Pro:
wendungsreiche Story, Schauspieler, Botschaft, grandiose Inszenierung, spannend
Kontra:
falsche Erwartungen der Kinobesucher
Empfehlung:
Ja
Freunden des subtilen Grusels ist der Name M. Night Shyamalan selbstverständlich ein Begriff. Der Regisseur mit dem Faible für überraschende Storywendungen ist spätestens seit dem Mystery-Thriller „The sixth sense“, der wohl über eines der schockierendsten Filmenden aller Zeiten verfügt, eine feste Größe in Hollywood. Shyamalan produziert Horrorstreifen mit Anspruch und Gänsehautatmosphäre, statt auf blutige Szenen und abgetrennte Gliedmaßen zu setzen.
Inzwischen ist Shyamalan eine Marke geworden; ähnlich wie Steven Spielbergs Streifen werden auch seine Filme heftigst mit seinem Namen beworben, um das Klientel festzulegen: wenn du Filme von Shyamalan magst, dann sieh dir auch gefälligst DIESEN an.
So gesehen auch beim neuesten Streich...“The Village“. Als ich zum ersten Mal den Trailer für diesen Streifen gesehen habe, war ich sofort hin und weg: den muss ich sehen, dachte ich, denn der Trailer versprach einen wunderbar atmosphärischen Schocker.
Dass mich dann letztlich etwas völlig anderes erwartete und warum ich trotzdem gefesselt war, erfahrt ihr in den folgenden Zeilen...
M. NIGHT SHYAMALANs THE VILLAGE
DAS DORF (Story Teil 1)
Wir befinden uns im Amerika Ende des 19. Jahrhunderts. Schauplatz ist ein kleines, abgeschiedenes Dorf, in dem das Leben scheinbar seinen Gang geht: Felder werden bestellt, jeder kennt jeden und das ganze Dorf trifft sich ab und an zum Mittagessen.
Umgeben wird das Dorf von Wäldern, und in diesen Wäldern versteckt leben sie: die Unaussprechlichen. Wesen, die jederzeit das Leben der Menschen im Dorf bedrohen, sollte sich einer der Bewohner in den Wald verirren.
Zwischen den Fabelwesen und den Dorfbewohnern herrscht ein Waffenstillstand, keiner übertritt die Grenzen der anderen Gruppe. Was zur Folge hat, dass die Dorfbewohner ihre Heimat nicht verlassen dürfen – ihr idyllisches Dorf entwickelt sich also zum Gefängnis. Bis Lucius (Joaquin Phoenix) plötzlich darum bittet, das Dorf verlassen zu dürfen, um in der nächsten Stadt Medikamente zu besorgen, damit nicht erneut Bewohner des Dorfes sterben müssen, obwohl sie eigentlich hätten geheilt werden können.
Der Wunsch wird ihm verwehrt – und nachdem der sture Lucius daraufhin einige Meter in den Wald hinausläuft und gesehen wird, greifen noch in dieser Nacht die Unaussprechlichen das Dorf an...
So, das ist die Ausgangslage. Wer nicht mehr zur Story erfahren will, sollte nicht weiter lesen...wem die bisherige Zusammenfassung zu kurz war, der darf gerne den nächsten Abschnitt lesen – keine Sorge, ich werde nicht zu viel verraten.
DER WALD (Story Teil 2)
Irgendwann ziehen die Unaussprechlichen wieder ab. Ihr Angriff ist als Warnung zu verstehen. Danach geht das Leben im Dorf wieder den gewohnten Gang.
Lucius lernt die blinde Ivy Walker (Bryce Dallas Howard), Tochter von Bürgermeister Edward Walker (William Hurt), näher kennen und schließlich lieben. So sehr, dass er ihren Heiratsantrag annimmt. Was darauf folgt, ist schrecklich, denn der geistig zurückgebliebene Noah (Adrien Brody), der selbst hoffnungslos verliebt in Ivy ist, verletzt Lucius mit einem Messer schwer. Hoffnung besteht kaum und daher fasst Ivy einen folgenschweren Entschluss: sie will in die Stadt – koste es, was es wolle...doch im Wald lauern die Gefahren.
SCHAUSPIELER
Schon zum zweiten Male nach „Signs – Zeichen“ übernimmt Joaquin Phoenix eine wichtige Rolle in einem Film von Mr. Shyamalan. Diesmal spielt er den charismatischen Lucius, der nur selten den Mund aufmacht und fast schon als Revoluzzer gelten darf, weil er den Wunsch äußert, die Stadt verlassen zu dürfen. Aus diesem Grund ist bei der Auslegung der Rolle die Mimik des Schauspielers sehr wichtig und das gelingt Phoenix sehr gut; sein Blick ist zutiefst emotional und es gelingt ihm, verschiedenste Gefühle glaubhaft darzustellen.
