Pro:
- der niedrige Preis?
Kontra:
- für meinen Geschmack zuviel Zucker, zu wenig Mandeln
Empfehlung:
Nein
Die Großmama des jüngsten Kollegen hat es offensichtlich gut gemeint mit ihrem Enkelkind: Neulich, als wir alle dachten, die Lebkuchen- und Marzipanwelle ebbe langsam ab, hat der Kollege Marzipanbrote in verschiedenen Größen angeschleppt. Alle sind sie von Zentis, und alle liegen sie bislang unangerührt in der Gegend herum.
Weihnachten 2007 war womöglich noch verhexter als die Feste in den Vorjahren. Denn im vergangenen Jahr habe ich eher noch mehr Marzipan geschenkt bekommen als in den Jahren vorher. Nicht, dass ich mich ernsthaft beschwerte, neinnein, iwo. Einem geschenkten Barsch schaut man bekanntlich nicht ins Maul. Oder sonst wohin.
Und es ist ja alles nur gut gemeint. Offensichtlich sind große Teile der Welt oder doch wenigstens meiner Mitmenschen zu der Ansicht gelangt, ich sei ein großer Fan von Marzipan. Die Ansicht ist ebenso irrig wie unumstößlich: Ich habe nichts gegen Marzipan, aber auch nicht viel dafür, und es mir offensichtlich bisher nicht gelungen, meiner Umwelt zu vermitteln, dass ich Marzipan mit ebenjener Art von achselzuckender Gelassenheit gegenüberstehe.
Ich kenne Menschen, die man irgendwann Ende August bereits an ihren Schreibtischstühlen festbinden muss. Die, sobald sie vom Auftauchen der ersten Marzipankartoffeln in den Läden hören, irre mit den Augen zu rollen beginnen, spitze, schrille Schreie ausstoßen und in unkontrollierte Raserei verfallen. Es soll Menschen geben, die in der Gegenwart von rosafarbenen Marzipanschweinen ein Gefühl tiefer Glückseligkeit verspüren. Wahrscheinlich sind das dieselben Menschen, die in Verzückung geraten angesichts der Marzipanfrüchte, mit denen Konditoreien gern ihre Schaufenster dekorieren. Ich, liebe Welt, gehöre aber nicht zu ihnen. Ich weiß – das beeindruckt dich nicht.
Im letzten Herbst verbrachten Menschen, die mir nahe stehen, einen Kurzurlaub in Emden. Ich kenne Emden nicht, glaube aber zu wissen, dass Emden in der Nähe irgendeines Meeres lag, als ich zum letzten Mal auf einer Karte nachgesehen habe. Die die einzige küstennahe Stadt, die mir im Zusammenhang mit Marzipan einfällt, Lübeck ist, hätte ich im Traum nicht damit gerechnet, dass die lieben Menschen mir aus Emden Marzipan mitbringen würden. Schon gar nicht welches in Form von Brezel, Radi und Weißwurst, die auf einem Holzbrettchen drapiert werden. Sie verstehen? Es war Herbst. Oktoberfestzeit. Offensichtlich auch in Ostfriesland.
Marzipan-Brezel, Radi und Weißwurst liegen bis auf den heutigen Tag unangetastet da. Manchmal, wenn es abends ganz still ist im ganzen Haus, setze ich mich mit dem Brettl an den Küchentisch und schaue mir das Ensemble an. Dann stelle ich das Brettchen wieder in den Küchenschrank, lösche das Licht und gehe schlafen.
Zwischen dem Heiligabend und dem Ende des ersten Weihnachtstags habe ich gut und gern ein weiteres Pfund Marzipan geschenkt bekommen; darunter ein sage und schreibe 300g schweres Brot aus Lübecker Marzipan von Niederegger. Immerhin. Ich finde nämlich, Marzipan von Zentis und anderen Dritt- und Viertmarken kann der Mensch sich wirklich sparen. Wenn schon, denn schon.
Auch der 300g-Riegel liegt unangetastet im Küchenschrank, das ALDI-Marzipan Marke „Wintertraum“ erst recht. Manchmal wache ich nachts schweißgebadet auf; geplagt von Träumen, in denen Sattelschlepper palettenweise Marzipan an meine Adresse liefern, das ich nie bestellt und nie gewollt habe. Wenn ich mir dann darüber bewusst werde, dass die Marzipan-Spedition nur ein Albdruck war, frage ich mich, was werden wird. Werde ich irgendwann in Talkshows eingeladen werden, um dort meine mit den Jahren etwas f´grau gewordene Marzipan-Sammlung zu präsentieren? Werde ich Fachleuten dadurch imponieren, das ich bestimmten Barren blindlings Jahreszahlen zuordnen kann? Werde ich einzelne Brote auf den ersten Blick allein aufgrund des Verpackungsdesigns datieren können?
Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass Ostern nicht mehr fern ist. Im Küchenschrank habe ich neulich vorsorglich schon mal für mehr Platz gesorgt. Ich bin auf alles vorbereitet. weiterlesen schließen
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