Buena Vista Social Club Testbericht

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Summe aller Bewertungen
  • Cover-Design:  sehr gut
  • Klangqualität:  sehr gut

Erfahrungsbericht von stefan.aramann

Eine heisse Scheibe!!!!

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Als Ry Cooder Mitte der 90er Jahre nach Kuba in Urlaub fuhr, tat er das wohl aus der Motivation, die jährlich Tausende Touristen auf die größte karibische Insel treibt. Die Suche nach Entspannung und Zerstreuung, Spaß und Erholung unter karibischer Sonne.

Als Ry Cooder Mitte der 90er Jahre aus seinem Urlaub auf Kuba zurückkehrte, war er ein anderer Mensch geworden. Er hatte all das gesehen, was die Reiseprospekte ihm versprochen hatten, aber es war noch mehr passiert. Ry Cooder ist nämlich Musiker und er reiste nicht nur mit offenen Augen, sondern auch mit offenen Ohren. Und was er da hörte, hatte nach wenigen Klängen sein Herz berührt.

Als Ry Cooder zwei Jahre später wieder nach Kuba reiste, nahm er seinen Sohn Jo mit und beide besuchten wieder die alten Musiker, um diesmal mit Ihnen eine Platte aufzunehmen und so die einzigartige Musik Kubas zu dokumentieren. Dabei war auch Wim Wenders, der die Begegnung der Musiker in einem Film festhielt. Beides, Album und Film, erhielt den Namen des alten Clubs in den Hügeln im Osten von Havanna, in dem die Künstler sich vor über vier Jahrzehnten die Klinke in die Hand gaben: Buena Vista Social Club.

Obwohl die Tanzmusik vom großen Revolutionsführer Fidel Castro offiziell verboten wurde, lebte sie die ganze Zeit im Untergrund weiter. Die Musiker trafen sich in ihren Häusern und die Musik lebte die ganze Zeit weiter. Aus ehemaligen Konkurrenten wurden enge Freunde, vereint, da ihr Herz den selben Rhythmus schlägt: den Son. Und wie er schon vor gut und gerne 150 Jahren von den Sorgen und Sehnsüchten der Plantagenarbeiter erzählte, so zeugt er auch heute noch von Leidenschaft und Hingabe, er schillert in den Farben der Liebe und ist der Beweis, dass es über Havanna niemals regnet, sondern allenfalls der Himmel weint. Und da alle Musiker gemeinsam ihre Musik lieben und unter ihnen so was wie Konkurrenz oder Neid nicht mehr existiert, war es einfach für Ry Cooder, alle in die Egram Studios in Havanna zu führen, wo er mit ihnen das Album produzierte. Auf „Buena Vista Social Club“ spielt die musikalische Elite Kubas gemeinsam ihre großartigsten Kompositionen. Und was ihre Musik bietet, ist mehr als Soul und Blues zusammen. Es ist Musik, die mich ein ums andere mal in meine Träume abgleiten lässt. Darum lege ich gerne die CD in den Player und spüre dann, wie der Raum um mich langsam schwindet, ja plötzlich finde ich mich in einer Bar in Havanna wieder. Der blaue Dunst frisch gerauchter Zigarren umweht meine Nase und neben mir auf der Theke stehen eine halbvolle Flasche Rum und zwei Gläser, die Dame auf meiner anderen Seite hat Tränen in den Augen, aber sie lacht und die Haut ihrer runden Bäckchen spannt sich, während sie singt. Sie klatscht den Rhythmus und singt die Texte der Lieder mit anderen Leuten in der Bar. Wenige Meter vor uns nimmt auf einer kleinen improvisierten Bühne eine Gruppe alter Männer platz und spielt sich warm. Es ist heiß in dem kleinen Raum und die Luft ist zum schneiden, aber plötzlich kehrt Ruhe ein, als die ersten Klänge der Instrumente ertönen.

