Pro:
gute Schauspieler, innovatves Konzept
Kontra:
Handlungstränge erschöpfen sich manchmal in Wiederholungen
Empfehlung:
Ja
Im Dezember des inzwischen letzten Jahres hatte ich das Vergnügen, mir die Serie Six feet Under anzuschauen. Nun läuft die letzte Staffel auch im Fernsehen an. Ich denke ein guter Zeitpunkt mal einen kleinen Bericht über die Serie zu verfassen.
Inhalt und Grundkonzept:
Sfu spielt in einem Bestattungsunternehmen in Los Angeles. Das Unterehmen ist seit Generationen in Familienbesitz der Fishers. In der ersten Folge stirbt Nathanael Fisher, der Vater der Familie, als er einen seiner Söhne vom Flughafen abholen möchte bei einem Autounfall. Mit einem Schlag ändern sich die Lebensverhältnisse aller Familienmitglieder. Ruth, seine Frau und Mutter der gemeinsamen drei Kinder, ist mit einem mal allein. Seit ihrem 16. Lebensjahr war sie mit diesem einem Mann zusammen und muss nun ohne Mann das letzte Drittel ihres Lebens angehen. Das jüngste Kind, Claire, ist gerade in der Endphase der Pubertät und muss nun als Nesthäkchen der Familie ihren Platz im Leben ohne die Hilfe ihres Vaters finden. Der zweitgeborene Sohn David steht nun vor der Aufgabe das Unternehmen ohne seinen Vater weiter zu führen. Außerdem hat er große Probleme mit seiner Homosexualität klar zu kommen und schlingert die ersten Staffeln irgendwo zwischen Comming Out und Selbsthass. Schließlich die vielleicht wichtigste Figur der Serie: Nate. Er wollte mit dem Familienunternehmen nichts zu tun haben und lebt in Seattle einen alternativen Lebensstil. Da er im Testament allerdings die Hälfte der Familienunternehmens zugesprochen bekommt und in den ersten Folgen einen Sinn darin erkennt trauenden Menschen beizustehen, entschließt er sich mit David das Unternehmen weiter zu führen. Außerdem lernt er eine Frau namens Brenda kennen, die anfangs einen gewissen geheimnisvollen Charme ausstrahlt. Es entwickelt sich eine komplexe Beziehung zwischen den beiden, die bis zur letzten Folge der Serie ein Grundpfeiler der Handlung bleibt.
Die Serie scheint sich oberflächlich betrachtet stark mit dem Tod auseinanderzusetzen. Jede Folge beginnt mit einem Todesfall. Hierbei wird auf eine Mischung aus sehr ernsten und eher morbid-amüsanten Geschichten gesetzt. So sterben Leute an schweren Krankheiten oder werden im Zuge eines Gangkrieges erschossen. Andere streben weil sie sich selbst überfahren oder von einem gefrorenen Klumpen Exkremente erschlagen werden, der aus einem Flugzeug gefallen ist. In den einzelnen Folgen geht es meistens um den Umgang mit den Angehörigen der Gestorbenen. In den fünf Staffeln der Serie wird so der Umgang mit dem Tod in verschiedenen Kulturen, Klassen, Milieus und Generationen verarbeitet. Der alte afroamerikanische Mann, der seine Frau mit der er seit 70 Jahren verheiratet war, verliert, die Hispanic-Gang, die eines ihrer Mitglieder verloren hat, oder die gutbürgerlichen Eltern, die ihren Sohn verlieren, weil er wegen seiner Homosexualität auf offener Straße zusammengeschlagen wird.