An seiner Seite steht eine echte Neuentdeckung: Bryce Dallas Howard spielt hervorragend die blinde Ivy, die im zweiten Teil des Filmes die Hauptrolle übernimmt. Es ist eine große Herausforderung, eine blinde Frau zu spielen, wenn man selbst sehen kann. Und diese Herausforderung meistert die Tochter von Regisseur Ron Howard mit Bravour. Neben der gelungenen Darstellung einer blinden Frau zeigt sie auch große und echte Emotionen – eine beeindruckende Leistung, mehr davon bitte.
Bezeichnend ist, dass auch in den Nebenrollen gestandene Schauspieler auftauchen. Oscar-Preisträger Adrien Brody ist als geistig behinderter Noah zu sehen – eine Aufgabe, die viel Taktgefühl erfordert, um die Figur glaubhaft erscheinen zu lassen, was Brody glücklicherweise gelingt.
William Hurt gibt den „Vater“ des Dorfes mit absolut passender Ruhe und Überlegtheit. Ein Mann, der überlegt handelt und nichts dem Zufall überlässt. Und zu guter letzt muss noch Sigourney Weaver angesprochen werden. Sie spielt Lucius’ Mutter, die doch so gerne mit Edward Walker zusammen wäre, ebenfalls überzeugend und mit den notwendigen Emotionen.
Fazit: hier wurde richtig gecastet. Große Schauspieler, die ihren Charakteren Leben und echte Emotionen einhauchen. Insbesondere Bryce Dallas Howard konnte mich überzeugen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass von dieser Frau noch viel zu sehen sein wird.
INSZENIERUNG
Herrlich. Genau bei diesem Punkt läuft Mr. Shyamalan zu ganz großer Form auf. Bitte, liebe Hollywood-Regisseure, schneidet euch davon eine große Scheibe ab!!!
Der Beginn des Filmes ist atmosphärisch perfekt: eine düstere Grundstimmung wird aufgebaut. Durch dunkle Bilder, langsame Kameraschwenks und einer stets passenden Musik, die glücklicherweise niemals nervig wird. Überhaupt: selten habe ich so stimmungsvolle Bilder gesehen. Bewölkter Himmel oder Dunkelheit, die ängstlichen Gesichter der Bewohner: das Dorf ist alles andere als ein Hort der Sicherheit. Die gezeigten Bilder fangen diese bedrückende Atmosphäre perfekt ein.
Dazu gesellen sich die unheimlichen, bedrohlichen Geräusche, die aus dem nahen Wald im Dorf zu vernehmen sind. Da der Zuschauer bis zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt keine Ahnung hat, was es mit diesen Geräuschen auf sich hat, ist diese stimmige Inszenierung sehr wirkungsvoll. Schon früh stellt man sich Fragen: warum schlägt eine einzige Blume mit roten Blüten so sehr auf die Laune zweier tanzender Kinder? Was hat es mit den gelben Umhängen auf sich?
Wenn dann auch noch in dunkler, regnerischer Nacht ein bemitleidenswerter Dorfbewohner auf einem Wachturm sitzt und es um ihn herum im Unterholz knackt und raschelt, hat es der Regisseur geschafft: der Zuschauer ist gefesselt von dieser Stimmung, die wirklich bedrohlich wirkt – ohne dass etwas wirklich Gruseliges geschieht.
Ein wenig entzaubert wird diese grandiose Atmosphäre dann, als zum ersten Mal die Unaussprechlichen im Bild auftauchen...denn die sehen schon wie die Außerirdischen in „Signs“ etwas seltsam aus. Trotzdem: im weiteren Verlauf findet der Film wieder zu seiner alten Stärke zurück. Eine behutsame Inszenierung, eine schleichende Bedrohung machen den Film aus, keine „Hau-Drauf-Schockeffekte“. Wirklich erschrecken kann man sich im kompletten Film nur einmal, dann aber gehörig. Und wenn dann wieder eine Szene im Wald kommt, vergisst man sowieso alles um sich herum: grandios inszeniert, voller Spannung und Bedrohung – was natürlich auch durch die absolut überzeugenden Schauspielerleistungen gestützt wird.
