Die Bestie in Menschengestalt - Die Ärzte Testbericht

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Summe aller Bewertungen
  • Cover-Design:  gut
  • Klangqualität:  sehr gut

Erfahrungsbericht von Schejtan

Die Rückkehr der besten Band der Welt!

Pro:

-

Kontra:

-

Empfehlung:

Ja

Bands kommen und gehen, lösen sich auf und formieren sich neu. Auch die Ärzte, die „Beste Band der Welt“, lösten sich 1988 auf...um 5 Jahre später mit neuem Bassisten und dem Album „Die Bestie in Menschengestalt“ wiederzukommen. Anstatt aber ihre alte Musik bestehend aus wirklich lustigen bis albernen Texten und eher seichter musikalischer, weil nicht so wichtiger Untermalung, weiterzuspielen, haben sie ihren Stil geändert.

Die Texte sind zwar nach wie vor nicht ernst und sollen einen eher zum Lachen als zum Nachdenken bringen (bis auf einige Ausnahmen jedenfalls), sind aber deutlich ausgereifter und nicht mehr so albern oder sogar peinlich wie ältere Lyrics. Die größte Veränderung bemerkt man aber in der Musik...vorher eher unwichtig und lediglich als Beiwerk zu den Texten gedacht, tritt die hier deutlich in den Vordergrund. Erste bemerkbare Veränderung: Die Ärzte sind härter geworden. Plätscherte die Musik vorher vor sich hin, rocken die Ärzte hier richtig, teilweise hört man sogar metallische Parts. Zweite wichtige Veränderung: Die Ärzte sind abwechslungsreicher geworden. Kein Song gleicht dem anderen, viele Musikstile und Instrumente werden hier verwendet, so dass nie Langeweile aufkommt, wenn eine Experimente auch etwas daneben gegangen sind oder langweilig werden.

Gleich zum Auftakt gibt es DEN Ärzte – Song: „Schrei nach Liebe“. Wer kennt ihn nicht, diesen Anti – Nazi – Kracher. Songs mit so einer Botschaft sind natürlich immer begrüßenswert, leider sind viele derartige Songs auf dem gleichen Niveau angesiedelt wie die Lieder rechter Combos, also mit platten Texten und seichter (vornehm ausgedrückt) musikalischer Untermalung. Nicht jedoch dieser Song: druckvolle Powerchords und Belas Drumming treiben den Song nach vorne, eine eingängige Melodie veredelt das Ganze. Im Refrain gibt es dann Streicher, bevor dann wieder losgerockt wird. Farin und Bela geben dazu abwechselnd oder auch zusammen einen Text zum Besten, der besser nicht sein könnte. Keine platten Parolen, keine Anfeindungen ohne Niveau...sondern intelligent...aber trotzdem direkt. So muss sich ein Anti – Nazi – Song anhören nicht anders.

Mit „Schopenhauer“ nehmen die Ärzte dann sich selber und ihre Kritiker auf die Schippe...etwas, was sie vorzüglich können. Kleine Kostprobe: „Wir singen hier ein schönes Lied, hundertprozentig jugendfrei, kein Wort von Sex oder Gewalt, diese Zeiten sind vorbei“ oder „Schlechtgelaunte Zeitgenossen könnten uns an dieser Stelle Vorhaltungen machen wegen fehlendem Niveau“. Um dann aber zu beweisen, dass sie doch Niveau haben, zählen sie dann Philosophen auf...Schopenhauer, Nietzsche, Sokrates und..., als leiser Nachruf, Beate Uhse..... Insgesamt gesehen ein typischer Ärzte – Song, locker, rockig, witzig, unterhaltsam.

Mit „Für Uns“ steht dann ein ernst gemeinter Liebessong am Start...etwas, was die Ärzte durchaus auch schon früher probiert haben und was kräftig daneben gegangen ist, wegen platten Texten und lauer Musik. Aber auch hier haben sie sic verbessert...der Text ist gelungen, wirkt weder platt noch peinlich, und auch die Musik stimmt. Ärzte – typisch gibt es hier Powerchords verziert mit guten Melodien. Im Endeffekt zwar nicht wirklich tiefgängig (das gibt es erst später), aber eben unterhaltsam.

„Hey Huh (in Scheiben)“ heißt der nächste Song. Eingeleitet von „choralen“ Gesängen, legen die Ärzte dann los. Ein witziger Text und treibende Powerchords machen diesen kurzen Song zu einem gut gelungenem Einsprengsel, das aber nicht weiter auffällt.