Diese Todesfälle stehen aber nicht für sich alleine, sondern erfüllen eine wichtige Grundfunktion für den Fortgang der eigenen Handlung, der Entwicklung der Hauptfiguren. Die Toten treten häufig in Nacht- und in Tagträumen der Protagonisten auf. Sie reden mit ihnen und stellen so ihre inneren Konflikte dar. So repräsentiert der wegen seiner Homosexualität umgebrachte Mann mehrere Folgen lang Davids Selbsthass, bis er schließlich lernt, mit seiner sexuellen Orientierung klar zu kommen. Der Vater, der in der ersten Folge stirbt taucht bis zur letzten Folge der Serie in den Träumen aller Familienmitglieder immer wieder auf. Die Kinder bereuen, ihn nicht besser kennen gelernt zu haben und suchen nun in Träumen seine Ratschläge. Gleichzeitig wird aber auch deutlich welche Spuren er in ihrer Persönlichkeit hinterlassen hat, einfach weil er ihr Vater war.
Entwicklung der einzelnen Figuren
Die Hauptfigruen der Serie entwickeln in den fünf Jahren eine sehr unterschiedliche Dynamik. Während einzelne Figuren immer wieder in die selben Handlungsmuster zurückfallen schaffen es andere ihre Probleme anzugehen und sich weiter zu entwickeln. Beide Entwicklungsarten schaffen ihre eigenen Probleme.
Ruth, die Mutter, ist eine tief religiöse und sehr konservativ eingestellte Frau, die ihr ganzes Leben lang nur Hausfrau und Mutter war. Sie hat anfangs ein schlechtes Gewissen, weil sie ihren Mann noch zu seinen Lebzeiten betrogen hat. Nachdem sie mit diesem Fehltritt ihren Frieden macht, entwickelt sie ein starkes Verlangen nach Abenteuern und will Erlebnisse nachholen, die ihr durch ihre frühe Heirat verwehrt blieben. So hat sie innerhalb weniger Jahre mehrere Beziehungen, die allesamt sehr problematisch verlaufen. Sie lernt neue Freundinnen kennen und wird insgesamt viel lockerer, fällt aber immer wieder in ein konservatives Familienbild zurück und hat schwer damit zu kämpfen, dass ihre Kinder auch ohne sie auskommen, sie oft übergehen.
Claire ist in der Schule eine Art Freak. Sie ist zwar hübsch und intelligent, aber hat wenige Freunde, da sie einer düsteren und zynischen Lebensart nachgeht. Symbolisch wird dies untermauert durch einen hässlichen, grün angestrichenen Leichenwagen, den sie fährt. Von Staffel zu Staffel wechselt sie ihren Freund und erlebt dabei, ähnlich wie ihre Mutter, eine Enttäuschung nach der anderen. Ihr erster Freund, dessen kleiner Bruder, sich aus versehen mit seiner Waffe erschossen hat, dreht zum Beispiel durch und muss vor der Polizei fliehen. Claire entwickelt während der fünf Jahre eine starke Persönlichkeit, macht Phasen der Selbstlosigkeit wie der Selbstsucht durch, entwickelt ein starkes Interesse für Fotografie, entwickelt politische Ansichten. Insgesamt nimmt sie von Staffel zu Staffel einen größeren Raum in der Serie ein und ist am Ende die lebendigste Figur. Die Serie endet letztlich mit dem Ende ihrer Jugend und dem Anfang ihres Erwachsenenlebens.
David ist wahrscheinlich die Figur mit der weitesten Entwicklungssprüngen. Von einem homosexuellen, leicht verklemmten Bestatter mit Selbsthass wird er zu einem recht offenen und zu seiner Sexualität stehenden Mann, der trotz aller Beziehungsprobleme mit seinem Dauerfreund Keith, sogar eine Familie aufbaut. Er ist stellt in dieser Hinsicht neben Claire die dynamischste Figur dar. Allerdings ist Davids Leben damit immer noch kein Zuckerschlecken am Ende. Die Lösung eines Problems führt stets zu dem nächsten Problem. So löst er mit der Überwindung seines Selbsthasses auch seine Probleme mit Keith, nur um neue Probleme in ihrer Beziehung zu entdecken, die bisher nur überlagert wurden. So geht es stets weiter und weiter, ohne wirkliche Atempause.
