Pro:
Durchweg sehr gute Darstellungen der Schauspieler, aufschlussreiche Interviews auf der Bonus-DVD
Kontra:
Teils etwas langatmige und unglaubwürdige Story, keine üblichen Features auf DVD wie z.B. Making of
Empfehlung:
Ja
Wer hätte je vermutet, dass Clint Eastwood der in den 70er und 80er Jahren hauptsächlich durch seine „Handvoll Dollar“- und „Dirty Harry-Filme“ auf sich aufmerksam machte, in den späten Jahren seines Schaffens zu solcher Höchstleistung aufläuft. Filme in denen er auch die Spielleitung übernahm, wie z.B. „Perfect World“ oder „Die Brücken am Fluss“ waren nicht nur mit Lob seitens der Kritik überschüttet, sondern kamen beim Publikum auch noch sehr gut an. Höhepunkt waren sicher die beiden Oscars des hervorragenden Spätwestern „Erbarmungslos“, die es jeweils für den besten Film, sowie die beste Regie in Empfang zu nehmen galt.
Seither prügelt sich die Créme de la Créme der Hollywoodmimen fast schon ein wenig darum, mit der lebenden Filmlegende einmal drehen zu dürfen. Und so ist es sicher keine allzu große Überraschung, dass sein aktuellstes Werk „Mystic River“ mit einem hochgradigen Aufgebot an erstklassigen Schauspielern bestückt ist, die alles unternahmen die Filmversion von Dennis Lehanes Roman in eindrucksvollen Bildern wiederzugeben.
Handlung
Die verhängnisvolle Geschichte beginnt vor 25 Jahren im Bostoner Arbeiterviertel East Buckingham. Die Jugendfreunde Sean Devine, Jimmy Markum und Dave Boyle schreiben ihre Namen als Mutprobe in ein frisch ausgebessertes Stück Bürgersteig. Als ein Mann in einer dunklen Limousine auftaucht und sich als Polizist ausgibt, müssen Sean und Jimmy hilflos mit ansehen, wie Dave ins Wageninnere hineingedrängt wird. Das was Dave in den kommenden 4 Tagen schreckliches erlebt, verändert sein Leben für immer.
In den folgenden Jahren geht das Trio ihre eigenen Wege, auch wenn sie immer noch losen Kontakt miteinander halten und eine unterschwellige Freundschaft zurückbleibt. Katie, die Tochter von Jimmy (Sean Penn) wird eines Tages ermordet im Stadtpark aufgefunden. Sean (Kevin Bacon) der inzwischen bei der Polizei arbeitet, übernimmt zusammen mit seinem Kollegen Whitey Powers (Laurence Fishburne) die Ermittlungen in dem Fall. Jimmy stellt derweil seine eigenen Nachforschungen an, wobei ihm die Kontakte die er als ehemaliger Verbrecher immer noch hat, sich als äußerst hilfreich erweisen. Schnell fällt der Verdacht auf Dave, dem ehemals entführten Jungen, der als Erwachsener sein Leben seither nie mehr richtig in den Griff gebracht hat.
Jimmy, den der Schmerz um seine getötete Tochter fast um den Verstand bringt, sehnt sich immer stärker nach baldiger Rache am Mörder. Schließlich kommt er an Informationen heran, die eigentlich nur den ermittelnden Behörden zugänglich sind. Diese Indizien deuten mehr und mehr auf Dave, da er sich bei den Befragungen der Polizei immer tiefer in Widersprüche verstrickt.
Es beginnt ein Wettlauf zwischen den Ermittlern und dem Vater der Ermordeten -, denn sollte Jimmy den mutmaßlichen Mörder zuerst in die Finger bekommen, stehen seine Chancen ungemein schlecht mit dem Leben davonzukommen…
Kritik
Zwei Oscars – einen für die beste Haupt- (Sean Penn) und einen für die beste Nebenrolle (Tim Robbins) konnte „Mystic River“ schließlich für sich verbuchen. Die beiden Hollywoodstars haben dementsprechend auch die stärksten und eindringlichsten Auftritte, die emotionale Seite ihrer Filmfigur betreffend. Dabei sind Penn und Robbins Darbietungen für mein Dafürhalten fast gleichwertig angesiedelt, was die Gewichtigkeit ihrer Rolle anbelangt. Wobei der Charakter des Ex-Sträflings, der praktisch durch seine Familie zu einem besseren Menschen geworden ist, und durch den grausamen Verlust seiner Tochter sich gezwungen sieht, sich wieder von diesen moralischen Fesseln zu befreien, sicher sich als der interessantere Part erweist.