Wer kennt nicht „Die Da“ von den Fantastischen Vier? Die Ärzte kennen den Song auf jeden Fall und haben ihn auch gleich parodiert...mit „FaFaFa“. In den Strophen wird hier gerappt, über eine Begegnung mit dem anderen Geschlecht, im Refrain erfahren wir dann die Antwort der Angesprochenen: „Fa Fa Fa Fa Fa Fa Fa Fa Fa Fa – Piss Dich“. Immer alles so gehalten, dass die Kollegen der Fanta 4 verarscht werden, was hier auch auf gute Weise gelungen ist.

In „Deutschrockgirl“ wird dann wieder Ärzte – typisch losgerockt: Powerchords und Melodien, dazu ein treibendes Schlagzeug. Im Text geht es über ein...Deutschrockgirl. Natürlich können die Ärzte sich auch hier keine Seitenhiebe verkneifen: „Du steckst jede Mark in Deutschrock und nicht in Van Halen, hast kein Geld auf der Bank, aber Birkenstocksandalen“. Gelungener Text, guter Punkrock: guter Song.

Und jetzt kommt wohl DIE Überraschung des Albums. Mit „Mach die Augen zu“ ist den Ärzten nämlich nichts geringeres gelungen als eins der besten deutschen Liebeslieder. Sanft gespielte Akkorde, gezügelte Drums, eine kleine Melodie...später erst vorsichtig, dann druckvoller gespielte Powerchords...hier stimmt alles, vermittelt alles den Schmerz, den auch der Text vermittelt. Der ist nämlich ebenfalls sehr gut gelungen, einfach gehalten, ohne Peinlichkeiten, aber trotzdem berührend. Die größte Überraschung stellt aber Farins Gesang dar. Das der nämlich nicht nur ironisch, wütend oder dämlich(im positiven Sinne) singen kann, sondern auch richtig gefühlvoll, beweist er hier. Gleichzeitig die Überraschung und eines der größten Highlights des Albums.

Mit „Gehirn-Stürm“ gibt es dann aber auch gleich den ersten Ausfall der CD. Vollkommen unstrukturiert und durcheinander kommt der daher. Kein Rock hier, keine eingängigen Melodien, kein witziger Text. Ich lege diesen Song mal als misslungenes Experiment ab.

Danach gibt es aber gleich wieder ein Glanzstück der Ärzte: „Mit dem Schwert nach Polen, warum René?“. Sanft eingeleitet erzählt hier Bela die Geschichte eines typischen Verlierers, der irgendwann die Nase voll hat und schwer bewaffnet nach Polen geht. Dort wird er gefasst und zu einer Geldstrafe von „ 15000 Zloti, umgerechnet ca. 35 DM“, verurteilt und nach Japan zu einem Ninjameister geschickt. Der Text hat also wieder einiges zu bieten. Und auch musikalisch gibt es hier einiges. Am Anfang zerlegte Akkorde, dann wieder Powerchords und Gitarrenmelodien, alles natürlich sehr eingängig, im Refrain dann Frauen- und Männerchöre. Hört sich vielleicht danach an, dass sich die Ärzte zu viel vorgenommen haben...haben sie aber nicht. Hier stimmt alles von vorne bis hinten...Respekt.

Nun gibt es mit „Die Allerschürfste“ einen kleinen Ausflug in die spanische Musikwelt. Über Tango bzw. Flamencomusik zieht Farin mit einem witzigen Text über eingebildete, die sich eben für „die Allerschürfste“ halten, her. Im Mittelteil gibt es dann noch ein flottes Trompeten- und Geigen- „Solo“. Und auch das können die Ärzte...der Song ist unterhaltsam und witzig.

Richtig Gas geben die Ärzte dann bei „Friedenspanzer“. Fast schon metallische Riffs und Melodien, treibende Drums und Belas engagierter Gesang machen den Song zu dem härtesten auf dem Album. Im Text geht es um den Friedenspanzer, der die Erde vor Umweltverschmutzung und Krieg retten soll, indem er das Ozonloch zunäht und Rosenduft statt Giftgas versprüht. Ein sehr kreativer und auch witziger Text rundet den Song also ab, sodass er zu einem der besten auf der Platte wird.

Das ist auch „Quark“. Farin nehmt sich hier eines Problems an, das wohl jeder kennt: Jemand redet unaufhörlich und hört einfach nicht auf. Das ganze verpackt er in einem genialen Text und schmückt es mit rockenden Powerchords und guten Melodien aus. Topsong.

