Pro:
toller Film, gute Darsteller, gute Handlung, ANSEHEN!!!
Kontra:
nichts
Empfehlung:
Ja
Hallo Kinogänger,
Football. Amerikas Nummer eins in Sachen Sport und Hierarchie des Geldes. Kein anderer Ballsport steht so hoch im Kurs wie das der NFL. Jeder zweite Teenager in den USA ehrt einen Profi aus dem Footballbereich und möchte eines Tages auch einmal so enden. Wie bei uns die Bundesliga, ist die NFL das Highlight der Woche.
=== „Bitte lieber Gott…“ ===
Kaum in den Kinos, sahnt Sandra Bullock für ihre Hauptrolle in „The Blind Side“ auch schon einen Oscar ein. Respekt! Gefolgt von einem Golden Globe. Und das im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. In einem Hollywoodregime, in dem jeder Schauspieler alles - aber auch alles- für diese Auszeichnungen tun würde. Zudem wird „The Blind Side“ mal eben ihr erfolgreichster Film, der kurz nach dem Start in den USA 250 Millionen Dollar einspielt. Dabei muss ich gestehen, dass ich bis gestern noch überhaupt gar nichts von ihrem neusten Streifen gehört, gelesen oder jemals bestaunt habe. Jegliche Kritiken von „The Blind Side“ sind mal eben respektlos und ohne Spuren an mir vorbei gegangen. Was ist da bloß passiert?
Sandra Bullock ...grübel… Sie galt bisher in meinen Augen als eine nicht sonderlich aufregende Schauspielerin. Keine ihrer Streifen haute mich jemals aus den Socken. Weder in „Demolition Man“, „Miss Undercover“ oder „Auf die stürmische Art“ konnte sie überzeugen. Schon gar nicht in „Ein Chef zum Verlieben“ oder „Selbst ist die Braut“. Ja, vielleicht liegt es ja wirklich daran, dass der Name Sandra Bullock keine Nervenstränge in meinem Gehirn einreißen lässt. Oder, dass sie eventuell nicht unbedingt der Sorte Star entspricht, die meiner Hollywood-Vorstellungen gut tut. Wer weiß! Nicht dass ich ihr einen Oscar oder einen Welterfolg missgönnen würde, aber wie schon gesagt, sie sagt mir einfach nicht zu. Eben diese Gründe dürften Argumente genug sein, wieso mein Gehirn bei der letzten Kinofilmbewertung in den Medien einfach abschaltete.
Ja, nun ist es geschehen. Ändern kann man an dieser Sache eh nichts mehr. Nun saß ich also gestern neben meiner mir Angetrauten im Kino, die mich mal wieder mit ihrem zarten Lächeln überreden konnte, nicht in die Drei-D-Vorstellung von „Drachenzähmen leicht gemacht“ zu gehen. „Zu langweilig!“, verklickert sie mir. Zumindest war sie in Sachen „Oscar“ auf dem aktuellen Stand: „Sandra Bullock hat für diesen Film sogar einen Oscar bekommen, der kann nicht so schlecht sein!“ Na super! Jetzt werde ich in einen dieser Bullock-Unecht-Wirkenden-Love-Story-Streifen gezwungen, dem sogar die höchste Auszeichnung der Filmgeschichte verliehen wurde. Ich sitze also nun im Kinosaal, der Film sagt mir immer noch nix. Während die letzten merkwürdigen Szenen der Werbung auf mich einprügeln, bleibt mir nur noch, ein kurzes Gebet auszusprechen: Bitte lieber Gott, lass es keine dieser ausgefransten Liebeschnulzen sein…
=== „Für Michael ist das Ganze vorerst neu…“ ===
Um was geht es in dem Film? Hier die Story:
Michael Oher (Quinton Aaron) ist siebzehn, schwarz und für sein Alter recht ungewöhnlich groß und füllig. Er überragt die Gleichaltrigen um einiges und wird daher „Big Mike“ gerufen. Seine Heimat ist die heruntergekommene Südstadt von Memphis. Das Viertel wird ausschließlich von Schwarzen bewohnt. Hier sind Drogen, Gewalt und Arbeitslosigkeit zu Hause. Während Michaels Vater sich bereits vor seiner Geburt aus dem Staub gemacht hat, erzieht seine drogenabhängige Mutter ihn und seine fünf älteren Geschwister. Immer wieder gibt es Konflikte mit dem Jugendamt, das Michael in verschiedene Pflegefamilien einweist. Nirgends hält es Michael lange aus und gerät immer wieder in die Fänge der dortigen Gang.