Schon das erste Lied „Chan Chan“ bietet den perfekten Einstieg. Die Rhythmen vielschichtig und auf mehrere Instrumente verteilt, dazu die helle Gitarre, die eine sinnliche Melodie vorgibt. Und dann singen die alten Herren. Vorne der Gitarrist Eliades Ochoa, im Hintergrund Ibrahim Ferrer und Compay Segundo, der das Lied auch komponiert hat und bei der Aufnahme bereits 89 Jahre alt war. Sie erzählen die Geschichte von Chan Chan, der für seine große Liebe Juanica die Reise über mehrere Dörfer auf sich nimmt und von ihrem Tanz trunken und erschöpft ist. Auch ich fühle mich erschöpft, meine Reise muss lang gewesen sein und nun diese Frau an meiner Seite. Ry Cooder spielt bei diesem Lied die Slide Guitar, die dem ganzen Country-Elemente beimischt. Das Lied teilt sich aber in zwei Teile auf, einem ersten Teil mit Gesang und einem zweiten, instrumentellen Teil, der nach gut zweieinhalb Minuten einsetzt und mit einem Solo einer von anklagender Klarheit gespielten Trompete und einem Gitarrensolo aufwartet, in dem alles Leid versammelt ist, das Chan Chan für seine Reise auf sich nimmt. Der Son schließt wieder mit dem Refrain, in dem die Reise über die vier Dörfer geschildert wird.

Dann tritt Ibrahim Ferrer nach vorne und singt „De Camino a La Vereda“, der seinen Freund mahnt, nicht vom rechten Pfad abzukommen, nicht mit den Herzen der Damenwelt zu spielen. Allein Ferrer singen zu hören ist schon ein wundervoller Genuss. Seine Stimme ist weich und eindringlich, er bringt so eine direkte Nähe zu seinen Zuhörern zustande. Ich kenne keinen anderen Sänger, dessen Gesang mir so schnell unter die Haut ging. Vielschichtig ist auch dieses Lied instrumentiert, so spielen Gitarre, Bass und Percussion alle unterschiedliche Melodien, die sich unter dem Gesang jedoch wunderbar vereinen. Wenn der Gesang aussetzt, gibt die Trompete kurze Intermezzi. Bei diesem Song schaut die Dame an meiner Seite mir prüfend und tief in meine Augen. Nein, natürlich bin ich nicht der Freund, den Ferrer besingt. Ich trinke einen Schluck Rum und küsse sie aufs Ohr.

Wesentlich impulsiver startet „El Cuarto de Tula“ mit einem kraftvoll schmetternden Trompetensolo, begleitet von Kongas und Percussion. Spontan hat die Frau an meiner Seite, die sich inzwischen als Mariana vorgestellt hat, begonnen zu tanzen. Ich tue es ihr nach. Eliades Ochoa, der Mann an der Gitarre, singt von Tula’s Schlafzimmer, das in Flammen steht und gelöscht wird. Nach zwei Strophen wechselt das ganze Lied in reine Improvisation, einzig Bass und Schlaginstrumente halten den Rhythmus. Gitarre und Mandoline spielen aber das, was gerade passt. Und hinzu kommt, dass sich die verschiedenen Sänger immer wieder gegenseitig zur Hilfe rufen. Weiterhin umfasst der Song ein sehr langes Gitarrensolo und kürzere Trompetenthemen.

Nach dem wilden Tanz setzen wir beide uns schweißgebadet wieder an die Bar. Es wird wieder ruhiger in der Bar. Ruben Gonzales sitzt am Klavier und spielt mit „Pueblo Nuevo“ einen Danzon, wird dabei ebenfalls von Percussion und Bass begleitet. Auch er rutscht ab in die Improvisation und übernimmt plötzlich Mambo-Elemente, als unerwartet nach rund viereinhalb Minuten Manuel Mirabal mit der Trompete einsetzt. Plötzlich gegen Ende des Liedes verliert sogar der Bass seine Linie und improvisiert ebenfalls ein paar Takte.

Ibrahim Ferrer tritt wieder ans Mikrofon. Er singt ein wundervolles Liebeslied „Dos Gardenias“. Zwei Gardenien schenkt er seiner Geliebten, um ihr zu sagen, wie sehr er sie liebt und was diese Blumen für sie ausdrücken sollen. Sie stellen beider Herzen dar. Sie soll sie hegen und pflegen und wenn sie eines Tages sterben sollten, weiß er, dass sie ihn betrogen hat. Sehr getragen und traurig kommt in diesem Lied die Trompete rüber. Das Klavier unterlegt mit Melodieimprovisationen den Gesang. Der Blumenverkäufer in der Bar muss sich beeilen, denn schon nach 3 Minuten ist dieses wunderbar traurige Lied vorüber. Aber natürlich kaufe ich ihm zwei Gardenien ab und schenke sie Mariana. Sie lächelt verlegen und legt die Blumen auf der Theke ab.

