Pro:
+ tolle Umsetzung einer historischen Verschwörungstheorie
Kontra:
- viele, fast zuviele nicht belegbare Annahmen
Empfehlung:
Ja
Werke wie "Romeo und Julia", "Othello" oder "Der Widerspenstigen Zähmung" sind weltberühmt und bei der Frage, aus wessen Feder sie stammen , wird ebenso in einem Atemzu klar die Antwort "Shakespeare" lauten.
Doch historisch erhärtbare Fakten über den Autoren, der seine Werke besonders in der Zeit gegen Ende des 16. Jahrhunderts zu Papier gebracht hat, gibt es eher wenige. Es ist sogar zweifelhaft, ob eine Abbildung, die ihn zeigen soll, tatsächlich auch Shakespeare darstellt und es gibt nur wenige Unterschriften, die ihm - indiziengemäss - zugeschrieben werden können. Auch fehlen im Lebenslauf des großen "Playwrights" aus Stratford-upon-Avon einige Jahre - Grund genug also für Regisseur Roland Emmerich, mit den unklaren Daten aus dem Lebenslauf Shakespeares einige Spielchen zu treiben. "Anonymus" , sein 2011 produzierter Film, geht hier sogar noch weiter - dazu jetzt mehr..
=== Wie kam ich zu dieser DVD ===
Im Angebot für 6,99 € bei Saturn erstand ich vor einiger Zeit die DVD von "Anonymus". Da mich - auch fiktive - historische Filme schon dann und wann interessieren, griff ich hier also zu.
== Anonymus (2011) ==
=== Darum geht es ===
_ England im ausgehenden 16. Jahrhundert_
Seit Jahrzehnten regiert Queen Elizabeth I in England. Da beginnt, gegen Ende ihrer Regierungsära, ein bis dato vollkommen unbekannter Theaterautor und Mitglied einer wandernden Theatertruppe namens William Shakespeare durch seine die menschliche Natur wie auch die politische Situation im Land wiederspiegeln Stücke, von sich reden zu machen.
Was nur wenige wissen, ist, dass sich der eher rauhbeinige denn feinsinnige "Autor" hier mit fremden Federn schmückt. Seine Werke wurden nämlich in Wahrheit vom literarischem Genie des Earl of Oxford ersonnen, der ein Erzfeind von Elizabeths intrigantem Berater ist. Doch der eigentliche Verfasser dieser Werke darf aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung nicht bekannt werden und so bezahlt er Shakespeare sogar obendrein noch dafür, dass dieser unser seinem eigenen Namen große Erfolge einheimst.
Dabei ist die Tatsache, dass der Earl of Oxford offiziell nicht seiner Leidenschaft, dem Schreiben von Theaterstücken frönen darf, nicht die einzige Tragödie im Leben des Aristokraten und das sprunghafte Temperament von Shakespeare macht die Geheimhaltung des echten Autors seiner Stücke auch nicht gerade einfacher...
=== Darsteller und Charaktere ===
_Rhys Ifans_ bringt seine Rolle als Edward de Vere, einem durch die Umstände seiner adligen Herkunft und weiterer Anlässe, aus denen heraus er sich nicht als Autor seiner Werke feiern lassen darf, einerseits als von seiner Kunst Getriebener herüber. Irgendwie ist es einfach auch mehr als nur eine Passion, weswegen er sich in seinem Arbeitszimmer einschließt, um regelmässig einige große Werke der Weltliteratur zu verfassen. Er ist ebenso wie eine Art Gefangener im goldenen Käfig. In seinen Werken, die auch in Ländern wie Italien, Zypern und anderen Schauplätzen Europas spielen, bringt er dabei seine ganz eigenen Erfahrungen unter, die er während seiner Reisen gemacht hat.
Das Schreiben von Stücken ist dabei mehr als nur ein "Hobby", er legt vielmehr, wie sich in Rückblenden auf sein zurückliegendes Leben zeigt, einigen selbst erlittenen Herzschmerz hinein und verarbeitet auf diese Art und Weise maches für ihn einfach unerfreuliches Erlebnis.
Die "Welt da draußen" soll aber nach seinem Willen von seinen Stücken erfahren - und hier kommt William Shakespeare ins Spiel, den _Rafe Spall_ als ziemliches Rauhbein und trinkfesten Zeitgenossen, der vor seiner Bekanntschaft mit de Vere von kleinen und schnell ausgegebenen Gagen sich durchs Leben schlägt schon fast für "Shakespeare-Fans" beleidigend grob und ungebildet herüber kommt.
