Autismus Testbericht
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Erfahrungsbericht von Beikilein
Autismus! Was ist das?
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlung:
Ja
Allgemeines zu Autismus:
Was ist Autismus?
Die Wortschöpfung Autismus geht auf den bekannten Schweizer Psychiater Eugen Bleuler zurück. Er prägte 1911 die Begriffe «autistisch» und «Autismus».
Wenn man das Wort Autismus hört, denkt man sofort an den Film \"Rainman\", an Genies, die in minutenschnelle hochkomplexe mathematische Rechenaufgaben lösen können usw. Aber Autismus ist viel mehr als das.
Das Wort an sich kommt aus dem griechischen, autos heißt selbst.
Autismus ist keine Krankheit sondern eine Störung der Wahrnehmungsverarbeitung, d. h. autistischen Menschen fehlt die Fähigkeit, Reize selektiv (d. h. auswählend) wahrzunehmen, sie zu vergleichen und zu bewerten.
Durch ihre Unfähigkeit zu selektieren, treten bei autistischen Kindern tiefgreifende Störungen in der Entwicklung auf. So bleibt beispielsweise ihr Nachahmungstrieb völlig aus, ihnen fehlen Vorstellungsfähigkeit und Einfühlungsvermögen.
Damit diese Menschen nicht von der unendlich großen Anzahl der Umweltreize überflutet werden, schotten sie sich ab und reagieren extrem überselektiv. Ihre Wahrnehmung konzentriert sich auf kleinste Einzelheiten. Das erweckt den Eindruck der Versunkenheit. Sie scheinen oft gehörlos zu sein, obwohl ihr Hörvermögen nicht beeinträchtigt ist.
Für Autisten wirken andere Menschen unkontrollierbar und bedrohlich. Das ist ein Grund dafür, dass sich diese Menschen lieber mit Gegenständen befassen. Sie schützen sich durch stereotypes Wiederholen von Worten oder Körperbewegungen, wie z. B. schaukeln, klatschen oder wippen vor ihrer Umwelt.
Diese Stereotypen sind allerdings in ihrer Zusammensetzung und ihrem Ausprägungsgrad von Autist zu Autist unterschiedlich. Wer diesen Menschen diese immer wieder gleichbleibenden Selbsthilfemaßnahmen nicht gestattet, der entzieht ihnen die Möglichkeit, ihre Angst zu mildern.
Autistische Kinder haben außerdem häufig vom Säuglingsalter an Probleme beim Essen und Schlafen und entwickeln selbststimulierende Verhaltensweisen, die bis zur Selbstverletzung reichen können. Sie bestehen zwanghaft auf ganz bestimmte Ordnungen oder können ihre Eltern zur Verzweiflung bringen durch exzessives Sammeln bestimmter Gegenstände, oder durch ihre Verweigerung, bestimmte Kleidung zu tragen.
Eine mögliche Erklärung sehen Mediziner in dem Versuch, damit Aufmerksamkeit zu erzwingen und auf diese Weise mit der Außenwelt zu kommunizieren.
Im weiteren sind bei autistischen Kindern oft «Intelligenzdefizite» beobachtbar, die unabhängig von den autistischen Verhaltensstörungen zu sein scheinen. Das bedeutet, daß neben der autismusspezifischen Behinderung häufig auch eine geistige Behinderung besteht. Unabhängig vom Intelligenzniveau findet man bei autistischen Kindern die sogenannten autismusspezifischen Störungen der Sprach- und Sozialentwicklung. Diese Störungsanteile werden wiederum auf die tiefgreifende Entwicklungsstörung zurückgeführt, bei der es sich um eine schwere qualitative Abweichung vom normalen Entwicklungsverlauf handelt.
Das eigentliche Merkmal der autistischen Störungen ist die qualitative Verformung der Entwicklung, die sowohl das Sozialverhalten, die verbale und nonverbale Kommunikation als auch das vorstellungsmäßige Denken betrifft. Die entwicklungspsychologische Sichtweise ermöglicht es, das gestörte Verhalten autistischer Kinder als Ausdruck der Entwicklungsveränderung zu erklären, aufgrund derer die eingeschränkten und stereotypen Verhaltensweisen als qualitativ anders und nicht bloß als «sinnlos» betrachtet werden.
