Das Gesicht des Drachen (Taschenbuch) / Jeffrey Deaver Testbericht

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Erfahrungsbericht von emmtie

Neues vom Thriller-Meister der Leserverwirrung

Pro:

spannender Thriller mit vielen unerwarteten Wendungen

Kontra:

minimal schwächer als seine Vorgänger

Empfehlung:

Ja

Buchleser sind ein seltsames Völkchen. Oder sollte ich vielleicht nicht von mir auf andere schließen? :-)

Es gibt bestimmte Autoren, bei denen ich es nicht erwarten kann, eine Neuerscheinung in den Händen zu halten. Einer dieser Autoren ist eindeutig der amerikanische Thrillerautor Jeffery Deaver. Als Ende 2002 der vierte Teil seiner locker verbundenen Serie um den gelähmten Spurenermittler Lincoln Rhyme und seine Assistentin Amelia Sachs mit dem Titel „Stone monkey“ in der englischen Taschenbuchausgabe erschien, mußte ich ihn natürlich sofort bestellen (ich weiß, die gebundene Ausgabe gab es noch früher, aber da siegt im Kampf zwischen Ungeduld und Geiz plus fehlendem Platz doch die zweite Kombination). Doch als das Buch dann in meinem Besitz war, habe ich nicht sofort angefangen zu lesen, sondern habe bis zum Osterwochenende gewartet. Zum einen ist Vorfreude doch die schönste Freude und zum anderen weiß ich genau, daß ich bei einem Deaver-Werk nicht aufhören kann zu lesen und habe daher bewußt einem Zeitpunkt gewählt, an dem ich es „in einem Rutsch“ lesen kann.

Vorab wieder die Info, daß ich das Buch im englischen Original gelesen habe, den Bericht aber natürlich auf Deutsch schreibe, daher kann es eventuell zu leichten Unstimmigkeiten bei Bezeichnungen im Vergleich zu deutschen Übersetzung kommen, da die Übersetzungen in meinem Bericht „auf meinem Mist“ gewachsen sind und ich natürlich kein Übersetzer bin.


Inhalt:
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Lincoln Rhyme, ehemaliger Chef der Spurensicherung der New Yorker Polizei und nach eine Unfall vom Hals abwärts gelähmt, wird gebeten, bei der Suche nach einem chinesischen Menschenschmuggler zu helfen, der aufgrund der Tatsache, daß man kaum Infos über ihn hat und auch nicht weiß, wie er aussieht, „Ghost“, also der Geist, genannt wird. Rhyme und seine Assistentin Amelia Sachs können aufgrund der vorliegenden Indizien ein Schiff ermitteln, auf dem der Ghost persönlich illegale chiniesische Einwanderer in die USA schmuggelt. Doch als die Küstenwache zugreifen will, sprengt der Schmuggler das Schiff mitsamt einem Großteil der Flüchtlinge in die Luft. Nur einigen wenigen, darunter 2 Familien, gelingt die Flucht. Der Ghost verfolgt diese Flüchtlinge gnadenlos; die ersten von ihnen erschießt er noch am rettenden Stand. Amelia Sachs, dies selbst vor Ort ist, rettet einen der angeschossenen Flüchtling vor dem Ertrinken, doch die anderen entkommen sowohl dem Ghost als auch der Küstenwache und schlagen sich bis nach Chinatown durch.

Nun beginnt ein Suchaktion von größter Spannung. Wer kann die Flüchtlinge zuerst finden? Lincoln Rhyme und Polizei, FBI und Einwanderungsbehörde auf der einen Seite oder der Ghost, der sein Unerkennbarkeit schützen will, in dem er sie tötet? Doch das Ermittlerteam bekommt auch noch Unterstützung von einer ganz unerwarteten Seite ....


Da ich auch selbst möglichst wenig von der Handlung eines Buches, das ich vielleicht noch lesen möchte, wissen will, bekommt ihr von mir auch nicht mehr erzählt :-)



Meine Meinung:
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Mein erster Gedanke nach Beendigung des Buches war: Ein typischer Deaver !!! Und das sagt eigentlich schon fast alles über das Buch aus. Doch keine Angst, ich werde es schon etwas detaillierter erläutern.