Nate ist dagegen die wohl statischste Figur. Er ist ohne Zweifel die symphatischste Figur der Serie mit der man sich die ersten Staffeln am meisten identifiziert, in den späteren Staffel übernimmt eher Claire diese Funktion. Allerdings fällt er stets in seine alten Handlungsmuster zurück. Er hat große Schwierigkeiten auf lange Sicht Verantwortung zu übernehmen und steigt so zwischenzeitlich auch wieder aus dem Bestattungsunternemen aus. Er versucht mit Brenda eine Beziehung aufzubauen, doch scheitert mehrmals daran. Während anfänglich eher Brenda dafür verantwortlich ist, da sie das selbe Problem hat, ist es später eher Nate, der es nicht schafft, sich in der Beziehung einzurichten. Zwischenzeitlich geht die Beziehung ganz in die Brüche, weil Nate mit einer alten Freundin einen Seitensprung hat und ein Kind zeugt. Doch auch diese Familie geht kaputt, weil Nate es nicht schafft, mit der Mutter seiner Tochter eine funktionierende Beziehung aufzubauen, sondern nur aus einem reinem Verantwortungsgefühl heraus bei ihr bleibt. Der Handlungsstrang Nates endet daher am tragischsten.
Die wichtigste nicht zur Familie gehörende Figur ist wohl Brenda, eine intelligente Frau, aber mit vielen Komplexen. Sie stammt aus einer Psychologenfamilie, in der sie ständig analysiert wurde und das sehr freizügige Verhältnis ihrer Eltern zu Sex sie in der Kindheit sehr geprägt haben. Ihr Bruder ist verrückt und muss starke Medikamente nehmen, zeitweise sogar eingeliefert werden. Wie Nate sucht sie nach einer funktionierenden Beziehung. Ihre Bemühungen scheitern anfänglich an ihrer Untreue und Unentschlossenheit. Erst ganz am Ende der Serie, als sie von Nate schwanger ist, scheint sie ihre üblichen Handlungsmuster zu überwinden, leider aber zu spät...
Neben den Hauptfiguren gibt es noch eine ganze Reihe interessanter Nebenfigruen, wie Rico, den Angestellten der Fishers und seine Familie, Keith, Davids Freund, Brendas Bruder oder Ruths Schwester und ihre beste Freundin, gespielt von Kathy Bates. Hier alle aufzuführen würde den Rahmen sprengen.
Bewertung der Serie
Sfu gehört zu den besten Serien der letzten Jahre. In gewohnter HBO-Qualität mit innovativen Grundkonzept ist die Serie sehr empfehlenswert. Die schauspielerischen Leistungen sind hervorragend bis zur letzten Nebenfigur. Musik und Atmosphäre der Serie sind sehr gelungen. Die Handlung und Entwicklung der Figuren ist spannend und gut zueinander kontrastiert. Die Verlinkung zwischen den Toten und den lebenden Hauptfiguren durch deren Träume ist schön gemacht, auch wenn es manchmal vielleicht ein wenig konstruiert wirkt.
Großartig und für alle zu empfehlen, die die letzte Staffel bisher noch nicht gesehen haben, ist die letzte Folge. Die letzten Minuten Sfu gehören zu dem besten was Fernsehen je produziert hat. Hier ist auch zu erwähnen, dass es schon allein ein Pluspunkt ist, dass die Serie einen Abschluss findet und nicht gewartet wurde bis sie keine Quoten mehr bringt, um sie dann ohne Schluss auslaufen zu lassen. Die Produzenten hatten ein richgtiges Gespür. Denn Sfu war nach fünf Staffeln auch einfach ausgereizt. Gar nicht so sehr vom Grundkonzept her. Ich bin sicher, man hätte noch einige interessante Todesfälle mit guten Einzelgeschichten schreiben können, aber die Handlungsstränge der Protagonisten waren einfach ausgereizt. Wenn man die Serie vom Anfang bis zum Ende verfolgt hat, fingen einige Stränge schon an zu nerven, da sie sich mitunter in Wiederholungen schon erzählter Handlungsmuster erschöpften. Das ist auf der einen Seite konsequente Folge des Konzepts, auf der anderen Seite aber etwas langweilig ab der vierten Staffel für den Zuschauer. Der Handlungsstrang Nate-Brenda hätte durchaus ein oder zwei Krisen weniger nicht geschadet. Selbst der dynamische Handlungsstrang zwischen David und Keith wird manchmal stressig, wenn sie ein Problem gelöst bekommen, nur um eine Woche später wieder ein neues zu haben. Die ein oder andere Phase der Ruhe hätte durchaus nicht geschadet.
