Der Schimmelreiter (DVD) Testbericht
D
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Auf yopi.de gelistet seit 02/2011
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Erfahrungsbericht von w.gruentjens
Storms Schändung als NS-Propaganda
Pro:
Ein Beispiel dafür, wie die braune Zeit aus einem Meisterwerk ein Propaganda-Machwerk schafft.
Kontra:
Als Verfilmung - alles.
Empfehlung:
Nein
Storms meisterhafte Novelle "Der Schimmelreiter" hat einen eigenen Zauber, der sich aber nicht jedem erschließt. Ob die alte Verfilmung von 1934, die 1996 auf VHS auf den Markt kam, diesem Zauber wohl gerecht wird? Wir werden sehen.
Storms Novelle liegt eine alte Sage zugrunde, die er zu einer Gespenstergeschichte umformen wollte, aus der dann aber eine großartige Novelle wurde. Sie berichtet vom Aufstieg und Untergang des Hauke Haien, der durch Intelligenz und glückliche Umstände zum Deichgrafen und schließlich nach seinem Untergang zum Gespenst wird.
Diese berührende Novelle wird oft in der Schule als Lektüre behandelt, begeistert viele Schüler aber nicht. Die ungewöhnliche Handlung, die altmodische Sprache, die Langsamkeit in der Schilderung der Charaktere und Begebenheiten lassen die Begegnung mit diesem großen Werk für viele Schüler zu einem Negativerlebnis werden. So war es auch bei mir; erst in späteren Jahren habe ich dieses Werk lieben gelernt.
Um nun meinen Schülern die Begegnung mit dem Schimmelreiter zu ermöglichen, ohne sie zur Lektüre zwingen zu müssen, habe ich bei amazon nach einer Verfilmung gesucht und fand für 8 € diese Verfilmung von 1934 mit Marianne Hoppe als Elke, der Frau des Schimmelreiters, und Mathias Wieman in der Rolle der Titelfigur Hauke Haien.
Eine solche Verfilmung ist natürlich nicht nur ein Versuch einer Begegnung mit Storm und seinem Werk - wir machen mit dieser Verfilmung auch einen Ausflug in eine filmgeschichtliche Zeit, die sehr weit zurückliegt. Der äußerliche Hauptunterschied ist natürlich, dass der Film in schwarz-weiß gedreht ist; auch wenn es schon Farbe gab, so wurde sie in deutschen Verfilmungen bis weit in die 50er Jahre hinein nicht oder nur wenig benutzt.
Hinzu kommt, dass oft theatratisch gespielt wird. Dann ist die Kamera eher statisch; damals galt noch das Prinzip: Bewegung findet vor der Kamera statt, aber die Kamera selbst bleibt ruhig. Auch die Kulissen wirken in den alten Filmen manchmal unechter, eher wie im Theater.
Das alles ist aber nur von äußerlicher Bedeutung. Viel wichtiger ist die Frage: Hat der Film uns, wenn wir ihn gesehen haben, bewegt? Sind auch Jugendliche trotz seines Alters und seiner technischen Unzulänglichkeiten von ihm gefesselt?
Der Film beginnt mitten in der eigentlichen Geschichte der Novelle, als Hauke schon Kleinknecht ist und von seinem Widersacher Ole Peters als "Schreiberknecht" bezeichnet wird. Hauke Haiens Entwicklung vom intelligenten Jungen zum heimlichen Deichgrafen, der als Kleinknecht des Deichgrafs abends die Deichverwaltung übernommen hat, fehlt völlig.
Sogar die witzige Fragestellung, ob man bei der Auswahl der Eisbosler - im Film sind es Reiter - den wirklichen Deichgraf von der Türe weisen will, fehlt völlig und wird auch dadurch verwässert, dass die Szene zeitlich - völlig unverständlich - NACH den Tod des alten Deichgrafen gesetzt wird.
In der ersten Hälfte des Films werden alle wichtigen Dinge ausgelassen, alles Unwichtige aber wie Tanz und Essen ausführlich geschildert. Von der Entwicklung, die den Höhepunkt und den Untergang vorbereitet, ist so wenig vermittelt, dass meine Schüler diesen Teil zu Recht als "Scheißdreck" bezeichnet haben.
