A Beautiful Mind - Genie und Wahnsinn (VHS) Testbericht

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ab 11,13
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Erfahrungsbericht von eulenfan

Heikles Thema einfühlsam umgesetzt

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Zwei Fakten über mich zuerst:

Fakt 1: Ich bin ein typischer Twen, und als solcher schwärme ich für gut aussehende Schauspieler. Mein bevorzugter Typ ist groß, hat am besten blaue Augen und „was für Oberarme!!!“ Klar, dass das nur einer sein kann: Der „Insider“; der „Gladiator“ der den „Proof of Life“ erbringt: Russell Crowe!

Fakt 2: Es ist schon ziemlich lange her, dass ich das letzte Mal nach dem Kino zu Hause keine anderen Unterhaltungsmedien genutzt habe. Wirklich, sehr, sehr lange. Ich glaube, es war die „Shawshank Redemption“ (Die Verurteilten), als es mir das letzte Mal derart erging. Sonst komme ich heim und stehe schon bald wieder unter dem Eindruck von Musik, Buch, Fernseher, PC oder Radio.

Nun die Neuerungen:

Neuerung 1: Als ich letzte Woche ins Kino ging, tätigte ich danach noch exakt drei Anrufe, legte mich ins Bett und starrte gedankenverloren an die Decke, bis ich kurz darauf einschlief.

Neuerung 2: Russells Muckis waren mir schnuppe...

All das lag nicht nur an der Frühschicht am nächsten Tag (gähn), sondern auch und vor allen Dingen an dem Film, den ich gesehen hatte: „A Beautiful Mind“.

Ursprünglich, und das gebe ich gerne zu, bin ich in den Film vor allem wegen des in meinen Augen unglaublich attraktiven Hauptdarstellers gegangen. Was kann man anderes auch von einer Twen-Göre wie mir erwarten? Viel hatte ich gehört über den Film, der dem Neuseeländer Russell Crowe seine dritte Oscar-Nominierung in Folge einbrachte, eine Ehre, die vor ihm nur Spencer Tracy zuteil wurde (dieser gewann beim 2. und dritten Mal jedes Mal – ein gutes Omen?). Die Figur des John Nash kannte ich überhaupt nicht. Die Infos über den Nobelpreis hatte ich mehr oder minder nur nebenher mitbekommen und nicht richtig registriert.

Das Thema Schizophrenie und Paranoia interessierte mich dafür um so mehr, hatte ich in meinem Bekanntenkreis doch eine manisch-depressive Bekannte, die zudem leichte Anzeichen von Paranoia aufwies. Für mich war unvorstellbar, dass eine solch schwere Krankheit wie paranoide Schizophrenie durch einen mental mehr oder minder völlig gesunden Menschen überhaupt annähernd glaubwürdig dargestellt werden kann. Zwar ist Russell Crowe für seine aufbrausende und nicht immer freundliche Art bekannt, aber dennoch: wie soll er so einen Menschen darstellen, der sein Leben lang mit Wahnvorstellungen und Persönlichkeitsspaltung kämpft?

Also fuhr ich ins Kino und setzte mich, mit Popcorn und Cola bewaffnet, auf meinen Lieblingsplatz „Mitte-Mitte“ (Mitte des Kinos, Mitte der Reihe) und harrte der Dinge, die da kommen mochten.

Die erste Überraschung erlebte ich gleich nach Öffnen des Vorhangs: Der Film stellt eine Gemeinschaftsarbeit von gleich 4 Filmverleihfirmen dar: UIP, Universal, Dreamworks und die eher unbekannte Imagine Film Corporation. Es hat sich also – sei es des Geldes wegen, sei es des Themas wegen – kein Filmverleih allein an den Streifen gewagt. Ich wurde noch unsicherer: Ein heikles Thema, „feige“ Filmstudios… könnte es sein, dass der Film doch nicht so gut wird?

Spätestens nach 10 min konnte ich mich beruhigt zurücklehnen: Es wurde ein guter Film! Die Story erstreckt sich über 40 Jahre in der Karriere von John Nash, beginnend mit seiner Immatrikulation an der mathematischen Fakultät der Princeton Universität und endend mit dem Tag, an dem er den Nobelpreis verliehen bekommt.

Eigentlich wäre so etwas keinen Hollywood-Film wert, wäre da nicht die Tatsache, dass Nash eben an oben angesprochener paranoider Schizophrenie leidet. So glaubt er während seines Studiums in Princeton, einen Zimmergenossen zu haben; später kommen zwei weitere imaginäre Charaktere dazu: die Nichte seines Zimmergenossen sowie „Big Brother“, der ihn in eine Spionagearbeit für das Verteidigungsministerium verwickelt. Anfangs unbemerkt von Kommilitonen, Studenten, Ehefrau und Freunden steigert er sich immer mehr in seine Wahnvorstellungen hinein, die ihn dazu bringen, dass er alltägliche Klatschmagazine nach versteckten Codes der Russen durchforstet und eine Vorlesung an der Harvard Universität abbricht, weil er glaubt, die Russen würden ihn entführen wollen. Auch, als er in der Klinik ist, glaubt er lange Zeit noch, in russischer Gefangenschaft zu sein. Nach unzähligen Insulinschocktherapien und einem langen Klinikaufenthalt wird Nash schließlich als geheilt entlassen, doch die Krankheit ist noch immer da. Da er unter dem Einfluss der Medikamente weder seinem Kind noch seiner Frau mit Liebe begegnen kann und auch die mathematischen Zusammenhänge nicht mehr erkennen kann, setzt er die Arznei ab und kämpft einen verzweifelten Kampf gegen seine Wahnvorstellungen ohne Medikamente...