Ursachen für Autismus:
Über die Ursachen des Autismus sind sich Wissenschaftler noch nicht einig, da es eine Vielzahl von Auslösern gibt. Mittlerweile ist man jedoch auf organische und genetische Ursachen sowie auf biochemische Mangelzustände gestoßen. Man weiß auch, daß die seelischen Belastungen, die durch gestörte Beziehungen entstanden sind, eine wesentliche Rolle in der Entwicklungsstörung haben.
Viele Forscher haben sich bei ihrer Suche nach den Ursachen für Autismus dem Erforschen der Gehirnströme mittels EEG befaßt. Hierbei konnte man feststellen, daß es keine allgemein zutreffende Auffälligkeit gibt. Doch man bemerkte verschiedene, abweichende Merkmale. In manchen Fällen konnte man beispielsweise eine Übererregung in der Hirnrinde feststellen. Bei anderen Autisten wurde eine Abweichung innerhalb des Kleinhirns festgestellt. Auch bei Röntgenaufnahmen bemerkte man Beeinträchtigungen des Großhirns, dem Sitz des motorischen Sprachzentrums.
Organische Auslöser:
Eine Reihe von Krankheiten kann autistische Störungen verursachen. So konnte man beispielsweise bei Müttern, die während ihrer Schwangerschaft an Röteln erkrankt waren, eine zehnfache Häufigkeit an autistischen Störungen feststellen. Auch ein erhöhter Blutzuckerspiegel der Mutter sowie Sauerstoffmangel werden als Auslöser genannt. Selbiges gilt auch für Rißverletzungen der Hirnhäute, ein zu niedriger Blutzuckerspiegel, Gelbsucht, Infektionskrankheiten, Meningitis und Impfschäden.
Biochemische Komponenten:
Durch einen gestörten Aufbau von Verbindungen im Nervengewebe kann es zu grundlegend beeinträchtigenden Funktionen des Gehirns kommen. Der Zellaufbau wird auch durch einen Mangel an essentiellen Stoffen, wie Vitaminen, Eiweißen, Spurenelementen oder Enzymen geschädigt. Werden zu viele oder zu wenige Hormone produziert, kommt es zu einer gestörten Wahrnehmungsverarbeitung. Diese Diagnose wird bei autistischen Kindern oft gestellt.
Genetische Ursachen:
Bei der Zwillingsforschung wurden Hinweise auf mögliche genetische Beteiligungen bei der Entstehung von Autismus festgestellt, doch es blieben noch viele Fragen offen. Die Wahrscheinlichkeit autistische Kinder zu bekommen ist bei eineiigen Zwillingen jedenfalls höher als bei zweieiigen. Es gibt auch Studien nach denen bei Jungen häufiger Autismus auftritt, wenn ihre Mutter ein geschädigtes X-Chromosom hatte. Doch es sprechen auch einige Fakten gegen eine genetische Ursache für Autismus. So sind beispielsweise bei eineiigen Zwillingen nicht immer beide Kinder betroffen, auch treten autistische Störungen bei vielen Kindern erst innerhalb der ersten 30 Lebensmonate auf. Ganz sicher weiß man allerdings, dass Autismus keine rein seelisch bedingte Störung ist.
Verschiedene Formen des Autismus:
Bei dem Begriff Autismus kann man zwischen vier Formen des Autismus unterscheiden, die die Entwicklung der Autismusforschung bis in die 70er Jahre deutlich wiedergeben. Dabei wird anhand der Bezeichnungen der einzelnen Symptomgruppen deutlich, daß hier eine Ordnung nach den Ursachen geschieht.
Im Folgenden werden die einzelnen Symptomgruppen zusammengefaßt:
1. Psychogener Autismus:
•Störungen der Kommunikationsfähigkeit
•emotionale Indifferenz
•fehlende Initiative und mangelnde Intuition als Begleit- und Folgeerscheinungen langanhaltender emotionaler Frustrationen
•unbeteiligtes, passives Verhalten der Kinder
•retardierte statomotorische und sprachliche Entwicklung
•geringe emotionale Beziehungsfähigkeit
•starke Zärtlichkeitsbedürfnisse
2. Das Asperger-Syndrom (Autistische Psychopathie):
Definition: \"Form des Autismus, die sich meist im Schulalter mit schwerer Kontaktstörung manifestiert.\"
Das Asperger-Syndrom wird von mehreren Faktoren bestimmt.
