Pro:
tiefgründig, vielschichtig, ungewöhnlich, einfache Sprache, poetisch
Kontra:
nichts
Empfehlung:
Ja
Zur Zeit habe ich Osterferien und endlich mal wieder Zeit zum Lesen, und natürlich auch, um einen Bericht über das Gelesene zu schreiben. Mit einem Kollegen, der mit mir die Umschulung macht, habe ich mit einem Büchertausch angefangen. Wir tauschen uns gegenseitig Bücher zum Lesen aus. Das letzte Buch, was ich vor einigen Tagen zu Ende gelesen habe, war "Naokos Lächeln" von Haruki Murakami. Mein Kollege sagte, es sei einer seiner Lieblingsautoren; ich aber habe noch nie von ihm gehört. Umso gespannter war ich auf dieses Buch.
Unter dem Titel steht "Nur eine Liebesgeschichte". Eine Liebesgeschichte habe ich schon lange nicht mehr gelesen, ist auch eigentlich gar nicht so mein Genre. Auf der Rückseite des Buches steht dann auch noch vom "SPIEGEL": "Naokos Lächeln erzählt lebendig und leidenschaftlich von einer Liebe im Tokyo der unruhigen sechziger Jahre.."
Obwohl sich das wirklich gut anhört, hätte ich mir das Buch glaube ich nicht selbst ausgewählt, weil ich bei den Wörtern "Liebe" und "leidenschaftlich" irgendwie nur an Kitsch dachte. Das war natürlich ein Vorurteil, und beim Lesen wurde ich auch eines besseren belehrt.
Zum Autor des Buches:
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Haruki Murakami wurde am 12. Januar 1949 in Kyôto geboren. Er lebte über längere Zeit in Europa und in den USA. Murakami ist einer der populärsten und der am meisten übersetzte Autor von allen zeitgenössischen japanischen Autoren. Er wurde mit den höchsten japanischen Literaturpreisen ausgezeichnet. Außerdem hat er die Werke von Raymond Chandler, John Irving, Truman Capote und Raymond Carver ins Japanische übersetzt. Er hat zahlreiche Romane und Erzählungen geschrieben zB Gefährliche Geliebte, Mister Aufziehvogel, Kafka am Strand.
Zum Inhalt des Buches:
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Der Roman beginnt mit einem kurzen, einleitenden Kapitel, in dem der 37-jährige Hauptdarsteller Toru Watanebe aufgrund des erneuten Anhörens des Beatles Lied "Norwegian Wood" in Erinnerung an sein Leben vor fast zwanzig Jahren verfällt.
Im Rest des Buches blickt er zurück auf die Ereignisse seiner Jugend und frühen Erwachsenenalters. Zuerst hatte sein bester und einziger Freund Kizuki mit 17 Jahren Selbstmord begangen. Ein Jahr nach seiner Beerdigung begegnete er Kizukis Freundin Naoko wieder, zu der auch er früher einen freundschaftlichen Kontakt hatte.
Toru lebte im Studentenheim, schloss sich aber kaum anderen Leuten an, sondern zog sich zurück, war eher ein Eigenbrötler. Er traf sich seit der Begegnung mit Naoko fast jeden Sonntag mit ihr. Sie gingen spazieren und redeten viel.
Als er jemanden sah, der auch eines einer Lieblingsbücher "Der große Gatsby" las, freundete er sich dann doch mit einem anderen Studenten an. Nagasawa war ein sonderbarer Mensch, ihn umgab eine "Aura von Macht", die er bei Mädchen auch dazu benutzte, um sie ins Bett zu bekommen. Toru ging auch einige Male mit ihm aus und schlief oft mit Mädchen, die ihm nichts bedeuteten.
Mit der Zeit wurde Naoko immer wichtiger für ihn, und er verliebte sich in sie. Naoko aber hatte etwas Geheimnisvolles und Unnahbares an sich. Außerdem war die Beziehung zu ihr durch die Verbindung zu Kizuki, dem verstorbenen Freund, sehr schwierig. Sie hatte Kizuki aufrichtig geliebt, und der Verlust machte ihr sehr zu schaffen. Für Naoko war Toru die einzige Verbindung zur Außenwelt, auch für sie gewann ihre Freundschaft immer mehr an Bedeutung.
Aufgrund ihrer depressiven Verstimmung ließ sie sich in ein Sanatorium einweisen, in dem sie nach Heilung suchte. Dort lebte sie mit einer Frau, die Ende Dreißig war, zusammen, mit der sie so gut wie alles zusammen machte. Zu Reiko hatte sie eine ganz besondere Beziehung, und das Vertrauen zu ihr war sehr groß.
Toru besuchte sie dort ein paar Mal und hoffte auch immer auf Heilung und eine schöne Zukunft mit Naoko.
