Pro:
Offenheit, Ehrlichkeit, Tiefgang ohne verschleierung
Kontra:
Schluss mit heile Welt ;)
Empfehlung:
Ja
Während sich mehr als eine handvoll Leser darum streiten oder „nur“ den Kopf zerbrechen, ob der Tagebuch-Roman
//SEELENFICKER//
von Natascha wirklich authentisch ist oder eben doch eher in Anlehnung an „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ frei erfunden wurde, bin ich mir nichtmal sicher, ob mir diese vermeintlichen Tatsachen überhaupt wichtig erscheinen.
Nicht, weil es mir egal wäre ~ nein, eben weil solche Geschichten DA DRAUSSEN passieren, Tag für Tag ~ was spielt es da für eine Rolle, ob diese 108 Seiten Tagebucheinträge nun „echt“ sind oder genauso gefakt wie jenes in Blair Witch Project?
Fakt ist jedenfalls, dass „Seelenficker“ eindeutig unter die Haut geht, vermutlich ein wenig mehr, weil die Tagebucheinträge so „realistisch angelehnt“ erscheinen; sprich: ab und zu wurde was durchgestrichen, rumgeklekst, an den Rand geschrieben. Da man davon ausgehen kann, dass Natascha sicherlich nicht am PC oder der Schreibmaschine ihre Einträge verfasste, liegt auf der Hand, dass diese Dinge „nachträglich dazwischengeschoben“ wurden ~ doch wie gesagt, die Wirkung wird hier nicht verfehlt.
Der Titel der Veröffentlichung spricht für sich: hier geht es um Prostitution; das Cover zeigt ein nacktes Mädchen mit frischen Narben an ihrem Körper; ihr Alter wird durch den ihr um den Hals gelegten Schnuller unterstrichen. Dass Natascha ebenso von Drogensucht und ihrer verpfuschten Kindheit berichtet, liegt irgendwo auf der Hand, wirkt im Zusammenhang jedoch nicht unbedingt voraussehbar, so dass der Leser „trotzdem“ noch den „hallo wach“ Effekt verspüren dürfte.
Dass gesamte Buch strahlt eine ungeheure Lebendigkeit aus, überzeugt, wirkt nach, schockt stellenweise und berührt zweifelsohne. Die Wortwahl gestaltete sich offen und ohne Tabus, teilweise sarkastisch, hin und wieder erschreckend erwachsen und dann und wann doch wahrhaftig kindlich.
Zum Nachdenken regen nicht nur die nachfolgenden Zeilen an:
„Gott hat die Perversen gemacht,
Gott hat die Wichser gemacht.
Gott hat die Menschen nach seinem Ebenbild gemacht!
Gott hat auch die gemacht, die mich schlagen, mir wehtun.
Er hat die gemacht, die wegsehen, wenn ich schreie, weil es wehtut, und er hat die gemacht, denen ich sagen muss, das ich ihre kleine Tochter bin und mich freue, wenn sie in meinen Mund kommen.
(...) Gott hat meine Eltern gemacht! Und er hat auch mich gemacht. Das verzeihe ich ihm nie. Niemals!“
(ZITAT von S. 60/61)
Trotz der durchaus „harten“ Sprachwahl erkennt der Leser zwischendurch immer wieder, dass Natascha längst nicht so abgebrüht ist, wie sie es sich selbst weiszumachen versucht.
So sucht sie in ihrem Zuhälter ihren Beschützer, versucht sogar ihrer Mutter, die Natascha ablehnt und nicht sehen will, zu gefallen und Verständnis entgegenzubringen:
„Ich will nur bei meiner Mama sein. Ich will sie lieb haben! Und sie soll mich lieb haben. Aber sie versteht das nicht. Sie sagt dann nur: „Hau ab! Und heute will ich dich nicht mehr sehen“. Ich kann sie verstehen. Ich will mich auch nicht sehen. Doch ich bin nicht nur mein Spiegelbild. Ich bin ich. Ich bin mein Hass!
Aus meinem Schminkspiegel hole ich die Rasierklinge und suche mir eine schöne Stelle aus. Ritzen tut gut. Es ist therapeutisch, denn man zeichnet die Narben auf die Haut, die auf der Seele keinen Platz mehr haben.“
(ZITAT S. 38)
~ Nichtsdestoweniger will Natascha unbedingt ihren Schulabschluss schaffen, um „aus dem ganzen“ herauszukommen, kann den Absprung jedoch aufgrund ihrer Drogensucht nicht schaffen, ohne die sie ihrer Ansicht nach der Prostitution nicht nachgehen könnte.