Sfu leistet durch die detaillierte Darstellung homosexueller Beziehungen sicher auch einen Beitrag zu einem progressiveren Bewußtsein im Fernsehen im Bezug auf Homosexualität. Es werden viele Probleme Homosexueller im Alltag angesprochen, gerade die konservative Mutter, die ihren Sohn liebt und deswegen die liberale spielen will ist ein schönes Beispiel dafür. Sie tritt von einem Fettnäpfchen ins nächste bei ihren aufgesetzten Versuchen ganz natürlich mit Davids Sexualität umzugehen.
Allerdings wird Sexualität in der Serie auch überbetont. Bei so ziemlich jedem Problem und jeder Krise greifen fast alle Figuren zu ein und dem selben Ablassventil: SEX. Sie haben alle ständig Seitensprünge, laufen sofort dem nächst besten Partner ins Bett hinterher, um ihre Probleme auszublenden. Manchmal verschlimmern sie sie damit noch, manchmal verzeiht der Partner den Seitensprung.
Ebenso wird, was aber ein Trend zu sein scheint in den USA seit Ende der 90-er, die Psychoanalyse sehr oft angewandt. Man merkt, ähnlich wie bei den Sopranos, dass die Autoren alle Freud gelesen haben und bauen allen Figuren irgendwelche psychischen Probleme ein. Selbst die meisten Nebenfiguren müssen irgendwelche Traumata oder psychische Probleme bewältigen. Nicht das das unrealistisch wäre, aber es reduziert die Figuren oft auf die Erziehungsfehler, die in ihrer oralen Phase oder so passiert sind. Freud hätte zumindest seine wahre Freude an diesem Hype der Psychoanalyse im amerikanischen Fernsehen und Kino gehabt.
Dennoch lohnt es sich die Serie im Fernsehen anzuschauen und auch sie zu kaufen. Trotz aller kritischen Bemerkungen will ich am Ende nochmal klar stellen, dass die Serie zu dem besten gehört, was in den letzten Jahren im Fernsehen lief. Meiner Ansicht nach nur getoppt von einer anderen HBO-Serie: den Sopranos.
Und trotz aller Symbolik des Todes in der Serie ist sie sehr lebendig, vielleicht gerade durch die Kontratsierung mit dem Tod, vielleicht aber auch deswegen, weil die Figuren letztlich gar nicht dem Klischee eines Bestatters entsprechen, sondern im Grunde eine normal kleinbürgerliche amerikanische Großstadtfamilie darstellen, die auch ein anderes Geschäft führen könnten. Der Klischeebruch Bestatter dürfte damit gelungen sein.
Ausstattung der DVD
Die DVD-Pakete sind sehr schön aufgemacht. Die erste Staffel kommt sogar in einer sargartigen Verpackung daher. Neben üblichen Audiokommentaren, der Mehrsprachigkeit findet man einige Dokumentationen im Zusatzmaterial der Staffeln. Meiner Ansicht nach sollte auf diese Dokus in den DVD-Paketen verzichtet, in denen alle Schauspieler, Produzenten und Regisseure nur erzählen wie geil die jeweils anderen schauspielern, produzieren und Regie führen können. Einen Erkenntnisgewinn bringen diese Dokus jedenfalls nicht. Dennoch lohnen sich die Pakete, wenn man die Serie gut findet. weiterlesen schließen
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