Der Himmel über Berlin (DVD) Testbericht

D
Der-himmel-ueber-berlin-dvd-drama
ab 7,42
Paid Ads from eBay.de & Amazon.de
Auf yopi.de gelistet seit 11/2011

5 Sterne
(1)
4 Sterne
(3)
3 Sterne
(0)
2 Sterne
(0)
1 Stern
(0)
0 Sterne
(0)

Erfahrungsbericht von Aprikose

Filmkunst für Genießer

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Keine Frage: Dieser Film von 1987 gehört zu meinen absoluten Favoriten und ist meines Erachtens zudem das Beste, was Regisseur Wim Wenders je fabriziert hat. Denn hier verstrickt sich er sich weder in Selbstherrlichkeit noch Experimenten, sondern hat ein wunderbares Stück Kunst geschaffen.

Zugegeben: Wer nach turbulenter Handlung oder Wirklichkeitsnahem sucht, wer Schwarzweißfilmen nichts mehr abgewinnen kann und kein Interesse an Lyrik und Poesie hat - für den ist dieser Film nicht von Interesse. Denn \"Der Himmel über Berlin\" ist ein Stimmungsbild, in das man sich hinein fallen lassen kann, ja muss. Künstlerisch lässt der Film keine Wünsche offen. Die Bilder sind perfekt aufeinander abgestimmt, die Kameraführung macht jede Szene zum Erlebnis und auch die Akustik ist atemberaubend (Wer sich den Film zu Hause ansieht: Unbedingt den Stereo-Kopfhörer aufsetzen - es lohnt sich!)


Worum geht es? – Die Handlung

Dargestellt wird Berlin Mitte der 80er Jahre aus Sicht der Engel. Über die ganze Stadt verstreut halten sich Engel auf, unsichtbar für die Menschen (nur Kinder nehmen sie hin und wieder wahr). Sie lauschen den Gedanken der Menschen, sorgen sich um sie, beschützen sie (was nicht immer gelingt – so springt z.B. ein Selbstmöder vor den entsetzten Augen eines Engels in den Tod...).
Doch die Engel leben in einer sterilen Meta-Welt. Sie kennen keine Gefühle aus eigener Erfahrung, keine Farben, ja sie kennen das Leben nicht – außer aus der Beobachtung. Ihre Sprache ist lyrisch, gleicht nicht der des Alltagsmenschen. (Text: Peter Handke.) Eine edle Welt, aber für viele Engel längst nicht mehr erfüllend.
Im Mittelpunkt der Story stehen die beiden Engel Cassiel und Damiel, brillant gespielt von Otto Sander und Bruno Ganz, zwei Meistern der leisen Töne und feinen Mimik. (Erwähnenswert ist übrigens noch Curt Bois als greiser Philosoph.)
Damiel verliebt sich in eine französische Zirkusartistin (einfühlsam gespielt von Solveig Dommartin), die mit ihrer Truppe in Berlin gastiert, doch kann er sie nicht erreichen aus seiner Welt der Engel.
Sein Schlüsselerlebnis ist die Begegnung mit dem amerikanischen Schauspieler Peter Falk (gespielt von ihm selbst) an einer Imbiss-Bude, der Damiels Gegenwart wahrnimmt und ihm anvertraut, früher selbst ein Engel gewesen zu sein – und dass er nicht der einzige unter den Menschen ist.
Darauf beschließt Damiel, selbst ein Mensch zu werden, um die Zirkusartistin treffen und das Leben kennen lernen zu können. Durch einen Sturz katapultiert er sich sozusagen in die reale Welt, die er wie ein Kind entdeckt. Er kauft menschliche Kleidung, spricht die menschliche Umgangssprache und ist wie berauscht von den Eindrücken.
Die Zirkusartistin trifft er nach längerer Suche bei einem Nick-Cave-Konzert, sie kommen ins Gespräch, kommen sich näher.
Auch das Ende ist ganz Wim Wenders: Keine romantische oder liebestaumelnde Begegnung der beiden. Vielmehr hilft er ihr am Trapez, philosophisch-wortreich umschreiben sie die Erfüllung ihrer Liebe. Einen Hauch steril, doch ohne Pathos – und das macht diese Filmende für mich so wertvoll. (Es bleibt ein Kunstfilm bis zum Schluss.)


