Die Reklamation - Wir Sind Helden Testbericht

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Summe aller Bewertungen
  • Cover-Design:  gut
  • Klangqualität:  sehr gut

Erfahrungsbericht von marenmoon

Danke!

5
  • Cover-Design:  gut
  • Klangqualität:  sehr gut

Pro:

sozialkritische Texte|tanzbare Musik|gefühlvolle Balladen|abwechslungsreiche Zusammenstellung|annehmbares Booklet mit Songtexten|Dokumentation

Kontra:

|

Empfehlung:

Ja

Es war letzten Sommer in Berlin. Die Schwester meines Freundes feierte ihren Geburtstag. Wir saßen draußen, im Innenhof, und redeten. Es war warm, ein schöner Sommerabend. Und wir hörten Wir sind Helden.

So begann mein Interesse an der Band, deren Musik mittlerweile Bestandteil meines Lebens geworden ist und über deren Debütalbum ich heute hier berichten möchte.

Zunächst einmal ist den meisten Menschen ja die Musik einer Band geläufig, nicht aber deren Entstehung bzw. überhaupt das, was hinter dieser Musik steht. Deshalb werde ich erstmal ein paar Worte zur Gruppe sagen, bevor ich dann zum Wichtigsten, ihrer Musik, komme.
Die vierköpfige Band besteht aus Frontfrau und Sängerin Judith Holofernes, Jean-Michel Tourette (Gitarre/Keyboard), Pola Roy (Drums) und Mark Tavassol (Bass). Gegründet wurde die Band irgendwann im Jahr 2000. Bekannt geworden sind die Helden aber erst vor einigen Monaten, weil sie im Vorprogramm von Nena spielten und sich daraufhin nicht nur die Berliner Szene für sie zu interessieren begann. Das Plattenlabel „Virgin“ bot dem Quartett Ende 2002 einen Plattenvertrag an, was sich im Nachhinein als ziemlich gute Investition herausstellen sollte. Die erste Single der Helden erschien im Februar 2003, verkaufte sich allerdings erst im Sommer des Jahres so richtig gut. Das lag anscheinend daran, dass die Helden einen völlig neuen Stil in die deutschen Plattenläden brachten, an den sich die Hörer erstmal gewöhnen mussten. Dann ging es allerdings für die Band auch steil bergauf. Nachdem sie am 7. Juli ihr erstes Album „Reklamation“ veröffentlich hatten, waren sie nicht nur in diversen Shows und Fernsehsendungen zu Gast, sondern starteten auch ihre erste richtige Tour. Zwar gastierten und gastieren sie im Moment noch in relativ kleinen Halle und Clubs, doch meines Wissens nach waren die Gigs alle ausverkauft. Eine Krönung ihrer Karriere dürfte für die Helden die diesjährige Echo-Verleihung gewesen sein. Nicht weniger als vier Preise staubten sie ab, in den Kategorien „Radio-Nachwuchs“, „Nationaler Newcomer“, „bestes Newcomer-Video für „Müssen nur wollen“ und schließlich ihre Produktionsfirma für die beste Marketingleistung. Vielleicht kann man sagen, die Helden haben es „geschafft“. Die Frage ist nur, ob sie es überhaupt „schaffen“ wollen, von einem Massenpublikum gehört zu werden.

Ihre erste CD auf jeden Fall hört sich nicht wirklich nach massentauglicher Musik an. Kein typischer Stückaufbau, wie man ihn besonders bei den von Dieter Bohlen komponierten Songs findet. Keine Songs mit Hitgarantie. Und trotzdem gibt es immer mehr Menschen, die diese Musik hören. Warum?

Das Debütalbum kommt schon mit einem recht ungewöhnlichen Titel daher. In weißen Lettern steht auf dem Cover „Wir sind Helden“, „Die Reklamation“. Zwischen diesen beiden Schriftzügen ist ein Foto platziert, dass die Gruppe vor einem etwas kitschigen Natur-Hintergrund zeigt. Hätte ich die Musik nicht vorher gekannt, ich hätte nicht recht gewusst, was ich von dieser Band halten soll. Von innen hält das Booklet nicht viele Überraschungen bereit. Schön ist, dass man die kompletten Songtexte dort finden kann. Ansonsten gibt’s einige Bilder aus dem Fotoshooting für das Titelbild. Ein einfaches Booklet also, an dem man sich nicht so lange aufhalten muss.

