Das Gesicht des Drachen (Taschenbuch) / Jeffrey Deaver Testbericht

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Erfahrungsbericht von myra-belle

Menschenschmuggler Gui macht Rhyme das Leben schwer

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Es handelt sich um den 4. Thriller um das Gespann Lincoln Rhyme und seiner Assistentin Amelia Sachs. Rhyme ist nach einem tragischen Unfall an den kirschroten Rollstuhl Modell Storm Arrow gefesselt, da sein 4. Halswirbel verletzt wurde. Daher kann er sich nur bis zu den Schultern bewegen. Nach hartem Training kann er selber atmen und betätigt mit seinem einzigen noch funktionsfähigen linken Ringfinger das Touchpad. Gekoppelt mit seiner Stimme werden die um ihn angeordneten Apparate gesteuert. Sein Körper ist zwar gefangen, aber sein Geist ist immer noch so fit wie vor dem Unfall oder sogar noch fitter. So wird auf ihn als Berater zurückgegriffen, wenn die Behörden nicht mehr weiterkommen. Seine detuktiven Fähigkeiten sind legendär. Und die Legenden werden immer wieder aufs Neue bestätigt.

Im vorliegenden Thriller macht diesen der chinesische Menschenschmuggler Kwan Ang, besser bekannt als Gui = Geist (chinesisch) bzw. Geist (wörtliche Übersetzung ins Deutsche) Probleme. Der Verbrecher wird wegen 11 Morden an Emigranten, Polizisten und verdeckten Ermittlern und 15 Vergewaltigungen an Flüchtlingsfrauen gesucht. Menschenschmuggler werden bei den Chinesen als Schlangenkopf bezeichnet. Er bezeichnet seine menschliche Fracht als Ferkel.
Mit Rhymes Hilfe orten die Behörden das Schiff, auf dem sich Gui, eine 7köpfige Besatzung und 2 Dutzend Flüchtlinge befinden. Zu fast aller Entsetzen jagt Gui das Schiff eigenhändig in die Luft und verfolgt die Überlebenden, um sie auch noch zu beseitigen. Dieses Szenario verabreicht Rhyme eine gehörige Portion Schuldgefühle.

Trotz Guis Bemühungen schaffen es 2 Familien, die Changs und die Wus, ein Dr. Sung und ein Mann, der sich als chinesischer Polizist namens Sonny Li entpuppt, zu überleben. Der Wettlauf mit der Zeit, bei dem die Aufenthaltsorte der beiden Familien im Brennpunkt liegen, zieht sich über das gesamte Buch. Immer wieder entkommen die 10 Personen nur durch Zufall oder glücklicher Fügung (Wie man es halt betrachtet.) dem Tod.

Menschenschmuggel ist wohl immer ein brisantes Thema. Im vorliegenden Fall werden nur Chinesen da mit rein gezogen. Jefferey Deaver gewährt kleine Einblicke in das Leben der Flüchtlinge vor und nach der Ankunft in Mei Guo = Schönes Land = Amerika. Ich sage aber klein, da trotz allem nicht sie als Personen im Vordergrund stehen, sondern Rhyme und Sachs. Die Flüchtlinge sind Dissidenten mit ihrer Familie. In China haben sie es gewagt, lautstark ihre Meinung gegen das Regime zu äußern. Sie versuchen mit ihrer Flucht sich den Umerziehungslagern zu entziehen. (Es wird zwar in dem Buch nicht weiter darauf eingegangen, ich weiß aber, dass dort mit mitunter harten Methoden Gehirnwäsche betrieben wird.) Außerdem wurde ihnen weißgemacht, in Amerika seien die Straßen aus Diamanten und so manch einer wäre schon nach kurzer Zeit reich geworden. So Geschichten halt, die mit jeder mündlichen Weitergabe immer mehr aufgebauscht wurden.

