Pro:
Kurzes Werk, das nicht viel Aufmerksamkeit verlangt
Kontra:
Keine echte Spannung, viel Realitäts-Fremde
Empfehlung:
Nein
Manchmal denkt ja auch die beste Tochter von allen an ihren armen, alten Vater. So war das wohl, als sie den Flohmarkt der Städtischen Bücherei besuchte und dort etwas entdeckte, von dem sie glaubte, ihren Erzeuger damit erfreuen zu können. Freudestrahlend brachte sie dem nämlich zwei Taschenbücher mit - eines davon sei an dieser Stelle vorgestellt.
Der Kauf
Für das in der Bücherei ausrangierte und schon von vielen Menschen gelesene Buch zahlte Töchterchen nur ein paar Cent. Wer allerdings das 2009 im Blanvalet-Verlag erschienene Werk mit 175 Seiten als Neufassung haben möchte, muss immerhin 6,95 Euro dafür zahlen - so zumindest gesehen beim Internet-Anbieter buecher.de.
Das Aussehen
Das Taschenbuch im Format 18 mal 12 Zentimeter mit Reise tauglichen 140 Gramm Gewicht ist in seiner Gestaltung recht schlicht gehalten. Auf dem Titel wird der Name der Autorin in roter Schrift auf schwarzem Grund genannt, darunter ist der Hinweis "Thriller" zu sehen. Der Titel des Buches ist in weißen Großbuchstaben zu sehen - dazwischen ist die Großaufnahme eines Stacheldrahtes mit Blut daran zu sehen, was übrigens mit dem Inhalt des Werkes nun rein gar nichts zu tun hat. Auf der Rückseite gibt es eine kurze Inhaltsangabe und eine (natürlich positiv ausfallende) Pressestimme.
Die Autorin
Karin Slaughter, Jahrgang 1971, stammt aus Atlanta, Georgia, wo sie bis heute lebt. 2003 erschien ihr Debütroman "Belladonna", der sie sofort an die Spitze der internationalen Bestsellerlisten und auf den Thriller-Olymp katapultierte. Ihre Grant County-Romane um Rechtsmedizinerin Sara Linton und Polizeichef Jeffrey Tolliver sind inzwischen in 30 Sprachen übersetzt und weltweit mehr als 20 Millionen mal verkauft worden.
Der Inhalt (Buch-Rückseite)
Schon immer ist Martin Reed die Zielscheibe böser Streiche gewesen. In seiner Firma wird er zwar als Chefbuchhalter geschätzt, doch sein Leben ist ansonsten ziemlich trostlos. Noch immer wohnt er bei seiner bösartigen Mutter und hofft vage auf irgendeine Art von Ausweg. Da wird eines Tages eine grausam zugerichtete Frauenleiche aufgefunden. Und alle Indizien weisen auf Martin als Täter, zumal er kein Alibi angeben kann - oder will... Als dann noch eine zweite Leiche entdeckt wird, und zwar die einer Kollegin, wird es richtig eng für Martin. Ist er der wahnsinnige Frauenmörder - oder das Opfer einer perfiden Intrige?
Leseprobe
Martin Reed war schon vor langer Zeit zu der Einsicht gelangt, dass er in den falschen Körper hineingeboren wurde. Er fragte sich oft, wie anders sein Leben wohl verlaufen wäre, wenn dieser amorphe Klops, der ihn aus seinem ersten Babyfoto anstierte, auch nur ein Minimum an Potenzial hätte vermuten lassen. Aber nein, so hatte es offenbar nicht sein sollen. Das Bild des kleinen Martin, der sich aufbäumte wie ein geblähter Seehund - die feuchten, rosigen Lippen geöffnet, das Kinn schon damals nahtlos in den Hals überge
hend -, war eines, das ihn sein ganzes Leben verfolgen würde. Und am allerschlimmsten waren die Worte "Mamas kleiner Engel" über seinem fahl grauen, haarlosen Kopf.
