About Schmidt (VHS) Testbericht

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ab 10,34
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Erfahrungsbericht von w.gruentjens

Nicholson als Spießer

Pro:

Gute Darsteller

Kontra:

einige Längen

Empfehlung:

Ja

About Schmidt müsste eigentlich heißen „Über den Sinn des Lebens“, denn der Film stellt die Frage: Welchen Sinn hat ein Leben, dem alles entglitten ist? - und er gibt die Antwort: Wenn dein Leben für irgendeinen Menschen eine Bedeutung hat, dann ist es sinnvoll.

Dies ist ein anspruchsvoller, philosophischer Film, der sich nicht zur bloßen Unterhaltung eignet, dessen bissige Spitzen auf amerikanisches Spießbürgertum aber schon geistreich unterhalten können.


INHALT

Warren Schmidt (Jack Nicholson) steht am Ende seines Berufslebens. Man sieht ihn, wie er die letzten Sekunden seiner Berufstätigkeit abwartet, Abschied von seinem Büro nimmt –im Hintergrund die Uhr, deren Sekundenzeiger immer näher an die 60 – oder 0 – rückt.

Der Zeitpunkt 60 oder 0 ist endlich gekommen. 60 bedeutet Abschied vom Beruf, und Null soll wohl einen neuen Anfang bedeuten. Aber wo anfangen, wenn man keine Interessen hat, nicht liest, nicht malt, nicht reisen möchte – was die Ehefrau sich sehnlich wünscht? Beim Herumzappen am TV entdeckt er die Möglichkeit, eine Patenschaft für ein Kind in Afrika zu übernehmen, und diese Möglichkeit soll für sein weiteres Leben Bedeutung erlangen.

Die Beziehung zu seiner Frau ist seit 42 Jahren eingefahren und funktioniert, ohne das große Glück oder das große Unglück zu sein. Sicher ärgert er sich über Pingeligkeiten seiner Frau, aber das gehört wohl zum Leben.

Zu seiner Tochter hat er nie eine besonders warme Beziehung aufbauen können, und jetzt, da sie erwachsen ist, will er alles nachholen. Aber statt seinen zukünftigen Schwiegersohn einzubeziehen, will er sie ständig dazu bringen, ihren Verlobten zu verlassen, was auch nicht gerade förderlich für die Beziehung zu seiner Tochter ist.

Alles hält sich so noch einigermaßen die Waage; das kleine, spießige halbe Glück, der Alltagstrott, die Umstellung auf den Ruhestand.

Aber der Abstieg beginnt, als er seinen jungen, dynamischen und etwas prahlerischen Nachfolger besucht und ihm die Fortsetzung begonnener Projekte erklären will, denn dieser lehnt Hilfe kategorisch ab. Ja, nicht nur das: Beim Herausgehen sieht Schmidt dann seine ganzen Unterlagen in einer Kellerecke abgestellt.

Weiter bergab geht es durch den plötzlichen Tod seiner Frau, die er nach einem Einkauf einfach tot auf dem Boden findet. Er schwankt in der nächsten Zeit zwischen Trauer und dem Bedürfnis, endlich einmal alle Dinge zu tun, die er bei ihr nicht durfte. Er wird immer haltloser, vernachlässigt sich und seine Wohnung.

DAS ENDE WIRD VERRATEN!

Neue Beziehungen geht er nicht ein, schafft keine Freundschaften, nicht die angebotene Freundschaft eines Wohnmobil-Nachbarn, denn er versucht, dessen Frau zu küssen, nicht die angebotene körperliche Beziehung mit der Mutter seines Schwiegersohns (Kathy Bates), denn seine sexuelle Doppelmoral wird mit deren Offenheit nicht fertig. Und seine Welt bricht völlig zusammen, als er dann auch noch feststellt, dass seine Frau ihn mit seinem einzigen Freund betrogen hat.

Der einzige, der ihm nun noch geblieben ist, ist der kleine Negerjunge, dessen Patenschaft er übernommen hat. Dies ist der eine, der einzige Mensch, für den sein Leben noch eine Bedeutung hat. Auf dem mitgeschickten Bild, das der kleine Junge gemalt hat, sind beide, der Mann und der Junge, Hand in Hand zu sehen.


QUALITÄT

Die Inszenierung von Alexander Payne erzählt die Geschichte ruhig und weitgehend ohne Pathos. Wer Handlung erwartet, eine plötzliche Wendung, Spannung, der wird hier enttäuscht. Ja sogar für den Cineasten, der sich an einem ruhigen und langsamen, dafür aber künstlerischen Film erfreuen kann, ist dieser Film sehr ruhig, vielleicht zu ruhig, vielleicht dadurch sogar ein wenig langweilig.

Bei aller Langweile bleibt aber immer noch die Freude an Jack Nicholsons überragender Leistung. Er, der sonst den besonderen Menschen spielt, den hämischen, den Bösewicht, den grinsenden Zeitgenossen, ausgerechnet er spielt hier einen Spießer, der so spießig ist und so doppelmoralisch-verklemmt, dass er aus der seelischen Annäherung der Wohnmobil-Nachbarin eine körperliche Annäherung machen will und abblitzt, der aber die körperliche Annäherung seiner Gevatterin (Schwiegermutter seiner Tochter) bei aller Verklemmtheit nicht erträgt. Es ist so interessant, ihn einmal in einer ganz anderen Rolle, der eines Spießers, zu sehen, dass das einiges an zu großer Ruhe in dem Film wettmacht. Er wurde zu Recht für den Oskar für den besten Hauptdarsteller nominiert.

Ebenso großartig, wenn auch nur kurze Zeit im Vordergrund stehend, ist Kathy Bates mit ihrer freizügigen Darstellung – sogar nackt - einer gelöst mit Sexualität umgehenden modernen Frau, die sehr unkonventionell ist und der manchmal heftigen Darstellung des amerikanischen Spießbürgertums einen schönen Kontrapunkt entgegenhält. Auch sie erhielt eine Nominierung für die beste weibliche Nebenrolle.

Was mich am meisten an diesem Film erfreut hat, sind aber noch nicht einmal die Schauspieler; es sind vielmehr die hämischen Seitenhiebe auf das amerikanische Wohlstandsgetue des Mittelstandes, auf die Äußerlichkeiten und Unehrlichkeiten, hinter denen oft etwas ganz anderes steckt.

Wenn ich trotzdem nur 4 Sterne gebe, dann liegt das daran, dass der Film außer 80 % Kunst auch noch 19 % Langeweile und 1 % Kitsch aufweist. Diese 20 % können einen Zuschauer, der mehr Handlung erwartet – so war es bei meinem Sohn – doch so vor den Kopf stoßen, dass er den Film insgesamt ablehnt.


FAZIT

Eine ruhige Philosophiestunde über den Sinn des sinnentleerten Lebens mit viel Kunst, etwas Langeweile und ganz wenig Kitsch: Das bietet dieser Film. Wer Unterhaltung oder Spannung sucht, wird hier nicht fündig werden.

38 Bewertungen