Pro:
Neutrales Handling
Schier unglaublicher Nassgrip
Haltbarkeit
2-Komponenten-Technik
Kontra:
Nichts Gravierendes
Empfehlung:
Ja
Bei der Kombination der Begriffe "französisch" und "Gummi" mag bei so manchem (zumeist männlichen) Zeitgenossen etwas andere Assoziationen hervorrufen, als bei passionierten Kradlern sowie Automobilisten. Die denken nämlich nicht an irgendwelchen Schweinkram, sondern verbinden das folgerichtig mit dem traditionsreichen Reifenhersteller Michelin - Genau, die mit dem berühmten Männeken "Bibendum" als Maskottchen. Die haben ihren Firmensitz und Produktion in Frankreich. Besagten, kundigen Personenkreis erkennt man übrigens daran, dass er, entgegen der landläufigen Gepflogenheit den Firmennamen deutsch auszusprechen, korrekterweise "Mischellöhn" sagt. Schön frohnsösisch-weisch mit halb verschlucktem "Ö" und fast stimmlosem "N" am Ende. Encôre un fois, s'il vous plait: "Mih-scheeh-löö'hn". Trés Bien. Merci.
Allgemeines
Dessen guter Ruf gründet sich auf allerlei Erfolge im (Motorrad-)Rennsport. Zudem hat Michelin eine Entwicklung ganz entscheidend vorangebracht, welchen die Konkurrenten erst jetzt flächendeckend nacheifern: 2CT oder auch Dual-Compound-Technology genannt. Dabei handelt es sich um eine Fertigungsart, welche es erlaubt einem Motorradreifen zwei unterschiedliche Mischungen gleichzeitig angedeihen zu lassen. Die härtere in der Mitte der Lauffläche, was sich positiv auf Geradeauslauf und Haltbarkeit auswirkt, während die Reifenschultern weicher ausfallen, das verbessert wiederum Grip und Traktion in der Kurve. Was früher nur dem Sportler ("Pilot Power 2CT") vorbehalten war, kommt seit einiger Zeit auch dem flotten Alltagsfahrer zugute. Die neue Version der erfolgreichen Touring-Variante ("Pilot Road") hat nachgezogen trägt nun stolz den Zusatz "2 CT" im Namen.
Somit hat die Zwei-Komponenten-Technologie unlängst die Straße erreicht. Erhältlich ist der Reifen in sämtlichen, gängigen Dimensionen. Freigaben für verschiedene Modelle sind auf der Website Michelins zu bekommen. Diese sollte man heutzutage, wo immer mehr Motorradhersteller die Reifenbindung entfallen lassen und nur noch Serienbereifung empfehlen, sich besser ausdrucken und stets mitführen. So gibt es keinen Knatsch mit der grün- bzw. blau-silbernen Rennleitung. Ist keine Freigabe zu finden, ist mit dem örtlichen Prüfdienst (TÜV, Dekra, GTÜ o.ä.) im Vorfeld abzuklären, ob und unter welchen Voraussetzungen eventuell eine eventuelle Einzelabnahme der Pellen in Frage kommt. Für die pharaonische Kawasaki ER-6f ist dies nicht nötig. Für sie liegt seitens Michelin - ebenso wie für nackte Schwester ER-6n - eine fertige Unbedenklichkeitsbescheinigung im PDF-Format vor.
Die benötigten Sohlen im Format 120/70ZR17 (58W) bzw. 160/60ZR17 (69W) sind heute weit verbreitet. Dunlop schickt seine Neuentwicklung "RoadSmart" ins Rennen, Bridgestone setzt auf den verbesserten "Battlax BT021" (beides Dual-Compound) und Metzeler hat seinen erfolgreichen und sehr beliebten "RoadTec Z6" nun ebenfalls auf zwei Härten aufgewertet (Namenszusatz: "Interact"). Pirelli, Avon und andere Modelle haben gegenüber diesen Platzhirschen eher Exotenstatus oder sind schlicht und ergreifend veraltet (zum Beispiel: Bridgestone BT020 oder Dunlop D221 - welche bis vor zwei Jahren die Serienbereifung der ER-6f bzw. n darstellten). Die Konkurrenz ist in diesem Segment also groß und der Kunde heiß umkämpft. Preislich liegt das Feld ebenfalls dicht beisammen. Ausschlag gab letztendlich das positive Feedback in einschlägigen Foren und das vertrauliche Gespräch beim freundlichen Kawa-Dealer.