Die bis ins Mark traumatisierte, von Tim Robbins dargestellte Figur, der man in der Kindheit so unaussprechliches angetan hat, war aber gewiss nicht unbedingt einfacher umzusetzen. Mit viel Körbersprache schaffte Robbins es aber ungemein anschaulich das Häufchen Elend so darzustellen, dass man den Schauspieler dahinter schon beinahe nicht mehr erkennen vermag. Beängstigend real wird er so zu dem Erwachsenen, dem man als Jungen seine Kindheit einfach so weggenommen hatte.
Die Rolle des Ermittlers vom Morddezernat die von Kevin Bacon gespielt wird, wirkt da beinahe schon fast wieder hausbacken. Doch der in scheinbar geordneten Verhältnissen lebende Cop hat - bei etwas näherer Betrachtung - auch ein paar dunklere Flecken auf seiner Seele zu verzeichnen, die ihn auch nicht so richtig zur Ruhe kommen lassen.
Der Rückblick zu Beginn des Films lässt beim Zuschauer erst eine vage nostalgische Stimmung aufkommen, bevor er unvermittelt darauf hingewiesen wird, dass das Geschehen sehr schnell in ziemlich unerbittlichen, ernsten Bahnen verlaufen wird. Mehr Drama und weniger Thriller dürfte dann auch die richtigere Bezeichnung für die immer tiefer unter die Haut gehende Geschichte sein. So dürfte sicherlich auch nicht jeder sich von Eastwoods Streifen von vorne bis hinten begeistern lassen, der vor allem auf reichlich Tempo oder viel Actiongehalt aus ist. Die Protagonisten befinden sich in einem immerwährenden Strudel des Schicksals, der ihre Handlungen zu bestimmen scheint, und aufzeigt, wieso sie gerade zu den Männern geworden sind, die nicht umhinkommen die Misere abzuwenden, die sich im weiteren Verlauf dann ganz deutlich abzeichnet. Da nützt es auch wenig wenn an vielen Stellen darüber philosophiert wird, wie es aussehen könnte, wenn die Vorsehung einen anderen Weg für sie alle eingeschlagen hätte. Das Hohelied von Verbundenheit und Freundschaft endet wie so oft im Leben, am eigenen Egoismus und der Unfähigkeit, den Schmerz der einem angetan wird richtig zu verarbeiten.
Das Finale strebt demnach unausweichlich auf einen Abgrund, ein dunkles Loch zu, das viele Zuschauer herbeikommen sehen -, die meisten aber dennoch hoffen, dass dieses noch einmal bitteschön zu umgehen wäre. Doch es gibt letztendlich kein Entkommen, keine unvorhersehbaren Wendungen -, im Grunde auch keine Überraschungen und was wohl am meisten verwirren dürfte: keine wirklichen Antworten. Die muss sich das Publikum dann schon selbst zusammenreinen. Richtig zufrieden stellen, dürfte das aber sicher die wenigsten, wenn sie am Ende des Filmes sicher etwas ratlos mit dem Abspann zurückgelassen werden.
DVD-UMSETZUNG
Die DVD von Eastwoods bisher vielleicht schwermütigstem Film gibt es von Warner Home Video als Doppelscheibe. Bild und Ton auf Disc 1 ist in guter bis sehr guter Machart auf den Datenträger übernommen worden. Das Bild, das meist von dunkleren Farben dominiert wird, weist immer noch genügend Kontrast und Schärfe auf, damit einem ungetrübten Sehvergnügen nichts entgegensteht.
Der Ton ist bis auf einzelne wirkungsvolle Effekte alles in allem unspektakulär, wird aber nicht zuletzt durch den stimmigen Music-Score noch einmal aufgewertet.
Der auf dem Silberling enthaltene Audiokommentar von Kevin Bacon sowie Tim Robbins ist leider nicht ganz optimal. Zu viele Pausen während ihren Ausführungen, trüben hier ein wenig das Bild. Und die Meinungen der beiden Darsteller werden auch bedauerlicherweise nicht (wie fast alle auf Warner-DVDs enthaltenen Kommentare) durch deutsche Untertitel unterstützt.
FILMDATEN
Laufzeit: 132 Minuten
Bildformat: 2.40:1 (16:9)
Tonformat: Deutsch DD 5.1 / Englisch DD 5.1
Untertitel: Deutsch / Deutsch für Hörgeschädigte Englisch / Englisch für Hörgeschädigte
DVD 2 (Extras)
Die Zusatzscheibe ist ziemlich untypisch für ein aktuelles Produkt erstellt worden. Ein herkömmliches Making of z.B. sucht man deshalb vergeblich. Der Schwerpunkt liegt
hier ganz klar im Interviewbereich und bei den Meinungen der Macher zum Film.
