlt diesmal ganz, fällt mir grad auf), während des ganzen Buches hindurch hatte ich Freude am Lesen, wollte wissen, wie es weiter geht und fand eigentlich keine Zeile zu lang. Auch war ich etwas traurig, als das Buch zu Ende war.
Dennoch:
Meine Kritik:
Wenn ich eingangs erwähnte, Irving sei ein guter „literarischer Handwerker“, dann meine ich das nicht negativ. Im Gegenteil: vielen Schriftstellern, die etwas zu sagen haben, und die auch Talent besitzen, fehlt einfach das Know-how, ihm nicht. Trotzdem habe ich gerade bei der 4.Hand das Gefühl hier ist ein bisschen zu viel Handwerk und zu wenig „was will uns der Autor eigentlich sagen“, denn im Grunde genommen sagt mir das ganze Buch gar nichts. Die Geschichte ist zwar spannend und gut zu lesen, aber es steckt gar nichts dahinter. Auch wenn auf dem Buchrücken zu lesen ist: „Trauer, Verlust und die Kraft der Liebe sind die Themen ... ein Buch über Menschen, die sich verlieren und wieder finden, über die Entdeckung der Langsamkeit, die leisen Töne und das Warten-Können, es handelt von Menschen in Krise und von einem großen Wort, das uns heute zunächst befremdet: Seele“, so stimmt das zwar alles irgendwie, aber, ein großes Aber: diese Themen haben nicht nur andere Autoren schon besser rübergebracht, das hat auch Irving selbst schon wesentlich besser, intensiver und beeindruckender gekonnt.
Ich weiß schon jetzt, dass weder Patrick Wallingford, noch Doris Clausen so in meinem Gedächtnis weiterleben werden wie Garp oder wie die Menschen „Witwe für ein Jahr“ nur als Beispiel.
Mein Fazit:
Das Lesen lohnt sich, aber wer Irving noch nicht kennt, sollte nicht mit diesem Roman beginnen, er gehört einfach zu seinen flacheren.
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-09-11 23:29:54 mit dem Titel Izzo Jean Claude "Total Cheops" - der erste Band der Marseille-Trilogie
Der Krimi " Total Cheops " von Jean Claude Izzo ist im Jahr 2000 als Taschenbuch im Unionsverlag unter der ISBN:3293201644 erschienen. Er kostet 8,90 Euro.
Aufmerksam auf Izzo wurde ich neben Empfehlungen von guten Kunden (mit Geschmack) schon mal durch den Verlag. Der Schweizer Unionsverlag ist nämlich einer meiner ausgesprochenen Lieblingsverlage, bei dem ich schon oft auf hervorragende Geheimtipps gestoßen bin. Er bringt vorrangig Autoren und Autorinnen aus Dritte- Welt -Ländern und von außereuropäischen Regionen heraus. Bücher, an die man sonst nie herankommen würde, weil kein großer Verlag Interesse daran hat, sie zu veröffentlichen, deren Qualität sich aber sehen lassen kann. Bekannt geworden sind immerhin die "Renner" des Unionsverlags Dschingis Aitmatow und Assia Djebar. Krimis gibt es bei Union erst seit wenigen Jahren.
Jean Claude Izzo ist als Franzose nun zwar kein typischer Vertreter eines Dritt-Welt-Landes :), aber wir werden bald sehen, warum seine Krimis durchaus gut ins Verlagsprofil passen.
Über den Autor:
Izzo wurde 1945 in Marseille geboren. Er arbeitete jahrelang als Journalist, war ein politisch sehr interessierter Mensch und stark beeinflusst von der 68er Bewegung. Erst im Alter von 50 Jahren begann er Krimis zu schreiben. Mit "Total Cheops" gelang ihm auch sofort der Durchbruch, er kam prompt in Frankreich auf die Bestsellerlisten. In Deutschland dauerte es ein bisschen länger, aber im Jahr 2001 wurde ihm doch schon der Deutsche Krimipreis verliehen. Neben "Total Cheops" schrieb er noch zwei weitere Romane mit der gleichen Hauptfigur Fabio Montale, die alle in Marseille spielen - sie werden auch "die Marseilletrilogie" genannt - und zwar ""Chourmo" und "Solea". Gerade ist auch noch ein weiteres Buch (kein Krimi) "Aldebaran" auf deutsch erschienen. Leider wird es dabei aber auch bleiben, denn im Januar 2000 ist Izzo an Lungenkrebs gestorben.