Die CD an sich ist ja schließlich auch wesentlich wichtiger als ihre Verpackung. 12 Songs und eine Dokumentation enthält sie, viel Stoff also, um sich die Helden und ihre Musik mal ausführlich zu Gemüte zu führen. Der erste Song „Ist das so“ ist allerdings nicht gerade ein Opener, der Lust auf mehr macht. Der Song kommt hektisch und aggressiv daher, und wenn man an die Helden-Musik vorher nicht gewöhnt war, wird man davon erstmal ein bisschen abgeschreckt sein. Der Song wird erst nach mehrmaligem Hören zu dem, was er eigentlich sein soll. Zu einer Frage an die von-acht-bis-fünf-arbeiten-und-abends-fernsehen-Mentalität.

„Ist dieses Morgen denn ein Leben ohne Heute wert / Ist es das wert dass man sich nie gegen die Meute wert? / Ist das so, ich meine muss das so?“

fragt Judith Holofernes den Zuhörer, der gar nicht mal so unwahrscheinlicherweise genau dieses Leben führt. Im Grunde geht es darum, ob man sich nach den äußeren Zwängen, die einem der Beruf auflegt, richten muss. Kann man es verantworten, aus dem Bild des normalen Arbeiters herauszuragen? Diese Frage stellt „Ist das so“. Die Instrumentierung des Songs ist, wie auch bei den meisten folgenden, relativ typisch. Alle Bandmitglieder, besonders die Bass- und Gitarrenspieler kommen oft zum Zuge. Besonders im mittleren Teil wird der Bass lauter, durchdringender. Was aber nicht schlecht ist, besonders zum Tanzen.
Hierzu eignet sich auch der nächste Track „Rüssel an Schwanz“. Die anfängliche Basslinie hat einen ziemlich hohen Wiedererkennungswert, genauso wie der Refrain. Auch hier ist der Text etwas gewöhnungsbedürftig und seine Bedeutung nicht auf den ersten Blick so ersichtlich. Im Großen und Ganzen geht es um die Tatsache, dass man sich doch überlegen sollte, was man tut. Nicht einfach hinterherläuft, nicht den Weg des geringsten Widerstands geht.
Ein ähnliches Thema hat der wohl bekannteste Heldensong „Guten Tag“. Die erste Single der Band hat das Konsumverhalten der Menschen zufolge, und das Aussteigen aus selbigem.

„Meine Stimme gegen dein Mobiltelefon / meine Fäuste gegen teure Nagelpflegelotion / meine Zähne gegen die von Dr. Best und sein Sohn / meine Seele gegen neue satte Epilation / es war im Ausverkauf im Angebot die Sonderaktion / tausche blödes altes Leben gegen neue Version / ich hatte es kaum zu Hause ausprobiert da wusste ich schon / an dem Produkt ist was kaputt - das ist die Reklamation“

macht eigentlich ziemlich deutlich, was die Band von der allgemeinen Konsumorientierung hält. Da jeder konsumiert, wird sich auch jeder fragen müssen, ob sie nicht Recht hat. Zumindest ein bisschen.
Auch der nächste Song dürfte vielen Menschen bekannt sein: „Denkmal“. Eine eindringliche Keyboard-Bass-Linie am Anfang und Judith Holofernes wirklich gelungener Gesang sorgen dafür, dass „Denkmal“ einer meiner Favoriten auf dem Album ist. Der Song ist sehr tanzbar, besonders der Refrain lässt einen eigentlich nicht ruhig stehen. Und irgendwie lädt der Song auch dazu ein, seinen Frust rauszulassen. Er handelt von den Ansprüchen, die man selbst, aber auch die die Gesellschaft an einen stellt. So interpretiere ich zumindest die, zugegebenermaßen etwas verwirrenden, Zeilen.
Nun kommt noch eines meiner Lieblingslieder: „Du erkennst mich nicht wieder“. Eine ruhige, schöne Liebesballade. Die meisten Heldensongs sind ja eher schnellere Nummern, hier ist allerdings Zeit zum Luft holen. Es geht um eine vergessene Liebe, die allerdings nur einseitig vergessen wurde. Einige der tieferen Töne trifft Judith Holofernes leider nicht so gut, aber das macht den sehr keyboardlastigen Song nicht schlecht. Im Gegenteil, es zeigt, dass gute Songs nicht immer perfekt sein müssen.
„Die Zeit heilt alle Wunder“ ist auch eher weniger für die Tanzfläche geeignet, sondern mehr zum Zuhören. Eine etwas ruhigere Ballade über die Mittel der Zeit, Ereignisse vergessen zu machen. Hörenswert, aber nicht so besonders wie einige der zuvor erwähnten Songs.
Die Aussage des nächsten Songs „Monster“ ist mir indes ein bisschen schleierhaft. Für Interpretationsvorschläge bin ich immer dankbar…auch sonst ist dieser Song eher etwas zum Tanzen, als zum Zuhören.
„Heldenzeit“ allerdings ist wieder ein Song, der nicht nur eine eingängige, tanzbare Bass- und Gitarrenlinie hat, sondern auch eine Aussage. Es geht um den anhaltenden Stillstand in Politik und Gesellschaft und der dadurch lautgewordenen Forderung nach Helden. Besonders die ziemlich findigen Wortspiele im Song zeigen, dass hier nicht nur lose Sätze aneinander gereiht wurden.

