Pro:
spannend, unterhaltsam, erotisch, gut recherchiert
Kontra:
mir etwas zu bizarr aufgeladen
Empfehlung:
Ja
Eine Serie von bizarren Sexualmorden erschüttert die schöne kalifornische Hafenstadt San Diego unweit der mexikanischen Grenze. Als Police Sergeant Seamus Moynihan zum ersten Tatort der Serie gerufen wird, findet er einen nackten Mann ans Bett gefesselt vor, gestorben am Gift der tödlichsten Schlangen der Welt.
Mein Eindruck
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Der Autor hat eine wirkungsvolle Mischung aus Erotik und tödlicher Gewalt angerührt und mit cleverer Erzählweise serviert. Was zunächst wie eine ganz normale Mordserie mit Schlangengift als Waffe aussieht, entpuppt sich als religiöser Rachefeldzug einer Psychopathin. Sie ist im letzten Drittel die eigentliche Hauptfigur, eine auch namentlich identische Verkörperung von Lilith, der ersten Frau Adams und späteren „Herrin der Dämonen“. Dass Lilith von einer Bibelforscherin auch noch als Kains Frau identifiziert wird, verleiht der Sache noch zusätzliche Pikanterie: Ein Ruch von Inzest liegt über der Bibelgeschichte, und wie sich herausstellen soll, bleibt es auch in der Realität nicht beim Ruch, sondern wird ziemlich handfest umgesetzt.
Holiness
Die eigentlich geniale Idee des Autors besteht in der Einführung der „Holiness“-Gemeinde. Damit meint er die Schlangenbeschwörer in den Appalachen-Bergen, die es offenbar wirklich gegeben hat. (Sie waren Splittergruppen der bekannteren Pfingstbewegungen.) Obwohl „Schlangenbeschwörer“ keineswegs die zutreffende Bezeichnung ist für das, was der Gemeindevorsteher tut. Er setzt Schlangen, die biblische Verkörperung Satans, als Probemittel ein für den Mut und die Glaubenstreue der Gemeindemitglieder (und mit „Gemeinde“ ist hier immer die Kirchengemeinde gemeint).
Bei dieser „Kommunion“ legt er Giftschlangen um die Arme des Gemeindemitglieds, um zu sehen, ob die Schlange zubeißt. Nur Mitglieder, die fest im Glauben sind, sind nicht so nervös, dass die Schlange zum Biss gereizt wird. So lautet zumindest die Annahme. Moynihan kann es mit eigenen Augen mitansehen, wie es funktioniert. Allmählich kann er sich vorstellen, was Lucas Stark, von 1967 bis 1976 der Reverend der Holiness-Gemeinde im Alabamastädtchen Hettisburg, mit seinem Schlangenkult anrichtete. Das konnte nicht gutgehen und gipfelte in einer blutigen Katastrophe.
Lilith
Das Ergebnis seiner Nachforschungen bringt Moynihan auf die Spur der wahren Identität des Mörders in San Diego. Doch natürlich ist es nie so einfach, einen früheren mit heutigen Namen zur Deckung zu bringen. Und so tappt er unsehens auf einer falschen Fährte in eine tödliche Falle. Dieser finale Showdown ist ebenfalls äußerst wirkungsvoll und intensiv gestaltet, so dass der Leser bzw. Hörer keine Chance hat, der Story zu entkommen. Er muss alles bis zum bitteren Ende miterleben. Natürlich gibt es ganz am Schluss noch eine unerwartete Wendung als Pointe, aber das fand ich dann schon nicht mehr so glaubwürdig.
Sexualpanorama
Ein wichtiger Aspekt der Geschichte – und vielleicht der erste grund, diese Story zu erzählen – ist das Panorama an sexuellen Spielarten in einer amerikanischen Großstadt des angehenden 21. Jahrhundert. Sgt. Moynihan und seine mehr oder weniger abgebrühten Kollegen ermitteln im Privatleben der Schlangenbissopfer und stoßen auf: Chatforen für „experimentellen“ Sex, Vermittlungsagenturen für Prostituierte, gefilmte Sexabende bei bekannten Schauspielern oder Politikern (oder beides), kurzum: auf einen Sumpf, in dem alles an Sex und Drogen ausprobiert und konsumiert wird, was einen Kick bringt. Natürlich ist auch Bondage dabei, aber ist das schon das, was man als Gewalt bezeichnen würde? Die Grenzlinie ist fließend und verläuft subjektiv.
Unterm Strich
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Das aktuelle PLAYBOY-Titelbild zeigt eine junge Frau, die von einer Pythonschlange umschlungen wird – Inbild der gefahrvollen Versuchung und Verlockung für den (meist) männlichen Betrachter. Auf der gleichen Schiene, nur noch um einige Grade gefährlicher, bewegt sich auch der Mörder in Sullivans Thriller. Er oder sie macht seine Opfer erst wehrlos, als ob er ein sexuelles Spiel treiben wolle, doch in Wahrheit ist eine Glaubensprobe, und wer sie nicht besteht, bezahlt mit einem Biss des „Richters“, nämlich der Giftschlange. Sullivans Mörder stellt die amerikanische Gesellschaft auf den Prüfstand seines eigenen, extrem strengen Glaubens, und da die amoralisch gewordene Gesellschaft den Test nicht besteht, gibt es eben reihenweise Opfer.
„Toxic“ ist sicherlich einer der perfektesten Thriller, die ich in letzter Zeit genossen habe. Es ist schwer, überhaupt einen Makel zu finden, aber die Story war mir dann doch etwas zu bizarr.
Fazti: Ich vergebe drei von fünf möglichen Schlangenbissen.
Michael Matzer © 2007ff
Info: The serpent’s kiss, 2003; 461 Seiten, S.Fischer Verlag, Frankfurt/M., 11/2005; aus dem US-Englischen übersetzt von Sonja Schuhmacher und Thomas Wollermann; ISBN 978-3596660964 weiterlesen schließen
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