Pro:
nichts, rein gar nichts
Kontra:
man gibt sich selbst, andere und einfach alles auf
Empfehlung:
Nein
Hallo,
Ich bin eine sogenannte Co-Abhängige. Also nicht selbst abhängig, sondern mit einem Partner zusammen, der abhängig ist.
Angefangen hat alles vor etwas über 3 Jahren. Unsere Kreissparkasse veranstaltete in der städtischen Justizvollzugsanstalt ein Preisskatturnier. Da sie selbst nicht genug Spieler zusammen bekamen, fragte mich ein Bekannter, der weíß, dass ich auch Skat spiele, ob ich nicht Lust hätte, teilzunehmen. Neugierig, wie ich war, stimmte ich spontan zu. An einem frühen Samstag morgen durchlief ich also mit den anderen ein paar Sicherheitskontrollen und befand mich dann in der Turnhalle der JVA. Banker, Richter, Vollzugsbeamte und Gefangene spielten an acht Tischen, an jedem Tisch einer von jeder Gruppe. Die Gefangenen waren alle sehr höflich und nett, aber einer von ihnen fiel mir sofort auf. Seine aufrechte, fast stolze Haltung hob ihn von allen anderen ab. Er trug T-Shirt und Trainingshose fast wie einen Smoking. Im Laufe der Spiele, bzw. in den Pausen kamen wir miteinander ins Gespräch. In der Mittagspause war ich schon etwas mutiger und fragte ihn, wieso er saß. Betrug - war seine einsilbige Antwort. Er war auch sonst sehr ruhig, redete wenig, hörte viel zu. Was er sagte, klang gebildet und intelligent. Kurz und ergreifend, ich verliebte mich in ihn. Bei der Verabschiedung sagte er mir, wenn ich ihm schreiben würde, würde er antworten. Ich tat das noch am selben Abend. 3 Tage später war die Antwort da, zusammen mit einem wunderschönen, selbstgemalten Bild. Nach einigen Wochen des Schreibens beantragte er einen Besuchstermin für mich. Total aufgeregt nahm ich diesen wahr. Danach wusste ich, dieser Mann oder keinen. Zwar war ich zu dieser Zeit noch verheiratet, aber meine Ehe war schon lange nicht mehr das, was man unter einer Ehe verstehen kann. Mein Mann behandelte mich wie ein Möbelstück, und genau das war es, was mich an Gerhard faszinierte. Er ist schon fast altmodisch höflich. Auch heute noch. Autotür öffnen, in die Jacke helfen, Feuer geben, einem den Vortritt lassen, etc. sind für ihn eine Selbstverständlichkeit. Er erzählte mir von seinem Studium, von seinem bisherigen Leben und fast beiläufig, dass er spielsüchtig sei.
Bis dato konnte ich mir davon kein Bild machen. Ich bin Bänkerin und Schwäbin, ich halte meine Kröten zusammen. Ein Casino habe ich noch nie von innen gesehen. Außerdem waren für mich Spielsüchtige Leute, die in verrauchten Kneipen an irgendwelchen blinkenden Dattelautomaten rumzockten, eigentlich ziehmlich erbärmliche Kreaturen. Aber Gerhard doch nicht.
Es kam, wie es kommen musste. Er kam in den Freigang (arbeiten außerhalb, übernachten im Freigängerheim), bekam sofort einen sehr gut dotierten Job, wobei sein Gehalt aber komplett auf sein Konto im Knast floss. Davon wusste ich nichts. Ich mietete mit ihm eine große Wohnung an, durfte ihn auch an einigen Wochenenden abholen und verfile ihm voll ganz. Auch in der Liebe war er der absolute Traummann. Als sein erstes Gehalt hätte kommen sollen und ich ihm ein Konto eröffnen wollte, wand er sich und sagte, es gäbe noch Probleme mit dem Personalbüro. Ich zahlte die Miete alleine, im nächsten Monat kam wieder nichts.
Dann kam ein Sonntagmorgen, an dem ich mich mit ihm treffen wollte. Er erschien nicht. Ich rief im Freigängerheim an und wollte ihn sprechen. Die Antwort war: "Der müsste doch bei Ihnen sein!" Ich fuhr in Panik zu seinem Arbeitsplatz, er war nicht dort. Zurück vors Freigängerheim, zuvor nochmals an dem Platz vorbei, an dem wir verabredet waren. Den ganzen Tag hin und her. Abends erfuhr ich von seinen Eltern, dass er wieder in den geschlossenen Vollzug verlegt worden war, weil er den Tag nicht mit mir, als seiner Bezugsperson verbracht hatte. Zwei Tage später war er wieder im Freigang. Am Telefon erzählte er mir eine hahnebüchene Story, er hätte ein paar alte Bekannte getroffen, die ihn zusammengeschlagen hätten, weil er ihnen noch Geld schulde und er hätte zu einem Arbeitskollegen fahren müssen, um sich dort das Geld zu leihen. Ich gab ihm Geld, damit er das seinem Kollegen zurückzahlen könne.