Jeffery Deaver ist ein Meister darin seine Leser in die Irre zu führen. Natürlich hat der Leser eines Krimi/Thrillers während des Lesens immer auch eine eigene Vorstellung, wer der Täter ist oder wie die Tat abgelaufen sein könnte. Wenn ich persönlich nach 50 Seiten eine Theorie entwickelt habe, die sich dann am Ende als richtig herausstellt, bin ich zumeist etwas enttäuscht, da mir solche geradlinigen Lösungen, die ich sofort durchsteige, bei einem Krimi zu wenig sind. Bei Jeffery-Deaver-Thrillern ist es eigentlich die Regel, daß der Leser fast bis zum Schluß völlig falsch liegt oder die Lösung aus Informationen gewonnen wird, die man selbst als völlig nebensächlich eingeschätzt hat.
Und genauso ist es auch in diesem Buch. Man verfolgt die Suche nach den Flüchtlingen, bekommt die Fakten präsentiert und ist dann doch völlig überrascht. Wer zum erstenmal einen Roman von Deaver liest, wird wahrscheinlich etwas erstaunt sein, das der Aufbau der Kapitel meist dazu führt, das das Ermittlerteam die vorhanden Fakten betrachtet und der Leser diese auch in tabellarische Form vorgelegt bekommt. Aber dies ist ein fast schon gemeiner Zug des Schreibers. Der Leser hat eigentlich alle Infos und kommt trotzdem nicht auf die Lösung :-) Und besonders wichtig ist die Tatsache, daß diese Lösung absolut in sich schlüssig ist. Es werden keine Kaninchen aus dem Hut gezaubert oder plötzlich Personen eingeführt. Wenn man zurückblättert und mit dem Wissen um das Ende einige Stellen zum zweitenmal liest, muß man feststellen, daß jede noch so kleine Info von Anfang an zum Ende gepasst hat. In dieser Form habe ich das bisher nur bei Deaver gesehen.

In den drei bis zu „Stone Monkey“ vorliegenden Romanen der Rhyme/Sachs-Serie wurde sehr detailliert auf Methoden der Forensik, also der modernen Spurensuche eingegangen. Diese werden auch hier eingesetzt und dann natürlich entsprechend erläutert. Aber ich persönlich hatte das Gefühl, daß diese Teile hier ein geringeres Gewicht hatten. Stattdessen wurde in der Schilderung der chinesischen Flüchtlinge immer wieder auch viele Informationen über deren Sitten und Gebräuche eingearbeitet und auch der politischen Hintergrund und die Problem Traditionen und modernes Leben unter einen Hut zu bekommen, wurde sehr detailliert beschrieben. In Zeiten, in denen in den USA alles Fremde sehr kritisch betrachtet wird, habe ich das Gefühl, das der Schriftsteller Deaver hier neben dem eigentlichen Ziel, einen spannenden Unterhaltungsroman zu schreiben, auch ein wenig für Verständnis und Toleranz gegenüber den illegalen Flüchtlingen wirbt, indem er aufzeigt, daß auch immer ein menschliches Schicksal und auch so Dinge wie Unterdrückung und Verfolgung hinter den vermeintlich von den Segnungen der amerikanischen Gesellschaft angezogenen Wirtschaftsflüchtlingen stecken kann.

Jetzt muß ich aber auch noch auf einige wenige Kritikpunkte kommen. Ich will ja nichts von der Handlung verraten, aber in diesem Buch gab es für mich eine Stelle, an der ich mich zwar nicht an der logischen Wahrscheinlichkeit, aber doch an der für Deaver eigentlich untypischen Art, einen neuen „Beweis“ ins Spiel zu bringen, gestört haben. (Wer das Buch schon kennt: Es hat mit dem versunkenen Schiff zutun). Die Informationen sind noch nicht einmal so wesentlich, aber da sonst bei Deaver alles 100% passt, war dies dann doch ein wenn auch zugegebenermaßen kleiner Störfaktor.