Ein ganz altes Lied spielen danach Compay Segundo und Ry Cooder. „Y Tu Que Has Hecho?“ hat einen wundervollen Text, den ich gerne komplett übersetzen möchte:
„In einen Baumstamm schnitzte ein junges Mädchen
Freudestrunken ihren Namen ein.
Der Baum, gerührt bis ins Herz
Ließ eine Blüte auf das junge Mädchen fallen.
Ich bin der Baum, traurig und ergriffen
Du bist das Mädchen, das meine Rinde verletzte
Ich werde für immer deinen geliebten Namen behüten
Und Du, was hast Du mit meiner armen Blüte gemacht?“
Als Mariana neben mir diese Zeilen hört, nimmt sie die beiden Gardenien wieder auf und schnuppert an ihnen. Auch dieses Lied ist eher traurig, enthält aber wiederum einige stimmungsgeladene Gitarrensoli. Dadurch hebt es sich von anderen Bolero ab. Alle anderen Instrumente halten sich vornehm im Hintergrund.

Der dritte Bolero in Folge und endlich eine Frauenstimme. Omara Portuondo singt, begleitet von Compay Segundo und Ry Cooder, das abermals sehr traurige „Veinte Anos“. Sie singt über eine Liebe, die in den letzten zwanzig Jahren langsam dahin geschwunden ist. Allen Schmerz darüber packt sie in ihre tiefe Stimme, die die anderen Instrumente hier und da zu bremsen scheint. Akzente setzen an einzelnen Stellen Gitarre und Bass gemeinsam, wenn sie Dynamik aufnehmen. Ich blicke zu Mariana hinüber, aber sie scheint nicht zuzuhören, zieht bedächtig an einer dicken Zigarre. Das sieht stark aus, geheimnisvoll verwegen. Ich bemerke spätestens jetzt, dass sie mich vollends eingenommen hat.

Dann folgt ein in seiner Klarheit und Traurigkeit gleichermaßen ergreifendes Lied. Der Bass bleibt das ganze Lied über bei einem stringenten wie simplen Muster: b-a / b-c / b-a / b-c / b-a usw. Keine Änderung. Dazu ganz ruhig die Klänge von Gitarre und Percussion, die sich aber dem Bass und dem Gesang unterordnen. Eliades Ochoa singt vom Leben auf dem Lande, von „El Carretero“, seiner harten Arbeit, Mühen tagein, tagaus. Alles, um eines Tages heiraten zu können und dadurch ein glücklicher Mensch zu werden. Mariana hat die Zigarre inzwischen aufgeraucht. Sie legt ihre Arme um mich und lehnt sich an meine Schultern. Ich glaube, sie kennt das Leben, von dem Ochoa singt.

„Candela!“ Feuer! In der stickigen Luft der Bar wieder ein Lied, das schon bei den ersten Tönen zum tanzen einlädt. Dabei ist die Instrumentierung wieder typisch für den Son sehr umfangreich und vielschichtig geworden. Immer wieder erstaunlich, wie die vielen unterschiedlichen Rhythmen zu einer Melodie verschmelzen. Das Feuer, dass da brennt und von dem Ibrahim Ferrer singt, ist natürlich das Feuer der Liebe. Und der Gesang ist voller Doppeldeutigkeiten, denn so kommt eine gehörige Portion Erotik und Lust hinzu. Beim Tanzen blicke ich Mariana tief in die Augen. Sie wendet mir den Rücken zu, blickt aber immer wieder verführerisch über ihre Schulter zu mir. In der schweren Luft funkeln ihre Augen dabei wie Edelsteine. Ich kann zwar nicht die Worte verstehen, die sie zu mir sagt, aber die Sprache der Liebe besteht aus mehr als Worten. Ihr Tanz ist Ausdruck reinster Begierde.

Unsere Euphorie füreinander wird ein wenig gebremst durch das nächste Lied namens „Amor de Loca Juventud“. Die verrückte Liebe der Jugend. Wieder mal ein Song, der durch das filigrane Spiel der Gitarre geprägt ist, allerdings werden hier auch amerikanische Gospelelemente eingebaut. Die Melodien sind weniger vielschichtig, die Percussion hat reine Rhythmusfunktion.

