Pro:
Musik, Bilder, Umsetzung, Story, Schauspieler
Kontra:
Nichts
Empfehlung:
Ja
Buchverfilmungen sind für mich meistens ein großer, böser Reinfall - vorausgesetzt natürlich, ich kenne das Buch. Das war bei Ian McEwans Roman "Abbitte" (im Original "Atonement") allerdings nicht der Fall, weswegen ich mir die DVD voller Optimismus und neutraler Gefühlen ausleihen konnte, nachdem unser hiesiges Kino sich diese Perle wieder einmal hat entgehen lassen.
Worum geht es also?
England, Sommer, irgendwann in den 30er Jahren, mehr oder weniger kurz vor dem zweiten Weltkrieg.
Die 13-jährige Briony lebt in wohlhabenden Verhältnissen und vertreibt sich ihre Zeit mit dem Schreiben von Theaterstücken und Geschichten, wobei ihr ihre ausgeprägte Phantasie sehr zu Gute kommt. Sie ist verliebt in Robbie, den Sohn der Putzfrau - und als sie eines Tages sieht, was sich zwischen Robbie und ihrer älteren Schwester Cecilia abspielt, laufen ihre verwirrten Hormone Amok. Ist Robbie etwa ein Triebtäter?
Als am Abend ihre Cousine Lola (zumindest scheinbar) sexuell belästigt wird und behauptet, den Täter nicht gesehen zu haben, behauptet Briony, Robbie erkannt zu haben. Das zerstört nicht nur Robbies Leben, der nun ins Gefängnis und dann zur Armee muss, sondern auch das Leben ihrer Schwester Cecilia, die ohne zu zögern zu Robbie hält und deren Herz bricht, als er eingesperrt wird. Aber auch Briony selbst wird nie wieder glücklich, denn sie begreift nach und nach, was ihre Lüge für eine Katastrophe angerichtet hat und welche Schuld auf ihr lastet. Jahre später versucht sie verzweifelt, Kontakt zu ihrer Schwester aufzunehmen, die sich von ihrer Familie abgewandt hat, und möchte Vergebung bitten - das stellt sich allerdings als schwierig heraus.
"Abbitte" ist keine der üblichen drögen Schnulzen ohne Tiefgang und voller Herzschmerz, auch, wenn man es fast erwarten könnte. Vielmehr wird mit dem Thema Liebe recht modern umgegangen, offen und ohne Geschnörkel. Das macht es dem Zuschauer leichter, sich in der Geschichte zurecht zu finden und sich mit den Protagonisten zu identifizieren, obwohl das naturgemäß etwas schwerer ist als bei Filmen, die an modernen Schauplätzen spielen.
Der Film zieht sich über drei Zeitstufen und ändert bei jeder seine Dynamik. Während anfangs, als Briony noch ein Kind und die Welt noch fast in Ordnung war, alles sehr schnell geht, beinahe schon hektisch und temperamentvoll, so zieht sich der Mittelteil, in dem Krieg herrscht, ziemlich in die Länge - die Stimmung schlägt hier um, es ist deprimierend und dunkel, hoffnungslos und kalt, wo vorher noch Sommer war, Frauen in schönen Kleidern und keine Sorgen weit und breit. Im letzten, allerdings sehr kurzen Teil, der Briony als alte Frau zeigt, stagniert alles. Die Geschichte ist sichtbar zuende, wird nicht weitergehen, für keinen der Beteiligten.
Diese Wechsel in Geschwindigkeit und Temperament sind sicherlich von Vorteil, wenn man bedenkt, dass der Film ziemlich genau zwei Stunden geht und man den Zuschauer am Bildschirm halten muss. Während man anfangs einfach in die Geschichte gesogen wird und gebannt verfolgt, wie wegen einer Lüge Leben zerstört werden, stört einen gerade deswegen der etwas langatmige Mittelteil auch nicht mehr - weil man ungeduldig auf das Ende wartet, das plötzlich kommt und Unerwartetes bringt.
Auch in anderen Punkten trickst der Film den Zuschauer aus. So werden bestimmte Szenen aus verschiedenen Perspektiven gezeigt, um zu verdeutlichen, wie man selber die Situation genauso falsch einschätzen würde und sich absolut keine andere Erklärung für das Gesehene einfallen lassen kann - bis man dann sieht, wie es wirklich war.
Sowohl Bild als auch Ton muten zauberhaft ästhetisch an. Alles geht Hand in Hand: Das, was geschieht, das, was man dabei sieht und das, was man hört. Das Klackern der Schreibmaschine gibt desöfteren der Takt der Musik vor, genauso wie die Bewegungen der Schauspieler sich in der Musik wieder finden. Die Bilder würden selbst ohne Ton und ohne Geschichte jedem Zuschauer deutlich machen, wie stark die Kontraste hier sind, wie sehr sich ein Leben ändern kann, wie farbenfroh, bilderbuchgleich und glänzend das Leben sein kann - und wie dunkel, trist und grau der Krieg.
Alles ist perfekt aufeinander abgestimmt. Es gibt nicht nur Filmmusik oder ausdrucksstarke Bilder, jede einzelne Komponente verbündet sich mit der anderen und geht eine vollkommene Symbiose ein, die dem Zuschauer einen intensiven und köstlichen Filmgenuss bietet.
Die Geschichte mag vielleicht nicht sonderlich "anders" klingen oder neuartig, setzt sich aber nicht zuletzt durch die schauspielerischen Darbietungen von allem Vorherigen ab. Am meisten beeindruckt James McAvoy ("Geliebte Jane"), der nicht nur die extremste Entwicklung mitmachen musste, sondern diese auch noch absolut glaubhaft in Szene setzt, ohne übertrieben zu wirken oder aufgesetzt.
Keira Knightley (Fluch der Karibik) zeigt einmal mehr, dass ihr dieses Genre einfach liegt. Die zarte Erhabenheit der Tochter aus gutem Hause, die aber dennoch eine andere Seite zu zeigen hat, wirkt wieder einmal sehr authentisch und vor allem sehr locker und spontan.
Auch die kleine Saoirse Ronan, die ebenfalls erst 13 Jahre jung war, als der Film gedreht wurde, beweist großes Talent - ihre Ernsthaftigkeit, Verzweiflung und Wut wirkt an keiner Stelle albern, sondern vollkommen aufrichtig.
"Abbitte" ist ein grandioses Werk, das vielschichtig und aufregend ist, voller liebevoller Details und ästhetischen Zugaben steckt, das es selbst ohne grandiose Geschichte schon sehenswert wäre. Aber auch die Geschichte, so simpel sie auch klingen mag, wird mitreißend umgesetzt und spannend in Szene gesetzt.
Die DVD, die im März diesen Jahres erschienen ist, bietet neben den obligatorischen Audiokommentaren (von Regisseur Joe Wright, der auch "Stolz und Vorurteil gemacht hat", noch eine Hand voll unveröffentlichte Szenen, ein interessantes Making-Of sowie ein Special zur Verfilmung des Buches und ist somit absolut empfehlenswert.
Dieser Film ist es unbedingt wert, gesehen zu werden. Er erzählt eine Geschichte voller Hingabe und Sehnsucht, ohne dabei auch nur einmal in die Schnulzen-Ecke abzudriften, bietet seinen Zuschauern puren Genuss für sämtliche Sinne und lässt ihn kaum erraten, wie die Geschichte enden wird - sicher ist nur das Gefühl melancholischer Zufriedenheit beim Abspann. weiterlesen schließen
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