Zum Buch:
Fabio Montale ist Polizist in den Vororten Marseilles, eingesetzt in jenen Gebieten der Stadt, in denen es brodelt: Einwanderer aus aller Herren Länder, Armut, Drogen, in manchen Teilen breitet sich ein radikaler Islam sehr schnell aus. Doch das Wort "brodeln" ist nicht nur negativ gemeint, auch die überschäumende Lebensfreude, das manchmal sehr fruchtbare Aufeinandertreffen der Kulturen, die Vermischung und Verschmelzung sind dort zu finden.
Fabio, dem es als junger Mann niemand prophezeit hätte, dass er ausgerechnet zur Polizei geht, denn er war jemand, der ganz schön viel "Mist" (sprich Diebstähle, Überfälle etc.) gebaut hatte, gerät mit seiner Rolle auch ständig in Konflikt.
Er setzt sich ein gegen ein Polizeikonzept, das auf Einschüchterung, Brutalität und Rassismus setzt und kämpft für eine neue Art des Aufeinander Zugehens, der Offenheit und des Verständnisses für die Bewohner der ärmeren Viertel. Tatsächlich hat er damit auch eine Weile Erfolg und wird beauftragt, in seinem Gebiet seine Ideen durchzusetzen. Bald wird er aber als "Sozialarbeiter" beschimpft von seinen Kollegen und leider auch zunehmend von Vorgesetzten.
Als seine früheren engen Jugendfreunde Ugo und Manu, die beide ins kriminelle Milieu abgerutscht sind, getötet werden, sinnt er nicht nur auf Aufklärung, sondern auf Rache.
Die Spuren führen ins Milieu der Mafia und Fabio wird immer klarer, dass er es mit höchst gefährlichen Gegnern zu tun hat.
Zeitgleich verschwindet die junge Leila, eine hochbegabte Studentin, mit der ihn eine - zwar nie ausgelebte -Liebesbeziehung verbindet. Leila ist die Hoffnung ihrer Familie, eines der wenigen Einwandererkinder, die es "geschafft" haben; super Noten, intelligent, freundlich, modern und dennoch ihrer Familie zugewandt. Leila wird kurze Zeit später tot aufgefunden, vergewaltigt von mehreren Männern, gefoltert und anschließend erschossen.
Fabio gerät in eine Krise: erst seine Jugendfreunde, dann dieses Mädchen, das ihn geliebt hatte und zusätzlich der Druck der Vorgesetzten auf ihn, das alles macht ihm so zu schaffen, dass er immer öfter seine innere Ruhe im Alkohol (besonders liebt er Lagavulin, was wohl eine Whiskeysorte ist) sucht.
Der geübte Krimileser (also ich z.B.) merkt sehr schnell, dass die beiden Fälle irgendetwas miteinander zu tun haben, was genau wird aber erst am Schluss klar.
Für mein Empfinden lebt "Total Cheops" -das ist übrigens so ein Ausdruck in Marseille, der so viel besagt wie "total verrückt, total aufregend, durcheinander, Chaos…" -aber gar nicht so sehr von der Krimihandlung, doch, die ist schon spannend und man möchte wissen, wie es ausgeht, aber für mich ist es eher ein richtiger Roman, bei dem es auf anderes ankommt.
Das liegt ganz besonders an Izzos wunderbaren Schilderungen von Marseille, seinem Hafen, seinen Gassen, Kneipen, Gerüchen, seiner Musik und vor allen Dingen seinen Menschen.
Seitdem ich seine Romane gelesen habe, möchte ich da unbedingt mal hin, man hat das Gefühl, die Stadt in ihrem innersten Kern "verstanden" zu haben. Die Süddeutsche Zeitung notierte nach Izzos Tod den treffenden Satz "…es war, als hätte die Stadt ihr Gedächtnis verloren". Gerade auch seine Schilderungen des Einwanderermilieus haben es mir angetan, denn er schreibt einerseits mit großer Sympathie und Einfühlungsvermögen, auch spürt man seine Liebe zur Idee des Multikulturalismus, andererseits wird er aber nicht romantisierend, sondern sieht durchaus die negativen Seiten und thematisiert sie auch.