Emotionale Faktoren:
•emotionale Hemmung, d.h. Tendenz zur Abkapselung und Selbstisolierung als zentrales Symptom
•Kinder wirken ernst, egoistisch, extrem introvertiert und vorzeitig gereift
Physiognomische Faktoren:
•scharf gezogene Gesichtszüge
•prinzenhaft, frühreif, gespannt und problemgeladen
•leerer unbestimmter Blick, der sich nicht durch optische und akustische Reize fixieren läßt
Sprachliche Faktoren:
•oft eintönig leiernde Sprachmelodie
•aber auch überspitzt betonte, theatralische Sprechweise möglich
•auffallende sprachschöpferische Fähigkeiten
•Sprachentwicklung setzt oft auffallend früh, wesentlich früher als das Gehen ein, und erreicht rasch einen hohen Vollkommenheitsgrad
Motorische Faktoren:
•motorisch oft auffallend ungeschickt
•unvollkommen entwickeltes Körperschema
•eindeutig negative Einstellung zur Körpersphäre
•relativ spätes Erlernen altersadäquater Kulturtechniken
Kognitive Faktoren:
•meist durchschnittlich, gelegentlich überdurchschnittlich selten unterdurchschnittlich Intelligent
•oft Vorlieben für bestimmte Kenntnis- und Wissensbereiche, die das Allgemeinwissen deutlich dominieren.
Spielverhalten:
•stereotype Gewohnheitshandlungen stehen deutlich vor komplexen Spielen
•oftmals erhalten bedeutungslose, allenfalls vorübergehend genutzte Gegenstände eine überwertige Bedeutung.
3. Das Kanner-Syndrom (Frühkindlicher Autismus):
Definition: \"Form des Autismus, die sich meist vor dem 3. Lebensjahr unter anderem mit Entwicklungsrückstand, Stereotypien, Kontaktstörungen u. verzögerter Sprachentwicklung manifestiert, und eventuell mit einem Intelligenzdefekt einhergeht\"
Der frühkindliche Autismus ist ein relativ seltenes Krankheitsbild, das in den USA von Kanner in 10 Jahren unter zahlreichen ihm vorgestellten Kindern nur 150mal festgestellt wurde.
Kardinalsymptome:
•extreme Abkapselung aus der menschlichen Umwelt
•ein ängstlich zwanghaftes Bedürfnis nach Gleicherhaltung der dinglichen Umwelt (Veränderungsangst)
(Diese beiden Symptome sind immer vorhanden, wenn frühkindlicher Autismus vorliegt. )
Sekundärsymptome:
•Störung der Intelligenzentwicklung (ist oft nur eine Folge der autistischen Primärsymptomatik, ähnlich kognitiver Behinderungen infolge von Taubheit.)
•Störung der Sprachentwicklung zum Beispiel: Echolalie (wird bei zwei Drittel der betroffenen Kinder festgestellt.)
•bei den sprechenden Kindern werden oft erstaunliche Gedächtnisleistungen festgestellt, die jedoch meist unwichtige Interessengebiete betreffen.
•Bei der Sprache werden häufig Neologismen, verbale Iterationen, agrammatische Satzbildungen und Echolalien beobachtet.
•D. Weber wies auf bestimmte motorische Auffälligkeiten hin, die sich auch bei blinden Kindern recht häufig zeigen. (Augenbohren, Hand - Finger Mechanismen, mimische Auffälligkeiten)
4. Somatogener Autismus:
Der somatogene Autismus weist keine syndromspezifische Symptomatik auf, er ist vielmehr abhängig vom Nachweis neuropathologischer Befunde.
Hier steht nicht die Ausklammerung der Umgebung im Vordergrund, sondern ein Verharren in der Kontaktschwäche, das durch die Isolierung von der Umwelt verstärkt wird.
Der somatogene Autismus ist kausal abhängig von anderen hirnorganischen Störungen.
Therapieformen für Autismus:
Normalerweise werden autistische Störungen erst bei der Verzögerung der kindlichen Sprachentwicklung bemerkt. Anzeichen können auch eine verminderte Reaktion auf Menschen sowie Ruhelosigkeit oder Hyperaktivität sein.
Ganz wichtig ist es, die individuellen Ursachen für diese Störung zu finden. Nur so können gezielte Frühförderungen und Therapien entwickelt werden. Es gibt viele Ursachen für Autismus und ebenso viele verschiede Behandlungsmöglichkeiten.
Körperorientierte Therapie:
Hierzu zählt man die „Sensorische Integration“ und das „Führen“.