Dass er die ihm von de Vere überlassenen Stücke, unter die er in krakeliger Handschrift recht ungelenk seinen Namen setzt, bevor diese zur Aufführung kommen, eigentlich so nich selbst geschrieben haben kann, wird so eigentlich in vielen Szenen nur allzu deutlich. In den Ländern, in denen seine Stücke sich teilweise abspielen, war er jedenfalls noch nie und er hat schon Schwierigkeiten, längere Texte fehlerfrei zu Papier zu bringen.
Letztlich tritt der vom Volk gefeierte "große Shakespeare" so wie ein Gauner auf, der für sein scheinheiliges Spiel dazu noch unverdienten Lohn vom adligen Originalautor erhält.
Das Verhältnis zwischen de Vere und Shakespeare nimmt so im Verlauf auch an Spannung zu.
=== Das macht diesen Film aus ===
"Anonymus" begibt sich in seiner Darstellung auf historisch schon sehr dünnes Eis. Zwei Verschwörungstheorien rund um das Umfeld des Edward de Vere wie des William Shakespeare verarbeitet der Film inhaltlich zu einer Art politisches Drama, in dem es einen ungerechten Sieger und einen eigentlichen Verlierer gibt.
Es reichte dem Drehbuchautor John Orloff nicht, einfach nur die sogenannte "Oxford Theorie" um William Shakespeare aufzugreifen, derzufolge der bekannte Stückeschreiber seine Werke nicht selbst verfasst hat.
Zielsicher wird Edward de Vere als eigentlich edler, aber durch die Umstände verhinderter Literaturgenius präsentiert, der in seinen Werken eigens erlittene Unbill zu großer Kunst verwandelt.
_ Gleich zwei Verschwörungstheorien in einer Handlung _
Wenn man schon beim Thema "Verschwörung" ist, so wohl die Sicht des Drehbuchautors, warum nicht noch eine weitere Theorie in diesem Zusammenhang einsetzen ?
Die "Prinz-Tudor-Theorie" ist hier doch inhaltlich nahezu die Fortsetzung der "Oxford"-These, weshalb sie sich recht einfach in eine Story giessen lässt. Dieser Theorie zufolge war Edward de Vere nicht nur der Autor der berühmten Werke, sondern auch ein unehelicher Sohn von Königin Elizabeth - und, um es komplett zu machen, Ödipus lässt schön grüßen, er war sogar deren späterer Liebhaber. Die Handlung des Dramas "Anonymus" wird dabei nahtlos in eine von der Ausstattung her toll ausgeschmückte und vor allem historisch belegbarerere Kontexte eingebettet. Hier tauchen dann auch die historisch verbürgten Charaktere auf, einerseits die der damals regierenden Queen Elisabeth Gloriana, die auf ihre alten Tage sich in allererster Linie von ihrem Berater und deVere Intimfeind Robert Cecil in allen möglichen Fragen beraten lässt. Der Film wechselt zudem zwischen drei weiteren Zeitebenen, besonders, um das vor der Handlung des Films liegende Leben des Edward de Vere zu beleuchten - um dabei eben die "Geschichte" von der Prince Tudor-Theorie zu präsentieren, was ich zumindest einerseits eher amüsant und unterhaltsam empfand, andererseits in ihrer stringend einfordernden Haltung mir dann doch eine Prise "too much" war.
Fakt ist: es gibt erstaunlich wenig wirklich belastbare Zeugnisse aus dem Leben des William Shakespeare, daher wird der "Mythos", dass er die Stücke nicht selbst geschrieben hat, auch eher schwer zu widerlegen sein. Dass aber der betreffende Adlige diese Stücke "stellvertretend" geschrieben hat und gar mit dem guten Will gekungelt hat, ist nun aber doch eher weit aus der Luft gegriffen.
Unterm Strich bleibt so ein ganz interessanter und - ganz der Emmerich - technisch sehr gut produzierter Film, der allerdings wahren Shakespeare-Fanatikern zumindest in Anbetracht der teils doch recht despektierlichen Vorstellung eines sauf- und rauftüchtigen, wenig intelligenten und eher schlecht die Rechtschreibung beherrschenden William Shakespeare durch _Rafe Spall_ eher die Zornesröte ins Gesicht treiben dürfte.
