Pro:
großartige Bühnenshow gealterter Stars
Kontra:
zu wenig Klassiker gespielt
Empfehlung:
Ja
Gestern, am 4.6.2003, starteten die Rolling Stones ihre diesjährige Tournee unter dem Namen „Licks European Tour 2003“. In München finden gar 3 Konzerte an 3 unterschiedlichen Veranstaltungsorten statt. Für den Auftakt wählten die Könige des Rock’n’Roll die Olympiahalle, zwei Tage später gastieren sie nebenan im riesigen Stadion und zum Abschluss am Sonntag in quasi familiärer Wohnzimmeratmosphäre im Zirkus Krone. Karten gibt es bereits seit mindestens einem halben Jahr. Die Stones im Zirkus Krone im vergleichbar kleinen Kreis zu erleben, ist für viele natürlich besonders reizvoll. So wundert es auch nicht, dass die Karten für diesen Veranstaltungsort sofort vergriffen waren und dass dafür auf dem Schwarzmarkt Preise bis über 4000 EURO pro Karte geboten worden sein sollen. Ganz so viel habe ich zwar für einen Sitzplatz in der Olympiahalle nicht bezahlt, allerdings hatte ich mir 3mal überlegt, ob mir das Spektakel an die 115 EURO wert sein würde. Aber wer weiß, wie oft ich noch die Gelegenheit haben werde, die Stones live zu erleben. Ich hatte mich für die wettersichere Halle entschieden, denn ein Stones-Konzert im Olympia-Stadion hatte ich vor gut 10 Jahren schon mal erlebt und war damals gehörig nass geworden.
Als ich mich mit der U-Bahn in Richtung Olympiazentrum aufmache, deutet die Zahl der Fahrgäste noch keineswegs auf ein Großereignis hin.
Auf ein kleines Nebengeschäft hoffen offenbar etliche, denn nie habe ich jemals so viele Schwarzhändler wie bei diesem Konzert gesehen, die bereits am U-Bahn-Ausgang meist 2-3 Tickets anbieten. Preise bringe ich allerdings keine in Erfahrung . Jedoch kommen mir schon Zweifel, dass in Anbetracht der Konkurrenz jeder seine Tickets mit Gewinn losbringen würde.
Im Gegensatz zum Paul McCartney-Konzert vor einigen Wochen habe ich dieses Mal meinen Fotoapparat eingepackt. Allerdings staune ich nicht schlecht, als man mir bei der Eingangskontrolle mitteilt, dass ich den Apparat zur Aufbewahrung abgeben müsse. Ich weigere mich zwar zunächst, aber die meist minderjährigen Personenkontrolleure lassen nicht mit sich reden und behaupten, es würde schon auf der Karte draufstehen, dass u.a. das Mitbringen von Fotoapparaten nicht erlaubt sei, was aber gar nicht zutrifft. Außerdem lässt mich ein Mädchen aus der Traube der Kontrolleure rechthaberisch wissen, dass sie diesen Job schon seit 8 Jahren machen würde und dass das noch nie anders gewesen sei. Ich kann mir gerade noch die Frage verkneifen, ob sie denn überhaupt schon so alt wäre. Jedenfalls landet meine Kamera dann doch irgendwann gegen Herausgabe einer Nummer in einem Plastiksack. Da ich eine Sicherheit verlange, gibt mir ein Security-Guard noch die Kontakt-Adresse seiner Firma. Neben dem mulmigen Gefühl, meine Kamera inmitten eines Haufens von Plastikbeuteln zu wissen, stört mich natürlich der Gedanke, nach Konzertende ewig auf die Herausgabe zu warten, denn ich bin längst nicht der einzige, dem persönliche Gegenstände abgenommen werden. Demnächst wird man wahrscheinlich derartige Veranstaltungsorte in Unterwäsche oder Badebekleidung betreten müssen, denn Kameras werden ja bekanntlich immer kleiner und könnten sonst wo versteckt werden....