Beschaffungskriminalität
Gekauft wurden die Schwarten letztendlich via Internet (www.mopedreifen.de) zu einem konkurrenzlos günstigen Kurs. Rund 240 Euro für den kompletten Satz - hinzu kommt natürlich noch die Montage, welche unterschiedlich teuer werden kann. Ich entschied mich für die Faule-Hund-Variante und wollte mir diesmal ausnahmsweise mal nicht die Hände schmutzig machen. So ließ ich die Pellen in meiner Kawa-Vertragswerkstatt aufziehen, ohne die Räder vorher auszubauen. Dennoch blieb ich trotz der dafür fälligen 110 Euro zusätzlich, insgesamt noch unter dem Preis, den mir etwa Reifenmulti "Euromaster" (als günstigster offline-Mitbewerber) anbot: Stolze 365 Flocken - und ich hätte die Räder ausgebaut mitbringen müssen, da die lokale Euromaster-Filiale keinen Zweiradmechaniker beschäftigt und ein solcher aus Haftungsgründen dafür zwingend erforderlich ist.
Eigenschaften
Die Michelins unterscheiden sich schon optisch von der vorherigen Bridgestone-Besohlung. Und damit ist nicht das schwungvoll gezeichnete Profil alleine gemeint. Die Heckwalze wirkt bulliger und irgendwie breiter. Ist sie auch - über alles gemessen nämlich einen guten Zentimeter und somit wird aus dem 160er Nennmaß eigentlich ein 170er. Glücklicherweise wirkt sich das nicht störend aufs Handling aus, sodass die Fuhre mit dem breiteren Schluffen plötzlich träger werden würde. Eher das Gegenteil ist der Fall. Vielen erscheint der Pilot Road 2 zu Beginn gar kippelig. Das ist - wie fast alles im Leben - natürlich stark vom Gewöhnungsfaktor und nicht zuletzt den eigenen Vorlieben abhängig. Ich persönlich mag flinke und agile Reifen und der zunächst tatsächlich vorhandene, leichte Hang zur Nervösität verschwindet mit zunehmender Laufleistung (etwa bei 1000 km), um fortan sattem Sicherheitsgefühl Platz zu machen.
Die Reifen sind nicht zuletzt dank der weicheren Seiten vergleichsweise schnell auf Temperatur gebracht und verbeißen sich dann souverän in den Asphalt. Zwar ist der PR 2 in Sachen Präzision vielleicht nicht der Klassenprimus, doch wird auch der sportlich-flotte Alltagsfahrer sicher nichts vermissen. Spätes Hereinbremsen in Kurven und auch Korrekturen in Schräglage sind bequem möglich. Das Aufstellmoment ist eher gering und die Einlenkwilligkeit sowie die Eigendämpfung nicht zu beanstanden. Stabil und neutral geleiten die Schwarten das Bike durchs Kurvengeschlängel - ohne Hinterhältigkeiten. Die Haftgrenze kündigt sich durch gutmütiges, kontrollierbares Rutschen vergleichsweise sanft an. Geradezu legendär ist der schier unglaubliche Nassgrip der Franzosen, hier macht Michelin niemand etwas vor. Kein derzeitiger Reifen strahlt grade bei Mistwetter eine solche Gelassenheit und Ruhe aus.
Fazit
Besonders Allwetter- bzw. Ganzjahresfahrer kommen an dieser sportlich angehauchten Touring-Pelle schwerlich vorbei. Selbst bei herbstlichen Straßenverhältnissen und entsprechenden Temperaturen zaubert Bibendum scheinbar höchstpersönlich von irgendwoher noch eine Portion Kraftkleber auf den Asphalt. Dabei ist die Abstimmung sehr ausgewogen, der Pilot Road 2 leistet sich auf allen fahrdynamischen Gebieten keinerlei Schwächen und gilt überdies als vergleichsweise langlebig. Kein Wunder, dass er auch bei Vergleichstests in der Fachpresse immer Top-Ränge belegt und durchweg gelobt und empfohlen wird. Eine Empfehlung, der sich jeder gerne anschließen wird, der ihn auf einem entsprechendem Bike einmal gefahren hat.
So Long
Der Schrägsekunden-Pharao
Hinweis:
Der gleiche Reifentyp funktioniert nicht auf allen Motoradmodellen gleich und diese Erfahrungen mit Kawasakis ER-6f sind nicht 1:1 auf andere Bikes übertragbar. Allenfalls auf die 6n, da sie im Prinzip bis auf geringe Unterschiede eine fast identische Fahrwerksgeometrie aufweist.
Bilder: Hersteller (www.michelin.de) weiterlesen schließen
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