Dabei war Martin kein Träumer. Er glaubte zum Beispiel nicht, dass George Clooney schon so bildschön zur Welt gekommen war. Auch der Anblick Brad Pitts ließ in ihm keine Bitterkeit aufkommen. Er wäre schon zufrieden gewesen mit einem durchschnittlichen Männerkörper, einem, dem er mit seinen vielen Stunden auf dem Total-Gym-Heimtrainer so etwas wie Muskeltonus verleihen könnte und nicht nur eine horizontale Neuschichtung von Speckringen. Sogar Will Ferrells Aussehen hätte ihm schon gereicht. Die grausame Wahrheit war jedoch, dass Martins Körper eher dem Jodie Fosters zu ihren Studentinnenzeiten ähnelte. Fügte man nun noch sein fliehendes Kinn, seine gebogene Nase und seine rundlichen, hängenden Schultern hinzu, wurden die vielfältigen Quellen seines Missvergnügens (und des Missvergnügens vieler Blind-Date-Bekanntschaften) schmerzhaft offenbar.
Meine Meinung
Als meine Tochter mir dieses Buch in die Hand drückte, war ich der gleichen Meinung wie sie: Das musste eigentlich etwas für mich sein. Der Inhalt klang ansprechend, die auf der Buch-Rückseite veröffentlichte Pressestimme der "Times" ebenfalls, denn die hatte das Werk als "brilliant" bezeichnet und behauptete, Slaughters "Schock-Taktik entlässt den Leser nicht eine Sekunde aus der Spannung."
Im Nachhinein frage ich mich vor allem, wie ein so renommiertes Blatt wie die "Times" eine derartige Rezension abgeben konnte, denn nach der Lektüre des kleinen Büchleins herrschte bei mir Enttäuschung vor. Irgendwie kann ich mich nicht des Eindrucks erwehren, dass die zuvor schon sehr erfolgreiche Autorin ganz schnell ein Buch auf den Markt bringen musste, um einfach nur Umsatz zu machen. Geschrieben wurde es dann offenbar sehr eilig, wobei sich Slaughter einiger weniger Erfolg versprechender Zutaten bedient: Da gibt es einen Mitleid erregenden Helden, seine bösartige Mutter, nicht minder unsympathische Kollegen, eine Polizistin, die auch nicht das zu sein scheint was sie vorgibt - und natürlich einen Mord. Dass der Protagonist unschuldig ist, glaubt der Leser von Anfang an zu wissen. Und dass es am Ende zu einer sehr schwer nachvollziehbaren Wende im Geschehen kommt, entspricht dem klassischen Kurz-Krimi - so, wie ich ihn jede Woche in der Fernseh-Zeitung lesen kann. Nun gut: Slaughters Werk ist ein wenig länger - aber auch nicht viel. denn die offiziell 176 Seiten beinhalten Vieles anderes als den eigentlichen Roman, der erst auf Seite 9 beginnt und schon auf Seite 163 endet (dahinter gibt's noch eine Leseprobe). Dazwischen gibt es bei Kapitel-Übergängen zusätzlich Leerseiten.
Dennoch: Auch ein kurzer Roman kann ja gut sein. Ist dieser aber nicht. Die latent in ihm enthaltene Spannung vermag sich in keiner Phase der Handlung zu steigern, zudem ist das Werk auch sprachlich nicht besonders anspruchsvoll, was ich nicht zwingend der deutschen Übersetzung zum Vorwurf machen möchte. Am besten taugt das Buch noch, um die Leidensfähigkeit von Menschen zu dokumentieren, die allerdings ebenfalls eher unrealistisch dargestellt wirkt. Irgendwie hatte ich beim Lesen immer auf den einen ganz besonderen Höhepunkt gewartet - er kam aber einfach nicht, wenn man vielleicht einmal von der Lösung des Rätsels absieht, die mich aber auch nicht wirklich zu überzeugen verstand.
In der Summe dürfte dieses Werk nicht zu Karin Slaughters Glanzleistungen gehören und bietet von der Menge wie vom Inhalt nur wenig Erbauliches. Deswegen auch vermag ich keine Kauf- oder Leseempfehlung abzugeben und vermag mich lediglich darüber zu freuen, dass für das Buch nicht der reguläre Kaufpreis entrichtet wurde. Eigentlich kann man damit nach dem Lesen umgehen wie mit Groschenromanen: Das Taschenbuch kann dem Papiermüll zugeführt werden. weiterlesen schließen
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