Die Woche darauf wollte ich ihn vom Arbeitsplatz abholen und ihn ins Freigängerheim bringen, damit er sich ins Wochenende abmelden konnte. Er rief an, er fahre mit einem Kollegen, tauchte dann aber nicht bei mir auf. Er erzählte, später, der Kollege hätte eine Panne gehabt und zur Strafe fürs Zuspätkommen dürfe er das Wochenende nicht raus.
ICH GLAUBTE IHM ALLES!
Er zeigte mir Bilder von einer komplett eingerichteten Wohnung in Gelsenkirchen, die ihm angeblich mit allem was drin war, gehörte.
Aber wenn ich am Wochenende vorschlug, wenigstens die Möbel in unsre leere Wohnung zu holen, kam immer etwas dazwischen. Später erfuhr ich, dass diese eine Ex-Freundin von ihm angemietet hatte, in der Hoffnung, dort mit ihm zusammenzuwohnen. Ihr hatte er von einer Wohnung in München erzählt.
Wieder ein paar Wochen später holte ich ihn vom Arbeitsplatz ab, lies ihn kurz vor dem Freigängerheim raus und versprach, ihn 5 Minuten später dort abzuholen. 5 Minuten später durfte ich zu sehen, wie er in Handschellen vom Freigängerheim ins eigentlichen Gefängnis gebracht wurde. Sein Blick zu mir war so jämmerlich. Ich rief bei seinem Arbeitgeber an um diesem zu erzählen, dass Gerhard wohl am Montag nicht zur Arbeit kommen würde. Dieser bat mich um ein Gespräch.
Er erzählte mir, dass Gerhard oft gar nicht bei der Arbeit war, oft früher gegangen sei, und dass er jede Menge Schulden bei seinen Arbeitskollegen hätte. Bei ihm hatte er auch Schulden, als Sicherheit hätte er MEINEN KFZ-Brief im Tresor. Ich solle ihm das Geld zurückzahlen, ansonsten könne ich ihm mein Fahrzeug vorbeibringen. Und außerdem sei Gerhard natürlich entlassen. Ich zahlte das Geld zurück. Kündigte meine Wohnung, zahlte in Raten noch drei Monatsmieten, weil ich fluchtartig in eine kleinere Wohnung musste. Meine besten Freunde und Bekannten kamen nach und nach zu mir und erzählten mir, dass Gerhard ihnen Geld schulde. Ich verkaufte mein Depot, kündigte meine Lebensversicherung und zahlte.
Von April bis Dezember 2002 war er dann wieder im geschlossenen Vollzug. Wir schrieben uns, ich besuchte ihn und wir verarbeiteten das Geschehene in langen Gesprächen. Er hätte mir etwas Gutes tun wollen, erzählte er. Mit einem guten Gehalt, einer großen Wohnung, mit Geschenken. Dadurch hätte er sich in Zugzwang gebracht, bis er dachte, er könne das erforderliche Geld nur noch durch Spielen bekommen. Ich bekam ein schlechtes Gewissen. Hatte ich ihm den Eindruck hinterlassen, ich wolle das alles? Inzwischen weiß ich, dass er sich immer, wenn er den Drang zum Spielen verspürt in eine anscheinend auswegslose Situation bringt, die in seinem kranken Denken dann nur noch durch Spielen zu retten ist.
Im Dezember wurde er dann zum direkten Therapieantritt 230 km von mir entfernt entlassen. Ich fuhr ihn hin. Über die Therapie selbst habe ich schon in meinem Bericht "Letzter Ausweg oder Verschwendung von Steuergeldern" geschrieben, deshalb möchte ich nicht näher darauf eingehen.
Aus der Therapie entlassen bekam er sofort wieder einen Superjob. Allerdings musste er schon in der Woche darauf jeden Tag ca. 150 km weit weg, und als der Auftrag beendet war, bekam er die Kündigung, weil sein Chef seine Maschinen und ihn dort auslösen musste, weil er wieder hochverschuldet war. Sein letztes Gehalt wurde dazu natürlich auch verwendet.