Unter Sensorischer Integration versteht man die Stimulation der Sinnessysteme und gleichzeitig versucht man, die überfordernden Reize so weit als möglich einzuschränken. Durch das Führen von Körperteilen des Kindes sollen Erfolge bewußt gemacht werden. Das steigert das Selbstvertrauen und die Entwicklungsfreude.
Kommunikationsorientierte Therapien:
Hierzu gehören unter anderem die Gebärdensprachtherapie, die Tanz- und Musiktherapie und das therapeutische Reiten.
Durch diese Therapien wird die nonverbale Kommunikation gefördert.
Verhaltensorientierte Therapie:
Bei dieser Therapieform wird das gewünschte Zielverhalten des Kindes in kleine Einzelschritte unterteilt und das Kind lernt richtige Reaktionen durch Belohnung und Bestrafung.
Psychoanalytische Therapie:
Dieser Therapieform liegt die Annahme eines gestörten Mutter-Kind-Verhältnisses zugrunde. Therapeuten bieten dem Kind einen Mutterersatz an.
Forced Holding-Methode:
Diese Methode ist sehr umstritten, da sie oft in Aggression umschlägt. Durch stundenlanges, gewaltsames Festhalten des Kindes soll die gestörte Mutter-Kindbeziehung gelöst werden.
Diäten-, Vitamin- und Mineralstofftherapien:
Hier wird an biochemische Mangelzustände angesetzt.
Häufigkeit von Autismus:
Weltweit gesehen sind von 10 000 Kindern ungefähr 4 bis 5 autistisch. Von der Störung sind Buben 4 mal häufiger betroffen als Mädchen, wobei zu bemerken ist, das frühkindlicher Autismus in Familien aller Rassen und sozialer Schichten auftritt.
Meine Erfahrung mit Autismus:
Der Sohn meiner Paten Eltern Ole, kam zur Welt, als ich sieben Jahre alt war. Anfangs wusste niemand, dass er behindert ist, aber irgendwann stellten meine Pateneltern fest, dass er sich anders entwickelte als andere Kinder. Er ließ nur sehr wenige Menschen an sich heran, schrie viel und krampfte oft. Keiner der vielen Ärzte die Ole untersuchten konnte genau sagen, was ihm fehlte aber sie tippten auf Autismus. Mit ca. 1 ½ Jahren war es dann sicher das Ole Autismus hatte. Mit meinen Eltern zusammen besuchte ich Ole mindestens einmal in der Woche und lernte ihn zu lieben. Einmal sagte ich meinem Patenonkel, dass ich es schade finde, dass Ole nicht mein Bruder ist, da sagte er: „Na das ist er doch, zwar nicht Dein leiblicher Bruder aber Dein Patenbruder!“
Oles Autismus äußerte sich nicht nur in seiner scheu Fremden gegenüber sonder auch in seiner Anfälligkeit auf Krankheiten, man brauch bloß mal neben ihm zu niesen und schon fängt er sich eine Erkältung ein. Außerdem muss er eine strenge Diät einhalten und ist gegen vieles allergisch. Seinen 2. Geburtstag verbrachte er auf der Kinderintensivstation.
Ole kann nicht sprechen, nicht eigenständig essen sich nicht selber anziehen und hat erst mit 10 gelernt uns mitzuteilen, wenn er auf die Toilette muss. Gehen hat er erst mit 6 Jahren gelernt, vorher ist er gekrabbelt oder an Händen gelaufen.
Mit 7 Jahren wurde Ole eingeschult. Er ist inzwischen 14 Jahre alt und geht in eine Behinderten Waldorfschule in Bonn. Er fühlt sich dort sehr wohl und lernt, mit Hilfe auf einer Tastatur zu schreiben.
Fremden gegenüber ist Ole immer noch sehr abweisend, aber Bekannten gegenüber freut er sich dafür um so mehr. Ich habe immer noch sehr engen Kontakt mit Ole und hoffe das dieser gute Kontakt noch lange bestehen bleibt, denn ich lerne sehr viel von ihm, er zeigt mir wie schön das Leben sein kann, auch wenn man anders ist als die norm.
Wer sich für Autismus interessiert sollte unbedingt die beiden Bücher von Birger Sellin, selbst Autist, lesen:
Birger Sellin:
„Ich will kein inmich mehr sein. Botschaften aus einem autistischen Kerker“
„Ich Deserteur einer artigen Autistenrasse. Neue Botschaften an das Volk der Oberwelt.“
Was ist Autismus?