Und da an den Stones nicht nur Veranstalter oder Schwarzhändler verdienen möchten, gibt es in der Halle natürlich jede Menge von Verkaufsständen, wo Verpflegung, T-Shirts oder sonstige Fan-Artikel angeboten werden.
Meinen Sitzplatz nehme ich schon ca. 30 Minuten vor Konzert-Beginn ein. Zu diesem Zeitpunkt ist selbst die Arena noch spärlich gefüllt. Nur die „Ganz-Vorne-Steher“ sollen sich schon Stunden vorher ihre Pole-Positionen gesichert haben. Auf der Bühne sieht man zu jenem Zeitpunkt teils noch verhüllte Instrumente. Dann betreten einzelne Personen die Bühne, die sich an den Instrumenten zu schaffen machen. Ich halte sie für „Instrumente-Tester“, doch es stellt sich heraus, dass sie zu den Einheizern gehören, die Punkt 20 Uhr das Vorprogramm eröffnen sollen. Davon war jedoch gar nichts angeküdigt. Wie die Band heißt, bringe ich auch nicht in Erfahrung. Die legen einfach los. Ihre Lead-Sängerin ist eine Rock-Röhre a la Gianna Nannini. Die Musik ist gar nicht schlecht. Aber wer will sich so etwas schon anhören, wenn er in der Absicht gekommen ist, Rock-Legenden zu erleben. Aber es kommt noch schlimmer. Zwar beendet die Vorgruppe nach 45 Minuten ohne Zugabe ihr Programm, jedoch dauert es geschlagene 50 Minuten, bis die Bühne für die Rock-Idole umgebaut ist und alles an seinem rechten Platz steht. Ungeduldige Pfiffe. Es ist 21 Uhr 35. Jetzt kommen tatsächlich noch Zuschauer, die sich bis zum Schluss Zeit gelassen haben und dann, wie bei fast jedem Konzert, frech und unfreundlich behaupten, ich würde auf ihrem Platz sitzen. Auch hier gilt: Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Ich lasse den vermeintlichen Engländer wissen „This is section Q3, you’ve got Section P3. Try again“. Da er’s mir immer noch nicht glaubt, fragt er erst alle anderen Zuschauer in der Nähe, ob sie auch alle in Q3 säßen. Irgendwann rafft er’s tatsächlich. Das Licht geht aus. Endlich!
Die Scheinwerfer lassen die Stones in blauem Licht erscheinen. Die alten Haudegen beginnen mit „Street Fighting Man“. Die klassische Eröffnung also. Und ein vielversprechender Beginn, gleich ein Kult-Hit aus den 60ern. Über 40 Jahre sind die Jungs jetzt im Geschäft. Natürlich nicht alle, die da vorne stehen. Aber der harte Kern. Das sind für mich dreieinhalb Steine. Neben Mick Jagger, der wie immer in vorderster Front, mit dem für ihn typischen ärmellosen Shirt bekleidet, Dampf macht, sind das Keith Richard an der Solo-Gitarre und Charlie Watts am Schlagzeug. Und dann halt Ron Wood, der irgendwann für den 1969 verstorbenen Brian Jones und dessen direkten Nachfolger Mick Taylor den Part der Rhythmus-Gitarre übernommen hatte. Lediglich Bill Wyman, der Bassist, hat sich längst aufs Altenteil zurückgezogen, während die anderen 3 Urgesteine weiterhin auf „forever young“ machen. Anstelle von Wyman gibt es natürlich wieder einen Bassisten, dessen Name nicht wirklich interessiert. Die drei Gitarristen bilden während des Auftaktsongs auch kurzfristig ein symbolisches Trio. Nach Beendigung des Straßenkämpfers braucht Mick schon eine Pause, er hockt sich nieder – vor Erschöpfung oder weil sein Schnürsenkel sich tatsächlich gelöst hat ?
