Elf Minuten (gebundene Ausgabe) / Paulo Coelho Testbericht

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Erfahrungsbericht von Pici16

11 min.

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Elf Minuten? Was sind schon elf Minuten in unserem rasanten Leben? In elf Minuten essen wir unser Frühstück, in elf Minuten telefonieren wir mit unseren Freunden oder Eltern, elf Minuten stehen wir unter der Dusche. Oder man erlebt in elf Minuten die angeblich schönste Nebensache der Welt.

Ob man will oder nicht, jeder wird oder wurde bereits mit diesen elf Minuten konfrontiert, die in unserer Gesellschaft so wichtig sind und eine viel tiefere Bedeutung haben als angenommen. Warum achten wir so pingelig auf unser Äußeres? Warum machen wir Diäten? Warum kaufen wir schöne Kleider mit Schnitten, die der Figur schmeicheln und Farben, die die Augen hervorheben? Warum machen wir uns ständig einen Kopf, wie es wohl wäre? Warum träumen wir nachts davon? Und warum nicht ein Buch darüber schreiben aus der Perspektive des wohl kompetentesten Menschen auf diesem Gebiet: einer Prostituierten.

Paulo Coelho wirft einen Bestseller nach dem anderen auf den Markt. Der wohl anerkannteste Roman heißt „Der Alchemist“, den ich persönlich leider noch nicht gelesen habe. Des weiteren schrieb er „Auf dem Jakobsweg“, „Der fünfte Berg“, „Der Wanderer“, „Unterwegs“, „Veronika beschließt zu sterben“, „Handbuch des Kriegers und Lichts“, „Der Dämon und Fräulein Prym“. Immer wieder beeindruckend finde ich die Tatsache, dass Coelhos Geschichten auf seinen eigenen Lebenserfahrungen basieren und somit tief unter die Haut gehen. Veronica Ferres sagte 2002 bei der Bambi-Verleihung: „Es gibt Bücher, durch die entdeckt man neue Welten. Und es gibt Bücher, durch die entdeckt man sich selbst. Und ganz selten gibt es manchmal ein Buch, durch das man neue Welten in sich selbst entdeckt. Paulo Coelho schreibt solche Bücher.“ Wie auch in Coelhos Geschichten steckt in dieser Aussage 100 % Wahrheit.

Nachdem mich sein weiterer Vorgänger „Am Ufer des Rio Piedra saß ich und weinte“ allerdings nicht wirklich überzeugen konnte, griff ich am Geburtstag meiner Mutter rein zufällig zur Bettlektüre meines Vaters „Elf Minuten“. Ich zog mich gerade ein paar Minuten von der Gästeschar zurück und als ich mich auf das Bett fallen ließ, verlockte mich der Titel „Elf Minuten“ auf dem Diogenes-Einband zum spontanen Lesen.

Ich begann auf der ersten Seite und war bereits ab dem ersten Satz völlig involviert in die Geschichte: „Es war einmal eine Prostituierte namens Maria“. Diese Worte ließen mich doch zunächst stutzig machen, denn von Coelho hätte ich solch ein Thema keineswegs erwartet. Ich las weiter bis ich mich meine Mutter wieder zu den Gästen rief, wobei ich mittlerweile nahezu 40 Seiten am Stück gelesen hatte. Ich hatte einfach angefangen und bin nicht mehr losgekommen – und ich bin mir sicher, hätte meine Mutter mich in diesem Augenblick nicht gerufen, so hätte ich das Buch in einem Zug gelesen.

Doch der Berufsalltag kehrte schnell wieder ein: anstrengendes Training plus das Arbeiten am Wochenende ermüdeten mich und ließen mich am Abend lieber zur Fernbedienung oder zum Telefonhörer als zum Buch greifen.

Einige Wochen später, dank eines erneuten Besuchs bei meinen Eltern, erinnerte ich mich an die Geschichte der Maria und durfte den Roman leihweise mit nach Hause nehmen. Noch am selben Abend vertiefte ich mich zurück in die Geschichte und ließ mich von ihr wahrhaftig fangen.

Maria ist eine junge hübsche Brasilianerin, die in einem kleinen Dorf ihres Heimatlandes aufgewachsen ist und lebt. Während ihrer gesamten Kindheit und Jugend träumt sie davon, dass sie eines Tages in die große Welt hinausgeht und so erfolgreich wird, dass ihre Familie und Freunde neidisch werden. Sie möchte weitaus mehr erreichen als nur ein gewöhnliches Familienleben in Brasilien zu führen, so dass sie auch den Heiratsantrag ihres Chefs, eines Stoffverkäufers, ablehnt.

Den Glauben an die große Liebe verlor sie bereits in der Schule: Eines Tages kam ein Junge, in den sie sich verliebt hatte auf sie zu und fragte sie nach einem Bleistift. Trotz all der Träume, mit ihm zusammen zu sein und ihn zu lieben, schreckte sie in diesem alles entscheidenden Moment vor Angst zusammen und reagierte nicht auf ihn. Sie malte sich aus, wie sie ihm beim nächsten Mal antworten würde, doch es gab kein nächstes Mal. Seitdem empfindet sie die Liebe als etwas Schreckliches und glaubt nicht, dass sie existiert.

Wie der Zufall es so will, trifft Maria eines Tages einen Schweizer Mann, der ihr eine große Karriere als Samba-Tänzerin in Genf verspricht. Geleitet von ihrem größten Traum willigt sie ein und verlässt zunächst auf ungewisse Zeit ihre Heimat, um in einer völlig fremden Stadt in einem fremden Land und mit einer fremden Sprache ein fremdes Leben anzufangen.