Die Wortschöpfung Autismus geht auf den bekannten Schweizer Psychiater Eugen Bleuler zurück. Er prägte 1911 die Begriffe «autistisch» und «Autismus».
Wenn man das Wort Autismus hört, denkt man sofort an den Film \"Rainman\", an Genies, die in minutenschnelle hochkomplexe mathematische Rechenaufgaben lösen können usw. Aber Autismus ist viel mehr als das.
Das Wort an sich kommt aus dem griechischen, autos heißt selbst.
Autismus ist keine Krankheit sondern eine Störung der Wahrnehmungsverarbeitung, d. h. autistischen Menschen fehlt die Fähigkeit, Reize selektiv (d. h. auswählend) wahrzunehmen, sie zu vergleichen und zu bewerten.
Durch ihre Unfähigkeit zu selektieren, treten bei autistischen Kindern tiefgreifende Störungen in der Entwicklung auf. So bleibt beispielsweise ihr Nachahmungstrieb völlig aus, ihnen fehlen Vorstellungsfähigkeit und Einfühlungsvermögen.
Damit diese Menschen nicht von der unendlich großen Anzahl der Umweltreize überflutet werden, schotten sie sich ab und reagieren extrem überselektiv. Ihre Wahrnehmung konzentriert sich auf kleinste Einzelheiten. Das erweckt den Eindruck der Versunkenheit. Sie scheinen oft gehörlos zu sein, obwohl ihr Hörvermögen nicht beeinträchtigt ist.
Für Autisten wirken andere Menschen unkontrollierbar und bedrohlich. Das ist ein Grund dafür, dass sich diese Menschen lieber mit Gegenständen befassen. Sie schützen sich durch stereotypes Wiederholen von Worten oder Körperbewegungen, wie z. B. schaukeln, klatschen oder wippen vor ihrer Umwelt.
Diese Stereotypen sind allerdings in ihrer Zusammensetzung und ihrem Ausprägungsgrad von Autist zu Autist unterschiedlich. Wer diesen Menschen diese immer wieder gleichbleibenden Selbsthilfemaßnahmen nicht gestattet, der entzieht ihnen die Möglichkeit, ihre Angst zu mildern.
Autistische Kinder haben außerdem häufig vom Säuglingsalter an Probleme beim Essen und Schlafen und entwickeln selbststimulierende Verhaltensweisen, die bis zur Selbstverletzung reichen können. Sie bestehen zwanghaft auf ganz bestimmte Ordnungen oder können ihre Eltern zur Verzweiflung bringen durch exzessives Sammeln bestimmter Gegenstände, oder durch ihre Verweigerung, bestimmte Kleidung zu tragen.
Eine mögliche Erklärung sehen Mediziner in dem Versuch, damit Aufmerksamkeit zu erzwingen und auf diese Weise mit der Außenwelt zu kommunizieren.
Im weiteren sind bei autistischen Kindern oft «Intelligenzdefizite» beobachtbar, die unabhängig von den autistischen Verhaltensstörungen zu sein scheinen. Das bedeutet, daß neben der autismusspezifischen Behinderung häufig auch eine geistige Behinderung besteht. Unabhängig vom Intelligenzniveau findet man bei autistischen Kindern die sogenannten autismusspezifischen Störungen der Sprach- und Sozialentwicklung. Diese Störungsanteile werden wiederum auf die tiefgreifende Entwicklungsstörung zurückgeführt, bei der es sich um eine schwere qualitative Abweichung vom normalen Entwicklungsverlauf handelt.
Das eigentliche Merkmal der autistischen Störungen ist die qualitative Verformung der Entwicklung, die sowohl das Sozialverhalten, die verbale und nonverbale Kommunikation als auch das vorstellungsmäßige Denken betrifft. Die entwicklungspsychologische Sichtweise ermöglicht es, das gestörte Verhalten autistischer Kinder als Ausdruck der Entwicklungsveränderung zu erklären, aufgrund derer die eingeschränkten und stereotypen Verhaltensweisen als qualitativ anders und nicht bloß als «sinnlos» betrachtet werden.