Und dann geht es weiter gnadenlos mit hartem Rock. „It’s only Rock’n’Roll – but I like it..“. Nach einem weiteren Titel schließt sich der Ohrwurm “Don’t stop” an. Jagger ist ja mehr Sänger als Musiker. Wenn er dann doch mal zwischendurch Gitarre spielt, wirft er sie nach Beendigung des Stückes erleichtert von sich. Jemand wird sie schon auffangen. Auch ein paar deutsche Sätze hat er einstudiert. Sowas kommt beim Publikum an. Immer wieder wechseln die Farben des Lichtes, das die Stars umgibt. Natürlich dürfen auch Großaufnahmen auf der Videowand nicht fehlen. Eine Kamera verfolgt die Protagonisten auf Schritt und Tritt. Die Grundformation ist aber keineswegs alleine auf der Bühne. Eine Bläser-Truppe mit Saxophonen, Trompete und Posaune sowie ein Keyboardspieler und auch Background-Sängerinnen unterstützen dort, wo es angebracht ist. Wird es Jagger in der 30 Grad warmen Halle etwa auf einmal zu kühl, denn nachdem er seinen Schweiß immer wieder mit einem Handtuch abwischt, zieht er sich zwischendurch eine leichte Hemdjacke über, die er jedoch bald wieder regelrecht hinpfeffert. Einige Stücke aus dem 69er Album „Let it bleed“ sind angesagt. Alles knallharter Rock, echte Megahits sind jedoch vorerst nicht dabei. Wie in guten alten Zeiten setzt Mick zwischendurch die Mundharmonika an. Und vor allem ist er ständig in Bewegung. Vielleicht nicht mehr ganz so akrobatisch wie noch vor 20-30 Jahren, aber stets mit dem für ihn so typischen Stechschritt.
Ich (LosGatos) gehöre ja nicht zu den Anhängern von knallhartem Rock. Die Stones waren für mich nie die Nummer 1, sondern bei mir rangierten sie stets hinter Bee Gees und auch den Beatles, aber dennoch sind sie für mich auch absoluter Kult und Teil meiner Jugenderinnerungen. Die Stones haben ja immer wieder auch wunderschöne sanfte Titel eingestreut: „Ruby Tuesday“, „Wild Horses“, „Angie“ oder „Mixed Emotions“, um nur einige zu nennen. Die würden sicher heute auch noch kommen, einige zumindest. Denn zwischen dem ohrenbetäubenden Lärm brauche ich schon mal etwas Erholung...
Immerhin kommt jetzt schon mal „Tumbling Dice“, auch ein Kultsong, der meine Stimmung schon mal anheizt, und Lust auf mehr macht, auf viel mehr. Aber der Würfel ist wohl doch zur falschen Seite gefallen, es geht mit knallhartem Rock weiter. Mick ist inzwischen völlig durchgeschwitzt. Immer wieder wechselt er zwischen den Stücken sein Shirt. Aber die Zeiten, wo er das in vorderster Front macht und die begehrten Stücke unter das Publikum schmeißt, sind wohl doch vorbei.
Die Musiker werden vorgestellt. Hier kommt die Hackordnung klar zum Vorschein. Erst die Bläser, dann die Background-Sängerinnen und der Keyboard-Spieler. Dann der Bassist, der immerhin einen Wyman-Ersatz-Status hat und schließlich Ron Wood, der zwar auch schon lange dabei ist, aber halt kein Urgestein ist, und der immer noch eine Rod Stewart-Frisur hat, oben kurz und hinten lang. Den Bronze-Status hat sozusagen der immer noch unermüdliche Schlagzeuger Charlie Watts. Und auch ein Keith Richard weiß, dass er nach wie vor nur die Nummer Zwei in dieser Kultband ist. Aber immerhin darf er zur Nummer 1 werden, wenn sich Marathon-Mann Mick Jagger mal ausruhen muss und sich für 2-3 Lieder zurückzieht. Jetzt singt Keith Richard. Aber Gitarrespielen kann er nach wie vor besser. Und die Großaufnahmen auf der Videowand zeigen, dass die Zeit an ihm nicht spurlos vorübergegangen ist. Sein Gesicht ist von Furchen und Falten gezeichnet.