Das Besondere am Film - Die Darstellung

„Der Himmel über Berlin“ zeichnet sich durch penibel durchdachte, sowie künstlerisch und technisch perfekte Gestaltung aus.
Während die Handlung als solche plump und kitschig erscheinen mag, wird sie durch ihre Umsetzung zu einem poetischen Meisterwerk. (Nicht zuletzt stellt dieser Film ein wunderschönes Porträt der Stadt Berlin dar.)

Der Film ist zum größten Teil in Schwarz-weiß gedreht: Denn Schwarz-weiß ist die Welt der Engel. Alles, was aus Engelsperspektive geschildert wird, hat keine Farben. Erst mit Damiels Menschwerdung überwiegen die farbigen Bilder. Doch die schwarz-weiße Gestaltung ist vor allem künstlerisches Mittel: Sie ermöglicht es, eine große Ruhe und Ausgewogenheit zu erzeugen. Die Grautöne nutzt Wenders als poetisches Ausdrucksmittel. Umso krasser wirkt der Wechsel zum Farbigen im Verlauf des Filmes, umso wirrer scheint die reale Welt.

Die Texte stammen von Peter Handke, der dem Film damit seine unverkennbare Handschrift verpasst hat. Zugegeben, wer Handke nicht mag, wird den Film nicht recht genießen können. Auch wirken die Texte mitunter etwas aufgesetzt, drohen die Bilder gar zu erdrücken.
Dennoch empfinde ich Handkes Texte als künstlerische Bereicherung. Wenn man sich ihnen ebenso hingeben kann wie den Bildern, verschmelzen sie zu einem vielschichtigen Erlebnis. (Zudem klingt Handkes Sprache hier weniger abgehoben und selbstverliebt als manche seiner Bücher.)
Dabei gestalten sich die Filmtexte sehr vielschichtig: Wir haben zu tun mit der sterilen Sprache der Engel, der Alltagssprache der Menschen, der ungedachten (und sehr vielfältigen) Sprache ihrer Gedanken und zudem mit purer Lyrik. Denn dem Film ist immer wieder ein Gedicht aus dem Off unterlegt, sehr stimmungsvoll vorgetragen. (Der Film beginnt mit einer Schreibfeder, die den Anfang des Gedichtes zu Papier bringt: „Als das Kind Kind war, wusste es nicht, dass es Kind war...“)

Besonders ausdruckstark wird der Film überall dort, wo er beobachtet, wo die Kamera aus Engelssicht durch die Menschenwelt zu schweben scheint, wo sich grandiose Perspektiven, nachdenklich stimmende Details und die Gedanken der Menschen verbinden.
Der Film lebt auch von seinen Kleinst-Episoden. Unzählige Menschen werden kommentarlos vorgestellt.

Reizvoll ist auch das Nebeneinander der Sprachen. Abgesehen davon, dass in der Staatsbibliothek (in einer der der großartigsten Szenen) Gedanken ausländischer Leser hörbar werden, spricht Peter Falk Amerikanisch und die Zirkusartistin Französisch (mit Untertiteln).
(Ich habe jedoch auch schon eine Version des Filmes gesehen, in der die Artistin Deutsch mit französischem Akzent spricht. Ein kleines Zugeständnis an den deutschen Geschmack, der wenig von Untertiteln hält?)


- Fazit –

Wer sich diesem Film ganz in Ruhe hingibt und die geballte Ladung aus erstklassigen Bildern und anregenden Texten auf sich wirken lässt, wer Langsamkeit auch im Genießen noch nicht verlernt hat, für den wird der Film ein unvergessliches Erlebnis sein.


- Anmerkung –

Vor einigen Jahren erschien der amerikanische Film „Stadt der Engel“. Dabei handelt es sich um ein Remake von „Der Himmel über Berlin“, sehr eng an diesen angelehnt und im Grunde nicht schlecht gelungen, doch auf amerikanischen Geschmack getrimmt.
Wer diesen Film kennt, dem kann ich versichern: Das Original von Wenders ist Klassen besser.

17 Bewertungen, 1 Kommentar

  • Lotosblüte

    08.12.2005, 11:47 Uhr von Lotosblüte
    Bewertung: sehr hilfreich

    Das muss ich mir doch echt mal anschauen. <br/>lg <br/>Gabriele