Pro:
sehr gut und einfach zu lesen, blumiger Stil, gute Darstellung des Problems
Kontra:
könnte für manche zu flach sein
Empfehlung:
Nein
Dieses Werk der deutschen Literatur ist wohl das Bekannteste Stefan Zweigs. Ich habe es im Rahmen des Deutschunterricht gelesen und versucht, mich mit ihm auseinanderzusetzen und es hatte mir auf Anhieb gefallen, besonders da dieses dünne Bändchen mit einer Einfachheit und Klarheit geschrieben ist, die wahrscheinlich jeder Schüler als lesefreundlich einschätzen würde. Doch bevor ich näher auf das Buch eingehe, ein kleiner Exkurs zu Stefan Zweig.
1. Das Leben Stefan Zweigs
Stefan Zweig wurde am 28. November 1881 in der österreichischen Hauptstadt Wien geboren und lebte dann von 1919 bis 1934 in Salzburg. Nachdem Adolf Hitler in Deutschland zum Reichskanzler ernannt wurde und so die Macht übernommen hatte, sah sich Zweig dazu veranlasst, sein Österreich zu verlassen und nach England zu emigrieren. Später wurde er aber auch aus diesem Land als ein "enemy alien" ausgewiesen und so reiste er weiter nach Brasilien, wo er von 1940 bis 1942 lebte und sich im Februar 1942 in Petropolis, Brasilien das Leben nahm.
Zweig wurde schon früh mit als Übersetzer der Lyriker Baudelaires, Verhaerens und Verlaines bekannt. Sein erstes literarisches Werk erschien 1901 unter dem Namen "Silberne Saiten" (Gedichtband).
Weitere Werke Zweigs sind:
- Der Zwang (1920)
- Leporella (1929)
- Buchmendel (1929)
- Die Welt von Gestern (posthum erschienen 1944)
2. Daten zum Buch
Titel: "Die Schachnovelle"
Autor: Stefan Zweig
Genre: Novelle
Verlag: Fischer Taschenbuch Verlag
Auflage: 57. Auflage. Juli 2007
Seiten: 110
Preis: 5,95 Euro
ISBN: 978-3-596-21522-5
3. Der Inhalt
Wie der Titel des Buches schon vermuten lässt, handelt dieses Buch von dem königlichen Spiel.
Die Erzählung beginnt auf einem großen Passagierdampfer, der auf dem Weg nach Buenos Aires in Argentinien ist. Der Ich-Erzähler, der namentlich nicht näher benannt wird, was aber für die Novelle und deren Werdegang auch irrelevant ist, da er nur eine beobachtende und vermittelnde Funktion übernimmt, erfährt, dass sich auf dem Schiff ein berühmter Schachweltmeister befindet: der Russe Mirko Czentovic. Wir bekommen nun eine kleine Umriss aus Czentovics Leben, der, als Sohn von einem südslawischen Bootsmann, später Vollwaise, von einem Pfarrer aufgezogen wurde, der mit allen Mittel versuchte, dem autistisch wirkenden Czentovicn zu bilden, was aber immer wieder misslang, da der Junge nicht in der Lage war, die Buchstaben und Zahlen zu begreifen. Sein einziges Metier war das Schachspiel, welches er nach kurzer Zeit auch mit Bravour beherrschte und sich mit einem Schlag neben andere weltberühmte Schachweltmeister katapultierte. Allerdings war er unfähig, auch nur irgendwelche soziale Kontakte zu knüpfen. Aber das war ihm auch egal, da sein ganzen Dasein sich nur auf das Schachspiel beschränkte und um zu überleben, nahm er für dieses auch Geld.
Sofort war das Interesse des Erzählers geweckt, besonders, nachdem er erfuhr, dass aus Czentovic sonst nicht viel publizistisch verwertbares Material herauszuholen war.