Der Neustart mit Mick Jagger präsentiert uns „Start me up“, ein Lied aus der Feder von Bill Gates. Oder habe ich da jetzt was durcheinander gebracht ? Und endlich ein paar Klassiker. „Honky Tonk Women“ entschädigt für manche nur laute Monotonie vorher. Die attraktive Background-Sängerin darf für Mick eine Honky Tonk Woman mimen. Mick holt sie vor. Jeder Griff ist erlaubt. Und mit „Jumping Jack Flash“ setzen die Stones gleich noch einen drauf. Für Jagger gibt es extra einen Laufsteg, auf dem er sich etwa 50m bis in die Hallenmitte bewegen kann. Er läuft den Laufsteg rauf und runter. Das hat er vielleicht von Jerry Hall gelernt. Jedenfalls zeigen Mick und die restlichen Stones, dass sie noch längst nicht zu alt für den Rock’n’ Roll sind. Beim Publikum sieht das teilweise ganz anders aus. Natürlich sind auch hier wieder mindestens 3 Generationen vertreten. Aber einige Zuschauer schauen aus wie die Eltern, die vor 30-40 Jahren gar nicht so gerne sahen, dass wir solchen wie den Stones nacheiferten.
Am Ende des Laufstegs befindet sich eine Innenbühne, die extra für das letzte Stück hoch gefahren wird. Die Zuschauer in der Arena versuchen wie eine Traube zu folgen. Beim Wechsel auf die kleine Bühne über den Laufsteg dürfen sich einige Zuschauer glücklich fühlen, dass sie von den Stars abgeklatscht werden. „Brown Sugar“ beendet das offizielle Programm. Jagger ist noch einmal in Hochform. Charlie Watts wirft als Zeichen des Endes seine Trommelstäbe ins Publikum. Die Stones verlassen die Bühne durch einen Seitenausgang in der Arena. Für die Zugabe erscheinen sie wieder auf der Hauptbühne. Zum Abschluss singen sie ihr wohl berühmtestes Lied „I can get no...Satisfaction!“ Natürlich erwartet das Publikum weitere Zugaben. Aber nach genau 2 Stunden ist das Konzert wirklich zu Ende. Es hat tatsächlich nur eine einzige Zugabe gegeben. Zumindest auf „Ruby Tuesday“ hatte ich gehofft. Aber vielleicht hatten wir den falschen Wochentag. „Angie“ höre ich gerade in diesem Moment, wo ich den Bericht schreibe, und auch von wilden Pferden konnte ich gestern nur träumen. Für meinen Geschmack haben die Stones einfach zu wenige ihrer Klassiker gespielt, der Mehrzahl der Stücke kannte ich gar nicht und waren mir schlicht zu laut. Somit verlasse ich das Konzert doch ziemlich enttäuscht. Aber vielleicht war ich ja der einzige der etwa 11000 Zuschauer mit gemischten Gefühlen.....
I can't get no satisfaction, I can't get no satisfaction
'Cause I try and I try and I try and I try
I can't get no, I can't get no
When I'm drivin' in my car, and the man come on the radio
He's tellin' me more and more about some useless information
Supposed to fire my imagination
I can't get no. Oh, no, no, no. Hey, hey, hey
That's what I say
I can't get no satisfaction, I can't get no satisfaction
'Cause I try and I try and I try and I try
I can't get no, I can't get no
When I'm watchin' my TV and a man comes on and tell me
How white my shirts can be
But, he can't be a man 'cause he doesn't smoke
The same cigarettes as me
I can't get no. Oh, no, no, no. Hey, hey, hey
That's what I say
I can't get no satisfaction, I can't get no satisfaction
'Cause I try and I try and I try and I try
I can't get no, I can't get no
When I'm ridin' round the world, and I'm doin' this and I'm signin' that
And I'm tryin' to make some girl, who tells me
Baby, better come back maybe next week
'Cause you see I'm on a losing streak
I can't get no. Oh, no, no, no. Hey, hey, hey
That's what I say. I can't get no, I can't get no
I can't get no satisfaction, no satisfaction
No satisfaction, no satisfaction
Copyright LosGatos
Erstveröffentlichung 5.6.2003
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