Rhyme hat damit zu kämpfen, dass er so gut wie nichts alleine machen kann. Er blafft so auch immer wieder seinen Betreuer Thom an, wenn er diesen als helfende Hand braucht. Oft fragt er sich, ob die anderen nur so willig auf seine Vorschläge eingehen, weil diese einem Krüppel nicht widersprechen wollen.
Rhyme schließt aber Li ins Herz, da dieser seine Behinderung nicht als eine Behinderung ansieht. Anfangs prallen aber die zwei verschiedenen Welten aufeinander. Rhyme glaubte bis dato nur an Fakten und Beweise. Li kann ihm aber durch Eintreffen seiner Vorhersagen beweisen, dass auch Omen, die ein abergläubischer Chinese zu sehen glaubt, als solche eine wichtige Aussage haben und zum richtigen Ergebnis führen. Der Aberglaube ist fest in der chinesischen Kultur und den Traditionen verwurzelt.

Amelia ersetzt Rhyme seine Beine und wird von ihm immer wieder durch das Headset harsch angetrieben, damit sie die Tatortarbeit mehr als gewissenhaft durchführt und alle, aber auch alle Beweise einsammelt. Seit einiger Zeit sind sie auch Liebende. Sex ist halt nicht in jeder Beziehung das Wichtigste.
Auch Amelia hat gesundheitliche Probleme. Zum Einen macht ihr die chronische Arthritis zu schaffen, die sie von ihrem Großvater geerbt hat, zum Anderen ist sie nicht so fruchtbar, wie sie es gerne wäre. So greift sie willig nach dem Strohhalm, den ihr Dr. Sung mit seinen Kräutern und Akkupressursitzungen anbietet. Die beiden werden Freunde.

Ansonsten möchte ich nichts mehr zur Geschichte sagen, sondern noch ein bisschen Kritik üben.
1) Wie schon gesagt sind Rhyme und Sachs die Protagonisten. Leider werden ihre Probleme immer in den Vordergrund gestellt. Alle anderen Figuren werden damit zu Nebendarstellern degradiert. Ich empfinde es als schade, dass die Probleme der Flüchtlinge nur so nebenbei dargestellt werden. Ungehorsam der Kinder gegenüber den Eltern, Ungehorsam der Frau gegenüber dem Mann, Geldprobleme, miese Absteigen, schlechte Arbeitsbedingungen, Verwundungen und Tod. Alles wird angesprochen, aber nie ausführlich behandelt.
2) Rhyme ist wirklich ausgesprochen garstig zu seinen Mitmenschen. Außerdem liebt er es, selbstherrlich über seine Erkenntnisse zu dozieren. Derweil ignoriert er alle aufkommenden Einwände. Wenn er redet, haben gefälligst alle anderen zu schweigen und andächtig zu lauschen. Das macht ihn nicht unbedingt sympathisch. Ich fürchte, er war auch schon vor seinem Unfall so und wird auch immer so bleiben.


WEITERE ANMERKUNGEN

Der 1. Thriller mit Rhyme und Sachs hieß im Original „The Bone Collector“, in Deutschland zuerst unter dem Titel „Die Assistentin“ und später nach dem deutschen Filmtitel als „Der Knochenjäger“ erschienen. Im Film hieß Sachs auf einmal Donaghy. Ich frage ich, was das sollte.
Außerdem war ich doch sehr erstaunt darüber, dass Rhyme von Denzel Washington dargestellt wird. Ohne Zweifel ein guter Schauspieler, doch wie ihr wohl wisst, ein Afroamerikaner. (Ich glaube, es ist politisch inkorrekt, ihn einen Schwarzen oder Farbigen zu nennen.) In den Büchern wird Rhymes Hautfarbe nie angesprochen. Wenn da jemand Afroamerikaner ist, wird dies zumindest in einem Nebensatz angesprochen.

FAZIT

Ein solider, in sich schlüssig aufgebauter Thriller, der am Ende etwas in die politischen Sphären abhebt. Insgesamt als gut zu beurteilen.

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