Was ich etwas vermisst habe, war die Weiterentwicklung der Beziehung der beiden Hauptpersonen. Es wird zwar einiges angedeutet, aber nach dem Vorgängerroman hatte ich etwas mehr erwartet. Dies mag für jemanden, der nicht die ganze Serie liest (siehe auch die Anmerkungen weiter unten) ganz gut sein, aber als Serienroman-Süchtiger lebt man ja schließlich mit :-)

Und zuletzt muß man doch feststellen, das sich auch in dieser Serie ein ganz klein wenig die Routine einschleicht; was aber beim nun schon 4.Buch mit der gleichen Personenkonstellation auf Seiten der Ermittler nicht ausbleibt kann. Ich fand die drei Vorgänger noch einen kleinen Tick besser, wobei aber auch dieser Deaver im Vergleich zu anderen Thrillern immer noch vollkommen berechtigt die Höchstpunktzahl bekommen muß.



Das Buch:
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Ich selbst besitze, wie schon erwähnt, eine englische Taschenbuchausgabe (es gibt allein bei amazon.de zwei verschiedene) und habe dafür 7,85 € gezahlt. Auf Deutsch ist der Roman mittlerweile auch als gebundenes Buch unter dem Titel „Das Gesicht des Drachen“ erschienen und kostet 22,90 €.

Und ich kann mich auch schon wieder anfangen zu freuen: der nächste Band der Rhyme/Sachs-Serie ist in den USA für Ende 2003 angekündigt.



Serien-Abhängigkeit / Englische Ausgabe
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Zum Abschluß des Berichtes nun noch die beiden bei mir fast schon zum Standard gewordenen Anmerkungen bei Romanen aus Buchserien und im englischen Original:

Die Verbindung von Büchern aus einer Serie zu ihren Vorgängern ist für mich persönlich ein wichtiges Kriterium. Ich versuche zwar zumeist, Serien in ihrer Reihefolge zu lesen. Doch dies läßt sich nicht immer durchhalten; manchmal bekommt man auch Werke mitten aus der Serie geschenkt oder findet sie in Antiquariaten oder Wühltischen (im realen Leben oder den entsprechenden Gegenstücken im Internet). Daher versuche ich immer zu beurteilen, ob man das Buch auch ohne die Kenntnis der Vorgänger geniessen kann.
Im Fall von „Stone Monkey“ kann man dies eindeutig mit ja beantworten. Das Ermittlerteam besteht zwar aus den gleichen Personen wie in den 3 Vorgänger-Werken, doch die Andeutungen halten sich in Grenzen und was man über das Beziehungsgeflecht der Personen wissen muß, wird in der jeweiligen Situation verdeutlicht.

Da ich seit Jahren möglichst viele Bücher im englischen Original lese mag ich mittlerweile vielleicht nicht mehr ganz objektiv beurteilen können, in wieweit ein Buch einfach verständlich ist, aber ich kann nur gebetsmühlenhaft wiederholen, daß ich in der Schule und zu dem Zeitpunkt, an dem ich mit den englischen Originalen angefangen haben (und das war einige Zeit nach meiner Schulzeit) garantiert keine Leuchte in Englisch war. Der Anfang mag etwas schwierig sein und man schlägt relativ häufig nach. Aber nach spätestens 3-4 Büchern hat man einen Grundwortschatz für die entsprechende Unterhaltungsliteratur aufgebaut (James Joyce kann man damit zwar noch nicht flüssig lesen, aber man muß ja auch noch Ziele haben:-) und es macht richtig Spaß und man tut ganz nebenbei auch noch was für die Bildung.
Unter diesen Gesichtspunkten finde ich „Stone monkey“ relativ einfach zu lesen. Kaum ausgefallene Vokabeln, einfacher Satzbau, denn man sehr flüssig liest. Und auch wenn natürlich das gebrochenen Englisch, das die chinesischen Flüchtlinge sprechen, entsprechend dargestellt wird, kann man es gut verstehen. Nur als Muster zum Verbessern der Englischkenntnisse sind diese Passagen natürlich nicht geeignet :-)


Fazit:
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Wieder ein absolut überzeugendes Werk aus der Thriller-Werkstatt Deaver, das man nur uneingeschränkt empfehlen kann, auch wenn die 3 ersten Bücher dieser Serie noch eine Winzigkeit besser waren. Aber die Unterschiede bewegen auf so hohem Niveau, das auch ein „mittelmäßiger“ Deaver noch ein Spitzenwerk ist.

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