Aber nicht nur Izzos Blick auf die Stadt Marseille macht die Qualität des Buches aus, sondern auch seine gelungene Hauptfigur Fabio Montale. Dieser sehr widersprüchliche Mann kommt dem Leser mit allen Facetten seines Innenlebens sehr nahe. Er ist sehr ehrlich, menschenfreundlich und hat hohe moralische Ansprüche, andererseits kommt oft auch der Macho heraus, er säuft zu viel (das Trinken wird mir ein bisschen zu sehr verherrlicht in seinen Büchern), seine Gedanken über Freundschaft und Ehre sind zumindest interessant, auch wenn ich sie nicht immer teile, sein Verhältnis zu Frauen ist nicht unkompliziert. Er liebt die Frauen, und er liebt nicht nur eine. Das an sich ist ja nichts Ungewöhnliches, aber dass er die Frauen, mit denen er zusammen war, tatsächlich auch immer richtig "geliebt" hat, das hat schon was. Sie sind immer in seiner Erinnerung. Überhaupt: die Erinnerung! Montale lebt sehr stark auch in der Vergangenheit, eine weitere Stärke des Buches ist die Art, wie er seine Kindheits- und Jugenderinnerungen zum Leben erweckt. Toll gemacht!
Wie man sieht, geht dieses Buch wirklich weit über einen gewöhnlichen Krimi hinaus!
Die Auflösung des Falls lasse ich mal offen und auch, wie und ob sich Fabio weiterhin mit seinem Beruf arrangieren kann. Lest es einfach selbst!
Meine Meinung:
Tatsächlich eine Entdeckung! Izzos Stil ist so anders als man ihn sonst gewohnt ist von Kriminalromanen, dass ich eigentlich eher einen literarischen Anspruch an ihn legen möchte. Und siehe da: auch diesem Anspruch wird er gerecht. Ein vielschichtiges Buch mit "echten" Persönlichkeiten, mit viel Lokalkolorit und auch eines, das zum Nachdenken anregt.
Was mir persönlich etwas Probleme bereitet, ist seine manchmal zu blumige, poetische Ausdrucksweise. Manchmal gefällt mir das und ich finde es in einigen Metaphern wunderschön, manchmal kommt es mir dann aber doch zu "orientalisch" (damit spiele ich auf die immer etwas blumigere und mit vielen Metaphern angereicherte Art der orientalischen Literatur an) vor. Aber das ist nur ein kleiner Einwand. Dass Krimihelden und Detektive immerzu Whiskey trinken müssen, hat mich auch schon bei anderen gestört, aber nun, was soll's, das scheint so sein zu müssen "g"
Ich hab auf alle Fälle schnell mal alle Teile der Marseille - Trilogie gelesen und habe es nicht bereut.
Fazit: Ich hoffe, ich konnte irgendjemanden dazu anregen, Izzo mal zu lesen… weiterlesen schließen -
Unter Verschluss - Südstaatenroman von Greg Iles
Pro:
flüssig geschrieben
Kontra:
jedoch sehr komplizierte Zusammenhänge
Empfehlung:
Nein
Nachdem nun leider der Urlaub fast zu Ende ist zum vorläufig letzten Buch.
Der Autor
Greg Iles wurde 1961 in Deutschland geboren. Sein Vater leitete die medizinische Klinik der US- Botschaft während des kalten Krieges. Er wuchs in Natchez, Mississippi, auf. Er graduierte 1983 an der Universität von Mississippi Er arbeitete für einige Jahre als Guitarist und Vocalist für die Frankly Scarlet Band. Sein erster Roman, SPANDAU PHOENIX wurde 1992 veröffentlicht. Greg Iles wohnt in Natchez, Mississippi, mit seiner Frau und zwei Kindern.Von Greg Iles erschienen noch die Bücher EROS und Schwarzer Tod.