Mehr will ich nicht zur Story schreiben, da diese ohnehin schon lang und breit in der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Vielmehr will ich meine eigenen Eindrücke beschreiben.

„A Beautiful Mind“ ist für mich etwas, dass ich einen „leisen Film“ nenne, wobei „leise“ nicht im phonetischen Sinne zu verstehen ist. „Leise“ bezieht sich mehr auf das Gesamtbild des Filmes. Keine große Action, keine heißen Liebesszenen, kein Pathos. Alles konzentriert sich auf Nash’s Krankheit, ohne kitschig oder unglaubwürdig zu erscheinen. Diese Konzentration auf ein zentrales Thema mit untermauernden Nebengeschichten (die Liebe zu Alicia, die Freundschaft mit Sol, die Versagensängste usw.) – so stelle ich mir einen guten „leisen Film“ vor.

Zu keinem Zeitpunkt des Filmes hatte ich das Gefühl, dass Informationen vorenthalten würden, dass Übergänge holprig wären oder dass die Story aufgesetzt erscheint, ohne jedoch langweilig sich in die Länge zu ziehen. Der Film floss praktisch in meine Sinne wie Smetanas „Moldau“ oder Schuberts „Forelle“. Da saß ich in meinem Sessel, vergaß Popcorn und Cola und bemerkte nicht einmal, wie mein auf meinem anderen Bein ruhender rechter Fuß langsam aber sicher einschlief! Das Prickeln bemerkte ich tatsächlich erst, als die Lichter angingen und ich aufstehen wollte...
Ich fläzte also in meinem Sessel und starrte wie gebannt auf die Leinwand. Selbst die schwärmerischen Gedanken: „Diese Oberarme, diese Muskeln, seufz...!“, die ich sonst beim Anblick von Russell Crowe immer habe, schwirrten nicht durch meinen Kopf. Alles, was ich tat, war, in dem Film zu versinken.

Die Geschichte wird aus der Sicht von John Nash erzählt, so dass wir seine imaginären Freunde und Feinde sehen, an einigen Stellen wird aber auch die Sicht aus der Perspektive der Nash umgebenden Personen, wie seines Kommilitonen und späteren Mitarbeiters Sol oder seiner Frau Alicia oder seines Psychiotherapeuten Dr. Rosen gezeigt. Nur durch diese Querperspektive kann man erkennen, was real ist und was nicht. Hätte ich nicht vorher schon einiges über den Film gelesen, ich wäre überzeugt gewesen, dass sein Zimmergenosse oder „Big Brother“ real sind. Erst, als „Big Brother“ ihm den Auftrag gibt, Klatschmagazine nach geheimen Sowjetcodes durchzuforsten, begriff ich, dass es sich um eine Halluzination handeln musste. Doch aus der Sicht des schizophrenen und von extremer Paranoia geplagten Nash wirkte es so real wie seine Frau oder Sol.

Einerseits ist es die Eskalation von Krankheit, andererseits ist es sein Kampf gegen eben jene, die das Hauptmotiv des Filmes ausmachen, und all das wird von einem teilweise kaum wieder zu erkennenden Russell Crowe fantastisch dargestellt. Als Nash glaubt, in einer Verfolgungsjagd gefangen zu sein, ist seine Angst fast physisch zu spüren, und die Schmerzen des Insulinschocks gehen beim Zuschauer ebenfalls durch Mark und Bein. Ron Howard hat zwar Mut bewiesen, den als unbequem und schwierig bekannten Neuseeländer mit der Rolle des John Nash zu betrauen, doch auch ein sehr glückliches Händchen: Crowe spielt den Nobelpreisträger mit allen Emotionen geradezu perfekt, und seine mittlerweile dritte Oscarnominierung ist mehr als ein gerechter Lohn dafür.

Doch auch die Nebendarsteller sind zu loben: Ed Harris als Wahnvorstellung des „Big Brother“ ist ebenso grandios. Kaum zu glauben, dass er nur in der Phantasie von John Nash existiert. Für mich wäre Ed Harris damit ebenfalls ein heißer Kandidat für den Oscar gewesen, jedoch wurde er (leider) übergangen. Dennoch: Ed Harris ist ein absolutes Highlight dieses wunderbaren Films!

