Das Nazareth-Gen (Taschenbuch) / Michael Cordy Testbericht

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ab 6,71
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Erfahrungsbericht von magnifico

Göttlicher Funke in der DNS

Pro:

sehr spannend und fesselnd, disktuierbarer Denkanstoss, tiefgehend

Kontra:

am Ende lehnt sich der Autor etwas sehr weit aus dem Fenster

Empfehlung:

Ja

Weltweit wird fieberhaft an der Entschlüsselung dessen gearbeitet, was scheinbar zu den letzten Geheimnissen des Lebens gehört und zugleich dem Schöpfer selbst auf die Finger schauen lässt, wenn er das nächste Mal „an der Krone der Schöpfung“ Hand anlegt: Das menschliche Genom. Das oder vielmehr die Genom-Projekte befinden sich zunehmend in der letzten Phase, bei der die Millionen und Abermillionen Informationen über die vier Basen, die in der Vielzahl aller vorstellbaren Permutationen jedem Menschen sein persönliches Genprofil verleihen und zugleich weitestgehend über Aussehen und Gestalt entscheiden. Doch die Frage, welches Gen konkret für welche Eigenschaft verantwortlich ist, wie die unterschiedlichen Kombinationen sich untereinander möglicherweise wiederum zu neuen Fähigkeiten und Merkmalen ergänzen und ob schließlich jemals das „große Ganze“, also der Mensch an sich allein über die vier Basen abgebildet werden kann, liegen derzeit in realiter wohl noch in weiter Ferne. Wer alleine weiß, welche Farben Leonardo da Vinci für sein Gemälde „Mona Lisa“ verwendet hat, weiß noch lange nicht, ob die ehrenwerte Dame lächelt oder nicht.

Bei Michael Cordys Werk „Das Nazareth-Gen“ ist dies ein klein wenig anders. In dem 427 Seiten starken Roman, der 1999 beim Heyne-Verlag unter der ISBN 3-453-14728-6 für 14,90 DM, nunmehr für 7,90 €, erschienen ist, steht zwar ebenfalls das menschliche Genom im Vordergrund. Allerdings nicht irgendein Genom, sondern das historisch wohl am interessantesten und moralisch am heikelsten überhaupt: Das Genom von Jesus Christus.

Bevor ich mich gleich kurz mit dem Inhalt des Buches befasse, eine kurze Vorstellung des Autors selbst: Michael Cordy wurde im Jahre 1962 geboren und arbeitete bis 1993 als Marketingleiter für einen englischen Konzern. Neben seiner Tätigkeit in der Werbeabteilung interessierte sich Cordy schon während dieser Zeit für die zunehmend fortschreitende Genforschung und die damit verbundenen Diskussionen um die moralischethischen Grenzen der Erforschung und Anwendung der neuen Möglichkeiten. Letztlich gab Cordy seinen Job sogar zugunsten des entstandenen Romans auf, um das heikle Thema in einen spannenden Thriller zu packen.

Soweit der Autor selbst, nun zum Inhalt des Werkes. Tom Carter, Nobelpreisträger und weltweit führender Genforscher, ist die Entschlüsselung des menschlichen Genoms gelungen. Doch gerade dies macht ihn in den Augen zahlreicher religiöser Vereinigungen zum Frevler an Gott und seiner Schöpfung. Bei einem Attentat überlebt Carter, nicht jedoch seine Frau. Eine düstere Bruderschaft beschließt nunmehr, dem unermüdlichen Forscher endgültig den Todesengel zu senden. Während dessen versucht Carter verzweifelt, das Leben seiner von einer unheilbaren Krankheit befallenen Tochter zu retten, indem er mittels eines Supercomputers die Gene der gesamten menschlichen DNS analysiert. Doch neben dem doppelten Wettlauf um Leben und Tod rinnt auch noch der Sand durch eine dritte Sanduhr, mit der das Leben eines ganz besonderen Menschen gemessen wird.