In der zweiten Hälfte des Films gewinnt der Film scheinbar etwas und schildert einige Szenen vom Deichbau bis zum Untergang einigermaßen stimmig. Dafür entsteht jetzt nach der Konfusität der ersten Drehbuch-Hälfte eine andere Peinlichkeit: Der Film wird jetzt nämlich zur NS-Propaganda. Wiemans Rede- und Spielweise wird den Hitler-Reden immer ähnlicher - bis hin zu den berühmten Ausspracheeigentümlichkeiten und Gesten Hitlers. Die Gewinnung von Lebensraum als Aufgabe des Vol - äh, des Dorfes wird zur Hauptaufgabe.
Dem Film gelingt es nicht - ja, er will gar nicht, dass es gelänge - Zwiespältigkeit, Nachdenklichkeit, Vergleich von Realismus und Volksglaube darzustellen. Es gelingt ihm auch in keiner Weise, die Handlung zugänglich zu machen oder gar zu berühren. Wenn meine Schüler die Handlung nicht schon gekannt hätten, wäre sie ihnen aus dem Film, dem der folgerichtige Aufbau der Vorlage völlig fehlt, nicht erschlossen worden.
Es geht dem Film nämlich nur darum, den Zuschauern klar zu machen, dass durch fleißigen Einsatz Lebensraum geschaffen werden muss, dass alle zusammenhalten müssen und sich voll einbringen sollen.
Am Ende des Films wird dann erklärt, dass der Film als besonders wertvoll eingestuft ist und wegen seiner künstlerischen Eigenschaften dem Reichsfilmarchiv zugewiesen wird.
Nein, ihr Menschen aus der braunen Zeit: Dies ist keine Kunst, es ist nicht mal schlechtes Handwerk, nicht mal Kitsch. Es ist nur braune NS-Scheiße.
Es bleibt immer noch der einzige Weg zu Storms Schimmelreiter: Man muss ihn wirklich LESEN.
Storms Novelle liegt eine alte Sage zugrunde, die er zu einer Gespenstergeschichte umformen wollte, aus der dann aber eine großartige Novelle wurde. Sie berichtet vom Aufstieg und Untergang des Hauke Haien, der durch Intelligenz und glückliche Umstände zum Deichgrafen und schließlich nach seinem Untergang zum Gespenst wird.
Diese berührende Novelle wird oft in der Schule als Lektüre behandelt, begeistert viele Schüler aber nicht. Die ungewöhnliche Handlung, die altmodische Sprache, die Langsamkeit in der Schilderung der Charaktere und Begebenheiten lassen die Begegnung mit diesem großen Werk für viele Schüler zu einem Negativerlebnis werden. So war es auch bei mir; erst in späteren Jahren habe ich dieses Werk lieben gelernt.
Um nun meinen Schülern die Begegnung mit dem Schimmelreiter zu ermöglichen, ohne sie zur Lektüre zwingen zu müssen, habe ich bei amazon nach einer Verfilmung gesucht und fand für 8 € diese Verfilmung von 1934 mit Marianne Hoppe als Elke, der Frau des Schimmelreiters, und Mathias Wieman in der Rolle der Titelfigur Hauke Haien.
Eine solche Verfilmung ist natürlich nicht nur ein Versuch einer Begegnung mit Storm und seinem Werk - wir machen mit dieser Verfilmung auch einen Ausflug in eine filmgeschichtliche Zeit, die sehr weit zurückliegt. Der äußerliche Hauptunterschied ist natürlich, dass der Film in schwarz-weiß gedreht ist; auch wenn es schon Farbe gab, so wurde sie in deutschen Verfilmungen bis weit in die 50er Jahre hinein nicht oder nur wenig benutzt.
Hinzu kommt, dass oft theatratisch gespielt wird. Dann ist die Kamera eher statisch; damals galt noch das Prinzip: Bewegung findet vor der Kamera statt, aber die Kamera selbst bleibt ruhig. Auch die Kulissen wirken in den alten Filmen manchmal unechter, eher wie im Theater.