== Zur DVD ==
=== Bonusmaterial ===
Die Audiokommentarspur hält zum laufenden Film zuschaltbare Hintergrundinfos zum Film vom Regisseur Roland Emmerich und Drehbuchautor John Orloff bereit - in englischer Sprache, versteht sich.
Im "Extras"-Teil der DVD finde ich dazu einige "entfallene Szenen", also produzierte Filmstücke, die aus verschiedenen Gründen nicht im eigentlichen Film genutzt wurden. Ein Feature mit dem Titel "Wer ist der wahre William Shakespeare?" macht mir als Zuschauer in englischer Originaltonspur deutlich, dass es historisch belastbare Hinweise auf William Shakespeare und dessen Abstammung und Leben eher wenige gibt - nur die ihm zugeschriebenen Stücke werden so gesehen überwiegend als "Beleg" für seine Kunst gesehen. Besonders 7 bis 10 Jahre seines Lebens, bevor er als Stückeschreiber bekannt wurde, fehlen in diesem Kontext einfach. Auslandsreisen des großen "Playwrights" sind dabei überhaupt nicht belegbar.
=== Bild und Ton ===
Technisch zeigt sich die DVD sowohl von der Bild- als auch der Tonqualität in guter Qualität. Farben und Kontraste finde ich sowohl in hellen wie dunklen Szenen sehr gut gemastert vor. "Dank" Breitbildformat bekomme ich allerdings auch auf meinem 16:9 TV schmale Randstreifen geboten.
Der in Dolby Digital abgemischte Ton der deutschen Tonspur zeigt sich in den vielfältigen Szenen durchweg mit guter Raumklangtiefe. Die Vorführungen von der shakespeare´schen Bühne kommen klar ortbar aus der im Film vorgegebenen Richtung und auch das Getuschel vor der Aufführung kommt so auf mich zu, als sei ich Teil des Publikums.
=== Auf einen Blick ===
* TItel: Anonymus
* Studio: Sony Pictures Home Entertainment GmbH
* Genre: Unterhaltung; Drama
* Erstveröffentlichung: 16.5.2012 / Produktionsjahr: 2011
* FSK: ab 12 Jahren / Laufzeit: 125 Min.
* Bildformat: Widescreen; 2,35:1 / Tonformat: DD 5.1: Deutsch, Englisch, Französisch
* Darsteller: Rhys Ifans, Vanessa Redgrave, Joely Richardson, David Thewlis, Rafe Spall, Xavier Samuel, Jamie Campbell Bower, Edward Hogg
* Regie: Roland Emmerich
* Bonusmaterial: Kommentar mit Roland Emmerich und Drehbuchautor; Entfallene Szenen; Wer ist der wahre William Shakespeare?
_ Darsteller und ihre Rollen; _
* Rhys Ifans: Edward de Vere / Jamie Campbell Bower: junger Edward de Vere/ Vanessa Redgrave: Königin Elizabeth I.
* Joely Richardson: junge Königin Elizabeth I. / Sebastian Armesto: Ben Jonson / Rafe Spall: William Shakespeare
* David Thewlis: William Cecil / Edward Hogg: Robert Cecil / Sebastian Reid: Earl of Essex
=== FAZIT ===
Einen Fehler darf man als Zuschauer bei "Anonymus" nicht machen: die vorgestellte Handlung in irgendeiner Form auf historisch "reale" Kontexte basiert ansehen. Geboten wird eine interessante und auch von der Umsetzung her sehr gelungene Verschwörungstheorie, ein unterhaltsames Spiel mit eigenwilligen Figuren und Charakteren. Dass die Sympathien des Zuschauers in diesem Film selbstverständlich nicht dem derart "rotzfrechen" bis "fiesen" Shakespeare zuflattern, sondern dem einsamen Genius, der die Stücke eigentlich schrieb, liegt dabei natürlich in der Natur der Sache.
Interessant ist "Anonymus" allemal und als "Unterhaltung" wie auch als "Drama" funktioniert dieser letztlich doch fiktionale Historienfilm auch. Insofern gebe ich für den Film und die DVD insgesamt dreieinhalb Sternchen, gerundet zu vier ganzen und eine Empfehlung - nicht unbedingt für eingefleischte Shakespeare-Fans (die werden sich bestenfalls wundern und schlimmstenfalls sauer sein) sondern für allgemein an einem historischen, fiktionalen Drama interessierte Zuschauer. weiterlesen schließen
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