Zu viele, die nicht nur „normalen“ Sex wollen, zu viele, die sie ans Bett ketten, misshandeln, gar eine Vergewaltigung nachstellen wollen.
Doch auch in der Schule wird es um Natascha enger, als eine Klassenfahrt aus Rücksicht auf Nataschas familiäre Geldnot abgesagt wird, um sie nicht außen vor zu lassen. Was vom Lehrer gut gemeint war, geht natürlich nach hinten los ~ statt ein Zusammenhaltsgefühl unter den Schülern zu erwecken, gehen die Mitschülerinnen in der Pause auf Natascha los; erblicken, als diese Kopfüber in der Toilette hängt, ihre Narben an ihren intimsten Stellen und halten sie fortan erstrecht für eine „Bekloppte“.
//DIE UMSETZUNG//
ist wie gesagt absolut tabulos, was hier aber auch einfach so sein muss. Bei der Schilderung oben genannter „Toilettenszene“ (von der es in vollkommen anderer Hinsicht noch eine weiterere, schockierendere gibt) wird absolut auf Dramatik verzichtet. Während andere Romane durch ihre Schreibweise schon fast automatisch Mitgefühl und Wut auf die Täter hervorrufen; werden hier die Geschehnisse als bloße Fakten dargestellt.
Nehmen wir an, dass Tagebuch ist echt, kann dies natürlich gar nicht großartig anders sein; und doch ließ mich die streckenweise aufkeimende Naivität der Autorin hin und wieder stutzig werden , wobei ich offen gestanden aufgrund der Schilderungen dann und wann vergaß, wie jung Natascha eigentlich war.
Es fällt nicht schwer, „Seelenficker“ in einem Rutsch durchzulesen ~ zum einen natürlich aufgrund der doch eher geringen Seitenzahl, die ich jedoch keinesfalls ankreide; eben weil im Grunde alles gesagt wurde..... Auf der anderen Seite zogen mich die Aufzeichnungen absolut in ihren Bann, ließen mich regelrecht in das Papier versinken, so dass ich nicht mal mehr von dem gelesenen aufsah, um das Licht anzuknipsen. Der Klappentext spricht hier von einer „intensiven, offenen und schockierenden, sensiblen Sicht für ihr eigenes Leben und die Dinge um sie herum“, und trifft damit voll ins Schwarze.
Besser hätte man es nicht zusammenfassen können.
Dass das Buch um „U Books“ Verlag erschienen ist, dürfte ebenfalls ein wenig für sich sprechen; stammen aus diesen Reihen eben auch die Werke „Ich hab die Unschuld kotzen sehen“, „Das verdammte Glück“ und weitere, der breiten Masse eher unbekannte Veröffentlichungen.
„Seelenficker“ erhält in meinem fast schon heiligen Bücherregal einen festen Platz neben dem ähnlich angesiedelten Tagebuchroman „Fragt mal Alice“, eben weil diese Bücher im Grunde ein ähnliches Seelentief teilen.
Der Preis liegt bei 9,95 EUR; womit ich für dieses Buch, welches zu guter letzt noch eine Leseprobe von „Satt. Sauber. Sicher“ beinhaltet, mehr als absolut einverstanden bin.
Wer die Preise lediglich im Zusammenhang mit der Seitenzahl sieht, hat ohnehin nichts verstanden ~ und wird in „Seelenficker“ nur eine weitere Veröffentlichung sehen, die im weitesten Sinne an Charlette Roche denken lässt.
Ergo des Ergos:
Absolute Leseempfehlung für alle, die nicht ihre Energie dahingehend verlagern, vor der Gesellschaft die Augen zu verschließen.
„Niemanden interessiert es ernsthaft, dass in einer kaputten Welt nur kaputte Menschen überleben. Ich kann wirklich nicht verstehen, wie Menschen glücklich sein können. Außer vielleicht, dass sie schon so kaputt sind, dass sie wieder perfekt in diese Welt passen.
Ich passe nicht. Und doch bin ich kaputt.“ (ZITAT S. 100) weiterlesen schließen
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