Pro:
Herrlich unterhaltsam | tiefgründig und hinterfragend
Kontra:
Schwer zu lesen, da lange Sätze | Eigennamen verwirren, da nicht in Anführungszeichen
Empfehlung:
Ja
DIALOG:
*“Herr Lehmann - Ein Roman“ Das ist ja ein komischer Titel.*
*Was soll an dem Titel komisch sein?*
´*Einfach nur „Herr Lehmann“. Das finde ich komisch - im Sinne von „seltsam“.*
*Tja, vielleicht ist der Herr Lehmann aus „Herr Lehmann“ auch „komisch“ im Sinne von „seltsam“.*
*Häh??????????*
*Ach, vergiss es!*
Fakten
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Titel: Herr Lehmann
Autor: Sven Regener
Verlag: Goldmann
ISBN (TB): 3-442-45330-5
Preis: 8,90 EUR
Seiten: 285
Inhalt
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Frank Lehmann, von allen nur *Herr Lehmann* genannt, lebt seit acht Jahren in West-Berlin. Er arbeitet hinter der Theke im *Einfall* - einer Kneipe in Kreuzberg. Ausgerechnet kurz vor seinem 30. Geburtstag überschlagen sich die Ereignisse. Erst wird er von einem hässlichen, großen Hund bedroht. Dann klingelt ihn seine Mutter aus einem dreistündigen Schlaf, um ihm telefonisch ihren Besuch anzukündigen. Schließlich verliebt er sich in die neue Köchin seiner Stammkneipe und als dann auch noch sein bester Freund durchdreht, ist das Chaos perfekt.
Das ist - grob überrissen - die ganze Geschichte. Doch im Laufe des Buches lernt man nicht nur Herrn Lehmann kennen, sondern auch Kristall-Rainer, der Stammgast in sämtlichen Kreuzberger Kneipen zu sein scheint und immer nur Weizen ohne Zitrone trinkt. Außerdem erfährt man das Karl, Herrn Lehmanns bester Freund und Kollege, ein dufter Kumpel ist, aber ziemliche Komplexe hat. Dann ist da noch Karin, die Köchin, die sich eigentlich nicht fest binden möchte, was Herr Lehmann sehr schade findet, weil man sich mit ihr so herrlich streiten kann und sie zwar recht mollig, aber in seinen Augen wunderschön ist. Tja, und Herr Lehmann? Der fährt eines Tages nach Ost-Berlin, weil seine Oma ihrer Cousine 500 DM schenken möchte. Dass er sich damit wegen Schmuggel von Devisen strafbar macht, merkt Herr Lehmann erst, als er bei den DDR-Vopos im Büro sitzt...
Schreibstil/Meinung
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Ein sehr komplizierter Schreibstil nötigt den Leser zur vollkommenen Aufmerksamkeit. Da kann man nicht einfach mal über einen Absatz drüberlesen - nein, da muss man voll bei der Sache bleiben. Wenn ich den Roman abends vor dem Zubettgehen zur Hand nahm, hatte ich schon teilweise meine Schwierigkeiten, dem Thema zu folgen. Der Autor Sven Regener schreibt aus der Sicht von Herrn Lehmann. Und da Herr Lehmann sehr komplizierte und teilweise recht verwirrende Gedanken hat, ist es nicht immer leicht, seine Ansichten zu verstehen.
Hinzu kommt der komplizierte Satzbau. Extrem lange Sätze, die durch viele Kommas gegliedert sind, erschweren das Lesen. Ich gebe in meinen Rezensionen selten Lesebeispiele, aber heute möchte ich es tun. Denn mit diesem extra-langen Satz (Achtung! Es ist wirklich nur EIN Satz!!!) möchte ich euch zeigen, wie der ganze Roman aufgebaut ist. Kurz erklärt: Herr Lehmann hat seine Stammkneipe aufgesucht, die tagsüber von 10 bis 17 Uhr Frühstück anbietet. Er hasst die sogenannten *Frühstücker* und die Unsitte bis 17 Uhr zu frühstücken. Überhaupt hasst er es, wenn Kneipen auch Essen anbieten - schließlich sind Kneipen keine Restaurants... Aus dieser Meinung heraus entsteht folgender Satz:
*Warum ist zum Beispiel ein Begriff wie Orangensaft geschützt, so daß nur aus hundert Prozent Orangen hergestellter Orangensaft Orangensaft heißen darf, dachte Herr Lehmann, dem langsam während er noch immer ratlos in der Nähe des Eingangs stand, die Beine schwer wurden, während der andere Kram je nach Fruchtgehalt aber Orangennektar oder Fruchtsaftgetränk mit Orangengeschmack heißen muß, nicht aber der Begriff Restaurant, obwohl der Begriff Restaurant bei weitem schützenswerter ist als etwa der Begriff Orangensaft, dachte er, vor allem vor den Frühstückern ist der Begriff Restaurant zu schützen, nicht aber der Begriff Orangensaft, das ergäbe keinen Sinn, ging es ihm immer sinnfreier durch den vom Schnapsgebrauch ungewöhnlich verkaterten Kopf, während er noch immer in den großen, wenigstens nicht mit Musik beschallten Raum hineinstarrte, in dem niemand, aber auch niemand Anstalten machte, einen kompletten Tisch zu räumen, was der einzige Ausweg für Herrn Lehmann gewesen wäre, außer der sofortigen Flucht natürlich, die ihm jetzt als das Beste erschien, wäre sie nicht mit Kapitulation und anschließender Ratlosigkeit verbunden gewesen.* [Quelle: *Herr Lehmann*, Sven Regener, Seite 35]
Der Schreibstil ist wirklich sehr kompliziert, aber gerade das macht den Roman aus. Ich wurde von der ersten bis zur letzten Seite an die Geschichte gefesselt. Wenn ich spät abends auf dem Sofa müde wurde, musste ich mich zwingen, dass Buch endlich zur Seite zu legen. Es wäre auch zu schade gewesen, wenn ich aus lauter Unvernunft auch nur einen Absatz verpasst hätte.
