Pro:
Guter Einblick in die Taliban-Problematik, ...
Kontra:
... der auch deprimierend wirken könnte.
Empfehlung:
Ja
Osama ist hier nicht Bin Laden, sondern ein junges Mädchen in der Pubertät, das sich vor den Taliban als Junge verkleidet und schließlich entdeckt wird – und mit welchen Folgen …
Dies ist ein preisgekrönter Film aus Afghanistan, der erste Film nach der Taliban-Ära, der international Anerkennung gefunden hat. Der Regisseur hat während der Taliban-Ära 8000 Filmrollen vor den Taliban versteckt und so vor dem sicheren Untergang gerettet. Und jetzt klärt er die Welt darüber auf, wie die Taliban-Herrschaft auf die Menschen gewirkt hat. Natürlich weiß man dies aus den Nachrichten, aber das Erleben des persönlichen Schicksals eines Mädchens ist noch viel aussagekräftiger und unter-die-Haut-gehender.
Zum Hintergrund muss man wissen, dass Afghanistan zwar die Rolle der Frau als Mutter und Ehefrau schon immer sehr hoch gehalten hat, dass es aber schon in den Zwanzigern, in denen es einen König gab, dem man dort immer noch hinterhertrauert, Schulen für Mädchen gegeben hat.
Der Film beginnt mit einer Demonstration von Frauen und Mädchen, die in ihren Burkas gegen das Berufsverbot für Frauen demonstrieren. Die Burkas (zeltartige Kleidungsstücke, die alles verdecken) sind übrigens ursprünglich aus Indien gekommen, denn dahinter konnten reiche indische Frauen die Goldschätze, die sie mit sich trugen, vor den Dieben und Räubern verstecken. Dies wurde irgendwann übertragen auf den Goldschatz der Weiblichkeit, den jede Frau hinter einer Burka verstecken musste.
Osamas Mutter arbeitet in einem Krankenhaus, das kurz vor dem Untergang steht: Es ist kein Geld mehr da, die Gehälter oder Medikamente zu bezahlen; eine blonde Ärztin aus dem Westen wird sogar verhaftet und hingerichtet, weil sie dort arbeitet, und Osamas Mutter verliert natürlich auch ihren Job. Sie kann sich noch eine Weile als Selbständige über Wasser halten, aber ihr letzter reicher Patient stirbt dann auch, und sie steht vor dem Nichts. Ihr Mann ist im Krieg gefallen, und es ist kein männliches Familienmitglied da, das die Familie ernähren könnte.
Osamas Großmutter kommt schließlich auf die einzige rettende Idee: Das Mädchen soll sich - zwar ist sie schon pubertär, aber noch kaum erkennbar - als Junge verkleiden, um so arbeiten und die Familie über Wasser halten zu können.
Die vielen zerschossenen Häuser, die man in diesen ersten Szenen des Films erlebt, sind schon sehr deprimierend; im Grunde leben die Leute in Ruinen und es fehlt an allem. Bettler beherrschen das Straßenbild, und ein Junge, der sehr eindringlich böse Geister vertreibt, macht damit ein gutes Dollar-Geschäft. Er wird im weiteren Verlauf des Films noch große Bedeutung für Osama erlangen, ohne dass es eine Liebesgeschichte würde.
Die Taliban konnten übrigens ihre Herrschaft nicht nur deshalb besonders gut installieren, weil sie von Amerika unterstützt wurden – gegen die russischen Eindringlinge -, sie konnten es auch deshalb, weil die atheistische Denkweise der Russen den einheimischen Moralvorstellungen völlig widersprach, und weil sie deshalb die Taliban der atheistisch-kommunistischen Denkweise vorzogen.
Osama kommt bei einem befreundeten Lebensmittelhändler, der mit dem verstorbenen Vater Osamas befreundet war, als Hilfsjunge unter. Als Lohn erhält sie Naturalien, nicht viele, aber gerade so viele, dass die Familie damit überleben kann.
Peinlich wird es beim Mittagsgebet, wenn sie schon mal den Ritus nicht kennt und andere Bewegungen macht als eigentlich vorgesehen sind. Da erhält der Zuschauer einen ersten Hinweis darauf, dass es mal Probleme mit ihrer Weiblichkeit geben könnte. Ein schöner Mann, ein Taliban, wird so auf sie aufmerksam. Nach kurzer Zeit holt er sie einfach aus dem Laden und steckt sie in eine Koranschule, in der sie ausgebildet – und wohl auch als Kämpfer ausgebildet – werden soll.
In der Koranschule mehren sich nun die Hinweise darauf, dass sie anders ist als die Jungen. So sieht man sie bei der Besprechung der Waschungen, wie alle Jungen in einem Bottich sitzen, sie aber von der Seite aus angezogen zuschaut. Die Waschungen, so der Lehrer, seien nötig, um die feuchten Träume, die junge Männer in dem Alter hätten, zu vertreiben.
Und jetzt kommt auch der erste Bruch in der Geschichte, die uns westlichen Zuschauern sonderbar vorkommt, die aber der Schamhaftigkeit der afghanischen Gesellschaft entspricht: Obwohl sie – was man sogar durch ihre Bekleidung erkennen kann – schon Ansätze von Brüsten hat, landet sie nun einfach in dem Bottich der Waschungen. Das hat mich schon etwas befremdet; es entspricht aber der afghanischen Distanzierung von aller Körperlichkeit, vor allem der weiblichen.
Die Anzeichen, dass sie anders reagiert als Jungen, mehren sich: Schon der Lehrer beschreibt sie als Nymphe, als einen Jungen, der himmlisch schön ist. Immer mehr weibliche Reaktionen führen schließlich dazu, dass die Jungen ihr nachlaufen und rufen: Sie ist ein Mädchen! … bis hin zu dem Gedanken: Gucken wir doch einfach nach!
Zum Beweis ihrer Männlichkeit klettert sie schließlich auf einen Baum. Aber es geht ihr so wie jungen Kätzchen: Sie kommt nicht mehr herunter.
Und hier beginnt der zweite Teil der Lücken: Es wird nicht gezeigt, wie sich ihre Weiblichkeit zum Verdacht erhärtet, sondern wir finden sie aufgehängt über einem Brunnen, und über ihre Beine laufen Blutströme der Menstruation.
Ich denke, dass die Lücken nur besagen: Das sind Dinge, die wir in Afghanistan nicht zeigen; ihr müsst euch die Lücken schon selbst denken.
So wird also ihre Weiblichkeit bewiesen; ich will aber nicht verraten, wie ihr weiteres Schicksal dann aussieht: Hinrichtung, Begnadigung oder Verheiratung mit einem reichen Mullah, der den Richter bestochen hat, um etwas Frischfleisch zu bekommen …
Dies ist ein Film, der bis auf wenige Kleinigkeiten durchaus professionell gemacht ist, der einem unter die Haut gehen kann und der viele Eindrücke aus Afghanistan widerspiegelt. Meine Frau fand ihn so deprimierend, dass sie fast bereut hat, mich zu begleiten.
Die Taliban kämpfen weiter: Jetzt bringen sie Ärzte und chinesische Gastarbeiter um.
Wer einen ernsten Film über ein Problem der letzten Jahre sehen will, ist hier gut beraten; wer Unterhaltung sucht, sollte in einen schlechteren Film gehen: Dieser ist gut. weiterlesen schließen
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