Pro:
spannend, unterhaltsam, eigenwillig
Kontra:
manchmal etwas langatmig
Empfehlung:
Nein
Erstlingswerke haben manchmal etwas Besonderes. Dieses auch. Es ist vorallem das Zusammenspiel von Biografie und Roman, die Geschichte an sich und die Art, wie sie beschrieben wird, was dieses Buch lesenswert macht, und Erstlingswerke haben manchmal etwas Unverbrauchtes, Neues, Ungeschliffenes, Unkapriziöses. Wie dieses.
"J. R. Moehringer: "Ich war ein Teenager, als ich beschloss, Schriftsteller zu werden. Ich habe es aber vor niemandem zugegeben, auch vor mir selbst nicht und die ersten Geschichten, die ich schrieb, handelten von den Männern, die ich in der Bar getroffen hatte, von meinem Onkel Charlie. So können sie wirklich sagen, dass ich seit gut 20 Jahren versucht habe, dieses Buch zu schreiben und der Hauptgrund, warum es so schwierig war, lag darin, dass ich es im falschen Genre angesiedelt hatte. Ich hatte versucht, es zu fiktionalisieren, die Wahrheit zu verändern, zuzuschneiden. Als ich schließlich beschloss, nichts als die Wahrheit zu schreiben, da erwachte das Buch zum Leben." "
Soviel als Einleitung, um das Folgende besser begreifen zu können.
J.R.s Vater ist abwesend, nichts aussergewöhnliches, dass jener sich nicht nur vor der Unterhaltzahlung drückt, sondern auch durch gänzliche Abwesenheit glänzt, bis auf seine Stimme. Die hört der Junge aus dem Radio, er dreht solange an den Knöpfen, bis diese Stimme ertönt. Er nennt ihn in Gedanken auch nur "die Stimme". Seine Mutter kümmert sich so gut sie kann um ihn, sie leben beim Grossvater in einem heruntergekommen Haus mit einem 200 Jahre alten Sofa, die anderen Möbel haben ebenfalls Ihre natürliche Lebensdauer längst überschritten. Während die Mutter versucht den Lebensunterhalt zu bestreiten und immer wieder die Flucht vor dem deprimierenden Heim in diesem alten Haus ergreift, ein Appartement mietet bis sie die Miete nicht mehr bezahlen kann und sie somit wieder in Grossvaters Haus zurückkehren, entdeckt der 10 jährige J.R. die Bar. Und das was ihn an der Bar so faszinierte waren die Männer die dort entweder verkehrten oder arbeiteten. Diese wurden zu seinen Ersatzvätern, sie brachten ihm bei "wie man, wenn etwas falsch läuft, die Ruhe bewahrt, wie man flucht, ausspuckt, Sport liebt, Athleten verehrt, wie man streitet, gute Laune behält, selbst wenn man verliert, schwere Zeiten übersteht." Alles Dinge, die normalerweise Väter an ihre Söhne weitergeben, J.R. hat nun deren viele, und so unterschiedlich, eigenwillig und aussergewöhnlich diese sind, sie haben alle gemeinsam, dass sie offensichtlich bestrebt sind, dem Jungen ihre gesammelten Lebensweisheiten mit auf den Weg zu geben. Mit viel Humor beschreibt Moeringer die Eigenarten und zum Teil sehr skurillen Geschichten.
So wächst der Junge da auf, wird zum Jugendlichen, dazwischen schaffte seine Mutter wieder einmal die Flucht, weit weg diesmal von dem Grossvater und somit auch von der Bar nach Arizona, doch letztendlich landet J.R. immer wieder an diesem Ort, selbst, als er in Yale studiert, später bei der Times anheuert, und es ist letztendlich auch diese Bar, die im zeitweilig fast das Genick bricht, weil es wie eine Sucht zu sein scheint und wie bei aller Sucht kaum Platz für Realität und Alltag zulässt, das Leben zieht vorbei und du merkst es kaum.
Es ist eine verblüffende Geschichte, so unverblümt, ehrlich, gnadenlos, so lebendig und fröhlich, was ihren Charme ausmacht, wenig ausschmückend, nicht wie eine Reportage, sondern eher eine Vielzahl amüsanter Anekdoten, eingebettet in die Geschichte eines Jungen, den wir bei dessen Erwachsen-Werden begleiten.
All die Personen in Tender Bar sind echt, bis auf zwei treten sie sogar mit ihren realen Namen auf, er hatte sie alle gefragt, hat sein Buch gegenlesen lassen von denen, die darin vorkommen und gerade vor diesem Hintergrund ist es verblüffend, wie unverblümt und manchmal wenig schmeichelhaft er über jene schreibt oder auch über das was er über sie dachte. Das dürfte ausserdem das Besondere sein an Tender Bar.
Es wird dem Autor vorgeworfen, manches unnötig in die Länge gezogen zu haben, stellenweise zu langatmig gewesen zu sein, ich stimme dem zu, es gab Momente, die waren beim Lesen recht zäh. Und manche der Personen wirkten zu distanziert, möglicherweise hängt das damit zusammen, dass diese Figuren nicht fiktiv waren und somit wenig Spielraum liessen für Fantasie (im Gegensatz zu Romanfiguren).
Ansonsten las sich das Buch aber leicht, Moeringer hat - von einigen Längen mal abgesehen - sehr kurzweilig und amüsant geschrieben, sein Stil ist gut lesbar und er produziert mit seinen Worten durchaus Bilder, die einen schmunzeln lassen.
Ich finde, dieses Buch sollte jeder Mann gelesen haben. Warum, kann ich nicht genau sagen, es könnte aber für das Fortkommen hilfreich sein. Oder einfach für das Verstehen, und für die eigenen Söhne, so gesehen auch für Mütter, und für uns Frauen, die schon immer wissen wollen, wie die Metamorphose vom Jungen zum Mann funktioniert, dass sie überhaupt funktioniert. Und ausserdem ist das Buch natürlich gute Unterhaltung, kurzweiliges Lesen meist und das Erstaunen darüber, dass es tatsächlich Menschen gibt wie Onkel Charlie, Smelly, der Koch, Bob the Cop und seine geheimnisvolle Vergangenheit oder Cager, der Vietnam-Veteran. "...In meinem Falle hatte ich das Glück, auch wenn es auf den ersten Blick sehr fragwürdig wirkt, dass dieser Junge von einer Truppe von Kneipenhockern aufgezogen wurde, aber das waren sehr gutherzige Männer, Soldaten, Baseballspieler, Dichter. Sie alle behandelten mich mit ungewöhnlicher Zärtlichkeit."
In der Bar hört er zum ersten Mal Sinatra, sieht Baseballspiele im Fernsehen, und trinkt sein erstes Bier.
Der Autor
J.R. Moehringer wurde 1966 in New York geboren, er studierte in Yale und ist Reporter bei der Los Angeles Times. 2000 gewann er den Pulitzer-Preis. "Tender Bar" ist sein erstes Buch, das in den USA gefeiert wurde und monatelang die Bestsellerlisten anführte.
Quelle: Verlag
Moehringer, J. R.:
Tender Bar : Roman / J. R. Moehringer. -
Frankfurt/M. : S. Fischer, 2007. - 459 S. -
Ausgezeichnet als Buch des Jahres in New York Times, Esquire, USA Today und Los Angeles Times
Aus d. Amerikan. v. Brigitte Jakobeit
ISBN 978-3-10-049602-7 fest geb. : 19,90 EUR
Epilog: Die Bar stand in Manhasset auf Long Island, 30 km von New York entfernt, zuerst hiess sie Dickens, später dann Publicans. weiterlesen schließen
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