Das Buch
Es handelt sich um die Taschenbuchausgabe des Bastei Lübbe-Verlages zum Preis von 8,45 Euro. Bezogen habe ich es beim Bertelsmann-Club. Es verfügt über 669 Seiten, die sehr klein beschrieben sind. Übersetzt wurde es von Bianca Güth.
Der Inhalt
Der Staatsanwalt Penn Cage hat sechzehn Menschen in die Todeszelle gebracht. Als seine Frau plötzlich verstirbt, sehnt er sich nach einem ruhigeren Leben. Mit seiner kleinen Tochter geht er in seine Heimat Natchez, Mississippi zurück. Jedoch auch dort wird er wieder in eine geheimnisvolle Geschichte verwickelt. Penn nimmt sich der Sache an und ab da muss er auf sein Leben aufpassen. Niemand ist an der Aufklärung interessiert. Sogar die Familie und die Tochter werden zu Erpressungszwecken benutzt.
Meine Meinung
Eine äußerst langwierige und komplizierte Geschichte, die sich u. a. auch mit Rassismus befasst. Sie ist durchaus flüssig geschrieben, allerdings sind so ausschweifende Beschreibungen dabei, die man gerne überliest, weil einem diese zu langweilig werden. Auch am Ende, wo man normalerweise ein Buch nicht mehr aus der Hand legt, um das Ergebnis zu erfahren, würde man am liebsten aufgeben. So ist es jedenfalls mir ergangen. Die anderen beiden Bücher würde ich mir deshalb nicht kaufen. weiterlesen schließen -
Illies, Florian - Generation Golf : Kultbuch oder zu lang geratene Glosse?
19.08.2002, 21:26 Uhr von
emmtie
Da wollen wir YOPI einmal eine 2.Chance geben (wenn auch nur auf Bewährung). Und dabei geht es ga...Pro:
trotz einfacher Story ein fesselnder Thriller
Kontra:
nichts
Empfehlung:
Nein
Illies, Florian - Generation Golf
Generation Golf? Was soll uns das sagen?
Nachdem in Amerika Anfang der 90er Jahre, ausgelöst durch den Roman „Generation X“ von Douglas Coupland, die ganze Generation der zwischen 1960 und 1970 Geborenen quasi durch den Titel des Romanes einen Stempel aufgedrückt bekommen: Desillusionierte Menschen, am Ende ihrer Jugend, die aber den Sprung in die „Erwachsenenwelt“ nicht vollziehen wollen. Das dies eine allzu simple Vereinfachung war und natürlich nur auf einen kleinen Teil dieser Generation zutreffen konnte, ist zwar klar. Aber trotzdem wurde „Generation X“ zu einem festen Begriff und in vielen Bereichen zu einer Art Label, unter das bestimmte Musik wie der Grunge oder Modeerscheinungen wie der verlotterte Look einsortiert wurden.
Es war nur eine Frage der Zeit, wann jemand in Deutschland versucht, diese in ähnlicher Weise aufzusetzen. Erstaunlicherweise dauerte es bis zum Jahr 2000, bis Florian Illies mit seinem Buch „Generation Golf Eine Inspektion“ eine Art deutschen Generationen-Schau veröffentlichte.
Im Gegensatz zum amerikanischen Original handelt es sich hierbei nicht um einen Roman, sondern eher um eine Art Jugenderinnerung des Autors. Stellvertretend für die von ihm „Generation Golf“ getauften Geburtenjahrgänge zwischen 1965 und 1975 schildert er auf etwa 200 Seiten in lockerer Form die prägenden Ereignisse dieser Generation. Dabei geht es aber nicht um große weltgeschichtliche Themen, sondern eher um alltägliche Dinge. Sei es das Aufkommen der Mitnahme-Möbel und der damit verbundene Aufstieg von Ikea, die ja schon durch den Titel angedeutete Identifizierung durch das Auto, wobei der Golf automatisch mit cool, weltoffen etc. verknüpft wurde, oder das in den 80er aufkommende Markenbewusstsein. Dabei ist das Buch aber kein reines Erinnerungsbuch, sondern es wird auch versucht, gegenwärtiges Verhalten von Leuten aus dieser Generation mit ihren Lebenserfahrungen zu begründen.