In dieser Zeit lernte er ein anderes Mädchen, Midori, kennen, die ganz anders als Naoko war, nämlich lebenslustig und voller Energie. Midori verliebte sich schnell in ihn, und auch er fühlte sich sehr zu ihr hingezogen. Schließlich musste er sich eines Tages entscheiden, wen er mehr liebte......
Eine Leseprobe:
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S. 46:
Als der Herbst zu Ende ging und kalte Winde durch die Stadt fegten, nahm Naoko manchmal meinen Arm und drückte sich an mich. Durch den dicken Stoff ihres Dufflecoats konnte ich ihre Atmung spüren. Sie hängte sich an meinen Arm oder steckte ihre Hand in meine Manteltasche, und wenn es wirklich kalt war, schmiegte sie sich fröstelnd an meinen Arm, um sich zu wärmen. Aber eine andere Bedeutung hatten diese Berührungen für sie nicht, und auch ich ging unbeteiligt, die Hände in den Taschen vergraben, weiter. Da wir beide Schuhe mit Gummisohlen trugen, erzeugten unsere Schritte kaum ein Geräusch, außer einem trockenen Knacken, wenn wir auf die großen, welken Platanenblätter auf dem Pflaster traten, ein Laut, der Mitleid mit Naoko in mir hervorrief, denn es war nicht mein Arm, den sie suchte, sondern ein anderer Arm, nicht meine Wärme, sondern die eines anderen. Ich hatte fast ein schlechtes Gewissen, weil ich ich war.
Mit fortschreitendem Winter waren Naokos Augen immer klarer und durchsichtiger geworden, aber in dieser Klarheit ließ sich kein Sinn entdecken. Manchmal versenkte Naoko ihren Blick ohne erkennbaren Grund in meine Augen, wie auf der Suche nach etwas ganz Bestimmtem, und das gab mir ein merkwürdiges, unerträgliches Gefühl von Einsamkeit.
Zu den Hauptpersonen:
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Toru: Er ist ein sehr ernster, ruhiger, zurückgezogener Mensch, der gerne liest, Musik hört und spazieren geht. Der Tod seines besten Freundes Kizuki hat ihn noch nachdenklicher gemacht, und er fühlt sich teilweise wie zwischen Leben und Tod. Seine Verbindung zu Naoko wühlt ebenso widersprüchliche Gefühle auf. Ihr Zustand macht ihn unglücklich, die Treffen mit ihr erfreuen wieder seine Seele. In vielem, was er tut, ist er unsicher, es fehlt ihm an Klarheit und Entschlossenheit.
Naoko: Ihr Verhalten ist undurchsichtig und mysteriös. Sie ist von einer tiefen Traurigkeit umgeben, die auch ihren melancholischen Charakter ausmacht. Naoko scheint immer auf der Suche nach Irgendetwas zu sein, was sie nicht zu finden scheint. In ihr ist seit dem Tod ihres Freundes Kizuki eine große Leere entstanden, diese sie nicht mehr auffüllen kann. Sie ist zwar auf gewisse Weise unnahbar, dennoch ist sie sehr gefühlvoll und wird sogar oft von ihren Emotionen überwältigt.
Nagasawa: Nagasawa ist zwei Jahre älter als Toru und wird zu seinem einzigen Freund während seiner Studienzeit. Er ist ein merkwürdiger Typ, ebenso ein Eigenbrötler wie Toru. Er ist sehr intelligent, stammt aus einer erstklassigen Familie und würde einmal Diplomat im Auswärtigen Amt werden. Seine Art ist höflich, aber bestimmt und er weiß, wie er mit Menschen umzugehen hat. Er hat großen Erfolg bei Frauen, den er auch genießt.
Seine feste Freundin Hatsumi ist eine ganz tolle Frau, die eigentlich gar nicht so recht zu ihm passt. Mit seinem Verhalten verletzt er sie sehr, aber da ist er absolut egoistisch.
Midori: Der Name Midori bedeutet "grün". Sie hat einen unglaublichen Charme, ist sehr lebenslustig, fröhlich und steckt voller Energie. Sie ist auch sehr gewissenhaft, sie pflegt ihren schwer kranken Vater und kümmert sich um den Buchladen der Familie. Sie macht gerne verrückte Sachen, ist äußerst verspielt und erstaunt immer wieder durch ihre Offenheit und Direktheit (Sie nimmt kein Blatt vor den Mund).. Ihr ist schon nach kurzer Zeit klar, was sie von Toru möchte, ist zielstrebig und lässt sich nicht auf halbe Sachen ein.