Die Kameraarbeit bleibt den gesamten Film über ihrer Linie treu: langsame Schwenks, oftmals verharrt das Bild lange an einer Stelle. Das mag manchmal zu langweilig werden, in THE VILLAGE jedoch passt diese behutsame Kameraarbeit perfekt zur sonstigen Inszenierung – es versteh sich jedoch von selbst, dass in den wirklich spannenden Szenen auch die Kameraarbeit und die Schnitte rasanter werden – ohne dass diese Mittel jedoch überhand nehmen.
Auch der Schauplatz selbst ist hervorragend anzuschauen: das Dorf wird sehr detailverliebt in Szene gesetzt und man fühlt sich wirklich so, als wäre man ein Teil dieser kleinen Gemeinde. Das Dorf wurde extra für diesen Film aufgebaut – eine Arbeit, die sich definitiv gelohnt hat.
KRITIK
Ja ja, dieser ominöse Trailer. Was hat er versprochen? Wie oben schon geschrieben – einen echten Schocker, gruselig vom Anfang bis zum Ende. Und trifft das zu? Pustekuchen. Daher waren die ersten Meinungen über den Film fast durchweg negativ. Die Leute, die einen echten Horrorfilm erwartet hatten, waren enttäuscht, weil der Trailer etwas völlig anderes suggeriert, als letztlich geboten wird.
Von daher: Erwartungen runterschrauben, gegebenenfalls ändern. So habe ich es getan – wenig Horror erwartet, ja, mit einer Enttäuschung gerechnet – um dann umgehauen zu werden.
Mr. Shyamalan führt nämlich einfach jeden an der Nase herum – THE VILLAGE ist mehr ein modernes Märchen denn ein Psychohorrorfilm. Doch von vorne: der Anfang verläuft behäbig (erste Unruhe macht sich breit). Die Ausgangssituation des Dorfes wird erläutert, die Figuren vorgestellt. Und vielleicht liegt da eine der großen Stärken dieses Filmes: die (sehr interessanten) Figuren sind keine Schablonen, sondern sie werden wirklich zum Leben erweckt, ihnen wird eine eigene Geschichte verpasst. Dafür wird viel Zeit verwendet. Eine Zeit, in der wenig passiert – und die trotzdem zu keiner Sekunde langweilig wird. Ich weiß nicht genau, woran es liegt...vielleicht, weil die Inszenierung einfach so packend ist und man so gespannt ist, was nun geschehen wird. Spätestens bei dieser Charaktervorstellung müsste man übrigens merken: Moment, da stimmt doch etwas nicht. Spätestens hier wird klar: Shyamalan geht einen anderen Weg, als der Trailer weismachen will.
Denn die Story um die Unaussprechlichen und die Bedrohung des Dorfes ist der Rahmen, in dem sich die Figuren bewegen und in dem sich zwischenmenschliche Tragödien abspielen. In denen es um Liebe, Vertrauen, Freundschaft geht. Der Glaube, einem geliebten Menschen helfen zu können – bis hin zur völligen Selbstaufgabe. Das ist ganz großes Kino. Weit weg vom Horror, aber einfach ehrlich und emotional dargestellt. Insgesamt ist die Story wirklich sehr gelungen, weil sie zunächst einem Hauptplot folgt, um dann mehrere Nebenplots - die Einzelschicksale der Figuren - zu eröffnen. Und letztlich hängt dann doch alles zusammen. Das Drehbuch ist absolut gelungen - trotz einiger kleiner logischen Patzer (s. weiter unten),
Und dann haben wir da ja noch die spannenden Szenen. Die in ihrer Zahl sehr begrenzt, dafür aber umso wirkungsvoller sind. Wenn die Bewohner vor den Unaussprechlichen flüchten und das Ganze von einpeitschenden Trommeln unterlegt wird oder wenn Ivy allein im Wald steht und um sie herum Zweige knacken und Blätter rascheln – dann sitzt man da, fiebert mit, spürt die Bedrohung, die in diesen Szenen ständig präsent ist.
Und all diese äußerst spannenden Szenen fügen sich harmonisch mit den Beziehungen zwischen den Einwohnern des Dorfes zusammen – und ergeben schließlich ein Meisterwerk, das mit einem alles-über-den-Haufen-werfenden Ende abgeschlossen wird.
SPOILER – DAS ENDE WIRD VERRATEN!!!
Bevor sich Ivy in den Wald traut, muss ihr Vater sie in ein Geheimnis einweihen: die Unaussprechlichen existieren nicht. Sie sind Teil eines perfiden Plans; in einem stillgelegten Schuppen hängen die Kostüme, in die, wenn nötig, eingeweihte Bewohner (die 9 Dorfvorsteher) schlüpfen, um den restlichen Mitbürgern Angst und Schrecken zu lehren.