Ich selbst bin 1967 geboren; falle also genau in das vorgegebene Raster. Außerdem komme ich wie der Autor aus der eher ländlichen Gegend Mittel- bzw. Osthessens. Somit decken sich in vielen Punkten seine Erlebnisse und Erfahrungen mit meinen. Und dies ist etwas, was das Buch lesenswert macht. Seien es Erfahrungen wie das Aufkommen von Rucksäcken und Koffern als Schultaschen, bestimmte Fernsehsendungen, die man unbedingt anschauen musste oder auch erste Annähehrungsversuche zwischen den Geschlechtern. Vieles davon kommt einem sehr bekannt vor und mehr als einmal muß man aufgrund der dadurch geweckten Erinnerungen herzhaft lachen, aber manchmal auch wehmütig sinnieren.
Doch so interessant diese einzelnen Erinnerungsfetzen auch sind, eine große Schwäche hat das Buch aus meiner Sicht: Der Stoff und die Art, wie er vermittelt wird, reicht für die 200 Seiten dieses Buches nicht aus. Spätestens nach 70, 80 Seiten wirkt die nächste Anekdote doch etwas ermüdend. Denn das Buch ist eigentlich eine Aneinenderreihung von Glossen. Das mag auch damit zusammenhängen, das der Autor Florian Illies eigentlich Redakteur beim Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen bzw. bei deren Sonntagszeitung ist. In dieser Zeitung schätze ich seine punktierten, mit Spitzen versehenen Beiträge sehr. Doch dort sind sie auch maximal eine halbe Seite lang. Der Versuch, diese Stilmittel auf ein ganzes Buch anzuwenden, ist meiner Ansicht nach gescheitert. Da es keinen größeren Gesamtrahmen oder eine Art Resümee, auf das das Buch hinarbeitet, gibt, schleicht sich recht schnell eine Art Wiederholungseffekt ein, der ein wenig den Spaß am Lesen verdirbt.
Mein Tipp: Das Buch nicht in einem Rutsch lesen, sondern die acht Kapitel des Buches, die die jeweiligen Werbekampagnen für den VW Golf als Überschrift tragen, einzeln mit einem gewissen Abstand lesen. Man kann man diese 8 Kapitel getrost als einzelne Kurzgeschichten zum gleichen Thema ansehen.
Ein zweiter Kritikpunkt, der zwar nicht dem Autor anzulasten ist, aber trotzdem meinen Eindruck von diesem Buch trübt, ist dessen Darstellung in der Presse. Sowohl im TV als auch bei der schreibenden Zunft wurde das Buch das DAS Buch über diese Generation dargestellt und immer wieder als absolutes Muß, um diese Generation zu verstehen dargestellt. Damit sollte wohl, wie anfangs schon erwähnt, die Parallele zur „Generation X“ hervorgehoben werden. Doch letztendlich ist das Buch nichts anders als eine lose und locker geschriebenen Sammlung von Jugenderinnerungen und deren Nachwirkungen bis in die gegenwärtige Zeit. Das ist definitiv nichts Schlechtes, aber den großen Anspruch, der in dieses Buch hereingedeutet wurde, und den ich z.B.. beim Vorbild „Generation X“ durchaus sehe, ist hier definitiv nicht vorhanden.
Insgesamt betrachtet ist diese Buch, gerade für jemanden, der in dieser Zeit aufgewachsen ist, ein amüsantes Erinnerungsbuch mit gewissen Schlüssen auf die Gegenwart, das sich gut lesen lässt. Man sollte aber definitiv keine tiefgreifende Generationendefinition oder ein Schlüsselwerk erwarten. Wer mit diesen Voraussetzungen an das Buch geht, wird einige amüsante und interessante Lesestunden verbringen (und vielleicht dem nächsten Klassentreffen entgegenfiebern)
----- Zusammengeführt, Beitrag vom 2002-08-19 19:26:01 mit dem Titel Iles, Greg - 24 Hours: Ein (fast) perfektes Verbrechen
Wer häufig Thriller aus dem englischen Sprachraum liest, so wie ich, stößt neben den großen etablierten Namen wie Grisham, Baldacci, Crichton, Follett und wie sie alle heißen, recht schnell auch auf andere Namen, die teilweise in den USA schon zu den absoluten Top-Autoren zählen, in Deutschland aber noch eher unbekannt sind.