Wahren Jazzcharakter bringen Schlagzeug und Bass in den nächsten Song „Orgullecida“ ein. Hinzu kommt die E-Gitarre, die mit herrlich seufzend verzerrten Tönen aufwartet. Und ein herrlich verliebt tänzelndes Klaviersolo. Wunderbar. Und während Compay Segundo davon singt, wie rein seine Liebe sei, in welchem Anmut sie erstrahlt und dass sich doch bald an ihr seine Eifersucht entzünden wird, da sein Herz bald von der Frau erobert sein wird, die er immer begehrt hat, während er das singt sitzen Mariana und ich wieder an der Bar und trinken eine Schluck Rum. Dann sehen wir uns an, neigen die Köpfe gleichzeitig leicht zur Seite und lassen uns treiben. Ihre samtweichen Lippen berühren meine und wir küssen uns. Der Alkohol hat sicherlich seinen Anteil daran, dass unsere Zungen miteinander spielen, wild und verwegen.

Ibrahim Ferrer singt nun für uns „Murmullo“ und Ruben Gonzales begleitet ihn am Klavier. Die Zeit scheint stehen zu bleiben, ich spüre, dass die Blicke aller im Raume auf uns ruhen. Aber das ist uns egal, in uns tobt ein Feuer, das wir gegenseitig entfacht haben und die Zungen des Feuers lassen uns verschmelzen. Der Mann hinter Mariana pustet den kalten Rauch seiner Zigarre zur Decke, während sich der Kellner durch die Menschen wühlt und auf seinem Tablett fünf Gläser Rum trägt. Und Ferrer seufzt genussvoll „Uhmmmmmm, mmmmmmh“

Langsam beenden wir unseren Kuss. Die Band spielt „Buena Vista Social Club“, die heimliche Hymne unserer Bar. Das sichere Zeichen, dass sich die Sperrstunde nähert. Das Licht im Saal scheint ein wenig heller zu werden. Ruben Gonzales spielt auf dem Klavier einen Danzon. Entspannung kehrt ein über die besinnlichen Klänge seiner Musik und er wendet sich wieder der Improvisation zu. Wie lange hat der Mann wegen seiner Gastritis kein Klavier mehr spielen dürfen, weil der Arzt es ihm verboten hat? Nur so kann ich mir die Freude erklären, mit der Gonzales in die Tasten haut.

Unsere Gläser sind leer, das Licht geht an. Langsam ist es an der Zeit aufzubrechen, ich zahle für uns, aber die Band will uns doch noch ein Lied mit auf den Weg geben. Noch einmal singt Compay Segundo und zupft dabei die Gitarre, Orlando Lopez spielt den Bass und Ruben Gonzales das Klavier. Noch einmal singen die alten Männer Ibrahim Ferrer und Manuel Licea mit getragener Stimme, aber glücklicher Miene von der Frau aus Bayamo, die ihr Haus lieber abgebrannt hat, als es den Spaniern zu überlassen. Das älteste Lied, geschrieben 1869, sehr sparsam instrumentiert wird der Gesang der drei Männer begleitet. Noch einmal lasse ich mich von ihrer Musik fesseln.

Mariana ist neben mir aufgestanden, ohne dass ich es bemerkt habe, ich sehe ihr rotes Kleid noch durch die Türe gehen, springe auf und versuche ihr nachzurennen. Aber es waren wohl ein paar Gläser Rum zu viel, ich taumele und falle auf den Boden.

Als ich wieder die Augen aufmache, liege ich allein auf meinem Sofa. Die Luft ist klar, hier hat niemand geraucht. Eine Flasche Rum steht hier auch nicht. Nur der CD-Player blinkt, möchte die Scheibe noch einmal spielen. Ich atme durch, ich muss geträumt haben. Mal wieder. Und wieder der selbe Traum...

11 Bewertungen, 3 Kommentare

  • anonym

    16.09.2003, 13:18 Uhr von anonym
    Bewertung: sehr hilfreich

    Sehr guter Bericht. War echt interessant zu lesen...

  • suesses

    20.04.2002, 20:06 Uhr von suesses
    Bewertung: sehr hilfreich

    super Bericht! Ich finde es bemerkenswert das du immer so viel zu einem Thema schreibst! Das macht es nämlich sehr interessant. Und du machst es immer sehr übersichtlich!!

  • AliAsAliAs

    12.04.2002, 17:32 Uhr von AliAsAliAs
    Bewertung: sehr hilfreich

    nicht ganz meine Musik - aber prima Bericht - gruß vom alias