Das alles ist aber nur von äußerlicher Bedeutung. Viel wichtiger ist die Frage: Hat der Film uns, wenn wir ihn gesehen haben, bewegt? Sind auch Jugendliche trotz seines Alters und seiner technischen Unzulänglichkeiten von ihm gefesselt?
Der Film beginnt mitten in der eigentlichen Geschichte der Novelle, als Hauke schon Kleinknecht ist und von seinem Widersacher Ole Peters als "Schreiberknecht" bezeichnet wird. Hauke Haiens Entwicklung vom intelligenten Jungen zum heimlichen Deichgrafen, der als Kleinknecht des Deichgrafs abends die Deichverwaltung übernommen hat, fehlt völlig.
Sogar die witzige Fragestellung, ob man bei der Auswahl der Eisbosler - im Film sind es Reiter - den wirklichen Deichgraf von der Türe weisen will, fehlt völlig und wird auch dadurch verwässert, dass die Szene zeitlich - völlig unverständlich - NACH den Tod des alten Deichgrafen gesetzt wird.
In der ersten Hälfte des Films werden alle wichtigen Dinge ausgelassen, alles Unwichtige aber wie Tanz und Essen ausführlich geschildert. Von der Entwicklung, die den Höhepunkt und den Untergang vorbereitet, ist so wenig vermittelt, dass meine Schüler diesen Teil zu Recht als "Scheißdreck" bezeichnet haben.
In der zweiten Hälfte des Films gewinnt der Film scheinbar etwas und schildert einige Szenen vom Deichbau bis zum Untergang einigermaßen stimmig. Dafür entsteht jetzt nach der Konfusität der ersten Drehbuch-Hälfte eine andere Peinlichkeit: Der Film wird jetzt nämlich zur NS-Propaganda. Wiemans Rede- und Spielweise wird den Hitler-Reden immer ähnlicher - bis hin zu den berühmten Ausspracheeigentümlichkeiten und Gesten Hitlers. Die Gewinnung von Lebensraum als Aufgabe des Vol - äh, des Dorfes wird zur Hauptaufgabe.
Dem Film gelingt es nicht - ja, er will gar nicht, dass es gelänge - Zwiespältigkeit, Nachdenklichkeit, Vergleich von Realismus und Volksglaube darzustellen. Es gelingt ihm auch in keiner Weise, die Handlung zugänglich zu machen oder gar zu berühren. Wenn meine Schüler die Handlung nicht schon gekannt hätten, wäre sie ihnen aus dem Film, dem der folgerichtige Aufbau der Vorlage völlig fehlt, nicht erschlossen worden.
Es geht dem Film nämlich nur darum, den Zuschauern klar zu machen, dass durch fleißigen Einsatz Lebensraum geschaffen werden muss, dass alle zusammenhalten müssen und sich voll einbringen sollen.
Am Ende des Films wird dann erklärt, dass der Film als besonders wertvoll eingestuft ist und wegen seiner künstlerischen Eigenschaften dem Reichsfilmarchiv zugewiesen wird.
Nein, ihr Menschen aus der braunen Zeit: Dies ist keine Kunst, es ist nicht mal schlechtes Handwerk, nicht mal Kitsch. Es ist nur braune NS-Scheiße.
Es bleibt immer noch der einzige Weg zu Storms Schimmelreiter: Man muss ihn wirklich LESEN.
49 Bewertungen, 2 Kommentare
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14.03.2007, 13:45 Uhr von willibald-1
Bewertung: sehr hilfreichhast Du was anderes erwartet? aber es ist sicherlich interessant, zu sehen, wie man Literatur verbiegen kann...
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15.03.2005, 14:04 Uhr von plötzlichpapa
Bewertung: sehr hilfreichdass, man sich für dieses Meisterwerk als Schullektüre entscheidet. Leider hab ich genau die gleiche Erfahrung wie Du gemacht. Als Schüler hab ich es einfach als "langweilig" empfunden, was sich nun aber radikal geändert hat.
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