Ursachen für Autismus:
Über die Ursachen des Autismus sind sich Wissenschaftler noch nicht einig, da es eine Vielzahl von Auslösern gibt. Mittlerweile ist man jedoch auf organische und genetische Ursachen sowie auf biochemische Mangelzustände gestoßen. Man weiß auch, daß die seelischen Belastungen, die durch gestörte Beziehungen entstanden sind, eine wesentliche Rolle in der Entwicklungsstörung haben.
Viele Forscher haben sich bei ihrer Suche nach den Ursachen für Autismus dem Erforschen der Gehirnströme mittels EEG befaßt. Hierbei konnte man feststellen, daß es keine allgemein zutreffende Auffälligkeit gibt. Doch man bemerkte verschiedene, abweichende Merkmale. In manchen Fällen konnte man beispielsweise eine Übererregung in der Hirnrinde feststellen. Bei anderen Autisten wurde eine Abweichung innerhalb des Kleinhirns festgestellt. Auch bei Röntgenaufnahmen bemerkte man Beeinträchtigungen des Großhirns, dem Sitz des motorischen Sprachzentrums.
Organische Auslöser:
Eine Reihe von Krankheiten kann autistische Störungen verursachen. So konnte man beispielsweise bei Müttern, die während ihrer Schwangerschaft an Röteln erkrankt waren, eine zehnfache Häufigkeit an autistischen Störungen feststellen. Auch ein erhöhter Blutzuckerspiegel der Mutter sowie Sauerstoffmangel werden als Auslöser genannt. Selbiges gilt auch für Rißverletzungen der Hirnhäute, ein zu niedriger Blutzuckerspiegel, Gelbsucht, Infektionskrankheiten, Meningitis und Impfschäden.
Biochemische Komponenten:
Durch einen gestörten Aufbau von Verbindungen im Nervengewebe kann es zu grundlegend beeinträchtigenden Funktionen des Gehirns kommen. Der Zellaufbau wird auch durch einen Mangel an essentiellen Stoffen, wie Vitaminen, Eiweißen, Spurenelementen oder Enzymen geschädigt. Werden zu viele oder zu wenige Hormone produziert, kommt es zu einer gestörten Wahrnehmungsverarbeitung. Diese Diagnose wird bei autistischen Kindern oft gestellt.
Genetische Ursachen:
Bei der Zwillingsforschung wurden Hinweise auf mögliche genetische Beteiligungen bei der Entstehung von Autismus festgestellt, doch es blieben noch viele Fragen offen. Die Wahrscheinlichkeit autistische Kinder zu bekommen ist bei eineiigen Zwillingen jedenfalls höher als bei zweieiigen. Es gibt auch Studien nach denen bei Jungen häufiger Autismus auftritt, wenn ihre Mutter ein geschädigtes X-Chromosom hatte. Doch es sprechen auch einige Fakten gegen eine genetische Ursache für Autismus. So sind beispielsweise bei eineiigen Zwillingen nicht immer beide Kinder betroffen, auch treten autistische Störungen bei vielen Kindern erst innerhalb der ersten 30 Lebensmonate auf. Ganz sicher weiß man allerdings, dass Autismus keine rein seelisch bedingte Störung ist.
Verschiedene Formen des Autismus:
Bei dem Begriff Autismus kann man zwischen vier Formen des Autismus unterscheiden, die die Entwicklung der Autismusforschung bis in die 70er Jahre deutlich wiedergeben. Dabei wird anhand der Bezeichnungen der einzelnen Symptomgruppen deutlich, daß hier eine Ordnung nach den Ursachen geschieht.
Im Folgenden werden die einzelnen Symptomgruppen zusammengefaßt:
1. Psychogener Autismus:
•Störungen der Kommunikationsfähigkeit
•emotionale Indifferenz
•fehlende Initiative und mangelnde Intuition als Begleit- und Folgeerscheinungen langanhaltender emotionaler Frustrationen
•unbeteiligtes, passives Verhalten der Kinder
•retardierte statomotorische und sprachliche Entwicklung
•geringe emotionale Beziehungsfähigkeit
•starke Zärtlichkeitsbedürfnisse
2. Das Asperger-Syndrom (Autistische Psychopathie):
Definition: \"Form des Autismus, die sich meist im Schulalter mit schwerer Kontaktstörung manifestiert.\"
Das Asperger-Syndrom wird von mehreren Faktoren bestimmt.