„Krieger führen Schurken starten solidarisch weiterraten Bomben warten“

sollte als Zitat genügen, um neugierig auf diesen Song zu machen.
Der neunte Song ist „Aurélie“, auch ziemlich bekannt. Hier geht’s um die Französin Aurelié, die sich über die Mentalität der deutschen Männer aufregt. Nach dem Song fragt sich doch jeder deutsche Durchschnittsmann: „Flirte ich zu subtil?“. „Aurélie“ ist ein Song, der durch die schnelle Schlagzeug- und Bassbegleitung wirklich in die Beine geht und somit auch in Clubs oft gespielt wird…zu Recht.
In „Müssen nur wollen“ geht es darum, seine eigenen Ziele zu verwirklichen, aber dabei trotzdem auch mal gegen den allgemeinen Strom zu handeln. Nicht das zu tun, was alle erwarten und auch, wenn man es mal nicht schafft, sich damit zufrieden geben zu können. Eine Fähigkeit, die in der Leistungsgesellschaft weniger gefördert wird. Auch hier singt Judith Holofernes recht aggressiv, aber durchaus dem Inhalt des Songs angemessen.
Auch „Außer dir“ ist ein Lied, was man sich gut anhören kann. Es geht um die Sehnsucht nach seinem Freund (bzw. seine Freundin), mit dem (der) man nicht zusammen sein kann. Eine schöne Liebesballade, beim Refrain sogar mehrstimmig gesungen.
Der letzte Song „Die Nacht“ ist auch eher ruhig und eine schöne Ballade. Sie erinnert ein bisschen an „Außer dir“, es geht um die Magie der Nacht, wenn man so will. Ein schöner Abschluss des musikalischen Teils der CD.

Legt man die „Reklamation“ in den PC, kann man Track 13 öffnen. Er enthält eine 17-minütige Dokumentation über Proben, Leben, Wirken der Helden. Die Helden reden über einander, über die Bedeutung ihrer Musik, man sieht sie beim Proben, beim Radio, bei Auftritten…und alles, was man mitbekommt, bestätigt den ersten Eindruck der Band. Vier Menschen, die gemeinsam Musik machen, um Musik zu machen. Die sich „hocharbeiten“, die nicht des Geldes wegen unterwegs sind, sondern weil sie andere Menschen begeistern möchten. Natürlich ist klar, dass die Helden auf ihrer eigenen CD gut wegkommen. Aber, und das kann man nun nicht so beeinflussen: Sie wirken natürlich. Keine Starallüren, ganz normale Menschen, die Playstation spielen und sich ärgern, wenn sie verlieren. Und das macht sie so sympathisch.

Was bleibt also abschließend über diese CD zu sagen? Einen einheitlichen Stil zu finden fällt schwer. Oft erinnern die Songs an eine Mischung aus Rock, Pop, Punk, NDW, manchmal an Britpop. Die oft recht keyboardlastigen Balladen bewegen ebenso wie die schnelleren Nummern. Die Frage ist nur, ob mehr die Beine oder mehr das Herz bewegt werden.
Wie auch immer, Wir sind Helden haben mit diesem Album dem deutschen Rock, oder wie man ihren Stil nennen möchte, zu neuer Beachtung verholfen. Die überwiegend sozialkritischen Texte setzten sich wohltuend von dem Ich-liebe-dich-so-und-du-mich-auch-Einheitsbrei der Bohlen-Songs ab.
Und schon alleine deswegen muss man sich bei dieser Band für dieses grandiose Album bedanken.


©marenmoon 4.4.2oo4



Homepage der Band:
www.wirsindhelden.com

Weitere Informationen über die CD, Rezensionen, Konzertberichte und -kritiken und Kaufmöglichkeiten:
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/B00009WW5B/qid=1081088926/sr=2-1/ref=sr_aps_prod_1_1/028-7290896-7371755
http://www.oljo.de/blitz/wirsindhelden.html
http://www.britpoparsenal.de/ton_w.htm
http://www.gaesteliste.de/texte/show.html?_nr=621
http://www.campus-web.de/700/948/2653/
http://www.hinternet.de/musik/cd-w/wirsindhelden.php
http://www.themusicchannel.de/redax/WirsindHelden/

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