Auch Jennifer Connelly als Alicia Nash, die leidgeprüfte Ehefrau, ist einfach grandios, und die Oscarnominierung ist mehr als berechtigt. Die zwischen Liebe und Angst vor ihrem Mann hin und her gerissene Alicia ist einerseits der große Halt für John Nash, andererseits jedoch auch sein Schwachpunkt. Jennifer Connelly bringt diesen Zwiespalt in Alicias Gefühlen hervorragend und absolut glaubwürdig rüber.

Ein weiteres Highlight ist Adam Goldberg („Saving Private Ryan“) in der Rolle des Kommilitonen und Freundes Sol. Ebenfalls ein Mathegenie, hat er gegen die Brillianz von Nash keine Chance, obgleich er einige eigene Publikationen verfasst hat, die sein Talent mehr als verdeutlichen. Für mich ein heißer Was-es-kommt-ein-Film-mit-dem-nichts-wie-hin-ins-Kino-Kandidat, denn ich bin mir sicher, dass wir noch einige großartige Rollen von Goldberg erwarten dürfen.

Was ist noch anzusprechen bei „A Beautiful Mind“? Ich habe – auch hier – Kritiken gelesen, wonach der Film nicht allzu viel mit der Realtiät zu tun hat. Das ist wohl wahr – doch das wollten die Macher auch nicht, wie sie auch im Abspann des Filmes bekräftigen. Ich denke, Hauptanliegen des Filmes ist es, die Krankheit Paranoide Schizophrenie und Nash’s Kampf dagegen zu portraitieren, und das ist den Machern und Darstellern hervorragend gelungen. Sicherlich: Der Film basiert auf der Biografie von John Nash, dass dabei einige Details aus seinem Leben verschönt oder unterschlagen wurden, mag nicht unbedingt zur Authenzität des Filmes beitragen, und doch: Viele Filme basieren auf irgendwelchen Fakten oder Biografien, viele von ihnen sind gar vollkommen fiktiv, wieso also nicht ein teilweise authentischer, teilweise fiktiver Film? Letzten Endes ist der Film auch schon so, ohne dass er das wahre Leben des John Nash (sexuelle Belästigung, drei Mal Scheidung und wieder Hochzeit, Seitensprünge, mündliche wie teilweise auch körperliche Gewalt...) nachvollzieht, sehr mutig: Das Thema Geisteskrankheiten ist nach wie vor ein Tabuthema in Hollywood, Filme, die sich damit befassen, haben es oft schwer, Produzenten oder einen Verleih zu finden. So ja auch „A Beautiful Mind“, bei dem wie vorhin angesprochen gleich 4 Verleih-Firmen sich das Risiko des gefährlichen Themas teilen.

Ich habe es schon angesprochen: Teilweise erkennt man Russell Crowe nicht mehr. Auch die anderen Darsteller, wie z. B. Jennifer Connelly, sind am Ende des Filmes als 60-70jährige nicht mehr zu erkennen. Die Maske hat hier grandiose Dienste geleistet und lässt die Darsteller wie durch Zauberhand altern. Dabei wurde auf jedes noch so kleine Detail geachtet wie dünnes, graues Haar, Altersflecken, Falten usw.

Auch die Requisite und Ausstattung darf sich ihr Lob abholen: Nie wirken die Bauten deplaziert in der Zeit, die Kleidung ist immer der Ära angepasst. Viele Details in Ausstattung, Requisite und Bühnenbild bemerkt man erst beim 2. Mal anschauen und wundert sich dann: „Wow, daran haben sie auch gedacht?“

Ein Wort noch zur deutschen Synchronisation: Ich habe den Film leider bisher nicht im englischen Original gesehen (wird wohl auch knapp werden, da ich derzeit umziehe), doch die deutsche Synchronisation hat mich positiv überrascht. Zwar fehlte mir Crowes schöne tiefe Baritonstimme (siehe auch meine TOFOG-Meinung), aber besonders Nash’s genuscheltes Reden kam fantastisch herüber. Die anderen Synchronstimmen waren wie immer, vom Akzent her einfach hochdeutsch aber emotional einfach klasse und passten von der Stimmmelodie her zu den Menschen auf der Leinwand.

Was wird also für mich übrig bleiben? Ich werde erst mal der Oscarverleihung nächste Woche entgegenfiebern und „A Beautiful Mind“ ganz, ganz fest die Daumen drücken und am nächsten Tag dann vermutlich mit kleinen, glasigen Augen wegen durchgemachter Nacht auf Arbeit sitzen. Und dann? Gehe ich wohl noch mal in den Film, und endlich werde ich seufzen: „Gott, diese Muskeln...“


(Diese Meinung wurde von eulenfan auch bei dooyoo.de und ciao.de veröffentlicht)

5 Bewertungen, 1 Kommentar

  • liiiiindaaaaa

    29.03.2006, 14:54 Uhr von liiiiindaaaaa
    Bewertung: sehr hilfreich

    über gegenlesungen würde ich mich freuen;)