Mit ein paar Bekannten versuchte er dann, mittels eines Schachbrettes, das er im Rauchzimmer aufstellte und die Vorübergehenden zu einer Schachpartie einzuladen, das Interesse Czentovics auf sich zu ziehen - was aber kläglich misslingt. Schließlich kann der reiche Schotte McConnor Czentovic gegen Bezahlung einer entsprechenden Summe zu einem Schachspiel bewegen. Nachdem der Erzähler, McConnor und einige der Bekannten, die alle gemeinsam gegen "den Meister" spielten, die erste Partie verloren hatten und es auch bei der zweiten Partie nicht besser für sie aussah, mischt sich plötzlich eine neue Person in das Spiel ein, die ihnen mit unheimlicher Klarheit und Weitblick Ratschläge für das Spiel gibt und die Partie bis zu ihrem Ende durchrechnet, sodass sie am Ende ein Remis gegen Czentovic erreichen können. Czentovic, der sofort in dem Helfer einen potentiellen und ebenbürtigen Gegener erkennt, vereinbart mit diesem einen Termin für ein gemeinsames Schachspiel. Der Mann willigt, wenn auch nur widerstrebend, zwar ein, erklärt aber auch: "...ich komme gar nicht in Betracht...ich habe seit zwanzig, fünfundzwanzig Jahren vor keinem Schachbrett mehr gesessen..."; eine Behauptung, die die Anwesenden nicht glauben können. Schließlich gelingt es dem Erzähler, den mysteriösen Helfer zu einem Gespräch unter vier Augen zu bewegen. Nun erfährt der Leser von der Vergangenheit des Mannes, den der Erzähler "Dr. B." nennt - wahrscheinlich um dessen Identität zu schützen, was wohl wichtig ist, wie sich später noch herausstellen wird. Als österreichischer Rechtsanwalt hatte Dr. B. viele Reichtümer von Klöstern verschwinden lassen um sie vor den Nationalsozialisten zu schützen; ein Tun, dass ihn später, nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, ins Visier der Nationalsozialisten bringen wird. Schließlich bringt man ihn zur Gestapo. Die haben ihre speziellen Foltermethoden für Intellektuelle, weshalb Dr. B. in eine spärlich möblierte Zelle gebracht wird, wo man ihm zugleich auch alle persönlichen Sachen nahm. Dr. B. beschreibt diese Folter so: "Denn die Pression, mit der man uns das benötigte "Material" abzwingen wollte, sollte auf subtilere Weise funktionieren als durch rohe Prügel oder körperliche Folterung: durch die denkbar raffinierteste Isolierung. Man tat uns nichts - man stellte uns nur in das vollkommene Nichts, denn bekanntlich erzeugt kein Ding auf Erden einen solchen Druck auf die menschliche Seele wie das Nichts." Und dieses Nichts droht auch Dr. B. zu überwältigen, wenn er nicht bald eine Möglichkeit findet, sich geistig zu beschäftigen. Bei einem neuerlichen Verhör entdeckt Dr. B. in der Tasche eines Mantels ein Buch, das er geschickt mit sich auf sein Zimmer nehmen kann, wo es lesen will. Enttäuscht stellt er allerdings fest, dass die ersehnte geistige Ablenkung nichts mehr und weniger ist als ein Sammelsurium von 150 Schachpartien. In seiner Verzweiflung spielt er die Partien immer wieder nach; zuerst auf der karierten Decke mit Schachfigurenimitationen aus Brotresten, später nur noch im Geiste. Bald spaltet er sein Ich, um gegen sich selbst Schach spielen zu können und er entwickelt jene Gabe, die es ihm ermöglicht, mehrere Züge im Voraus zu berechnen und allerlei Partien blind zu spielen. Allerdings führt diese Bewusstseinsspaltung, diese Schizophrenie, mit der Zeit zu einer "Schachvergiftung", wie Dr. B. sie nennt; er sieht nur noch Schachfiguren und denkt nur noch in Schachnotation, was dann schließlich dazu führt, dass er, sich selbst verletzend, in eine Klinik eingeliefert wurde, dessen Arzt, wohl wissend um die Methoden, deren Dr. B. ausgesetzt war, für ihn die endgültige Entlassung und Ausreisegenehmigung erreichen kann. Dr. B. begibt sich daraufhin sofort in das nächste Schiff, das nach Buenos Aires fährt.
Dies alles erfährt der Erzähler nun während seines Gespräches mit dem Doktor. Schließlich findet die Partie zwischen Dr. B. und Czentovic statt, in dem Dr. B., wie er sich selbst ausdrückt, probieren will, "ob ich überhaupt fähig bin, eine normale Schachpartie zu spielen, eine Partie auf einem wirklichen Schachbrett mit faktischen Figuren und einem lebendigen Partner" zu spielen. In der ersten Partie gelingt es dem unscheinbar wirkenden Dr. B. Czentovic zu besiegen, allerdings macht er zwei entscheidende Fehler: er lässt sich zu einer Revanche bewegen und er lässt Czentovic durchblicken, dass dessen langsamer und zäher Spielstil völlig aus dem Konzept bringt, da Dr. B. es gewohnt ist, sehr schnell zu spielen. Deshalb lässt sich Czentovic bei der Revanchepartie extra viel Zeit, weshalb Dr. B. wieder das Nervenfieber ergreift und er das Spiel, dank dem Eingreifen des Erzählers, abbricht und Czentovic und die anderen unwissend seiner Krankheit im Raucherzimmer zurücklässt.