Greg Iles ist einer dieser Autoren, auf die ich beim Lesen in entsprechenden Foren, auf Webseiten, und nicht zuletzt bei der aus meiner Sicht sehr nützlichen Funktion von amazon.com, bei der man angezeigt bekommt, welche Bücher sich die Käufer eines bestimmten Buches ebenfalls gekauft haben (gibt es auch bei der deutschen Ausgabe von amazon), immer wieder aufmerksam wurde.
Da sich die kurzen Inhaltsangaben seiner Bücher sehr interessant anhörten, war es nur eine Frage der Zeit, bis ich eines davon lesen musste. Doch ich habe nicht mit einem seiner beiden auch in Deutschland schon veröffentlichten und ein klein wenig bekannten Bücher „@ Eros“ (Originaltitel: Mortal fear) um einen Killer im Umfeld einer elektronischen Erotik-Mailbox oder „Unter Verschluß“ (Original: Quiet game) angefangen, sondern der Zufall brachte mich zu einem Roman, der erst im Herbst auf Deutsch erscheint: In einem Antiquariat entdeckte ich „ 24 Hours“ und konnte natürlich nicht widerstehen.
Inhalt:
=====
Ein Verbrechertrio hat scheinbar einen Weg gefunden, ein perfektes Verbrechen durchzuführen, in dem sie Familien erpressen. Dazu wird das Kind der Familie entführt, während der Vater auf einem Kongress ist. Der Kopf der Bande postiert sich bei der Mutter, sein etwas zurückgebliebener Cousin bringt das Kind an einen abgelegenen Ort und die Frau des Entführers sucht den Vater am Ort des Kongresses auf. Die Eltern werden aufgefordert innerhalb von 24 Stunden ein große Summe Geld, die aber die wohlhabenden Eltern problemlos aufbringen können, zu beschaffen. Das Trio nimmt jede Stunde Kontakt per Handy miteinander auf, sobald diese Kontaktaufnahme fehlschlägt oder Behörden eingeschaltet werden, soll das Kind sofort getötet werden. Das der Kopf der Band diese Situation auch noch dazu benutzt, die jeweilige Mutter zu entsprechenden „Gefälligkeiten“zu zwingen, erhöht nur noch den Druck.
Fünfmal hat dieser Plan, der dem Trio jeweils das Geld für ein sorgenfreies Jahr beschert, geklappt. Doch beim sechsten Versuch geraten sie an Will Jennings, einen Narkose-Arzt und seine Frau Karen. Und diese beiden, die sich ihren Wohlstand hart erarbeitet haben, sehen überhaupt nicht ein, warum sie sich ohne Gegenwehr auf diese perfide Erpressungsmethode einlassen sollen und versuchen alles, um ihre Tochter Abby zurück zubekommen. Doch auch für die Entführer ist dies kein normaler fall, da ihr Kopf scheinbar aus ganz besonderem Grund gerade die Familie Jennings ausgewählt hat ......
Meinung:
=======
Wenn man sich die kurze Inhaltsangabe anschaut, denkt man im ersten Moment, das dies eine typischen 08/15-Entführungsgeschichte ohne den besonderen Kick ist. Wenn ich dann auch noch soviel zur Handlung verrate, dass es im Verlauf nicht die großen Aufdeckungen und unerwarteten Wendungen gibt, wie sie z.B. ein Jeffrey Deaver in seine Romane mit Bravour einbaut, in denen niemand das ist, was er auf den ersten Blick scheint, könnte sich dieser Eindruck noch verstärken.
Und doch war „24 Hours“ eines der spannendsten Bücher, das ich in den letzten Monaten gelesen haben. Hauptgrund hierfür ist auf jeden Fall der Stil des Buches.