Einer von Michaels Pflegeeltern sieht in ihn Potenzial und meldet ihn auf einer christlichen Schule an, die allerdings zu 99,9 Prozent von hellhäutigen Schülern besucht wird. Dementsprechend reagiert man in der Direktion auf den Vorschlag ihn aufzunehmen. Erst als sich der Coach der heimischen Football-Mannschaft für Michael einsetzt nimmt man ihn in der Schule auf.
Dennoch: Man zweifelt an dem neuen Schüler, der recht zurückhaltend reagiert und kaum am Unterricht teilnimmt. Ähnlich verläuft auch der Notendurchschnitt. Lediglich eine Lehrerin schöpft Hoffnung. Auch Michaels Mitschüler reagieren auf ihren neuen Klassenkameraden mit Skepsis und Zurückhaltung. Niemand möchte mit dem schwarzen, ruhigen Hünen etwas zu tun haben. Michael ist dies sogar ganz recht. Als Michael ein Gespräch seiner derzeitigen Pflegeeltern mitbekommt, dass man ihn nicht mehr „durchfüttern“ wird, flüchtet er und übernachtet nach der Schule in verschiedenen Möglichkeiten.
Leigh-Anne Tuohy (Sandra Bullock) ist von Beruf eine gern gesehene Designerin und managt nebenher als Mutter den Haushalt. Ihr Mann Sean (Tim McGraw) ist mit einer Fast-Food-Kette zum Millionär geworden. Tochter Collins (Lily Collins) und Nesthäkchen Sohn Sean Jr., kurz SJ (Jae Head) gehen ebenfalls auf diese christliche Schule, auf die auch Michael geht.
Auf dem Heimweg fällt der toughen Leigh-Anne auf, wie „Big Mike“ die Straße entlang trottet. Sie ahnt, dass er derzeit ohne Obdach ist und nimmt ihn für eine Nacht auf. Ihr Gewissen plagt sie und beschließt, Michael noch länger in ihre Obhut zu geben. Auch ihre Familie hat nichts dagegen. Auf dem Weg zum Einkaufszentrum macht sie Bekanntschaft mit der Heimat von Michael, der zumindest seine Sachen von seiner Mutter holen möchte.
Während sich ihre Kids, insbesondere SJ, mit „Big Mike“ anfreunden, forscht Leigh-Anne der Vergangenheit von Michael hinterher. Sie erfährt, dass all seine bisherigen Schulnoten auf Tiefst-Niveau sind, bis auf den „Beschützerinstinkt“, der mit 98 Prozent deutlich ausfällt. Auch in der familiären Geschichte ist einiges im Argen. Im Laufe der Zeit beschließt Familie Touhy, ihren Schützling zu adoptieren.
Für Michael ist das Ganze vorerst neu. Erst recht, als er mit seiner neuen Heimat konfrontiert wird. Er weiß nicht so recht, wie ihm geschieht. Aber er lässt es einfach zu. Nach und nach begreift er, dass die Touhys nur Gutes mit ihm vorhaben. Man unterstützt ihn, gibt ihm sogar Nachhilfeunterricht. Später bemerkt Coach Cotton dass in Michael ein Talent schlummert. Er nimmt ihn in seine Schul-Football-Mannschaft auf. Doch der Neue entpuppt sich nicht nach seinen Vorstellungen. Statt seine Größe zum Vorteil der Mannschaft auszunutzen, beschützt er diese lieber. All sein Reden hilft nicht. Kurz bevor er Michael wieder aus der Mannschaft nimmt, mischt sich Leigh-Anne ein. Mit einem kurzen Kniff bringt sie ihren Adoptivsohn dazu, genau das zu tun, was der perfekte Quarterback einer Football-Mannschaft tut. Letztendlich führt „Big Mike“ sein Team zur Meisterschaft.