Emotionale Faktoren:
•emotionale Hemmung, d.h. Tendenz zur Abkapselung und Selbstisolierung als zentrales Symptom
•Kinder wirken ernst, egoistisch, extrem introvertiert und vorzeitig gereift
Physiognomische Faktoren:
•scharf gezogene Gesichtszüge
•prinzenhaft, frühreif, gespannt und problemgeladen
•leerer unbestimmter Blick, der sich nicht durch optische und akustische Reize fixieren läßt
Sprachliche Faktoren:
•oft eintönig leiernde Sprachmelodie
•aber auch überspitzt betonte, theatralische Sprechweise möglich
•auffallende sprachschöpferische Fähigkeiten
•Sprachentwicklung setzt oft auffallend früh, wesentlich früher als das Gehen ein, und erreicht rasch einen hohen Vollkommenheitsgrad
Motorische Faktoren:
•motorisch oft auffallend ungeschickt
•unvollkommen entwickeltes Körperschema
•eindeutig negative Einstellung zur Körpersphäre
•relativ spätes Erlernen altersadäquater Kulturtechniken
Kognitive Faktoren:
•meist durchschnittlich, gelegentlich überdurchschnittlich selten unterdurchschnittlich Intelligent
•oft Vorlieben für bestimmte Kenntnis- und Wissensbereiche, die das Allgemeinwissen deutlich dominieren.
Spielverhalten:
•stereotype Gewohnheitshandlungen stehen deutlich vor komplexen Spielen
•oftmals erhalten bedeutungslose, allenfalls vorübergehend genutzte Gegenstände eine überwertige Bedeutung.
3. Das Kanner-Syndrom (Frühkindlicher Autismus):
Definition: \"Form des Autismus, die sich meist vor dem 3. Lebensjahr unter anderem mit Entwicklungsrückstand, Stereotypien, Kontaktstörungen u. verzögerter Sprachentwicklung manifestiert, und eventuell mit einem Intelligenzdefekt einhergeht\"
Der frühkindliche Autismus ist ein relativ seltenes Krankheitsbild, das in den USA von Kanner in 10 Jahren unter zahlreichen ihm vorgestellten Kindern nur 150mal festgestellt wurde.
Kardinalsymptome:
•extreme Abkapselung aus der menschlichen Umwelt
•ein ängstlich zwanghaftes Bedürfnis nach Gleicherhaltung der dinglichen Umwelt (Veränderungsangst)
(Diese beiden Symptome sind immer vorhanden, wenn frühkindlicher Autismus vorliegt. )
Sekundärsymptome:
•Störung der Intelligenzentwicklung (ist oft nur eine Folge der autistischen Primärsymptomatik, ähnlich kognitiver Behinderungen infolge von Taubheit.)
•Störung der Sprachentwicklung zum Beispiel: Echolalie (wird bei zwei Drittel der betroffenen Kinder festgestellt.)
•bei den sprechenden Kindern werden oft erstaunliche Gedächtnisleistungen festgestellt, die jedoch meist unwichtige Interessengebiete betreffen.
•Bei der Sprache werden häufig Neologismen, verbale Iterationen, agrammatische Satzbildungen und Echolalien beobachtet.
•D. Weber wies auf bestimmte motorische Auffälligkeiten hin, die sich auch bei blinden Kindern recht häufig zeigen. (Augenbohren, Hand - Finger Mechanismen, mimische Auffälligkeiten)
4. Somatogener Autismus:
Der somatogene Autismus weist keine syndromspezifische Symptomatik auf, er ist vielmehr abhängig vom Nachweis neuropathologischer Befunde.
Hier steht nicht die Ausklammerung der Umgebung im Vordergrund, sondern ein Verharren in der Kontaktschwäche, das durch die Isolierung von der Umwelt verstärkt wird.
Der somatogene Autismus ist kausal abhängig von anderen hirnorganischen Störungen.
Therapieformen für Autismus:
Normalerweise werden autistische Störungen erst bei der Verzögerung der kindlichen Sprachentwicklung bemerkt. Anzeichen können auch eine verminderte Reaktion auf Menschen sowie Ruhelosigkeit oder Hyperaktivität sein.
Ganz wichtig ist es, die individuellen Ursachen für diese Störung zu finden. Nur so können gezielte Frühförderungen und Therapien entwickelt werden. Es gibt viele Ursachen für Autismus und ebenso viele verschiede Behandlungsmöglichkeiten.
Körperorientierte Therapie:
Hierzu zählt man die „Sensorische Integration“ und das „Führen“.
