Pro:
experimentell, einige gute Lieder
Kontra:
zu experimentell, Booklet
Empfehlung:
Ja
Liebe Leserinnen, liebe Leser!
Vor etwa zwei Wochen kam mein Freund mit etwas sehr Buntem nach Hause. Ich erkannte, dass es sich um eine CD handelte, er meinte "Hat mir meine Mama geschenkt!" - es war das neue Album von Coldplay. Das Album trägt den wundersamen Namen Mylo Xyloto.
Ich wunderte mich schon ein wenig, da Coldplay nicht wirklich zu den Interpreten gehören, die er besonders mag, aber ich freute mich natürlich für ihn und über das Geschenk.
Auch meine Schwester hatte mir vor einiger Zeit dieses Album als MP3-Download geschenkt. Weder sie noch ich sind große Fans der Band - aber hier zeigt sich schon, dass Coldplay eine Gruppe ist, die ein breites Publikum anspricht. Ob ihnen das auch mit ihrem fünften Studioalbum gelingt, erfahrt Ihr in diesem Bericht.
Ich möchte bewusst nur kurz auf die Band selbst eingehen, da ich mich auf das Album konzentrieren möchte. Coldplay, das sind Chris Martin, Jonny Buckland, Will Champion und Guy Berryman aus Großbritannien. Zusammen machen sie Pop/Rock/Britpop, bekannt geworden sind sie mit ihrem Album Parachutes, das im Jahre 2000 veröffentlicht wurde. Mit Mylo Xyloto legt die Band ihr 5. Studioalbum vor.
Der Name
Der außergewöhnliche Name des fünften Albums ist laut Band ein Ausdruck reiner Phantasie. Für mich war er anfangs nur verwirrend, da er auf dem Albumcover auch nicht in korrekter Schreibweise, sondern in fast willkürlicher Anordnung zu lesen ist. So las ich zunächst "Myl Oxyl Oto", zum Glück steht aber der richtige Name auf einem kleinen Aufkleber.
Die Band ist stolz darauf, dass "Xyloto" via Google-Suche zu keinem Treffer führt. So wollte man wohl etwas Einzigartiges schaffen, quasi eine eigene Marke. Ich finde, man macht es sich als Band etwas zu einfach, wenn man keinen feststehenden, existenten Begriff als Titel wählt. Denn so können keine Erwartungen, keine Verknüpfungen entstehen, eine Band stellt sich einen Blankoscheck aus - aus Angst, zu enttäuschen?
Gleichzeitig spricht der Titel aber sicher eine breite Masse an, der Name sorgt für Diskussionsstoff, für Publicity.
Das Album wurde am 21. Oktober 2011 veröffentlicht, es enthält 14 Songs und kostet derzeit 11,99 Euro.
Das Cover / das Booklet
Wie bereits geschrieben ist der Titel des Albums auf dem Cover in ungewöhnlicher Schreibweise zu lesen. Die weiß umrandeten Großbuchstaben erstrecken sich fast über das gesamte Booklet. Im Hintergrund ist ein wildes, buntes Wirrwarr zu sehen. Schriftzüge, Neonfarben, Graffiti. Irgendwie kann ich keine Verbindung zwischen Gestaltung des Covers und der Band Coldplay herstellen, das wirkt so pseudocool.
Die Titelliste auf der Rückseite der CD-Hülle ist ein Graus. Auch hier herrschen bunte Farben vor, auch hier sind die Wörter groß und weiß umrandet geschrieben, aber sie sind so groß und unförmig, dass man den Titel der einzelnen Lieder kaum entziffern kann.
Das Booklet enttäuscht mich dann völlig. Ein kleines Highlight ist die Rückseite, da sind die Buchstaben X und M aus der grauen Fläche ausgestanzt (allerdings auf dem Kopf.. oder es sollen X und W sein, warum auch immer), man sieht, dass auch die nächsten Seite bunt und wirr ist. Lediglich eine Seite gibt Auskunft über die typischen Angaben, die der Musikinteressierte wissen will; wer hat was geschrieben, was produziert, was aufgenommen. Eine Seite kann dann aufgeklappt werden, dann sieht man die komplette Band zusammen, der Rest sind bunte Graffitis. Keine Songtexte - das find ich schon sehr schade. Und wenn man schon darauf verzichtet, warum gibt man Fans und Hörern nicht wenigstens ein paar hübsche Band-Fotos und nicht dieses bunte psychodelische Gekritzel.