4. Leseprobe
Nachdem ich nun schon einige kurze Ausschnitte der Novelle in der Inhaltsangabe eingebracht habe, soll hier nun noch eine kleine Leseprobe folgen. Die Passage stellt das Rückspiel der beiden Kontrahenten dar, in dem Dr. B. wieder von der "Schachvergiftung" befallen wird, da Czentovic übermäßig langsam spielt.
"Czentovic schwieg und beugte seinen Kopf nieder. Erst nach sieben Minuten tat er den nächsten Zug, und in diesem tödlichen Tempo schleppte sich die Partie fort. Czentovic versteinte gleichsam immer mehr; schließlich schaltete er immer das Maximum der vereinbarten Überlegungspause ein, ehe er sich zu einem Zug entschloß, und von einem Intervall zum anderen wurde das Benehmen unseres Freundes sonderbarer. Es hatte den Anschein, als ob er an der Partie gar keinen Anteil mehr nehme, sondern mit etwas ganz anderem beschäftigt sei. Er ließ sein hitziges Aufundniederlaufen und blieb an seinem Platz regungslos sitzen. Mit einem stieren und fast irren Blick ins Leere vor sich hin starrend, murmelte er ununterbrochen unverständliche Worte vor sich hin; entweder verlor er sich in endlosen Kombinationen, oder er arbeitete - dies war mein innerster Verdacht - sich ganz andere Partien aus, denn jedesmal, wenn Czentovic endlich gezogen hatte, musste man ihn aus seiner Geistesabwesenheit zurückmahnen. Dann brauchte er immer einige Minuten, um sich in der Situation wieder zurecht zu finden; immer mehr beschlich mich der Verdacht, er habe eigentlich Czentovic und uns alle längst vergessen in dieser kalten Form des Wahnsinns, der sich plötzlich in irgendeiner Heftigkeit entladen konnte. Und tatsächlich, bei dem neunzehnten Zug brach die Krise aus. Kaum daß Czentovic seine Figur bewegt, stieß Dr. B. plötzlich, ohne recht auf das Feld zu blicken, seinen Läufer drei Felder vor und schrie derart laut, daß wir alle zusammenfuhren:
"Schach! Schach dem König!""
5. Eigene Leseeindrücke
Ich hoffe, ich konnte euch das Buch doch etwas näher bringen.
Meiner Meinung nach ist Stefan Zweig ein grandioser Autor, dessen Werke besonders durch seine Klarheit und Einfachheit bestechen. Diese Novelle ist nicht mehr und weniger als die Darstellung eines menschlichen Einzelschicksals, das Aufzeigen der Folgen unmenschlichster Folter, leiser Folter. Denn wie oft wird auch heute mit solchen Methoden, wie sie Dr. B. erleiden musste, gearbeitet?
Ebenso stellt dieses Buch denn immer wieder beschworenen Kampf zwischen "Gut" und "Böse", schwarz und weiß - man könnte diese Liste beliebig fortsetzen - dar, denn Czentovic wirkt auf den Leser sehr arrogant, selbstsüchtig und überheblich, während Dr. B., allein schon wegen seiner Lebensgeschichte, immer mehr Sympathie erregen wird.
Wer allerdings, gestützt auf den Titel der Novelle, hofft, in ihr eine Abhandlung des königlichen Spiels finden, der wird wohl eher enttäuscht sein, denn außer einer kurzen Erwähnung des Spiels von Bugoljubow gegen Aljechin in Hastings 1922 findet sich nicht viel von Schach in dem Werk. Das Schachbrett mit seinen schwarzen und weißen Feldern dient eher als übertragener Schauplatz für die Auseinandersetzung zwischen dem rational denkenden und jede Schwäche seines Gegners ausnutzenden Mirko Czentovic, der hier mehr die personifizierte Gewalt darstellt, gegen den intellektuellen, wissenschaftlich-imaginär denkenden Dr. B.
Auch ist die Novelle nicht unbedingt gekennzeichnet von thematischer Tiefe, was aber auch nie Zweigs Charakteristikum war, da er sich, wie eingangs schon erwähnt, mehr auf die individuellen Probleme stützt, er Erfahrungen verarbeitet, die Personen so wählt, dass man wirklich meinen könnte, sie haben existiert - dass ich manchmal glaube, Zweig verarbeitete hier eigene Erfahrungen, die vielleicht im Exil gemacht hatte.
Auf jeden Fall kann ich nur bestätigen, dass sich diese Novelle, aufgrund seines einfachen, aber doch blumigen Schreibstils, sehr einfach und vor allem schnell lesen lässt.
Und deswegen gilt für "Die Schachnovelle" von Stefan Zweig meine wärmste Empfehlung!
Und noch eins: für alle die, die eine filmisch verarbeitete Version der gedruckte Vorziehen kann ich die 1960 entstandene Verfilmung der "Schachnovelle" mit Mario Adorf als Mirko Czentovic empfehlen! weiterlesen schließen
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