Unter Sensorischer Integration versteht man die Stimulation der Sinnessysteme und gleichzeitig versucht man, die überfordernden Reize so weit als möglich einzuschränken. Durch das Führen von Körperteilen des Kindes sollen Erfolge bewußt gemacht werden. Das steigert das Selbstvertrauen und die Entwicklungsfreude.
Kommunikationsorientierte Therapien:
Hierzu gehören unter anderem die Gebärdensprachtherapie, die Tanz- und Musiktherapie und das therapeutische Reiten.
Durch diese Therapien wird die nonverbale Kommunikation gefördert.
Verhaltensorientierte Therapie:
Bei dieser Therapieform wird das gewünschte Zielverhalten des Kindes in kleine Einzelschritte unterteilt und das Kind lernt richtige Reaktionen durch Belohnung und Bestrafung.
Psychoanalytische Therapie:
Dieser Therapieform liegt die Annahme eines gestörten Mutter-Kind-Verhältnisses zugrunde. Therapeuten bieten dem Kind einen Mutterersatz an.
Forced Holding-Methode:
Diese Methode ist sehr umstritten, da sie oft in Aggression umschlägt. Durch stundenlanges, gewaltsames Festhalten des Kindes soll die gestörte Mutter-Kindbeziehung gelöst werden.
Diäten-, Vitamin- und Mineralstofftherapien:
Hier wird an biochemische Mangelzustände angesetzt.
Häufigkeit von Autismus:
Weltweit gesehen sind von 10 000 Kindern ungefähr 4 bis 5 autistisch. Von der Störung sind Buben 4 mal häufiger betroffen als Mädchen, wobei zu bemerken ist, das frühkindlicher Autismus in Familien aller Rassen und sozialer Schichten auftritt.
Meine Erfahrung mit Autismus:
Der Sohn meiner Paten Eltern Ole, kam zur Welt, als ich sieben Jahre alt war. Anfangs wusste niemand, dass er behindert ist, aber irgendwann stellten meine Pateneltern fest, dass er sich anders entwickelte als andere Kinder. Er ließ nur sehr wenige Menschen an sich heran, schrie viel und krampfte oft. Keiner der vielen Ärzte die Ole untersuchten konnte genau sagen, was ihm fehlte aber sie tippten auf Autismus. Mit ca. 1 ½ Jahren war es dann sicher das Ole Autismus hatte. Mit meinen Eltern zusammen besuchte ich Ole mindestens einmal in der Woche und lernte ihn zu lieben. Einmal sagte ich meinem Patenonkel, dass ich es schade finde, dass Ole nicht mein Bruder ist, da sagte er: „Na das ist er doch, zwar nicht Dein leiblicher Bruder aber Dein Patenbruder!“
Oles Autismus äußerte sich nicht nur in seiner scheu Fremden gegenüber sonder auch in seiner Anfälligkeit auf Krankheiten, man brauch bloß mal neben ihm zu niesen und schon fängt er sich eine Erkältung ein. Außerdem muss er eine strenge Diät einhalten und ist gegen vieles allergisch. Seinen 2. Geburtstag verbrachte er auf der Kinderintensivstation.
Ole kann nicht sprechen, nicht eigenständig essen sich nicht selber anziehen und hat erst mit 10 gelernt uns mitzuteilen, wenn er auf die Toilette muss. Gehen hat er erst mit 6 Jahren gelernt, vorher ist er gekrabbelt oder an Händen gelaufen.
Mit 7 Jahren wurde Ole eingeschult. Er ist inzwischen 14 Jahre alt und geht in eine Behinderten Waldorfschule in Bonn. Er fühlt sich dort sehr wohl und lernt, mit Hilfe auf einer Tastatur zu schreiben.
Fremden gegenüber ist Ole immer noch sehr abweisend, aber Bekannten gegenüber freut er sich dafür um so mehr. Ich habe immer noch sehr engen Kontakt mit Ole und hoffe das dieser gute Kontakt noch lange bestehen bleibt, denn ich lerne sehr viel von ihm, er zeigt mir wie schön das Leben sein kann, auch wenn man anders ist als die norm.
Wer sich für Autismus interessiert sollte unbedingt die beiden Bücher von Birger Sellin, selbst Autist, lesen:
Birger Sellin:
„Ich will kein inmich mehr sein. Botschaften aus einem autistischen Kerker“
„Ich Deserteur einer artigen Autistenrasse. Neue Botschaften an das Volk der Oberwelt.“
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