Reiko: Naokos Zimmergenossin Reiko ist eine liebenswerte Frau Ende Dreißig mit Fältchen im Gesicht. Sie ist Musiklehrerin und hat ihre eigene traurige Geschichte. Bevor sie ins Sanatorium ging, war sie verheiratet und hatte ein Kind. Sie verließ ihre Familie, weil sie mit sich und der Welt nicht klar kam. Sie spielt leidenschaftlich gerne Gitarre. Sie mag Naoko sehr und bald auch Toru. Ihre Schwäche ist das Rauchen, welches sie absolut genießt. Sie hat eine warmherzige, freundliche, mütterliche Art.
"Sturmbandführer": Er ist anfangs Torus Zimmergenosse, zwar eine für Toru eher unbedeutende Person, aber er enthält Stoff zum Erzählen. Er ist ein Sauberkeitsfanatiker, interessiert sich für Landkarten, stottert, trägt fast immer Uniform und ist immer sehr genau und korrekt. Er hat einige seltsame Marotten wie morgens pünktlich um halb sieben Radiogymnastik zu machen.
Meine Gedanken zu dem Buch:
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Der Einstieg:
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Da ich gar nicht wusste, was mich erwartet, war ich um so gespannter. Der Einstieg in die Geschichte fällt aufgrund des einfachen Sprachstils des Autors und des guten Spannungsaufbaus sehr leicht.
Norwegian Woods:
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Das Lied "Norwegian Woods" von den Beatles, aufgrund dessen der Ich-Erzähler als Toru zurückblickt, ist auch Naokos Lieblingslied und somit großer Bestandteil des Buches. Ebenso melancholisch die Melodie und der verwirrende Text dieses Liedes ist, ist auch der Inhalt des Romans voller Melancholie und Verwirrung. Das Mädchen in dem Lied verhält sich widersprüchlich und erinnert sehr an Naokos Verhalten.
Die Charaktere:
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Die Personen im Buch sind eigentlich alle recht normal, doch durch die unterschiedlichen Probleme ihres Lebens entwickeln sie sich zu Persönlichkeiten, die durch ihre Suche nach sich selbst sich von der breiten Masse abheben. Die Charaktere sind dadurch auch eher unvorhersehbar und wirken skurril und eigenartig.
Das Thema Tod und Selbstmord
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Interessant ist auch, wie der Autor den Schauplatz Tokyo während der späten 60er und frühen 70er Jahre beschreibt. Es war eine eher unruhige Zeit, in der die Sehnsucht nach Freiheit aufbrach. Im gewissen Sinne bedeutet auch Selbstmord Freiheit, das Thema Tod durchzieht das ganze Buch. Während dem Lesen ist die Grenze zwischen Leben und Tod immer wieder spürbar. Besonders, was Naoko betrifft, war mir ihre Todessehnsucht stets bewusst.
Schreib- und Erzählweise:
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Der Autor schreibt auf eine Art und Weise, die viel erkennen lässt von menschlichen Nöten. Als Leser bekommt man einen neuen Blick auf das Leben, denn der Autor versucht zu zeigen, wie man auch traurige und verwirrende Phasen des Lebens standhalten kann.
Sowohl die Geschichte, als auch die Erzählweise des Autors ist einfach und direkt. Durch den Rückblick, das Erinnern an frühere Zeiten fließt auch etwas Nostalgisches mit ein.
Teilweise ist die Sprache auch poetisch und man gerät zwischendurch ein wenig ins Träumen. Mir persönlich gefallen auch seine Ausschweifungen ins Phantastische.
Selbstverwirklichung
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Es geht um Liebe, Verlust und das Finden seines Platzes in dieser Welt. Im Großen und Ganzen steht die Selbstverwirklichung als großes Ziel im Vordergrund. Ob durch die Liebe oder durch Selbstmord oder einfach durch das Erwachsenwerden.
Mein Fazit:
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Ich bin insgesamt sehr positiv überrascht von dem Einfluss, was die Geschichte auf mich hat. Sie berührt mich im Ganzen. Das verdeutlicht mir, wie geschickt und intelligent der Autor vorgegangen ist.
Ich bin beeindruckt von der Tiefgründigkeit der Geschichte. Es ist eine Liebesgeschichte, aber in keinster Weise kitschig. Einerseits wird die Geschichte mit einer Leichtigkeit erzählt und trotzdem schwingt die Tragik von Verlust und Leid mit. Sie ist also gleichzeitig traurig wie schön.
Wie schon anfangs erwähnt, die Geschichte ist sehr widersprüchlich.
Mir hat das Buch ausgesprochen gut gefallen, vielleicht auch deshalb, weil es unerwartet ungewöhnlich und vielschichtig ist. Ich kann es euch also nur empfehlen!
Danke im Voraus fürs Lesen, Bewerten und Kommentieren meines Berichtes!
Buchdaten (übernommen von www.amazon.de):
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Taschenbuch: 428 Seiten
Verlag: Btb (Februar 2003)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3442730503
ISBN-13: 978-3442730506
Übersetzung: Ursula Gräfe
Preis bei amazon: 10 Euro weiterlesen schließen
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