Die Realität sieht nun anders aus, als es ihr der Schweizer versprochen hatte: Zahlreiche Brasilianerinnen sind auf diese Weise in den Genfer Club gelangt und verdienen nur knappes Geld für eine harte und unwürdige Arbeit als Tänzerin. Alle Tänzerinnen sind unglücklich, doch Maria entscheidet sich, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Sie lässt sich von dem geringen Lohn in einem Fotostudio ablichten und bewirbt sich daraufhin bei Model-Agenturen. Nach mehreren Tagen erhält sie tatsächlich eine Rückmeldung: ein Abendessen mit einem Araber. Maria weiß zunächst nicht, was sie erwarten wird, doch sie lässt sich darauf ein. Sie verbringen einen kulturellen Abend, der mit einer gemeinsamen Nacht in einem Hotel endet. Der Araber lohnt sie mit 1000 Schweizer Franken und Maria kann nicht fassen, wie leicht sie dieses Geld verdient hat.

Sie beginnt nachzudenken, was sie mit ihrem weiteren Leben anstellen soll und schreitet durch das Rotlichtmilieu von Genf. In einem relativ noblen Club beschließt Maria, herein zu schauen und einen Drink zu bestellen. Prompt wird sie gefragt, ob sie Arbeit suche. Schnell werden ihr die Bedingungen und Tarife erklärt und bereits am folgenden Tag kann sie ihre neue berufliche Karriere als Prostituierte antreten.

Maria kündigt in dem Samba-Lokal und beginnt als erfolgreiche Prostituierte ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sie wechselt die Wohnung, gönnt sich schöne Sachen und führt ein legeres Leben: tagsüber schläft sie aus, geht spazieren und lernt Französisch, abends geht sie in den Club und bedient regelmäßig drei Freier. Ihr Leben scheint einen geregelten Ablauf anzunehmen, doch Maria ist sich nicht sicher, ob dies ihr Lebensinhalt bleiben soll. Sie ist sich nicht sicher, ob es richtig ist, was sie tut, doch sie tut es weiterhin. Zu ihrer eigenen Zufriedenstellung setzt sie ein festes Datum an, an dem sie wieder zurück nach Brasilien kehren möchte, um diesem ungewöhnlichen Leben ein Ende zu bereiten. Sie rechnet aus, dass sie bis dahin genügend Geld verdient hat, um ihrer Familie ein kleines Landhaus kaufen zu können und ihr Flugticket zu bezahlen.
Doch ihre Pläne werden durchkreuzt, als sie eines Tages den Maler Ralf Hart kennen lernt. Er entdeckt in ihr ein Licht und bringt sie dazu, über den Sinn in ihrem Leben nachzudenken, über den Unterschied von Körper und Seele, über Liebe und Leben und welche Bedeutung elf Minuten ihres Lebens haben können...


Dies ist das ergreifendste und mit Abstand beste Buch, dass ich im Verlauf meines bisher noch recht kurzen Lebens gelesen habe. Noch nie hat mich ein Roman so gepackt, so zu Tränen gerührt und mir so sehr aus der Seele gesprochen. Coelho hat Passagen geschrieben, unter die ich mit Leib und Seele unterschreiben würde.

Selbst wenn man gefangen von Klischees und gesellschaftlichen Vorgaben anfangs keinerlei Parallelen zu dem Leben einer Prostituierten erkennen kann, so wird man eines besseren belehrt, denn irgendwo beschäftigt uns Menschen doch permanent dieselbe Frage, bei der es keine Rolle spielt, wo wir geboren wurden, welche Religion wir vertreten, welchen Beruf wir haben oder welchen Betrag unser Kontoauszug aufweist: Was erwarten wir vom Leben?

Coelho schafft es, in solch einer Weise zu schreiben, dass sich jeder irgendwo wieder entdeckt und ich denke, es gibt nichts ergreifenderes als die nackte Wahrheit.

Ich gebe zu, dass Paulo Coelho mich mit „Am Ufer des Rio Piedra saß ich und weinte“ keineswegs begeistern konnte, doch „Elf Minuten“ ist einmalig. Dadurch fürchte ich mich ein wenig davor, ein weiteres Buch aus seiner Feder zu lesen, da es mir in meiner geistigen Vorstellung unmöglich erscheint, diesen Roman in irgendeiner Weise zu übertreffen.

Ich kann dieses Buch aus tiefster Seele ausnahmslos jedem ans Herz legen. Mich persönlich hat es dazu gebracht, über meine Erwartungen und Träume, meine Gedanken und mein Verhalten zu sinnieren – sicherlich mit den einen oder anderen Tränen in den Augen, doch wer hat je behauptet, dass die Beschäftigung mit sich selbst einfach ist? Ich denke, dass viele Menschen sich davor scheuen, ehrlich und aufrichtig in ihr Inneres zu schauen. Sicher findet man nicht nur Gutes, doch man muss auch seine schlechten Seiten akzeptieren können um sein Leben in den Griff zu bekommen. Und wenn es damit anfängt, darüber nachzudenken, was einem elf Minuten im Leben bedeuten.

15 Bewertungen, 1 Kommentar

  • Wunderblume

    12.06.2004, 00:54 Uhr von Wunderblume
    Bewertung: sehr hilfreich

    Elf Minuten habe ich leider noch nicht gelesen, ich warte noch darauf, es irgendwo günstig zu bekommen. Ich kann dir "Veronika beschliesst zu sterben" empfehlen, das derzeitig mein Lieblingsbuch ist. Darin geht es um die Verrücktheit, d