Die Lieder
Der Opener Mylo Xyloto (43 Sekunden) ist instrumental und gefällt mir überraschend gut. Durch den Einsatz eines Xylophons hat etwas Sanftes, Liebliches. Aber er verrät mir noch nicht, was mich nun erwartet. Stattdessen geht er direkt in Hurts Like Heaven (4:02) über. Dieses Lied weist etwas Psychodelisches, etwas Rasantes auf, ich fühle mich, als hätte man mich mitgenommen auf eine schnelle Fahrt im Auto durch eine pulsierende Stadt. Das Nachtleben tobt, die Lichter der Stadt blitzen und blinken, verschwimmen immer mal wieder vor Augen.
Textauszug: _"Yes, I feel a little bit nervous,
Yes, I feel nervous and I cannot relax,
I'm coming 'round to get us
I'm coming 'round when they don't know the facts"_
Die beiden ersten Tracks erhalten von mir die Note 1.
Paradise (4:37) beginnt mit sanften Streichern, dann setzt etwas fast Hymnisches ein. Es ist die zweite Singleauskopplung aus dem Album und läuft derzeit im Radio rauf und runter.
_"When she was just a girl,
She expected the world,
But it flew away from her reach,
So she ran away in her sleep."_
Das Lied hat definitiv einen hohen Mitsing-Faktor, denn im Refrain heißt es "Para-Para-Paradise", auch wenn dadurch der eher traurige Text untergehen wird.
Note: 2+
Charlie Brown ist mit 4:45 der längste Song des Albums. Für mich plätschert er so vor sich hin. In Richtung des Refrains versucht auch er, mit etwas Hymnischem aufzuwarten: _"All the boys, all the girls
All the madness in the world
All the boys, all the girls
All the madness that occurs
All the highs, all the lows
As the room is spinning, oh"_. Nebenbei im Auto kann man das Lied gut hören, aber es ist kein Muss.
Note: 3+
Mit Us Against The World (3:59) folgt die erste Ballade des Albums. Chris Martin wird hier nur von Gitarren begleitet. Er ist zweifelsohne ein gefühlvoller Sänger, das Lied vermittelt auch eine traurige Stimmung. Aber ich habe hier das Gefühl, sowas schon zig fach gehört zu haben. Fans wären sicher enttäuscht, wäre diese Nummer nicht auf dem Album zu finden, aber ich bin weniger begeistert.
Note: 2-
M.M.I.X würde ich schon fast als Dreistigkeit beschreiben. 48 Sekunden lang hört man (wenn man wirklich angestrengt hinhört) ein paar Töne, irgendwas, was klingt, als wäre der Dschungel in der Ferne. Solche Skips sind hier nur Lückenfüller und unpassend für eine Band wie Coldplay.
Note: 5
Every Teardrop Is A Waterfall geht dafür total ins Ohr. Er ist über die gesamten vier Minuten schön rasant, er eignet sich zum Mitsingen, Tanzen, macht gute Laune und war meines Erachtens nach die richtige Wahl, als man ihn als erste Single-Auskopplung auswählte. Hier spürt man die Fähigkeit der Band, den Hörer mitzureißen.
Note: 1
Major Minus beginnt rockig, der Fuß beginnt sofort mitzuwippen. Von der Machart erinnert er an die Red Hot Chili Peppers, wird zwischendrin aber auch mal wieder leiser. Ich sehe es als Experiment, weil es für Coldplay ein ungewöhnlicher Sound ist und belohne diesen Mut mit einer 2-.
Dauer: 3:30
U.F.O weist eine Länge von 2 Minuten und 17 Sekunden auf. Leider. Denn es handelt sich hierbei um eine sanfte, sehr schöne Ballade, deren Potenzial nicht gänzlich ausgeschöpft wurde. Note: 2-
Dem Song Princess Of China stand ich - im Gegensatz zu vielen anderen - eher kritisch gegenüber. Für mich ist Rihanna nicht mehr die Künstlerin, die sie zu Beginn ihrer Karriere war, sie ist jetzt eher damit beschäftigt, sich zu inszenieren, wenngleich einige ihrer Songs zweifelsohne noch gut ins Ohr gehen. Aber eigentlich ist es ja spannend, eine in meinen Augen bodenständige Band wie Coldplay mit jemandem wie Rihanna zusammenzubringen.