Danach machte er sich mit Hilfe des Arbeitsamtes selbständig. Einen Monat fuhr er wieder an die 100 km, angeblich weil er von einer Firma einen großen Auftrag bekommen hatte. Es kam nie Geld. Dafür jede Menge böser Anrufe, von Leuten, denen er Geld schuldete.
In der Zwischenzeit hatte ich ihn mit seinen Eltern versöhnt und seine Exfrau soweit gebracht, dass er wieder Besuchsrecht bei seiner 10-jährigen Tochter hat. Von der Exfrau erfuhr ich auch, dass er schon 3 Mal im Knast gewesen sei, von ihr erfuhr ich viel über Spielsucht und was sie aus einem Menschen macht.
Ein Spieler spielt nicht nur an Automaten, nein, er spielt auch mit anderen Menschen. Spieler sind Blender. Sie sehen oft gut aus, ziehen sich einwandfrei an, haben eine gepflegte Sprache. Dinge, die sie jahrelang anderen Leuten im Casino abgeguckt haben.
Im November letzten Jahres war er eine Woche in Berlin. Hat eine Woche lang in den gleichen Klamotten verbracht, hat sich tagsüber auf Bahnhöfen aufgewärmt und die Nacht im Casino verbracht, obwohl er sonst so auf Frische und Sauberkeit bedacht, ja geradezu pingelig ist. Die verspielten 3.000 Euro brachten auch mich fast an den Rand des Ruins. Manchmal war er nur eine Nacht weg, einmal sogar, als seine Tochter bei uns übernachtet hat.
In der Woche um den 1. Mai dieses Jahres waren es 4.000 Euro in Wiesbaden und Mainz. Eigentlich wollte ich nichts mehr für ihn zahlen. Aber er hatte bei einem Bekannten von mir, der ein Elektrogeschäft hat, ein Notebook auf meinen Namen geholt, das er dann irgendwo wieder zu Geld gemacht hatte. Da musste ich, ob ich wollte oder nicht. Inzwischen hat er gemerkt, dass ich auch nichts mehr habe. Er hat jetzt seit zwei Monaten wirklich hart gearbeitet, Aushilfsjobs und Putzaufträge angenommen. Viel konnte er dadurch alleine zurückzahlen, aber ich weiß, dass er, wenn alles beglichen ist, wieder loszieht und vielleicht noch mehr Schaden anrichtet.
Ihr fragt Euch jetzt ganz bestimmt: Wieso um alles in der Welt ist die noch mit dem zusammen? Glaubt mir, ich haber mir diese Frage selbst oft genug gestellt. Habe mir Bücher gekauft mit Titeln wie "Wenn Frauen zu sehr lieben", etc. aber ich komme nicht von ihm los. In den Zeiten, in denen er nicht spielt ist er der tollste Mann, den Frau sich vorstellen kann. Ein Muster-Exemplar. Wenn man ihm Vorwürfe macht, wird er nie laut, eher traurig, in sich gekehrt. Er kocht, backt, bügelt, wäscht, putzt. Seine Liebe, seine Zuvorkommenheit und Höflichkeit geben einem das Gefühl, die tollste Frau der Welt zu sein. Selbst seine Exfrau gab zu: "Wenn Du den heut verlässt, hat er morgen eine andere". Das streitet er vehement ab. Er liebe nur mich, hätte noch nie eine Frau so geliebt und könne nie wieder eine andere lieben. Trotzdem hätte ich Angst davor, ihm das Messer auf die Brust zu setzen, es mal wirklich drauf ankommen zu lassen, entweder oder...
Er spielt seit 20 Jahren. Hat insgesamt über 1,5 Millionen Euro verzockt. Er hasst sich selbst am meisten sowie seine Sucht. Insgesamt 5 Jahre Haft und zwei Therapien liegen hinter ihm. Er war bei den Anonymen Spielern, bei Psychologen und hat Bücher über das Thema gewälzt. Er geht jeden Sonntag zur Kirche und betet regelmäßig. Doch er ist nicht Herr seiner selbst. Auch ich habe diese Bücher gelesen, mich informiert und ich weiß, dass er mich nicht belügen, betrügen und ausnehmen will, auch wenn er genau das tut. Spielen ist eine Krankheit. Diese Krankheit ist wiederum die Ausrede für den Spieler "Ich kann ja gar nichts dafür."
Das Ende dieses Berichtes bleibt offen, ich kann leider nicht in die Zukunft sehen. Aber ich hoffe, ich habe Euch ohne Euch allzusehr zu langweilen, einen kleinen Einblick in den Alltag eines Spielers geben können. weiterlesen schließen
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