Pro:
Al Pacino, nüchterne Inszenierung,
Kontra:
nichts,
Empfehlung:
Ja
Wie ein hungriges Krebsgeschwür nagt die Korruption an dem Apparat der Polizei. Tief sitzen die Tumore, die längst kein Fremdkörper mehr sind, sondern fest zum Gerüst des Organismus gehören und alles verseuchen, das Anstand und Ideale besitzt. Jeder Neuling, der zur Polizei geht in dem Glauben etwas verändern zu können, der dem Leitspruch „to protect and serve“ erfüllen will, muss einsehen, das in dieser verseuchten Umwelt nichts zu machen ist und man sich zu entscheiden hat: entweder man macht mit, korrumpiert und hält die Hände auf, oder man geht unter. Frank Serpico jedoch wählt einen dritten Weg – er stellt sich gegen die gängige Praxis und versucht das infizierten System von innen zu reinigen. Doch dieser Weg hat Folgen.
Für Frank Serpico (Al Pacino) stand schon früh fest: er wird Polizist. Mit Bravur meistert er die Akademie und geht vollgepackt mit Idealen zum Polizei-Dienst in New York. Doch es stellt sich sehr schnell Ernüchterung ein, denn was Serpico vorfindet ist nicht das, was er sich in seiner jungen Naivität erhofft hat. Rassismus, gewaltsamer Umgang mit Verdächtigen und Korruption gehören zum Alltag seiner Kollegen in Blau. Serpico bittet um Versetzung und kommt in ein neues Departement. Dort das gleiche Spiel. Eine weitere Versetzung. Das alte Bild. Niemanden, den es zu scheren scheint, das die Polizei dafür da ist Verbrechen zu bekämpfen und sie nicht zu fördern. Lediglich sein Kollege Bob Blair (Tony Roberts) scheint ähnliche Ansichten wie Serpico zu haben. Sie wenden sich an verschiedene hohe Stellen, doch es passiert nichts. Nur Versprechungen. Serpico muss erkennen, dass jeder von der Korruption profitiert. Doch er will dagegen ankämpfen und macht sich schon bald einen Ruf als „Andersdenkenden“ bei seinen Kollegen. Denn nicht nur hält er nicht die Hand auf, sobald Bestechungsgelder verteilt werden, auch ist er so gar nicht das, was man sich von einem Polizisten vorstellt, interessiert er sich doch für Kunst und Kultur, trägt lange Haare und einen Zottelbart, als wäre er ein Überbleibsel der Hippie-Ära. Serpico wird nach und nach isoliert, ein Zustand der sich auch auf sein Privatleben auswirkt. Seine Geliebte Leslie (Cornelia Sharpe) verlässt ihn, weil er nicht heiraten will, seine spätere Freundin Laurie (Barbara Eda-Young) erträgt Franks Wutausbrüche und Verzweiflung ebenfalls nicht mehr. Serpico muss erkennen, das er alleine da steht. Und doch macht er weiter.
Immer wieder griff Regie-Altmeister Sidney Lumet das Thema Korruption in seinen Werken auf. Doch nie hat er es so gut behandelt wie in „Serpico“, der mit seiner Veröffentlichung im Jahre 1973 nicht nur ein Schweigen gebrochen hat, sondern auch eine ganze Lawine an ähnlich angelegten Filmen los gebrochen hat. „Serpico“ ist also fast so etwas wie die ultimative Blaupause der Anti-Korruptions-Thriller, einem mittlerweile doch sehr beliebten, aber auch sehr ausgelutschten Genre des amerikanischen Kinos. Nicht aber so vor 40 Jahren. Basierend auf den Erlebnissen des echten Frank Serpico, dessen Geschichte von Peter Maas („Made in America“, „China White“) nieder geschrieben wurde, erzählt der Film die Geschichte eines Polizisten, wie er zwar dem gängigen Bild eines Ordnungshüters voll und ganz entspricht, der jedoch genau mit diesen Idealen gegen eine Mauer läuft. Eine Mauer so unüberwindbar, das an ihr der Mensch Frank Serpico schließlich zerbricht.
Lumet prangert das (zumindest damals in den USA) weit verbreitete System der Korruption bei der Polizei gnadenlos an und zeigt, das es nicht nur die kleinen Beamten sind, sondern auch die Staatsdiener mit hohem Einkommen, die sich bereichern an der Kriminalität und wohl wollend weg schauen. Egal wer – ob Buchhalter für illegale Glücksspiele, Drogendealer oder Gangster der Mafia – jeder zahlt um selbst weiter verdienen zu können. Geld, welches Dankend angenommen wird. Eine nüchterne Realität, die Lumets sehr kalte (nicht im negativen Sinne zu verstehen) Inszenierung exzellent auf den Zuschauer überträgt und so die Kämpfe des Frank Serpico von dem ersten Moment an sehr greifbar macht.
Es ist aber nicht zuletzt Al Pacino („Der Duft der Frauen“, „Scarface“) der dafür sorgt, das dieser Film unvergessen bleibt und mitreißt. Kein Jahr nach seinem eher ruhigen Schauspiel im ersten Teil der „Pate“ Trilogie, entfesselte er in „Serpico“ seine gesamte Energie und zeigte alle Facetten, die er in sich trägt und in den nachfolgenden Jahren noch so oft abgerufen hat. Egal ob sein Serpico verzweifelt ist, sich des Lebens freut, vor Wut explodiert oder zu zerbrechen droht, als Laurie ihm eröffnet, das sie nicht mehr kann: stets gelingt es Pacino mit brillantem Timing aufzutrumpfen, die richtige Gestik und Mimik zu finden, alle seine Schauspiel-Kollegen im Schatten versinken zu lassen. Dabei macht er dies nicht mit einer aufdringlichen Art, sondern mit kühler Gelassenheit. Auch dies ist ein Grund dafür warum Frank Serpico noch Heute eine der besten Rollen ist, die Pacino je gespielt hat. Und auch wenn Pacino unbestreitbar der dominierende Aspekt der Geschichte ist, so lässt er seinen Kollegen wie John Randolph („Zwei dreckige Halunken“, „King Kong“), Barbara Eda-Young („Law & Order“, „Die Ballade von Mary Phagan“) und Tony Roberts („Der Stadtneurotiker“, „Amityville III“) stets genug Luft um zu atmen. Allerdings spielen diese letztendlich nicht einmal die dritte Geige und bekommen nur sehr wenig Zeit eingeräumt, ihre Figuren wirklich entfalten zu können.
„Serpico“ ist sowohl für Regisseur Lumet, als auch für Hauptdarsteller Pacino einer der besten Filme ihrer jeweiligen Filmografie. Ein klassischer Großstadt-Film, der die dreckige und nüchterne Stimmung perfekt transportiert und dem Zuschauer am Ende das gleiche Gefühl vermittelt, wie es wohl auch der echte Frank Serpico gehabt haben muss. Die Erkenntnis, das ein verseuchtes System zwar bekämpft werden kann, der Kampf aber das eigene Leben auffrisst und die Anerkennung nicht die Kraft besitzt, die entstandenen Schäden zu kurieren.
Daten zum Film:
Originaltitel: Serpico (USA, 1973)
Laufzeit: ca. 130 Minuten
FSK: Ab 12 Jahren
Regie: Sidney Lumet
Darsteller: Al Pacino (Frank Serpico), Tony Roberts (Bob Blair), John Randolph (Chief Sidney Green), Jack Kehoe (Tom Keough), Barbara Eda-Young (Laurie), Cornelia Sharpe (Leslie), Biff McGuire (Inspector McClain)...
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