Pro:
Künstlerischer Film, der wie ein Theaterstück ist, ...
Kontra:
...aber dem reinen Unterhaltungssucher zu schwere Kost sein dürfte.
Empfehlung:
Ja
Dogville erinnert an „Herr der Fliegen“ und zeigt eine soziologische Ausnahmesituation und ihre verheerenden Folgen. Wie gut ihm das wohl gelingt?
Lars von Trier, der dafür bekannt ist, dass er in realistischen Kulissen mit der wackelnden Handkamera künstlerische Filme abliefert, geht in Dogville einmal einen ganz anderen Weg: Die wackelnde Handkamera wird ersetzt durch eine perfekte Kameraführung, die auch langsame Fahrten erlaubt, ohne dabei zu übertreiben; dagegen wird auf die Kulisse fast völlig verzichtet. Wir erhalten so einen Film wie ein modernes Theaterstück, in dem die Vorstellung des Zuschauers gefordert ist, in dem Wände transparent, weil nicht vorhanden sind, in dem dadurch aber auch die Sicht ins Innere von Zimmern möglich ist, ohne dass ein Szenenwechsel nötig wäre: Die Kamera kann durch ein ganzes Dorf fahren und in jedes Haus mit gedachten Mauern hineinsehen.
Dieses Stilmittel erlaubt eine Konzentration auf das, was hier eigentlich wesentlich ist, nämlich die dramatische Entwicklung der Handlung, die Analyse einer psychisch-sozialen Ausnahmesituation, in der die Handelnden nach und nach Schicht um Schicht von Wohlanständigkeit ablegen, sich sozusagen häuten, bis jeder in der untersten Schicht als ein armes, von niederen Trieben geleitetes Wesen dasteht.
Der Film ist in Kapitel aufgebaut, so dass man sehr gut verfolgen kann, wie in jedem Kapitel, in jeder abgelegten Haut von Anständigkeit schließlich eine neue Stufe in der Entwicklung oder eine Wendung eintritt.
Wenn der Film beginnt, sieht man aus der Vogelperspektive auf so etwas wie einen Turnhallenboden. Während die Kamera allmählich nach und nach herunterfährt, erkennt man immer deutlicher, dass sich auf dem glatten Boden gemalte Grundrisse von Häusern befinden; schließlich erkennt man auch die Menschen, die sich in den Häusern aufhalten, und schließlich erkennt man auch, wie diese Menschen agieren.
Es handelt sich um ein kleines Dorf, bestehend aus 15 Menschen: Dogville. Sie leben ein Leben in Armut und mit einer fast steinzeitlichen Subsistenzwirtschaft (Selbstversorgung). Auf den ersten Blick ist dieses vorzeitliche Leben scheinbar ergänzt durch ein Geflecht von funktionierenden Beziehungen und festen Regeln, und es dauert über eine Stunde, bis die ersten Andeutungen dessen, was sich darunter verbergen könnte, erscheinen.
In dieses Dorf kommt nun Brisanz hinein, als eine junge, hübsche, liebenswerte Frau (Nicole Kidman in einer ihrer besten Rollen) auf der Flucht ist und ausgerechnet hier Zuflucht sucht. Die Dorfbewohner haben große Schwierigkeiten, sich darüber einig zu werden, ob sie die junge Frau aufnehmen und schützen wollen, aber nach einigen Diskussionen, in denen ein junger Intellektueller seine Meinung Ausschlag gebend einbringt, wird man sich schließlich einig, sie auf Probe aufzunehmen.
Die junge Frau ihrerseits möchte sich nun erkenntlich zeigen, indem sie überall Hilfe anbietet; aber zunächst wird ihre Hilfe abgelehnt, dann zögerlich angenommen, dann stärker angenommen: In jedem Kapitel ergibt sich hier eine Steigerung in den Diensten, die sie dem Dorf leisten darf, leisten kann, leisten muss, bis sie schließlich in Höchsttempo von Haus zu Haus rennt, um alle Verpflichtungen, die man ihr mittlerweile aufgebürdet hat, zu erfüllen. Damit sind aber die Dienste, die sie den Einwohnern erbringen muss, noch längst nicht erschöpft …
Diese Dramatik wird ausgelöst durch einen Steckbrief, den die Polizei im Dorf anbringt, und in dem die junge Frau unter Ausbietung einer hohen Belohnung gesucht wird. Der Verzicht auf die Belohnung gibt den Dorfbewohnern das „Recht“, sozusagen als Gegenleistung eine gesteigerte Arbeitsleistung zu verlangen.
Die Schönheit der Flüchtigen fällt nicht nur dem jungen Intellektuellen Tom auf, der sie ständig unterstützt, sondern auch anderen Männern; und es werden Dinge passieren, die denkbar, aber verwerflich sind, und es werden Dinge passieren, die fast undenkbar sind. Als sie schließlich fliehen will und sich dem Lastwagenfahrer anvertraut, der die einzige Verbindung zwischen Dogville und der Außenwelt ist, muss sie erfahren, dass ihr Vertrauen aufs Schändlichste missbraucht wird. Wieder zurückgekommen, verändert sich ihre Situation so stark, dass sie ärmer als der ärmste Hund lebt: Dogville.
Ganz zum Schluss erhält der Film noch einmal eine Wendung, als die Leute, vor denen sie geflohen ist, sie schließlich finden. Ihr Hass auf die Dorfbewohner und auf die Ausbeutung, die sie durch sie erfahren hat, finden jetzt ein Ventil …
Im Abspann werden dann Bilder von elenden Menschen gezeigt, von Armut, Verletzung, Drogensucht, Kriegsopfern: Bilder, die zeigen, dass nicht alles in der Menschheit so wunderbar ist, wie man es gerne hätte und wie manche Filme es uns gerne vorgaukeln möchten.
Die Schauspieler machen ihre Sache allesamt ausgezeichnet. Gerade die Tatsache, dass sie völlig ohne Kulissen spielen, lässt ihre Schauspielkunst eindringlicher werden, und wirkliche Schwächen wären so auch aufgefallen; es gibt aber keine. Nicole Kidman spielt die Flüchtige, die zunächst hilflos, dann Hilfe bietend, dann ausgenutzt, dann versklavt ist, in allen Phasen bis hin zur bitteren Neige ausgezeichnet und mit so viel Glaubwürdigkeit, dass man von einer meisterhaften Schauspielleistung sprechen kann. Sie hätte dafür einen Oscar verdient.
Dogville liegt nicht in Amerika, es liegt in jedem von uns. Schade, dass die Amerikaner ihn so missverstanden haben, dass Nicole Kidman sich schließlich sogar von ihm distanzieren musste.
Mir waren die über 3 Stunden des Films noch zu kurz, so fesselnd fand ich ihn: Der Mensch, der Schale für Schale von Regeln und Anstand abwirft und schließlich zur Triebkreatur wird, ist selten besser dargestellt worden.
Wenn je ein Film unter Verzicht auf jede Äußerlichkeit, auf jede Anmache, auf jedes Seele-des-Zuschauers-Betutteln so viel an wirklicher Dramatik und Entwicklung gezeigt hat wie es sein sollte, dann ist es dieser Film.
Update: Dass der Film inzwischen von der Wirklichkeit in irakischen Gefängnissen überholt wurde, macht ihn nicht weniger wichtig.
Dieser jedenfalls gehört zu den größten Filmen. Ich denke, dass von Trier hier sein Meisterwerk geschaffen hat. Ich empfehle ihn jedem, der anspruchsvolle Filme liebt. Reife Kinder ab 14 kann man auch mitnehmen. weiterlesen schließen
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