Der Song beginnt großartig, man fühlt Stadionatmosphäre, die Vorfreude wächst, Rihanna singt "Ooooh" und "Uuuh" und - Chris Martin beginnt zu singen. Irgendwie ist die Stimmung hin. Die Melodie ist plötzlich eine ganz andere. Aber somit beginnt auch eine neue Chance für dieses Lied. Für mich dominiert Rihanna zu sehr, sie drückt ihren Stempel auf, so dass es eher zu einem Rihanna featuring Coldplay wird. Der Refrain passt dann wieder wie das Intro nicht zum Rest. In den 3:59 erlebt das Lied also Höhen und Tiefen, insgesamt vergebe ich eine 2-.
Bei Up In Flames bin ich über die Länge von 3:12 hin und hergerissen. Einerseits ist das Lied eingängig, mit nettem Takt, gleichzeitig hat es aber auch definitiv einen Nerv-Faktor, der nicht zuletzt daher rührt, dass Martin sehr hoch und ständig den Titel dieses Liedes trällert. Note: 3
Es folgt wieder ein 33 Sekunden dauerndes, nicht näher zu spezifizierendes Etwas, diesmal mit Namen A Hopeful Transmission. Es klingt nett, aber mehr auch nicht. Diesmal bewerte ich diese kleine Frechheit nicht.
Auch jetzt geht das "Stück" nahtlos in das nächste über, nämlich in Don't Let It Break Your Heart. Wieder ein wunderbar rasant startendes Lied, das zum Glück diese Stimmung, die am Anfang kreiert wird, mal beibehalten kann. Die schnelle Melodie macht gute Laune, es fällt jedoch etwas schwer, der Stimme des Sängers zu lauschen, weil sie fast untergeht. Aber das passt hier einfach sehr gut.
_"When you're tired of waiting,
so you just Find that you never had to stop
Come on baby, don't let it break your heart"_
Für mich endlich wieder ein Highlight auf diesem Album und daher die Note 1.
Alles endet. Mit Up With The Birds, das 3:47 andauert. Anfangs dachte ich, was diese Anordnung soll, denn das Lied beginnt sehr traurig, langsam, bedächtig.
Das passte für mich nicht in die Stimmung, die mir das Album sonst größtenteils vermitteln will. Das Lied, die Stimmung, das ändert sich auch noch, aber nur minimal. Es ist zweifelsohne ein schönes Lied, das hier aber an falscher Stelle positioniert wurde. Da ich aber das Lied und nicht die Anordnung bewerte, gebe ich diesem Lied eine 2+.
FAZIT
Ich werde jetzt nicht alle Noten zusammenzählen und daraus eine Endnote ermitteln. Ich möchte auf mein Gefühl hören, das mir sagt, wie mir dieses Album gefällt. Vielleicht muss man dabei beachten, dass ich kein großer Fan der Band bin, sie aber schon recht gerne mag. Ein Fan hätte wohl anders gewertet. Ich komme zu dem Schluss, dass ich eine 3+ vergebe.
Für mich gibt es ein paar Unstimmigkeiten, ein paar Enttäuschungen, ich denke, das habe ich an den entsprechenden Stellen auch deutlich gemacht. Mir gefällt es, dass das Album auch die Experimentierfreude der Band zeigt, dass man als Hörer auch mal überrascht wird. Manchmal passen aber Intro, Zwischenteil und Outro eines Liedes nicht zusammen. Man wird zunächst in eine Stimmung versetzt, um dann zu brutal herausgerissen zu werden. Sozusagen auf eine falsche Fährte gelockt zu werden. Das lasse ich mir ein Mal gefallen, finde es spannend, auch beim zweiten Mal, aber dann wird es entweder nervig oder kommt mir einfach nur falsch vor.
Die Klangqualität des Albums ist hervorragend.
Die Lieder "Hurts Like Heaven", "Every Teardrop Is A Waterfall" und "Don't Let It Break Your Heart" gefallen mir am Besten und bewegen mich dazu, drei Sterne zu vergeben. Reinhören sollte man in jedem Fall, es ist ein knapp 44minütiges Wechselbad.
Vielen Dank für Eure Lesungen, Bewertungen und Kommentare! weiterlesen schließen
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