Soweit der Inhalt, dessen Angabe ich bewusst oberflächlich und knapp gehalten habe, um niemanden um den Genuss der hochspannenden und sehr dichten Handlung zu bringen. Der Roman liest sich ganz hervorragend, er ist sehr flüssig und natürlich geschrieben und entführt den Lesenden aus wohl jeder Alltagssituation in die Welt der eigenen Phantasie. Unsichtbar tritt man als Leser neben die Protagonisten, moralischethischen an ihren Emotionen und durchleidet die gleichen Situationen, die der Autor sehr plastisch und lebendig entworfen hat. Das Thema selbst, die Gentechnik und ihre Möglichkeiten, ist sicherlich insbesondere im Hinblick auf die besondere Verarbeitung, die Cordy gewählt hat, etwas, was nicht jedermanns Sache ist. Insoweit sollte man den Roman als Lektüre vom Roman als Denkansatz trennen, um nicht das eine mit dem anderen zu vermischen und insbesondere bei einem eher restriktiv-kritischen Ansatz gegenüber der Gentechnik – was sicherlich kein Ausdruck von Erzkonservatismus ist – den Roman an sich negativ zu beurteilen. Das Werk ist ein gelungener Thriller, der Aufmerksamkeit fordert und bereits nach wenigen Seiten auch uneingeschränkt erhält, somit also nicht nur für Bücherwürmer geeignet ist, sondern vielmehr auch bei Gelegenheitslesern gut ankommen wird, denn die Seiten fliegen nur so dahin.

Das Buch hat mich sowohl vom Schreibstil wie auch vom Inhalt selbst stark beeindruckt und mehr als einmal so gefesselt, dass ich beinahe vergessen hätte, rechtzeitig aus dem Bus – ein Vorteil des ÖPNV ist, dass man Zeit zum Lesen hat, während mal wieder der Verkehrsstau jedes Fortkommen verhindert – auszusteigen. Die hohe Spannung, die zwischen den Seiten nur so knistert, machten es schon schwer, nicht einfach am Abend das Licht bis in die Tiefe Nacht hinein durchbrennen zu lassen und lieber am nächsten Tag auf anstehende Prüfungen, Besprechungen oder Ähnliches zu pfeifen, um einfach nur weiterlesen zu können. Insoweit meine Empfehlung, das Buch nicht unbedingt vor wichtigen Prüfungen anzulesen – es könnte sich als fatal für die Lerndisziplin erweisen.

Was den Inhalt selbst betrifft, thematisch, nicht qualitativ, kann man natürlich gespaltener Ansicht sein. Die versteckte Lospreisung der Möglichkeiten, die mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms einhergehen, ist sicherlich einer der positiven Aspekte, blickt man auf die Möglichkeit, unheilbare Krankheiten besser bekämpfen zu können. Allerdings steht dem auch das beleuchtete Szenario gegenüber, dass jeder Mensch, freiwillig oder nicht, auf Herz und Niere in puncto genetischer Veranlagung geprüft werden kann. Am Ende läuft Cordy zudem Gefahr, sich an einer religiösen Untiefe aufzureiben, die im Ansatz beinahe schon ein wenig frevelhaft oder sogar blasphemisch daher kommt. Auf den letzten Seiten werden sich meines Erachtens endgültig die Meinungen darüber scheiden, ob dem Autor ein Meisterwerk oder ein alles andere als gutes Buch – von der Thematik und ihrer Verarbeitung her – gelungen ist, denn das, was der Autor hier projiziert, ist alles andere als jedem genehm.

Empfehlen lässt sich das Buch, wie bereits kurz angerissen, grundsätzlich jedem, der etwas für Romane und packende Thriller übrig hat. Man muss dabei weder Meister im Alleslesen noch eingefleischter Biologie oder Gentechniker sein, da das Buch ohne Fachchinesisch oder Ähnliches auskommt. Aufgrund der hohen Spannung und der natürlichen Schreibweise können sowohl Bücherwürmer als auch Gelegenheitsleser hier großen Gefallen finden, zumal die eher im oberen Mittel liegende Seitenzahl kein Abschreckungspotential in sich trägt. Lesemuffel oder erbitterte Ökos, die von vornherein keiner Diskussion über das Pro und Contra der Gentechnik zugänglich sind, werden hingegen auch mit diesem Werk nichts anzufangen wissen.

28 Bewertungen, 2 Kommentare

  • feldhase

    02.05.2005, 23:32 Uhr von feldhase
    Bewertung: sehr hilfreich

    und du verrätst nichts, was denjenigen, die das Buch nicht kennen, den Spaß daran nehmen könnte. Ich lese es gerade ;-) Gruß vom Feldhasen

  • Er@ser

    06.02.2005, 16:17 Uhr von Er@ser
    Bewertung: sehr hilfreich

    Überschriften wären noch ganz nett, liest sich dann besser ;) mfg Er@ser