Zum einen beschränkt sich der Autor, mit Ausnahme des kurzen ersten Kapitels, in dem exemplarisch eines der vorherigen Verbrechen des Trios aufgezeigt wird, wirklich auf die 24 Stunden zwischen der Entführung und dem Termin für die Übergabe des Geldes, wie man aufgrund des Titels eventuell schon erwartet. Dabei gelingt es hervorragend, die Stimmungslage der beiden Elternteil, die ja getrennt von einander die gleichen Gefühlsschwankungen, von Angst, über Zorn und der verzweifelten Suchen nach einem Ausweg durchleben, aufzuzeigen. Man lebt förmlich mit. Parallel dazu wird als eine Art Gegenpol auch immer wieder die Situation des Kindes , das zusätzlich auch noch an Zucker leidet, was den Entführern nicht bewusst war, geschildert.
Zum anderen wurde zum Glück vermieden, eine typischen schwarz-weiß / gut-böse Situation zu kreieren. Auch die Verbrecher haben menschliche Züge, wobei dies beim Kopf der Bande weniger der Fall ist, bei seine beiden Komplizen dafür um so mehr. Somit ergeben sich für die Eltern Möglichkeiten, eventuell doch noch einzugreifen und die Situation zum guten zu wenden.
Auch wenn die Handlung relativ geradlinig verläuft, nimmt das Spannungsmoment im Verlauf des Romanes immer mehr zu. Die zweite Hälfte des Buches (etwas 200 Seiten) habe ich in einer „Nacht-Aktion“ in einem Rutsch gelesen, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es ausgeht. Und wenn ein Buch mich zu solchen Aktionen „zwingt“ :-), ist dies für mich ein klarer Qualitätsbeweis.
Englische Ausgabe:
==============
Wie aus der Einleitung schon zu ersehen, habe ich das englische Original gelesen und fand es sehr gut lesbar. Daher hier wieder mein Appell, sich auch einmal an englische originale zu trauen. Ich war in der Schule garantiert nicht die große Leuchte in Englisch. Aber wenn man erst einmal anfängt und sich durch die ersten 2-3 Bücher gekämpft hat (die zugegebenermaßen wirklich etwas Durchhaltevermögen benötigen), hat man sich einen Grundwortschatz aufgebaut, dass man Unterhaltungsliteratur fast komplett ohne Lexikon und mit viel Vergnügen lesen kann und dabei sogar etwas für die Bildung tut.
Zum Autor:
========
Wie angedeutet, ist mir der Name Greg Iles zuerst in diversen (Internet)-Infos aus dem Genre Thriller aufgefallen. Gemäß seiner eigenen Homepage ist er während der Militärzeit seines Vaters in Deutschland geboren worden und in Natchez, Missisippi, aufgewachsen. Seit 1992 veröffentlicht er bisher 6 Romane, u.a. auch 2 Thriller im Umfeld des Holocaut, die ebenfalls sehr interessant klingen.
Film:
====
Das hier besprochene Buch ist in diesem Jahr mit so bekannten Schauspielern wie Charlize Theron, Kevin Bacon und Courtney Love unter dem Titel „Trapped“ verfilmt worden und soll im Oktober 2002 in die US-Kinos kommen soll. Ich bin ja eigentlich kein Freund von Buchverfilmungen, aber was für diese Verfilmung spricht, ist die Tatsache, das Greg Iles selbst das Drehbuch geschrieben hat.
Fazit:
====
Ein absolut spannender Thriller, den man nur schwer zur Seite legen kann. Man sieht also, auch relativ simpel gestrickte Handlung kann mit dem entsprechenden Talent als Thriller-Schriftsteller zu einem hervorragenden Buch führen. weiterlesen schließen
Informationen
Die Erfahrungsberichte in den einzelnen Kategorien stellen keine Meinungsäußerung der Yopi GmbH dar, sondern geben ausschließlich die Ansicht des jeweiligen Verfassers wieder. Beachten Sie weiter, dass bei Medikamenten außerdem gilt: Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.
¹ Alle Preisangaben inkl. MwSt. und ggf. zzgl. Versand. Zwischenzeitl. Änderung der Preise, Lieferzeiten & Lieferkosten sind in Einzelfällen möglich. Alle Angaben erfolgen ohne Gewähr.
Bewerten / Kommentar schreiben