Nun gibt es wieder einen Ausflug in andere musikalische Gefilde. Mit „Dos Corazones“ wagen sich die Ärzte an den Italo – Rock...auch mit italienischem Text (glaub ich jedenfalls ;)). Das ist ihnen nicht schlecht gelungen, aber auch nicht gut. Ob der Text nun eine Parodie auf diese Musik sein soll, kann mangels Sprachkenntnis nicht beurteilen und so bleibt der Song irgendwie belanglos.

„Kopfüber in die Hölle“ stürzen sich die Ärzte nun, besser gesagt haben sie es getan und beschweren sich nun über Leute, die mal rebelliert haben und nun ganz normale Staatsbürger sind(huhu Joschka). Die Musik ist leicht spanisch angehaucht, rockt ansonsten aber gut, soll heißen, dass in die Powerchords immer wieder melodische Einsprengsel gemacht werden und zwischen den Strophen uns eben spanische Gitarrenmusik präsentiert wird. Dazu ein guter Text und es ist mal wieder ein sehr guter Song entstanden.

Etwas gestehen ist schwer. Aber Bela hat sich überwunden und gesteht in „Omaboy“ seine Liebe zu alten Damen. Das ganze tut er sehr gefühlvoll („Wenn ich ihre Krampfadern zähle, an formlos geschwollenen Beinen“) und über einer ruhigen Begleitung. Man spürt förmlich das Verlangen Belas nach „weggelnden Schenkeln“ und „Schneeweißem Haar“. Und jetzt mal ehrlich: Die Musik ist relativ belanglos...der Text dagegen ein Prachtstück, das vor (nicht ganz so nettem) Witz sprüht. Besonderes Kunststück: Der Text wird irgendwie langweilig, was bei solchen Song normalerweise schnell passiert.

Mit „Lieber Tee“ beschäftigen sich die Ärzte mit dem Thema Drogen. Und so hört sich der Song auch an: zugekifft und mit Drogen voll gepumpt. Psychedelische Melodien, „seltsame“ Riffs und Farins Gesang vermengen sich hier...das alles klingt jedoch zu zugekifft, sodass man den Song auch als Ausfall bezeichnen muss...wenn der Text auch überzeugen kann.

Zum Abschluss geben die Ärzte dann Volksmusik zum Besten. Ja, wirklich Volksmusik, ja, auch ohne punkige Zwischenspiele. Und mit einem Text, der das bayrische Dorfleben beschreibt. „Und die Heidelind hat schon ihr drittes Kind, dabei ist die grad erst 17 Jahr. Und die Kleinen sind alle mongolid, denn der Vater ist hier lieber Herr Papa“. Wie man sieht, nehmen die Ärzte das Dorfleben natürlich gehörig auf die Schippe, wobei sie für einen wohl auch die Grenze des guten Geschmacks übertreten. Ob man den Text jetzt lustig findet oder nicht, ist wohl Geschmackssache. Ich jedenfalls finde ihn witzig...das verhindert aber nicht, dass das Stück relativ schnell langweilig wird.

Abschließend muss man sagen, dass sich die Ärzte sowohl in textlicher als auch in musikalischer Hinsicht verbessert haben. Abwechslungsreich klingen sie hier und nach Rock. Hier haben sie ihren Stil gefunden, den sie etwas später auf „Planet Punk“ perfektionieren sollten. Dazu gibt es witzige Ausflüge wie „Die Allerschürfste“ oder „FaFaFa“ und natürlich das geniale „Mach die Augen zu“. Die „Bestie in Menschengestalt“ ist das Gesellenstück der Ärzte und sollte bis jetzt nur noch vom Nachfolger „Planet Punk“ übertroffen werden. Wer mit den Ärzte jedoch noch nie was anfangen könnte, wird auch diese CD nicht mögen. Für alle anderen: Hören.

15 Bewertungen, 2 Kommentare

  • Avengelina

    03.05.2002, 22:36 Uhr von Avengelina
    Bewertung: sehr hilfreich

    So muß ein Bericht über ein Album aussehen!! Wenn ich zwar anders geurteilt hätte, dies ist jedoch in deiner eigenen Meinung unanfechtbar! Cu Avengelina P.S. Sinnfehler in Omaboy letzter Satz!!

  • suppengirl

    03.05.2002, 21:13 Uhr von suppengirl
    Bewertung: sehr hilfreich

    Hi! Ich find "Die Ärzte" immer ziemlich witzig. Allerdings würd ich mir nie ne CD kaufen, weil sie meines Erachtens musikalisch nicht so viel hergeben, dass sie mir nicht über kurz oder lang langweilig werden würden. Über