Das Ziel dieses Tricks ist es, die Gemeinschaft, die so perfekt zu sein scheint, zusammenzuhalten. Erward erzählt seiner Tochter von deren Großvater, der in der Stadt viel Wohlstand angehäuft hat, dessen Charakter durch das viele Geld verdorben wurde und der letztlich erschossen wurde. Damit das nicht wieder passiert, wurde das Dorf gegründet.
Von der Sorge befreit, im Wald auf die Unaussprechlichen zu stoßen, macht sich Ivy auf einen langen und mühsamen Weg – bis plötzlich tatsächlich eines dieser Wesen hinter ihr her ist (nein, was es damit auf sich hat, verrate ich hier nicht). Immer tiefer führt sie der Weg in den Wald – bis sie plötzlich an einem mit Efeu überwucherten Tor steht.
Mit letzter Kraft gelingt es ihr, über den Zaun zu klettern – und dann ist sie da, die Überraschung: neben dem Tor steht ein Jeep auf einer sauber asphaltierten Straße. Willkommen im 21. Jahrhundert, Ivy. Der Ranger, der die verwirrte Ivy trifft, kann nicht glauben, was er hört, besorgt ihr aber die Medikamente – Ivy kehrt zurück und die Bewohner im Dorf können ihr beschauliches Leben wie vor über 100 Jahren weiter führen.
Muss diese letzte Schlusswendung sein? Ich weiß es nicht. Sicher, ein sehr überraschende Ende wird uns da präsentiert. Die Frage ist jedoch, ob sie notwendig gewesen wäre, um diesen Film zu einem passenden Ende zu verhelfen. Ich sage nein – auch ohne die Entdeckung, dass das Geschehen in der Gegenwart spielt, wäre THE VILLAGE ein grandioser Film geworden.
Ansonsten ist die Idee einer perfekten kleinen Gesellschaft, in denen es um zwischenmenschliche Dinge und nicht um den schnöden Mammon geht, sicherlich gesellschaftskritisch und ein aha-Erlebnis.
SPOILER ENDE
THE VILLAGE ist ein Film, der sich in keine Schublade stecken lässt. Das Hirn wird gefordert und wer mitdenkt, wird a) schon etwas früher auf des Rätsels Lösung stoßen und b) deutlich mehr vom Film haben als die, die einfach dasitzen und sich berieseln lassen wollen.
Denn für den einfachen Konsum ist THE VILLAGE zu kritisch, zu clever, zu mystisch.
Shyamalan vereint verschiedenste Genre zu einem großen Werk, das deutlich ungewöhnlicher ist als vieles, was man in der letzten Zeit im Kino sehen durfte/musste.
Allerdings sollte man nicht anfangen, zu spitzfindige Fragen zu stellen (z.b. wo das Feuerholz herkommt, wenn die Bewohner doch nicht in den Wald dürfen ) --> klar, hier tun sich kleine Logiklücken auf, aber dieses Hinterfragen könnte den Filmgenuss deutlich schmälern. Denn es geht ja nicht um den Aufbau des Dorfes selbst, sondern um die Menschen im Dorf.
Was bleibt letztlich? Ein Film, der anders ist als erwartet – und vielleicht deshalb so gut. Ein Meistwerk, das aber erst als solches erkannt werden muss. Wer sich aber darauf einlässt, wird mit einem wunderbaren, nachdenklich stimmenden und intelligentem Film belohnt.
DATEN
The Village – das Dorf (OT: The Village), USA 2004
Thriller
Regie: M. Night Shyamalan
Länge: ca. 108 Minuten
Freigegeben ab 12 Jahren (wegen der Gewaltszenen angemessen, die Frage ist nur, ob jeder 12jährige diesen Film verstehen wird?)
FAZIT
Überraschung: THE VILLAGE ist nicht das, was erwartet wurde, aber ein hervorragender Film, den ich mir sicherlich noch ein zweites Mal ansehen werde. Eine perfekte Symbiose aus eine wendungsreichen Story, hervorragenden Schauspielern und wohldosierter Spannung macht diesen Film aus und lässt schließlich ein Meisterwerk entstehen, das zu Unrecht von vielen zerrissen wird. Bedenkt meine Worte: erwartet keinen Horrorfilm, denn das ist THE VILLAGE definitiv nicht.
Ganz großes Kino. Vielen Dank, Mr. Shyamalan.
Daher: entgegen anderer Meinungen gibt es 5 Sterne von mir und eine absolute Empfehlung.
Viele Grüße, Muffentennis.
___[Unter anderem Namen schon anderweitig veröffentlicht.] weiterlesen schließen
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