MYSTIC RIVER / UNTER DER OBERFLÄCHE
Hier geben sich Regisseur Eastwood, die Darsteller, Buchautor und Drehbuchautor ein Stelldichein. In verhältnismäßig ausführlichen Interviews wird hauptsächlich darauf eingegangen, wie Clint Eastwood auf die Buchvorlage stieß und sich so beeindruckt davon zeigte, dass er den Autor Dennis Lehane für die Zustimmung einer Filmadaption seines Werkes bewegen konnte.
MYSTIC RIVER / VOM BUCH AUF DIE LEINWAND
In diesem Bereich wird noch einmal genauer auf die Filmumsetzung eingegangen. Im Wechsel mit Ausschnitten aus dem Film, werden wieder aufschlussreiche Statements der Macher gezeigt. Vor allem die Schauspieler berichten davon, wie sie ihre einzelnen Rollen angelegt haben und welchen Spaß sie trotz der anstrengenden Dreharbeiten immer wieder hatten. Dafür gibt es auch viel Lob für den Regisseur und es wird deutlich, wieso Eastwood so beliebt unter den Akteuren ist.
THE CHARLIE ROSE SHOW
In dieser amerikanischen Talkshow sind Clint Eastwood und seine drei Hauptdarsteller zu Gast. Wobei der Gastgeber in einem sehr ausführlichen 40 Minuten langen Gespräch in erster Linie dem Kultregisseur eine Menge an interessanten Einzelheiten zu seinem Werk entlockt. Sehr angenehm und entspannt ist dabei die Atmosphäre die zwischen Fragesteller und Befragtem entsteht.
Der Teil in dem Tim Robbins und Kevin Bacon zu Wort kommen, ist zwar etwas kürzer, gleichwohl aber nicht weniger ansprechend. So wird nicht nur viel über den aktuellen Film „Mystic River“ gesprochen, sondern es wird auch noch ganz allgemein über die bisherige Arbeit der Darsteller geredet. Auch ein wenig die private Seite der Künstler, wird dann noch zu einem nicht uninteressanten Thema gemacht.
Wahlweise kann man sich die Mitschnitte aus der TV-Show als Ganzes, oder jeweils in drei separaten Happen genehmigen.
Zum Abschluss der Features gibt es dann noch zwei herkömmliche Trailer des Films zu bewundern.
Sämtliche Extras auf der Bonus-Disc wurden mit deutschen Untertiteln ausgestattet
FAZIT
Das einzige was bei „Mystic River“ wirklich zählt, ist die Geschichte und die darin enthaltenen, sicherlich überzeichneten, und dennoch lebensnahen Charaktere, die jeder für sich genommen unterschiedlicher nicht sein könnte. Dem ungeachtet – und das bringen die hervorragenden Schauspieler sehr schon rüber – zeigt der Streifen eine tief verwurzelte Freundschaft, die durch das verhängnisvolle zusammenwirken tragischer Umstände, sich in Hilflosigkeit, Misstrauen, oder gar in schieren Hass verwandelt. Eastwood nimmt sich viel Zeit für diese Abhandlung; zuviel vielleicht für den unbedarften Betrachter, der nicht sonderlich aufmerksam auf die Zwischentöne achtet, die der Film doch mehr oder weniger gekonnt einzuflechten weiß.
Eine über die Maßen eindringliche Tragödie ist so sicherlich entstanden, zum Meisterwerk fehlt ihm aber dennoch das nötige Quäntchen, das den Zuschauer mit Haut und Haaren an das Geschehen bindet. Schauspielerische Höchstleistung reicht hier halt nicht aus, denn ohne eine leidenschaftliche Story verpuffen auch die eigentlich gut gemeinten Ansätze, zu einer derartigen epischen Erzählung. Das Drehbuch schafft das leider meiner Meinung nie so richtig überzeugend. Ob der Roman es besser kann, von dem Eastwood so begeistert war, müssen diejenigen beurteilen, die ihn schon gelesen haben.
Ebenso ungewöhnlich wie der Film selber, ist das Zusatzmaterial auf der Bonus-DVD arrangiert worden. Denn hier gilt es überwiegend den Interpretationen der Personen zu lauschen, wenn sich größtenteils ein Interview ans andere reiht. Interessant und unterhaltend sind die Erkenntnisse daraus sicher vor allem für Filmfreunde im Allgemeinen, und natürlich auch speziell für Fans von Eastwood und Co. -, da sich vieles nicht nur ausschließlich um diesen Film dreht, sondern auch eine große Bandbreite des generellen Filmemachens beleuchtet wird.
© winterspiegel für Ciao & Yopi weiterlesen schließen
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