Pro:
gefühlvoll geschrieben
Kontra:
zu wenig Handlung, was die Bar angeht
Empfehlung:
Nein
Autor: J. R. Moehringer
Titel: Tender Bar
Originaltitel: Tender Bar
Erschienen: 2007
Verlag: Fischer-Verlag
ISBN10: 3100496027
ISBN13: 978-3100496027
Seitenanzahl: 460 Seiten
Preis: 9,95 €
*** Autorenportrait ***
J.R. Moehringer wurde 1964 in New York geboren, er studierte in Yale und ist Reporter bei der Los Angeles Times. 2000 gewann er den Pulitzer-Preis. "Tender Bar" ist sein erstes Buch, das in den USA gefeiert wurde und monatelang die Bestsellerlisten anführte.
Quelle: Amazon
*** Inhaltsangabe ***
Eine Bar ist vielleicht nicht der beste Ort für ein Kind, aber bei weitem nicht der schlechteste. Vor allem das "Dickens" nicht, mit seinen warmherzigen und skurrilen Figuren: Smelly, der Koch, Bob the Copund seine geheimnisvolle Vergangenheit oder Cager, der Vietnam-Veteran. Für den kleinen JR sind sie alle bessere Väter als seiner - wäre er da gewesen. Von ihnen lernt er Mut, Zuversicht und die Gewissheit, dass es nicht nur Gut und Böse gibt, dass Bücher Berge versetzen können und das man an gebrochenem Herzen nicht stirbt. In der Bar hört er zum ersten Mal Sinatra, sieht Baseballspiele im Fernsehen, und trinkt sein erstes Bier. Er lernt auch, dass Träume wahr werden können - wenn man für sie kämpft.
Quelle: Amazon
*** Meine Meinung ***
Auf dem Cover von Moehringers Roman ist ein kleiner Junge zu sehen, der kaum über den Tresen einer Bar gucken kann. Schon als das Buch damals auf den Markt kam, hatte ich mir vorgenommen es zu lesen, weil mich das Cover auf den ersten Blick angesprochen hat.
Eigentlich ist die Bezeichnung Roman nicht ganz richtig, denn es handelt sich hier um eine Autobiografie des Autors.
Der kleine J.R. wächst in Manhasset, einer Kleinstadt auf Long Island, auf. Sein Vater, ein Radio-DJ, der ein sehr unbeständiger Mann ist, hat die Familie schon lange verlassen. J. R. leidet sehr darunter und lauscht der Stimme seines Erzeugers so oft es geht im Radio. Als diese Stimme sich eines Tages per Telefon bei ihm meldet und zum Baseballspiel verabredet, ist J.R. glücklich wie schon lange nicht mehr und steht schon Stunden im voraus startklar vor der Tür. Aber sein Vater kommt nicht, um ihn abzuholen. Enttäuscht sucht er bei seiner Mutter Trost und stellt für sich fest, dass seine Mutter alles ist, was er besitzt, und wenn er nicht gut auf sie aufpassen würde, wäre er verloren.
Die innige Beziehung zwischen Mutter und Sohn hat mich sehr berührt. Sie tut alles in ihrer Macht stehende, um ihren Sohn zu beschützen. Erwischt J.R. sie bei einer (Schutz)notlüge, reagiert sie relativ gleichgültig und erklärt ihm, dass sie eine "Beziehung" mit der Wahrheit habe und dies erfordere, wie in allen Beziehungen, Kompromisse. Lügen, so ist ihre Überzeugung, ist keine größere Sünde als das Radio leiser zu stellen, um ihn vor der Stimme zu schützen. Seine Mutter drehte lediglich die Wahrheit etwas leiser.
Die Szene, die sich mir ins Gedächtnis gebrannt hat, weil sie am Besten zeigt, wie sehr sie ihren Sohn liebt, ist die Szene mit seiner Kuscheldecke.
J.R. trägt diese Decke fast immer bei sich. Sie ist sein Freund, sein Retter und sein Beschützer. Als J.R. sieben Jahre alt ist, meint seine Mutter, er wäre langsam zu alt, noch eine Kuscheldecke zu haben. Aber eine Kuscheldecke gibt man nicht einfach her.
So greift sie zu einer List und schleicht sich jede Nacht in J.R.'s Zimmer und schneidet ein kleines Stückchen von der Decke ab, bis sie sich von einer Decke in ein Tuch, von einem Tuch in einen Waschlappen und schließlich von einem Waschlappen in einen Streifen verwandelt hat.
Moehringer schreibt, dass es in seinem Leben noch weitere "Kuscheldecken" - Menschen, Pläne oder bestimmte Orte gegeben hat, zu denen er ungesunde Beziehungen aufgebaut hat. Und sobald ihm das Leben eine davon entriss, musste er daran denken, wie sanft seine Mutter ihn von seiner ersten getrennt hatte.
Sie versucht alles, um ihrem Sohn ein gutes Leben (auch ohne Vater) zu bieten. Mit nur wenig Geld hält sie sich über Wasser und versucht mehr als einmal, das Haus von J.R.'s Opa zu verlassen, um in eine eigene Wohnung zu ziehen. Aber die Ersparnisse reichen nie lange aus und somit landen sie wieder da, wo sie nicht sein wollen.
Es fällt mir sehr schwer, eine Meinung zu diesem Buch abzugeben, weil ich zwiegespalten bin. Der erste Teil des Buches hat mir sehr gut gefallen, weil die Emotionen sehr gut rüber kamen aber nach ungefähr der Hälfte wurden die Erzählungen immer schleppender und waren längst nicht mehr so interessant und emotional. Ich habe teilweise die Seiten quergelesen.
Was mich enttäuscht hat, ist die Tatsache, dass J.R. seine Kindheit gar nicht, wie im Klappentext beschrieben, in dieser Bar verbringt. Es ist nur zwischendurch die Rede von ihr oder den Menschen in ihr. Die Botschaft Moehringers über Kinder, die ohne Väter aufwachsen wird deutlich. Trotzdem hat mir die ganze Zeit beim Lesen etwas gefehlt. Die Wärme, mit der das Buch begann, hat sich mit der Zeit leider verflüchtigt und zurückgeblieben ist die Enttäuschung über eine Geschichte, von der ich mir mehr erhofft hatte.
Ich würde gerne 2,5 Sterne vergeben. Da das nicht geht, vergebe ich drei Sterne. weiterlesen schließen
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