Und nun kommt es wie es kommen muss. Nach und nach werden Trainer von berühmten Universitäten auf Michael aufmerksam und buhlen um ihn. Doch für „Big Mike“ fällt die Entscheidung alles andere als leicht. Bis er letztendlich die selbige trifft…
=== „Die Filmkritik“ ===
Ich bin selbst erstaunt über mich und meine eigentlich immer unglaubwürdigen Fürbitten. Das hilfesuchende Stoßgebet wurde offenbar erhört, denn „The Blind Side“ ähnelt nicht einmal Ansatzweise einer der mir verhassten Lovestorys. Es gibt ihn doch, den Kinogott für die männliche Schöpfung! Hey, und der Film ist sogar verdammt gut! Ja, sogar sehr gut.
„The blind Side“ basiert auf eine tatsächliche Begebenheit. Es ist die verfilmte Autobiographie des NFL-Stars Michael Oher, der eben durch die Fürsorge der Familie Touhy der aufgehende Stern der NFL ist. Schön, dass es auch einmal Biographien gibt, in dessen Inhalt man sich ohne Weiteres hineinversetzen kann. Dank weniger übertriebener Specials. Zugegeben, die wirkliche Nächstenliebe, der Karrieresprung und die wenigen Hasstiraden, die man einem schwarzen in einer „Weißenschule“ aussetzt lassen schon Bedenken aufkommen, ob nicht doch etwas viel der guten „Wie-Schön-Kann-Das-Leben-Sein-Harmonie“ dazu gedichtet wurde. Glaubt man den Kritiken und den Regisseuren, hat man versucht, alles so filmisch umzusetzen, wie es das Vorbild erlebt hat. Sehr brav.
Der Film ist gespickt mit viel Ironie und Wortspiel, welche immer und immer wieder zum Schmunzeln, sogar ab und an zum Lächeln anregen. Gerade Sandra Bullock, die die ausdrucksstarke Leigh-Allen mimt bringt Schwung in die Bude. Ohne großes Übertreiben schafft sie Raum und Zeit für Überlegungen, die den realen Zuschauer erreichen. Bullock mimt ihre Rolle grandios. Und überhaupt: Wer immer für die Auswahl der Darsteller zuständig war, dieser Jemand hat wirkliche Ahnung vom Metier. Angefangen bei der Familie Touhy, über den Hauptdarsteller „Big Mike“, den Lehrern und Gangmitgliedern – die Posten wurden elegant vergeben. Jeder Schauspieler mimt seine Rolle sowas von überzeugend, was allerdings natürlich auch den deutschen Synchronsprechern zu verdanken sein mag.
„The blind Side“ ist ein Film für die ganze Familie. Er überzeugt durch gute Schauspielkunst, die außer Sandra Bullock auch Kathy Bates („Misery“) als Hauptdarsteller im Portfolio hat. Eine sehr gute Wahl. Sehr schön fand ich, dass der Zuschauer erst am Schluss des Filmes (anhand von Fotos im Abspann) erfährt, dass es sich um eine wahre Begebenheit handelt. Somit entfallen die „Das-Wird-Doch-Noch-Ein-Happy-End-Geben-Gedanken“ im Vorwege. Erst zum Schluss beginnt die geistige Arbeit, die sich dann (zumindest war es so bei mir) mit der doch gerade in den USA existierenden klaffenden Gesellschaft beschäftigt.
Tja, zum ersten Mal kann ich behaupten, dass mir ein Sandra-Bullock-Filmchen gefallen hat. Ich werde nun wohl doch noch das ein oder andere Mal meine Lauscherchen aufsperren müssen, wenn die Gute einen neuen Film auf den Kinomarkt schmeißt, damit ich dann auch auf der aktuellen Spur fahre. In diesem Sinne: Fünf volle Punkte mit der absoluten Zuschauempfehlung! Ein Muss für alle Kinogänger.
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