Wenn man das Gesamtwerk betrachtet, passiert eigentlich nicht viel. Man verfolgt das Leben des Herrn Lehmann über einige Wochen hinweg und lernt ihn und seine Umwelt näher kennen. Dabei steht allerdings nicht Berlin-Kreuzberg im Mittelpunkt, sondern die Menschen dort. Die Freunde und Bekannten, die Gäste und Stammkunden des Herrn Lehmann und natürlich er selbst. Dabei ist sein kritischer Blick, seine spitzfindige Auffassungsgabe, sein Talent *unverschönt zu Betrachten* und seine Offenheit so herrlich erfrischend. Gerade das oben genannte Beispiel von den *Frühstückern* zeigt, über welche Banalitäten man sich seinen Kopf zerbrechen kann. Aber ehrlich gesagt, fand ich mich da ein klein wenig wieder. Mmmh, wie erkläre ich das jetzt? Nun, oft überlege ich, warum z.B. heutzutage alles *ver-englischt* wird. Gerade diese Woche habe ich wieder eine Anzeige in unserer Tageszeitung gelesen. Da gab es z.B. eine *special night* mit *special cocktails* und ein *1t class concert - live on big screen* aber natürlich mit *special drinks & free beer*. Was das mit dem Buch zu tun hat? Nun, ich könnte mir vorstellen, dass sich Herr Lehmann auch darüber auslassen könnte. Ich glaube, er hätte dafür auch ein paar bissige Worte übrig. Herr Lehmann nimmt seine Umwelt nämlich tierisch ernst und andererseits auch wieder nicht - er ist so herrlich direkt, er.... ach, schaut doch selbst und lest das Buch. Absolut lesenswert!!
Etwas Negatives
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Es gibt fast nichts, was mir nicht an diesem Buch gefällt. Außer vielleicht, dass es zu kurz ist und/oder dass es noch keine zweite Ausgabe gibt. Naja, eine Sache ist da noch: Eigennamen erscheinen nicht in Anführungszeichen. So heißt eine Kneipe in diesem Buch z.B. *Einfall* - eine andere *Ausfall*. Da dies ziemliche ausgefallene Namen sind und diese nicht in Anführungszeichen standen, verlor ich anfangs an dieser Stelle den Faden. Ich kapierte nicht, dass der Autor damit die Kneipen meinte, sondern glaubte, Herr Lehmann hätte einen Einfall gehabt. Oder ich wartete darauf, erklärt zu kriegen, welchen Ausfall Erwin in seinem Restaurant hatte. Dass jedoch von den Kneipennamen gesprochen wurde, verstand ich erst später, als ich völlig verwirrt war und beschloss, den Absatz nochmals zu lesen.
Fazit
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*Herr Lehmann* ist absolut lesenswert. Einen Punktabzug gibt es eigentlich nur, weil es für mich nur ein Buch mit 5-Sterne-Auszeichnung gibt (= *Jesus Video*) und weil mich die Sache mit den *Anführungszeichen* störte. Ansonsten finde ich den Roman von Sven Regener sehr unterhaltsam, scharfsinnig und spritzig. Die Person *Herr Lehmann* hat eine außergewöhnliche Art, Menschen und Dinge wahrzunehmen, was ich sehr interessant finde. Wer mal wieder gut unterhalten werden möchte, sollte *Herr Lehmann* lesen....
In diesem Sinne... alles bleibt anders... Eure Dotti weiterlesen schließen
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